Angelika Lauriel - Bei Tränen Mord

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Taschenbuch

VerlagGmeiner
ErschienenJuli 2012
ISBN-103839212871
ISBN-139783839212875
Seitenanzahl278
Preis9,90 €

eBook

VerlagGmeiner
ErschienenJuni 2012
ASINB008CNXB1W
Seitenanzahl278
Preis8,99 €

Inhaltsangabe

Endlich wieder Sommer in Saarlouis, der schönen Stadt im Herzen des Saarlandes. Das Leben könnte herrlich sein, doch Callcenter-Angestellte Lucy Schober versteht die Welt nicht mehr: Dauernd sterben Menschen in ihrer Nähe durch eigenartige Unfälle. Ist sie mit ihrer Schusseligkeit daran schuld?

Der ermittelnde Kriminalkommissar Frank Kraus steht vor einem Problem: Er findet seine Hauptverdächtige unwiderstehlich – und sie ihn. Doch die Todesfälle haben eine Gemeinsamkeit, die allzu deutlich auf Lucy hinweist: Jeder der Verstorbenen hat kürzlich mit ihr telefoniert. Es stellt sich heraus, dass sie alle Lucy schon einmal auf übelste Weise beschimpft haben. Reicht das als Tatmotiv aus? Oder ist Lucy am Ende psychisch gestört?

Leseprobe

I Meine Manolos

Immer wenn ich weinen muss, passiert eine Katastrophe.
Kennen Sie das auch?

Ich bin keine Heulsuse, wirklich nicht. Ich, Lucinda
Schober, bin eine typische deutsche Singlefrau in den
Dreißigern, Sternzeichen Zwilling.

Meine kleine Schwester Kat behauptet ja, dass dieses
Sternzeichen der Grund für viele meiner Probleme
sei. Vielleicht hat sie damit recht, vielleicht aber auch
nicht; es spielt keine Rolle. Man sagt, ich sei innerlich
permanent hin- und hergerissen und könne keine
Entscheidungen treffen. ›Man‹ bezieht sich dabei auf
meine Eltern und meine beiden anderen Geschwister.
Sie sind natürlich keinesfalls der Ansicht, dass mein
Sternzeichen da eine Rolle spielt, sondern behaupten,
die wahre Ursache für meinen Lebenswandel – ja, das
Wort benutzen sie oft und gerne – liege in einer tief
verwurzelten, alles überschattenden Faulheit. Damit
begründen sie, dass ich das Abitur erst im zweiten
Anlauf schaffte, nachdem ich heftig auf die Nase gefallen
war. Damit begründen sie die Wahl meines Studienfachs,
Grundschulpädagogik, nachdem ich während
des gesamten letzten Schuljahres zwischen vier
weiteren Möglichkeiten geschwankt hatte. Und damit
begründen sie meine Entscheidung, das Studium nach
der Zwischenprüfung zu schmeißen und mich statt-
dessen in einem Callcenter zu verdingen, wo ich mir
das ›schnelle Geld‹ erhoffte. Sie irren sich. In Wahrheit
wollte ich, glaube ich, nie studieren, und schon
gar nicht Grundschulpädagogik. Das tat ich nur, weil
ich damals zu jung war, um mich gegen die elterliche
und geschwisterliche Übermacht aufzulehnen.
Schließlich sollte ich als Arzt- und Apothekerinnentochter
etwas ›Sinnvolles‹ werden. Abitur war Grundvoraussetzung
und ein Studium Pflicht. Wenigstens
bei der Fächerwahl rebellierte ich damals ansatzweise,
denn Lehrerin von kleinen Monstern zu werden, hatten
meine Eltern sich nicht gerade für mich erträumt.
Meine große Schwester Anna Maria und mein kleiner
Bruder Rouwen, der durch meinen Fauxpas im
selben Jahr wie ich sein Abitur hinlegte – er natürlich
mit Einserschnitt –, zeigten mir doch im Grunde
sehr deutlich, in welche Richtung ich gehen sollte, um
eine neue, akzeptable Familientradition zu festigen,
mit der der Arzt und die Apothekerin zufrieden sein
konnten: Jura.

Mir rollen sich selbst jetzt die Fußnägel ein, wenn
ich dieses Unwort schreibe. Ich meine: ausgerechnet
J U R A.

Medizin wäre natürlich ebenfalls standesgemäß
gewesen … oder Biochemie, um in die Forschung
zu gehen. Oder wenigstens Theologie. Dinge, die
einen Menschen erden. Nicht solch wenig einträgliche
Fächer wie Kunstgeschichte, Übersetzungswissenschaft,
Theaterwissenschaft. Ich hatte kurz mit dem
Gedanken gespielt, Sozialpädagogik zu studieren, aber
ich muss ehrlich gestehen, dass mich der Anblick der
Studentinnen mit ihren schweren Pannesamtröcken
und schwarzen, flachen Baumwollschuhen, den Viereckschals
und geflochtenen Zöpfen abschreckte. Wollte
ich mit ihnen einen entscheidenden Teil meiner Jugend
verbringen? Nein.

