Angelika Lauriel - Frostgras

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Taschenbuch

VerlagSchwarzkopf&Schwarzkopf
ErschienenMärz 2013
ISBN-103862652475
ISBN-139783862652471
Seitenanzahl240
Preis14,95 €

eBook

VerlagSchwarzkopf&Schwarzkopf
ErschienenDezember 2013
ASINB00IMJ7KPO
Seitenanzahl240
Preis9,99 €

Inhaltsangabe

Die Begegnung mit einem Unbekannten, dessen Blick sie berührt, stellt das Leben der 18-jährigen Julia auf den Kopf. Als sie sein Notizbuch findet und darin auf poetische Texte und Zeichnungen stößt, die sie auf eigenartige Weise aufwühlen, ahnt sie, dass mehr dahinter steckt als eine Schwärmerei für einen hübschen Jungen.
Eigentlich sollte Julia rundum zufrieden sein. Sie beginnt gerade ein Psychologiestudium, hat mit Paul einen treuen Freund, den sie schon seit Sandkastentagen kennt, und nabelt sich langsam, aber sicher von ihrer besitzergreifenden Mutter ab. Doch Julia ahnt, dass das fremde Tagebuch ein Familiengeheimnis birgt, mit dem auch sie verbunden ist.
Ihre unermüdlichen Nachforschungen und die unbequemen Fragen, die Julia nicht nur sich selbst, sondern auch Paul und ihrer Mutter stellt, führen sie schließlich auf die Spur einer gigantischen Lüge.
Darf sie Jan, den Fremden, lieben und wird sie ihrer Mutter noch trauen können? Julia setzt bei ihrer Suche alles aufs Spiel.

Leseprobe

Eine Begegnung und eine Entscheidung





Paul, du glaubst nicht, welche Szene Mutsch mir heute wieder gemacht hat. Sie sollte doch endlich gerafft haben, dass ich selbst entscheide, wie ich leben will. Oder mit ihren Worten: »wie ich mein Leben ruinieren will«. Verdammt, was hat sie für ein Problem??? Was ist schlecht am Beruf der Krankenschwester? Es ist doch ein bodenständiger und dabei altruistischer Beruf. (Habe ich das jetzt richtig verwendet? »Altruistisch«?) Ich tue etwas Gutes, wenn ich im Krankenhaus Pillen verteile, Popos abwische, Blutdruck messe und solche Sachen. Immer wieder hält sie mir vor Augen, wie es sein muss, alten, kranken Menschen bei den nötigsten menschlichsten Bedürfnissen zu helfen.



Na und?



Wenn ich aber genau das will???



Mann, mir schießen die Tränen in die Augen, wenn ich an ihren Blick denke, bevor ich mich umdrehte und zur Tür rannte. Und dann ihre Stimme, als sie mir »JULIA!« hinterherschrie … Verdammt, ich bin innerlich total aufgewühlt. Ich weiß selbst nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Kannst du es mir sagen?

Aber nein, du bist ja voreingenommen. <3 Man kann jemanden, den man liebt, nicht fragen, ob es richtig ist, wegzugehen. Und dabei ist Homburg nicht wirklich soo weit weg. Aber meine Mutter tut so, als würde sie mich verlieren!

Julia hielt inne und klickte auf »Entwurf Speichern«. Sie würde ihrem Freund die Mail später schicken, wenn sie deren Inhalt mit ein wenig Abstand wieder gelesen hatte. Sie kramte ein Papiertaschentuch aus der Umhängetasche, die sie auf den Sitz neben sich gestellt hatte, und putzte sich die Nase.

Die wenigen Reisenden hatten sich großzügig auf den Großraumwagen im Regional-Express verteilt. An dem kleinen Tisch zwischen der Vierersitzgruppe saß außer ihr niemand, was ihr das Gefühl gab, völlig unbeobachtet in ihr Netbook schreiben zu können. Und dieses Gefühl brauchte sie heute, wo sie sich wieder mal mit ihrer Mutter gezofft hatte. Auch das lange Gespräch mit ihrer Freundin vorhin hatte sie nicht wirklich beruhigen können. Seit Wochen ging das so mit Mutsch – nein, seit Monaten. Zum Glück hatte sie nichts von der heimlichen Bewerbung für einen Studienplatz erzählt.

