Angelika Lauriel - Der Tod steht mir nicht

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Taschenbuch

VerlagGmeiner
ErschienenFebruar 2014
ISBN-103839214882
ISBN-139783839214886
Seitenanzahl346
Preis9,99 €

eBook

VerlagGmeiner
ErschienenFebruar 2014
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Seitenanzahl346
Preis8,99 €

Inhaltsangabe

D i e Uh r t i c k t ! Das Leben könnte so himmlisch joghurtleicht sein! Sommer, Sonne, die schönste Stadt des Saarlandes – und Lucy ist verliebt in ›ihren‹ Kommissar Frank Kraus. Doch mit einem Mal platzt die rosarote Traumblase: Jemand versucht, Lucy zu töten. Wie so oft wird Lucy nicht ganz für voll genommen, neigt sie doch das ein oder andere Mal zur Überreaktion. Für sie selbst ist jedoch klar: Sie hat nur dieses eine Leben, und wenn es damit zu Ende gehen soll, muss sie ihre Prioritäten neu setzen. Flugs hält Lucy auf einer To-do-Liste zehn Dinge fest, die sie vor ihrer Ermordung tun möchte. Doch wird sie dafür noch die Gelegenheit haben?
Als Lucy wieder einmal dem scheinbaren Unfalltod von der Schippe springt, nehmen schließlich auch ihr Freund Frank und sein Partner die Sache ernst und beginnen zu ermitteln. Statt joghurtleichtem Sommertraum erleben Lucy und Frank einen Wettlauf gegen die Zeit!

Auch beim zweiten Band mit Lucy Schober und Frank Kraus gilt "Chicklit meets crime": Es handelt sich um einen unterhaltsamen, schwarzhumorigen Frauenroman mit Spannungshandlung.

Leseprobe

Prolog


Kaum zu glauben: Er war die Schmerzen los. Nach
Wochen, in denen er nicht zur Ruhe gekommen war, hatte
er eine Nacht durchgeschlafen, tief und traumlos wie ein
Baby. Als er aufwachte, fühlte er sich glücklich. Sein Kopf
war endlich frei, um sich auf andere Dinge zu konzentrieren.
Welche waren es gleich? Richtig.

Bei dem Gedanken an seinen ersten Mord musste er
kichern. Danach hatte es noch viele weitere gegeben. Es
war leicht, ein Menschenleben auszulöschen. Und sie
kriegten einen nie, wenn man wusste, wie man Spuren
vermied …

Er schwelgte in Erinnerungen, als die Schmerzen ihn
plötzlich wieder befielen. Nicht langsam, von einer Stelle
ausgehend, nein, schlagartig verkrampfte sich seine rechte
Seite, schrumpfte und verdorrte. Als er den Arm hob,
erwartete er den Anblick einer verschrumpelten Klaue,
doch seine Hand war rosig. Sein Schenkel zuckte heftig.
Es kostete ihn eine übermenschliche Anstrengung, den
Tremor unter Kontrolle zu bringen. Eigentlich sah sein
rechtes Bein normal aus, nicht allzu kräftig, und im Vergleich
zum linken war kein Unterschied zu sehen. In seiner
Wahrnehmung hingegen fühlte es sich an, als sei es verkohlt
und zu nichts mehr nütze. Natürlich war das nur sein
Empfinden. Niemand außer ihm wusste davon. Und das
war gut. Bald würde er wieder ein normales Leben führen.
Er behielt seine Schmerzen für sich, das war am besten.