Das etwas langweilige Volk der angehenden Grundschullehrer
sagte mir da schon eher zu, auch wenn ich
mich mit meinen modischen Vorlieben ein bisschen
wie ein Paradiesvogel fühlte.

Hmm, wenn ich es recht bedenke, hat Kat, meine
rebellische Schwester – sie betreibt gemeinsam mit
meiner besten Freundin und Exkommilitonin Susa
einen Biohühnerhof in der Nähe von Saarlouis –, am
Ende doch recht mit ihrer Zwillingstheorie.
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.

Einerseits entschied ich mich also für die etwas
biedere Grundschulpädagogik, andererseits hob ich
mich von meinen Mitstreitern durch meine Kleidung
ab. Damals unterstützten meine Eltern meine Bemühungen
noch monetär, und ich konnte meine Garderobe
ganz nach meinem Geschmack zusammenstellen.
Geld spielte keine Rolle. Da meine Mutter selbst
sehr auf ihr Äußeres achtet, gestand sie mir zu, die
Marken zu tragen, die ich bevorzugte. Über neidvolle
Bemerkungen meiner Kommilitoninnen ging
ich meist mit einem überlegenen Lächeln hinweg.
Ja, wenn ich zurückdenke, war es eine leichte und
irgendwie auch schöne Zeit. Doch dann setzte sich
die andere Zwillingshälfte in mir durch und stellte
auf stur. Ich bemerkte, dass mir das Studium überhaupt
nicht lag, und verkündete, dass ich damit aufhören
wollte. Sofort wurde mir der Geldhahn zugedreht.

Ich suchte und fand rasch eine Alternative:
das Callcenter am Großen Markt mitten in der Stadt
Saarlouis. Dort arbeite ich schon seit … gut zehn
Jahren. Von wegen Faulheit und Sprunghaftigkeit,
sage ich da nur.

Aber jetzt komme ich zurück auf das, was ich eigentlich
erzählen wollte: Immer wenn ich weinen muss,
passiert eine Katastrophe.

Auf meinem Weg vom Parkplatz zum Bürogebäude
bewunderte ich heute in den Schaufenstern meine
neuen Schuhe. Mein Herz schlägt jedes Mal höher,
wenn ich das Sonnenblumengelb strahlen sehe. Ach,
ich habe im Lauf der Jahre beinahe vergessen, wie sehr
Manolos einen Frauenfuß umschmeicheln. Seit Monaten
habe ich auf diese Traumschuhe gespart. Habe mir
alle Restaurantbesuche mit Susa und Kat verkniffen,
keine Trüffelpralinés mehr gekauft, dem guten Kaffee
entsagt und stattdessen stinknormalen Brühkaffee
getrunken. Natürlich verzichtete ich auch auf jegliche
Aufstockung meiner Garderobe. Nur so konnte ich
das nötige Geld zusammenkratzen, um diese einzigartige
Gelegenheit zu ergreifen. Die High Heels stammen
aus der letztjährigen Kollektion, sie verstaubten
weitgehend unbemerkt in einer Ecke des exklusiven
Ladens, den ich wiederum nur deshalb aufsuchte, weil
meine Juristenschwester Anna Maria sich ein Paar neue
Schuhe gönnen musste und mir unter dem Vorwand,
meinen Rat zu benötigen, damit eine lange Nase drehen
wollte.

Die gelben Peeptoe-Manolos hatten auf mich
gewartet; sie zogen mich an wie ein Magnet. Keiner
im Laden bekam etwas davon mit. Ich griff unauffällig
nach dem Paar, sah das Preisschildchen und überschlug
rasch, wie viele Wochen ich dafür von Tütensuppe
leben musste, wenn ich die Geldgeschenke von
meinem Geburtstag dazurechnete. Dann schlich ich –
während Anna Maria irgendwelche Overknees anprobierte
– zu der zweiten Verkäuferin im Laden. Das
Glück war mir hold: Sie kennt mich noch von früher
und sie mag mich. Sie legte die Schuhe für mich
zurück (»Die will eh keiner mehr, sie sind nicht mehr
up to date.«) und versprach mir, sie sechs Wochen
lang aufzuheben.
So kam das.

Ich stolziere auf meinen High Heels zum Bürogebäude,
achte dabei peinlich darauf, an dem Lüftungsgitter
neben dem Eingang vorbeizustöckeln,
und treffe in der Halle auf den guten Maurice, unser
Mädchen für alles. Er sieht nicht auf meine Schuhe,
sondern in mein Gesicht, und lächelt mich strahlend
an. Dann kommt der Fahrstuhl, ich gehe hinein und
Maurice folgt mir. Der Gute kann ja nichts dafür, dass
er etwas langsam ist. Dafür schlägt in seiner Brust ein
Herz, das zu keiner Bosheit fähig ist. Vielleicht mag
ich ihn deshalb so gerne, genau wie unser gesamtes
Personal.