Sie seufzte abgrundtief. Eine Bewegung auf der anderen Gangseite ließ sie den Kopf drehen. Dort saß – quasi ihr schräg gegenüber – ein junger Mann, fast noch ein Junge, wohl nicht älter als sie selbst. Sie hatte ihn vorher nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen. Wie er so dasaß, den Kopf über ein Notizbuch gebeugt, die Schultern ein wenig nach vorne hängend, nahm er die typische Haltung von jemandem ein, der nicht auffallen möchte. Vielleicht auch von jemandem, der sich für zu groß geraten hält und mit diesem Trick kleiner machen möchte.

Der Junge hatte anscheinend ihren tiefen Seufzer gehört und sah ihr jetzt ins Gesicht. Sie tastete seine Züge ab: weicher Mund, gerade Nase, minimal schräg stehende blaugraue Augen. Sie hakte sich fest, nahm seine kurzen rabenschwarzen Locken wahr, die nicht ganz glatte helle Haut – und in seinem Blick etwas … Was war es? Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, einen Ton zu hören, der tief in ihr anklang. Fragend tastete sie weiter in die Tiefe der Pupillen hinein, doch dann war der Moment vorbei. Der Junge senkte die Lider, sackte ein winziges bisschen mehr zusammen, heftete seinen Blick wieder auf das Notizbuch. Sie beobachtete, wie er, ohne hinzusehen, einen Kugelschreiber aus einem Seitenfach des Rucksacks neben sich zog und in das Buch zu schreiben begann.

Was ging er sie an? Er zeigte mehr als deutlich, dass er nicht gestört werden wollte. Nun, ihr stand auch nicht der Sinn nach Kommunikation. Sie musste sich viel zu sehr über ihre unmögliche Mutter aufregen und das irre Theater, das sie abzog.



»Du hast doch ein ordentliches Abi hingelegt.« Das betet sie mir ständig vor. »Warum willst du nicht studieren? Du kannst den Menschen auch helfen, wenn du Medizin studierst.« Ja, klar, ausgerechnet Medizin! Kein Thema, ich bin ja auch DIE Überfliegerin.



Medizin muss es ja nun wirklich nicht sein. Ich glaube, das ist nichts für mich. Klingt das jetzt völlig schizo? Krankenschwester ja, Ärztin nein? Ich sage es dir ja, ich bin durcheinander!

Sie ließ den Blick schweifen. Unweigerlich landete er wieder bei dem jungen Mann mit seinem Notizbuch. Hatte er sie aus den Augenwinkeln beobachtet? Sie sah an seinem Ohrläppchen einen braunen Punkt. Ein Muttermal. Irgendwie sympathisch. Sie stellte sich vor, wie sie mit dem Finger über diese Stelle streichen würde. Die mikrofeinen Härchen am Ohr, dann eine minimale Erhöhung an der Stelle, wo das Mal saß. Beinahe meinte sie, dieses Mal längst zu kennen, das Ohr längst gestreichelt zu haben. Verrückt.



Also, ich verrate dir jetzt was. Wahrscheinlich wirst du gleich durchdrehen vor lauter Überschwang und mich mit allen Mitteln zu überzeugen versuchen. Aber mach es bitte nicht, sonst treibst du mich nur weg. Mit Mutsch ist es ja das Gleiche: Früher hat sie mich dazu erzogen, ein toughes kleines Mädchen zu sein. Okay, bin ich geworden. Ein großes toughes Mädchen *g*. So, nun bin ich 18, die Schule ist geschafft – und was macht sie? Anstatt mich selbst ganz in Ruhe entscheiden zu lassen, belämmert sie mich damit, dass ich unbedingt studieren soll. Dass ich doch bei ihr wohnen kann, solange ich will. Dass sie doch weiß, was für mich besser ist, und ich viel zu jung bin, um die Tragweite meiner Entscheidung zu begreifen.