1. Love is in the air

Ich fühle mich so himmlisch joghurtleicht! Ich könnte die
Welt umärmeln. Wirklich! Heute trage ich meine gelbroten
Manolos, schließlich ist es ein besonderer Tag. Ich
kenne meinen Frank jetzt seit exakt zwei Monaten. Und
wir sind ein Paar! Wahrhaftig: Die Nichts-richtig-auf-die-Reihe-
Bekommerin Lucy Schober und Kriminalkommissar
Frank Kraus, ›the one and only‹, sind ein Paar. Heute
Morgen haben wir gleich miteinander telefoniert. Leider
konnte Frank gestern Abend nicht lange bleiben, weil er
einen Mord aufklären muss. Das Tolle daran: Ich bin in keiner
Weise darin verwickelt. Da ist einfach klassisch jemand
erschossen worden, und ich kannte den Typ nicht einmal
dem Namen nach. Nun stöckle ich beschwingten Fußes
vom Parkplatz auf dem Großen Markt zu meiner Arbeitsstelle,
leider nach wie vor das Callcenter Mediaboutique
in Saarlouis. Was erwarten Sie? Hexen kann ich nun nicht.

Es sind erst ein paar Wochen vergangen, seitdem die
Mordserie aufgeklärt werden konnte, in die ich ungewollt
hineingezogen wurde. Maurice ist jetzt in Merzig in der
Geschlossenen. Der Arme. Hoffentlich können sie ihm
dort helfen, immerhin wollte er sich lediglich um mein Seelenleben
kümmern, mein Gemüt aufhellen. Ich habe eine
Weile gebraucht, um das zu verarbeiten. Ich kann ihm keinen
Vorwurf machen, dass er reihenweise Menschen um
die Ecke gebracht oder es zumindest versucht hat, weil
sie mir gegenüber hundsgemein waren. Jeden Tag, wenn
ich zum Gebäude komme, in dem das Callcenter untergebracht
ist, muss ich an ihn denken, ob ich will oder nicht.
Ich wünsche ihm wirklich alles Gute!

Sorgsam senke ich meinen Blick und achte darauf,
das Lüftungsgitter neben dem Eingang zu umgehen. Zu
schrecklich hat sich das Gefühl in meine Erinnerung eingebrannt,
als meine Manolos hier Federn lassen mussten –
oder vielmehr einen der Zwölfzentimeterabsätze. Bevor
ich die Glastür aufziehe, bewundere ich die Peeptoe-High-
Heels noch einmal, die sich darin spiegeln. Der Schusterhannes
hat daraus Unikate gemacht, als er die Stöckel der
sonnenblumengelben Schuhe mit korallenrot gefärbtem
Ziegenleder bezog.

Das Werbeliedchen der Schokoladenmarke mit der
Joghurtfüllung summend, durchschreite ich die Halle bis
zum Fahrstuhl. Dort steht bereits eine Frau. Sie wendet
sich zu mir und mustert mich. Sie ist nicht größer als ich,
ihr Haar fällt in einem platinblonden Pferdeschwanz auf
einen blauen Kittel, der ihre Figur verdeckt. Sie scheint
allerdings superschlank zu sein. Unwillkürlich ziehe ich
den Bauch ein, der von den vielen Trüffelpralinés und der
Schokolade zum Frühstück zeugt, die ich in den vergangenen
Wochen in mich hineingestopft habe. Zunächst trösteten
sie mich über die schrecklichen Todesfälle und die
Tatsache hinweg, des Mordes verdächtigt zu sein. Danach
milderten sie meine Aufregung über Franks Zuneigungsbekundungen.

Mein Kopf fühlt sich unangenehm heiß an, und um
einen Krampf zu vermeiden, entspanne ich meine Muskulatur
in der Hoffnung, dass das blonde Ding da nicht
bemerkt, wie meine Speckröllchen über dem Rockbund
nach vorn ploppen. Die Frau beäugt mich indessen unverschämt
forschend, bis ihr Blick an meinen Schuhen hängen
bleibt. Ob sie die Marke erkennt?

»Sind scheene Schuh das.« Sie zieht eine Augenbraue
hoch.

Irre ich mich, oder hat sie einen polnischen Akzent?
Vielleicht auch einen russischen? Oder griechischen? Peinlich,
ich kann ihn nicht zuordnen. Saarländisch ist es jedenfalls
nicht.

