Angelika Lauriel und Heike Schulz (Angelika Lauriel) - Christkind - verzweifelt gesucht

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eBook

Verlag26|books
ErschienenNovember 2015
ASINB017LZ2U04
Seitenanzahl102
Preis0,99 €

Inhaltsangabe

Die Autorinnen haben abwechselnd je ein Lesetürchen gefüllt und so entstand nach der Weiterschreibmethode eine total schräge Vorweihnachtsgeschichte in 24 Episoden.

"Wer ist dieser Täuscher", fragt sich Wichtel Ehrenfried von Wolkenhain, "und wieso habe ich nicht früher bemerkt, dass er nicht das echte Christkind ist?"
Nun heißt es, rechtzeitig vor Weihnachten das wahre Christkind zu finden. Eine skurrile Heldenreise beginnt: Ehrenfried, der Elf Siebenundvierzig und der Gestaltwandler Gans-Anders machen sich auf die Suche und erleben eine aberwitzige Vorweihnachtszeit, wie selbst der Grinch sie noch nicht gesehen hat.

Leseprobe

1. Dezember (Angelika)

„Erwache!“, klingt eine Stimme an mein Ohr, und ich schrecke auf. Ist es schon wieder so weit, muss ich schon wieder mit dem Jahresendemarathon beginnen? Dabei habe ich es mir doch gerade erst gemütlich gemacht, bin endlich so tief eingeschlafen, dass ich alle Glitzerschleifchen und Glimmerbänder, raschelndes Papier und Folie, Plastikteile und Styroporabfall vergessen konnte. Ich weiß nicht, ob ihr euch vorstellen könnt, was für einen Stress ich jedes Jahr mit Weihnachten habe! Ich würde so gern mal aussetzen, ein Jahr die ganze Arbeit jemand anderem überlassen.
„Pah, DU hast doch nicht die viele Arbeit damit, das bin doch ich. Und der Rest der ganzen Bande! Und die Eltern der Kinder, die erst mal die Geschenke aussuchen müssen. Nikolaus nicht zu vergessen, der muss schon am sechsten Dezember ran. Wenn dessen Geschenkesack seine alten Gelenke niederdrückt, stehst du noch ganz gechillt rum und zeigst mit deinem ausgestreckten Finger, wer was wo zu arbeiten hat.“
Unverschämtheit, das kann doch nur dieser kleine Wichtel sein, der in den letzten Jahren schon öfter Sand ins Getriebe gestreut hat. Wie heißt er doch gleich, ich vergesse immer seinen Namen? Der Kleine hat sich vor meinem Wolkenlager aufgebaut, heute trägt er seinen Anzug in einer Kombination aus Schwarz und Lila. Wer hat ihm nur die Fähigkeit gegeben, die Farben seiner Kleider zu wechseln, wie es ihm gerade in den Kram passt?
„Was erlaubst du dir, äh ...“ Sein Name will mir nicht einfallen.
Er rammt die Hände in die Hüften und schiebt angriffslustig den Kopf vor, die Brauen arrogant nach oben gezogen. „Na, hast du wieder meinen Namen vergessen?“ Er schüttelt den Kopf. „Ts, ts, ts, ich sag's ja, du bist im falschen Beruf. Zuerst denkst du laut nach, sodass dich jeder hören kann ...“ Er blickt flink über seine Schulter, aber außer uns beiden ist zum Glück noch niemand da, „und dann weißt du wieder mal nicht, wer ich bin. Seit Hunderten von Jahren geht das so. Schäm dich, Christkind!“
Ich schäme mich wirklich, vor allem, weil ich das Schlimmste an der ganzen Sache nicht verraten kann: Das Christkind bin ich doch gar nicht!