Ich meine: Geht’s noch?



Macht sie jetzt auf Übermutter oder was?



Jedenfalls bewirkt sie mit ihrem Gluckengehabe genau das Gegenteil von dem, was sie will: Sie treibt mich weg. Ich kann das nicht mehr ertragen! Und ich habe ja null Garantie, dass sie damit aufhört, wenn ich erst mal das mache, was sie will (oh, Pardon, »was besser für mich ist«) – studieren.



Also, Paul, Süßer: Wage es nicht, mir dreinreden zu wollen, sonst bin ich definitiv weg.

Sie riskierte einen weiteren Blick zu dem Dunkelhaarigen. Er schien sich jetzt weggebeamt zu haben. Er blätterte in dem Notizbuch herum, las hier, schaute dort. Anscheinend waren darin auch Zeichnungen, nicht nur Text. Sein Gesichtsausdruck wirkte eigentlich genau so, wie Julia sich selbst fühlte: verloren. Als wüsste er gerade nicht, was er tun sollte. Vielleicht war er in der gleichen Lage wie sie? Sie musterte den Rucksack auf dem Sitz neben ihm, vor dem ein Bündel Prospekte lag. Die Broschüren erkannte sie, ohne sich groß anstrengen zu müssen, da sie bereits vor einigen Monaten selbst im Internet nach genau diesen Informationen gesucht hatte: Es ging um die Universität Trier.

Wenn er schon Student war, dann würde er ja nicht diese Broschüren mit sich herumschleppen. Nein, ganz sicher hatte er auch gerade sein Abi gemacht – oder steckte noch mittendrin. Und musste jetzt entscheiden, ob, was und wo er studieren wollte. Oder er hatte sich bereits immatrikuliert. Sie zuckte die Schultern. Was ging es sie an?



Nun also mein Alternativplan: Ich habe mich vorsorglich um einen Studienplatz beworben – ja genau, an der Uni, an der du mit deinem Studium beginnen wirst. Sei still .



Also, es gibt da ein Fach, das mich immer schon interessiert hat: Psychologie. Den NC habe ich gerade so geknackt und die Zusage bekommen. Ich muss zugeben, dass mir diese Möglichkeit im Kopf herumspukt. Es ist ein interessanter Gedanke: in die Tiefen der menschlichen Psyche hinabsteigen, in Gesichtern von Menschen lesen lernen, ihre Emotionen erkennen und verstehen. Mich selbst verstehen.



*seufz*



Mein Chaos in den Griff kriegen.



Hmm, also das wäre noch eine Alternative. Aber ich bin wirklich, wirklich unentschlossen. Und nein, ich will nicht, dass du mir bei der Entscheidung hilfst. Du liebst mich, du bist nicht objektiv ϑ. Außerdem kann ich mir jetzt schon jedes deiner Argumente ausmalen, denn ich kenne dich zu gut. Mein Süßer, wie schön, dass ich dich habe.

Es knackte im Lautsprecher, dann kam die Durchsage, dass der Zug in wenigen Minuten Trier Hauptbahnhof erreichen würde. Amüsiert beobachtete Julia, wie der Junge auf der anderen Abteilseite plötzlich in Hektik verfiel. Ganz eindeutig: Er war nicht gewohnt, mit dem Zug zu fahren. Er legte das Notizbuch ab, raffte die Prospekte zusammen und steckte sie in seinen Rucksack. Dann stand er auf, hängte ihn über seine Schulter, kramte in der Gepäckablage nach einer Jeansjacke und eilte zum Ausgang. Sie speicherte in aller Ruhe nochmals ihr Dokument ab, klappte das Netbook zu und schob es in ihre überdimensionale Blumentasche, stand auf – und sah das schwarze, ledergebundene Buch auf dem Sitz liegen. Der Zug bremste bereits und kam zum Stehen. Sie fiel beinahe zur Seite, als sie nach dem Buch griff. Dann hastete sie zur Tür, aus der der Junge den Zug verlassen haben musste, stieg aus und blickte den Bahnsteig hinauf und hinunter, doch sie entdeckte ihn nirgendwo. Wohin war er so schnell verschwunden?