»Danke. Das sind Manolo Blahniks.«

Ich schenke ihr ein Lächeln und will erzählen, wie ich
sie mir monatelang vom Mund abgespart habe, doch ihr
Stirnrunzeln lässt meine Mundwinkel festfrieren.

»Wollte ich nicht wissen das.«

Die Frau hat ein ansprechendes, kleines Gesicht mit
hohen Wangenknochen und fein geschwungenen Brauen
über azurnen Augen. Ihre Lippen sind voll und sinnlich,
und ihre Stimme mit dem, wie ich nun vermute, griechischen
Akzent wirkt, als sei sie Telefondame von Beruf.
Eine blutjunge Telefondame. ›Rufst du mich an! Habe ich
Überraschung für dich!‹ – oder so ähnlich. Eigentlich ist
es Quatsch, allerdings macht mir das zierliche Wesen in
dem unförmigen Kittel auf subtile Art Angst. Einerseits
sieht diese Person wie eine Hilfsarbeiterin aus, was ihre
straff nach hinten gebundenen, schlecht gefärbten Haare
unterstreichen. Andererseits klingt keine Spur von Schüchternheit
mit, wenn sie spricht. Im Gegenteil, sie strotzt
vor Selbstbewusstsein. Ausgesprochen widersprüchlich
das Ganze. Wohin sie wohl will?

Vermutlich hätte ich es ahnen müssen. Natürlich fährt
sie mit mir hoch zur Mediaboutique. Mit einem ›Pling‹ öffnet
sich die Fahrstuhltür. Ganz selbstverständlich macht
sie einen Schritt nach vorn, tritt vor mir in das Großraumbüro,
und ich kann nur mit einem beherzten Rückwärtssprung
einen Zusammenprall verhindern. Meine Überraschung
ist groß, als ich meinen Chef, Herrn Dürrbier, vor
uns stehen sehe. Beim Anblick des Kittelmädchens entspannt
er sich sichtlich, seine Schultern sacken herunter
und mit seinem urtypischen Lächeln entblößt er die von
Zigarillos gelb verfärbten Zähne.

»Ah, die liebe Helene. Herzlich Willkommen in unseren
heiligen Hallen.«

Er streckt ihr die Arme entgegen in dem offensichtlichen
Wunsch, sie an sich zu ziehen. Helene sträubt sich,
was sie mir einerseits sympathisch macht, andererseits meinen
ängstlichen Respekt vor ihr steigert. Sie stößt beide
Hände vor, sodass Dürri mit seiner Hühnerbrust dagegen
prallt. Offensichtlich ist nicht nur ihre Stimme überraschend
herb.

»Heiße ich nicht Helene, sondern Ilina! Ist das nicht
schwer zu merken!«, faucht sie und hängt noch ein »Bitte!«
an, das jedoch mehr nach einem Befehl klingt.

Was darauf mit Dürri passiert, habe ich noch nie gesehen.
Er duckt sich fast unmerklich, lächelt sie geradezu devot an
und wiederholt ihren richtigen Namen. »Ilina, selbstverständlich.
Das klingt auch viel schöner.«

Begeistert klatscht er in die Hände. Nanu? Schlagartig
hört das Schnattern der rund 30 Telefonistinnen auf (Männer
sind in der Minderheit und ebenso gemeint), alle drehen
sich gespannt zu Dürri um. Ich schleiche ein Stück durch
den schmalen Gang in Richtung meines Schreibtisches und
bleibe wie angewurzelt stehen, als meine Kolleginnen mich
anzischen. Ich wende mich Dürri und Ilina zu. Erst jetzt sehe
ich, dass sie den Kittel anstelle eines Kleides trägt. Ihre Füße
unter den extrem wohlgeformten, nackten Beinen stecken
in silbernen Sandaletten mit einem kleinen Absatz. Meine
Güte, sieht die Frau klasse aus! Geradezu herausfordernd
mustert sie alle, mich dabei großzügig übergehend. Meine
Neugier wächst. Wer ist das und was will sie hier?