2. Dezember (Heike)

Christkind windet sich aus seinem Wolkenlager und zieht eine Schnute. Recht so. Erst den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen und dann auch noch beleidigt sein, wenn andere sich darüber beschweren. Aber nicht mit mir! Schließlich bin ich Ehrenfried von Wolkenhain, der erste und dienstälteste Wichtel des Christkindes! Mit mir zieht es solche Fisimatenten nicht ab.
Zufrieden lasse ich mein Outfit in Grün und Rot erstrahlen und schaue Christkind hinterher, wie es zu dem Geschenkeberg schleicht und ihn mit seiner Liste aus dem goldenen Buch vergleicht. Inzwischen trudeln auch die anderen Wichtel und Elfen ein und machen sich an die Arbeit.
Ich ziehe meine goldene Taschenuhr aus meiner Westentasche und prüfe den Countdown bis zur Heiligen Nacht, der in verschnörkelten Zahlen und einer Vielzahl von Zeigern darauf abzulesen ist. Mist, wir haben schon viel zu viel Zeit verloren. Bis vorgestern lief noch alles nach Plan, aber dann hatten wir diesen fürchterlichen Stromausfall, und alle Maschinen standen still. Der große Plätzchenofen, die Schleifenband-Ribbelwalze, das Geschenkpapierzuschneidegerät und sogar die Kanone, die die Rosinen in den Christstollen schießt. Nichts lief mehr, und das hat uns ziemlich zurückgeworfen. Zwar dauerte der Stromausfall nur wenige Minuten, doch von da an steckte der Wurm drin.
Vor allem Christkind war danach wie ausgewechselt. Es verlor völlig den Überblick und scheuchte die armen Elfen von Hüh nach Hott, und am Ende mussten wir alle Geschenke nochmal ganz neu einpacken, weil Christkind bei der Endabnahme die Adressen durcheinandergebracht hatte.
Dabei ist das System völlig narrensicher: Geschenke nach Europa haben blaue Kärtchen, nach Asien grüne, die für Afrika gelbe, Australien bekommt braune Kärtchen und Amerika rote. Es sei denn, es handelt sich um ungerade Geburtsdaten der Beschenkten, dann ist es umgekehrt. Außerdem muss man die Quersumme der Postleitzahlen beachten. Ist die eine Primzahl, werden die Geschenke mit silbernen Kärtchen versehen. Nur nicht in einem Schaltjahr, dann nehmen wir natürlich goldene. Also ehrlich, das ist doch nicht schwer zu verstehen, oder?
Na, jedenfalls hat Christkind das nicht gecheckt, und deshalb müssen die Elfen jetzt Überstunden machen. Überall zischt und dampft es, Plätzchenduft liegt in der Luft und von irgendwoher klingt „Oh Tannenbaum“. Hach, ich liebe diese Zeit, so kurz vor Weihnachten, wenn alles auf Hochtouren läuft. Ich gehe zu den Elfen, die für die Verpackung zuständig sind, und erkläre ihnen, dass sie noch ein bisschen mehr Glimmer verwenden sollen. Im Vorbeigehen probiere ich ein Vanillekipferl frisch vom Blech (etwas mehr gemahlene Mandeln, aber ansonsten schon sehr lecker) und schlendere zu Christkind hinüber, das mit gerunzelter Stirn im goldenen Buch herumblättert.
„Na, Christkind? Alles okay?“ Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und werfe einen Blick in das Buch.
„Äh, ja. Doch. Alles bestens“, stammelt es und wischt sich eine blonde Locke aus der Stirn.
„Aha.“ Ich nehme mir ein Tässchen Weihnachtspunsch, das einer der Aushilfswichtel auf einem Tablett vorbeiträgt. Ich nippe daran – köstlich! Genau die richtige Menge Zimt und Nelken – und mustere Christkind von oben bis unten. Komisch, ist es in den letzten Tagen vielleicht ein bisschen geschrumpft? Irgendwie hatte ich es ein paar Zentimeter größer in Erinnerung. Noch immer blättert es ratlos in dem Buch.
„Probleme?“, frage ich.
„Nö, wieso?“ Nervös kneift es die Augen zusammen.
Ich stelle meine Tasse beiseite und greife nach dem goldenen Buch, drehe es herum und drücke es Christkind wieder in die Hände. „Weil du das Ding die ganze Zeit falsch herum hältst!“