Alle lieben Maurice. Er räumt hinter uns auf, putzt
und wischt Staub und auch Kaffee hält er jederzeit
bereit. Im Grunde ist Maurice der einzige ruhende
Pol in dem Gewusel und Lärm. 30 Mitarbeiter, hauptsächlich
Frauen, teilen sich einen großen Raum und
telefonieren ohne Unterbrechung. Allesamt sind wir
am Ende unserer Schichten aufgedreht und kribbelig,
und dann steht Maurice bereit, um uns mit seinem
Kinderlächeln wieder herunterzuholen. Er wirkt wie
ein Beruhigungsmittel ohne Nebenwirkungen. Ja, ich
habe mich oft gefragt, was wir ohne ihn machen würden.
Bestimmt ist sich unser Chef, der Dürrbier, über
Maurice’ Bedeutung im Klaren, sonst würde er jemanden,
der so unproduktiv ist und überhaupt nichts verkauft,
nicht dulden.

Maurice bemerkt anscheinend, dass ich mich heute
besonders wohlfühle, denn er öffnet tatsächlich den
Mund, um das Wort an mich zu richten.

»Un? Geht’s gut?«

»Oh ja, Maurice, heute ist ein toller Tag. Ich trage
zum ersten Mal meine neuen Schuhe. Siehst du?«
Stolz drehe ich meinen Fuß, damit er die Manolos
bewundern kann. Er sieht sie sich ganz genau an und
gibt mir dabei nicht das Gefühl, dass er am liebsten
mit seinem Blick meine Beine entlang nach oben wandern
und mich ausziehen würde, wie die meisten anderen
Männer es in so einem Fall tun würden. Natürlich
trage ich heute ausnahmsweise nicht Jeans und
T-Shirt, sondern habe meinen alten Minirock und ein
Blüschen ausgegraben. Maurice hat mich so noch nie
gesehen, aber er macht keine anzüglichen Bemerkun-
gen und zieht auch nicht missfällig die Brauen hoch,
wie ich es von meinen Kolleginnen zu erwarten habe,
sondern nickt einfach.

»Scheen sind die.«

Pling, sind wir im dritten Stock angekommen, und
die Tür öffnet sich. Sofort umfangen uns das Brummen
der Computer, das Klingeln der Telefone und die
unterschiedlichen Tonlagen der schnatternden Frauen
und vereinzelten Männer. Irgendwo zischt eine Kaffeemaschine.
Erhebend ist der Anblick meiner täglichen
Arbeitsstätte nicht gerade. Alle tragen Headsets
und starren auf ihre Bildschirme, die meisten haben
eine Kaffeetasse neben dem Papierstapel auf ihrem
Tisch und klappern hektisch mit den Tastaturen, um
die eingehenden Bestellungen zu erfassen oder Notizen
über die Wünsche oder Abneigungen der Kunden
zu machen.

Nur die drei dem Fahrstuhl am nächsten sitzenden
Mädels heben den Kopf. Wie erwartet ziehen sie nacheinander
die Augenbrauen hoch, nicken mir mit verkniffenen
Mündern zu, drehen dann die Köpfe wieder
weg und reden weiter mit ihrem jeweiligen Gesprächspartner
am anderen Ende der Leitung.

»Maurice, bringst du mir einen Kaffee an meinen
Platz?«
»Gern, Lucinda.«

Ich lege die Hand auf seinen Unterarm, er bleibt
wie angewurzelt stehen und betrachtet sie wie einen
Fremdkörper, worauf ich sie verlegen wegziehe. »Du
sollst mich doch Lucy nennen.«

Seine blassblauen Augen strahlen. »Jo, richtig. Lucy.
Ich bring dir gleich ’nen Kaffee.«

Den Catwalk durch den schmalen mittleren Gang
zu meinem Schreibtisch genieße ich in vollen Zügen,
auch wenn es sehr gemischte Empfindungen sind, die
mir von meinen Kolleginnen entgegenschlagen. Ob sie
überhaupt erkennen, was das für Schuhe sind, die sie
angaffen? Na, es spielt keine Rolle. Mir geht es ja nicht
darum, hier aufzutrumpfen, sondern einzig und allein
um das luxuriöse Gefühl, das mir diese Schuhe bescheren.
Es geht um mich, nicht um die anderen.

Ich kann es mir nicht verkneifen, mich seitlich auf
den Bürostuhl plumpsen zu lassen, um die angewinkelten
Beine dann in einer grazilen Bewegung unter
den Tisch zu ziehen. Ein bisschen prätentiös muss frau
ab und zu einfach sein.
Ich bewege die Computermaus, um zu sehen, welche
Liste ich heute abtelefonieren muss, und stöhne.
Unzählige Adressen. Ich bin gespannt, wie viele von
ihnen ich schaffen werde. Davon hängt ab, wie bald
ich wieder die echten Trüffelpralinés essen werde und
wann ich mit meiner kleinen Schwester und meiner
besten Freundin zum Italiener in der Fußgängerzone
gehen kann. Nun gut, nicht umsonst habe ich mir ein
dickes Fell antrainiert und meine Stimme geschult.
Nachdem Maurice mir meine Lieblingstasse mit frischem
Kaffee gebracht hat, ziehe ich mir das Headset
über, lächle Lena, die mir gegenübersitzt, an unseren
Bildschirmen vorbei zu und wähle die erste Nummer.