»Das ist Ilina Kowalska.« Dürri hebt den Arm, will ihn
um Ilinas Schultern legen, besinnt sich angesichts ihrer
Miene jedoch eines Besseren. »Sie arbeitet ab heute bei uns
und wird Maurice ersetzen, den wir für lange Zeit verloren
haben.«

Dürri wirft mir einen vernichtenden Blick zu, als trage
ich Schuld an Maurice’ Verhaftung und damit an dem Verlust
unseres Mädchens für alles. Ilina wird seinen Platz einnehmen?
Das bedeutet, sie wird hinter uns herräumen, Kaffee
für uns kochen, darauf achten, dass der Betrieb läuft und
ansonsten weitgehend unsichtbar bleiben? Hmm, das kann
ich mir nicht vorstellen. Ilina wirkt nicht still und zahm
wie Maurice, der die Gabe hatte, uns alle zu beruhigen.

Ilina strafft die Schultern und lächelt. »Bin ich lieb zu
euch, wenn ihr seid lieb zu mir. Verstanden!«

Das Kichern bleibt mir im Halse stecken, als ich
bemerke, wie ernsthaft die anderen nicken. Uff, wo hat
Dürri die bloß aufgegabelt?

Ein Telefon schrillt, und als wachten alle aus einem
Traum auf, schwirrt und schnattert es um mich herum
los. Dürri führt die neue Kollegin zu seinem Büro, ich höre
noch, wie er ihr sagt, sie müsse nicht im Kittel zur Arbeit
kommen. Ich finde das Outfit gar nicht schlecht. Dann
registriere ich die Blicke der wenigen Männer im Raum, die
hinter ihren Computerbildschirmen der blonden Maus im
blauen Arbeitsdress nachstarren und die Manolos an meinen
Füßen unter meinem Minirock nicht einmal bemerken.
Das kann ja heiter werden! Überhaupt – Ilina. Was
ist das für ein bescheuerter Name?

Fünf kaufunwillige Kunden später steigt mir ein angenehmer
Duft in die Nase. Ich drehe den Kopf, um zu sehen,
woher er kommt. Die Tür zum Kaffeekabuff steht offen. So
lecker hat es bei Maurice nicht gerochen! Hat Ilina etwa ein
neues Gerät mitgebracht? Nein, außer ihrem ausgebeulten
Kittel hatte sie lediglich eine winzige, abgestoßene Handtasche
aus Lederimitat über der Schulter getragen. Für eine
Kaffeemaschine war da kein Platz.

Frustriert von den Klienten, mit denen ich bisher zu tun
hatte, fasse ich Mut und gehe zum Kämmerchen, schiele vorsichtig
am Türrahmen vorbei und sage: »Hmm, herrlich!«

Ein bisschen schön Wetter machen hat noch nie geschadet.
Meine Nervosität versuche ich zu ignorieren.

Ilina steht an der Spüle, sie wirbelt zu mir herum. Ihre
Augen scheinen mich zu erstechen, doch immerhin verzieht
sie die Mundwinkel. Ich vermute, das soll ein Lächeln
sein. Wenn sie ein Hund wäre, könnte man sagen, sie zieht
die Lefzen hoch, und das würde wohl bedeuten: ›Sei bloß
vorsichtig!‹ Genau das bin ich, als ich einen Schritt auf sie
zu mache.

»Darf ich mir eine Tasse nehmen?«

Warum frage ich überhaupt? Natürlich darf ich das.

Mit hochgezogenen Brauen beobachtet Ilina mich, während
ich mit zitternden Fingern zuerst den Kaffee und
danach einen Schuss Milch in meinen Lieblingsbecher mit
der Mohnblume gieße. Abermals steigt mir dieser ungewöhnliche
Duft in die Nase. Ich nippe vorsichtig. Hmm,
ein Hauch von Vanille ist zu erahnen. Wie hat sie das mit
unserer vorsintflutlichen Maschine bloß hingekriegt?

Ilinas Gesichtszüge entspannen sich. Ein Lächeln
schenkt sie mir allerdings nicht. »Ist es Familiengeheimnis.
Werde ich nicht verraten dir.«

Huch, hatte ich gefragt?

»Bitte?«

»Willst du wissen, wie ich habe gemacht spezielles
Aroma, nicht?«

Ich nicke und nehme einen weiteren Schluck. Der
schmeckt sogar noch besser als der erste.
»Werde ich nicht sagen niemanden!«

»Gut, Ilina. Der ist große Klasse. Ich bin übrigens Lucy.«
Sie hat mich einfach geduzt, also mache ich das genauso.
Ich strecke ihr die Hand entgegen.

Ilina betrachtet sie wie einen toten Fisch und erschauert.
»Weiß ich das längst.«

Peinlich berührt lasse ich meine Hand fallen. »Meinen
Namen?«

»Nein, dass mein Kaffee ist große Klasse. Und jetzt ich
muss arbeiten.«

Ich fühle mich entlassen und trolle mich mit meiner
Tasse. Ganz gleich, welche Probleme diese komische griechisch-
russische Perle hat oder welche Geheimnisse sie vor
uns versteckt, ihr Vanillegebräu wiegt alles auf. Ich muss
ja nicht mit ihr reden.

Zum Glück muss ich Ilina den Rest des Tages nicht mehr
sehen, und es gelingt mir, die reizvolle blonde Maus zu vergessen,
während ich noch ein paar Kunden an die Strippe
bekomme, die sich von mir zu wenig sinnvollen Käufen
überreden lassen. Entsprechend gut gelaunt verlasse
ich am Nachmittag das Büro, und als ich Frank auf dem
Markt auf mich warten sehe, kribbelt es in meiner Brust
vor Freude. Er sieht einfach hinreißend aus in den Jeans
und dem Polohemd. Anscheinend ist er außer Dienst, da
er keine Waffe trägt. Das heißt mehr Zeit für uns beide!
Wie erhofft, schwelgt er zuerst in der Bewunderung meiner
Schuhe, und als er den Blick hebt, schwingt darin eine
Verheißung mit: ›Warte, wenn ich dir die von den Füßen
streife.‹ Und sein Kuss schmeckt sogar noch besser als Ilinas
Zaubertrank.

Arm in Arm spazieren wir zur Fußgängerzone, wo wir
im ›Tapas‹ eine Kleinigkeit essen wollen. Aus der Kleinig-
keit wird allerdings eine Portion Nudeln ›à la Inge‹, für
Frank mit extra Käse und extra Chili. Leider betritt alle
zehn Minuten jemand aus unseren Bekanntenkreisen das
Restaurant, weshalb wir uns kaum unterhalten können
und uns stattdessen unsere Freunde gegenseitig vorstellen.

»Und nun zu meinem Job«, sagt Frank, nachdem ein
Kollege von ihm, ›Froonk‹, endlich unsere schmallippigen
Antworten auf seine anzüglichen Scherze und seine
belästigenden Blicke in mein Dekolleté richtig gedeutet
und Leine gezogen hat. »Ich muss lediglich noch meinen
Bericht schreiben, Gott sei Dank!«

»Das ist echt prima! Herzlichen Glückwunsch … Ääh,
sagt man da herzlichen Glückwunsch?«

Er lacht. »Kann man.«

Wie süß, er läuft bis unter die Haarwurzeln rot an! Ich
deute es als Reaktion auf mein Kompliment und ziehe
meinen Fuß aus dem linken Schuh, um ihm damit ein
wenig das Schienbein zu liebkosen. Erst da registriere
ich die Frau in der langen, weiten Bluse über einer Röhrenjeans,
die einen dürren Typ mit winzigem Bauchansatz
hinter sich herzieht. Sie steuert eindeutig auf unseren
Tisch zu. Frank bemerkt meine massierenden Zehen
überhaupt nicht, errötet jetzt allerdings noch mehr und
springt auf.

»Ellen!«

Sein Ausruf hört sich ein bisschen wie ein Ächzen an.
Ich erschrecke und suche nach meinem Manolo, kann ihn
jedoch nicht sofort finden. Ellens Erscheinung wirft mich
um. Unverkennbar hat sie sich bereits mit Schwangerschaftskleidung
eingedeckt, obwohl unter ihrem Oberteil
nicht mehr Bauch zu sehen ist als bei mir. Ihre knapp
schulterlangen Haare glänzen in einem natürlichen Weizenblond
und wallen in solch perfekten, großen Locken,
dass sie sie entweder von einem Starfriseur hat legen las-
sen oder, noch schlimmer, es Natur sein muss.

»Und der Dieter«, fügt Frank hinzu.

Die beiden sind mittlerweile an unserem Platz angekommen,
und ich angle noch immer nach meinem Schuh. Wie
peinlich! Frank dreht sich mir zu. Ich sehe ihm genau an,
dass er sich wundert, weil ich noch auf meinen vier Buchstaben
hocke.

»Lucy, darf ich dir Ellen vorstellen, meine … ääh …«

»Baldige Exfrau«, vervollständigt Ellen seinen Satz und
streckt mir die Hand entgegen. »Freut mich. Wollen wir
gleich Du sagen? Ersparen wir uns das formelle Getue,
oder?«

Ich springe auf, stehe zuerst mit dem nackten Fuß auf
dem Boden, verlagere mein Gewicht im nächsten Moment
auf den anderen, was mir verdutzte Blicke einbringt, weil
ich damit gleich zwölf Zentimeter größer erscheine.

»Ganz meinerseits. Einverstanden.«

Ellens Händedruck ist nicht zu fest, ihre Haut warm
und trocken. Richtig angenehm. Sie scheint geradezu von
innen heraus zu leuchten. Ich erkenne ein paar Fältchen
um die Augenpartie, die ihrer Wirkung keinerlei Abbruch
tun. Sie sieht aus wie jemand, der gerne lacht, und genau
das tut sie, als sie sich neben mich setzt.

»Hallo, Lucy, wollen wir uns auch duzen?«, fragt der
Dieter, der sich auf dem Stuhl gegenüber niederlässt.

Er hat ein Kindergesicht unter leicht angegrautem,
dunklem Haar und wirkt freundlich, im Vergleich zu
Ellen jedoch unscheinbar. Die hat sich inzwischen zur Seite
gebeugt und schielt gen Boden. Riecht sie etwa mit ihrer
sensiblen Schwangerschaftsnase, dass ich meinen zweiten
Manolo noch nicht gefunden habe? Ich lasse mich auf
meinen Popo sinken und taste erneut nach dem Meister-
werk der Schuhkunst. Nie wieder werde ich einen davon
in der Öffentlichkeit ausziehen!

»Wow!«, schreit Ellen und bückt sich.

Gerade habe ich das weiche Leder meines PeeptoeHigh-
Heels mit der Zehenspitze berührt, als es mir entrissen
wird.

Mit noch leuchtenderen Augen als vorhin, falls das überhaupt
möglich ist, taucht Ellen auf und hält ihre Jagdtrophäe
in der Hand. Fast liebevoll streicht sie mit dem Finger
den Absatz entlang. »Gehört der etwa dir? Das ist ein
Manolo Blahnik, oder?«

Ich hätte es gleich ahnen können. Sie ist eine Schwester
im Geiste.

Stolz nicke ich. »Habe ich reduziert gekauft. Fünf
Monate lang von Tütensuppe gelebt.«

Sie nickt wissend. »Er ist jede einzelne Praline wert, auf
die du verzichtet hast. Wunderschön!«

Ehrfürchtig reicht sie mir meinen Schuh. Ich lasse ihn
hastig verschwinden und ziehe ihn an.

Frank grinst, Ellen zwinkert, der Dieter schaut arglos
in die Runde. »Hä?«, fragt er sichtlich verwirrt.