Sie eilte in das Bahnhofsgebäude. Dort stand er am Zeitungskiosk – groß, hager, schwarzhaarig – und blätterte in einem Magazin. Sie berührte bereits seine Schulter, als ihr die helle Baumwolljacke auffiel. Der Mann – er war zu alt für den Dunkelhaarigen, vielleicht ein Lehrer – erwiderte ihr entschuldigendes Lächeln. Dann stand sie auch schon auf dem Bahnhofsvorplatz. Ihr Auge suchte und fand sofort den kurzen Lockenschopf. Er saß in einem Auto, das davonfuhr. Auf dem Fahrersitz ein Mann mit grau melierten Haaren, ebenfalls ein wenig gelockt; mehr konnte sie nicht erkennen. Vielleicht sein Vater? Sie warf einen Blick auf das Kennzeichen: »RÜG«.

»Hallo!« Sie sprang in die Luft, winkte wild mit beiden Armen, in der einen Hand hielt sie das Notizbuch. Als die Bremsleuchten angingen, sprintete sie los. Beinahe hatte sie das Auto erreicht, da schaltete die Ampel auf Grün, und der Kastenwagen fuhr wieder an. Die beiden dort drin waren offenbar in ein intensives Gespräch verwickelt. Julia sah, wie sie nickten, redeten, den Kopf schüttelten. Ein wenig fühlte sie sich an sich selbst und ihre Mutter Grete erinnert. Jedenfalls registrierten die beiden sie und ihr Geschrei genauso wenig wie ihr Winken. Sie verschwanden einfach im Verkehrsfluss.

Tja. Nicht ihr Problem, oder? Sie blieb stehen, betrachtete das Buch und strich mit der Hand über den Rücken. Feines schwarzes Leder. Ein richtig edles Teil. Ob es dem Besitzer genauso wichtig war wie ihr ihr kleines blaues Netbook? Sie schlenderte zur Bushaltestelle und stieg in den Bus ein, der sie in zehn Minuten nach Hause brachte. Irgendetwas hielt sie davon ab, das Buch aufzuschlagen. Sie hielt es stattdessen die ganze Zeit vor der Brust, als wolle sie spüren, ob es zu ihrem Herzen sprach. Sie grinste bei dem Gedanken. Und doch. Dieses Buch war nicht einfach irgendein Schmierblock. Es bedeutete etwas. Beinahe fühlte es sich an, als habe es einen eigenen Puls. Der Bus hielt an, sie stieg aus und ging zügig auf das Haus zu, in dem sie mit ihrer Mutter lebte. Eigentlich Verschwendung – so ein großes Haus, so ein großer Garten, nur für sie beide. Grete ließ ihren Freund nicht zu sich ziehen, obwohl sie schon so lange mit ihm zusammen war, dass Julia gar keinen anderen Vater kannte. Na ja, und ihre Mutter verbrachte den Großteil ihrer Zeit in Peters Hotel, wo sie alles am Laufen hielt.

So hatte Peter sie doch die meiste Zeit um sich, abends aber konnte Grete flüchten, aus der Nähe und der Fürsorge ihres Partners hinaus in ihr eigenes Königreich. Eine klassische Win-win-Situation.

Julia schloss die Haustür auf und ging schnurstracks in ihr Zimmer, ließ die Tasche achtlos von ihrer Schulter gleiten und warf sich aufs Bett, die Ballerinas in der Luft von den Füßen streifend. Ein wenig fühlte sie sich, als habe sie vor, durch ein verbotenes Schlüsselloch zu schauen. Entsprechend feierlich drehte sie sich auf den Bauch und betrachtete ein letztes Mal die Maserung des Ledereinbands, liebkoste ihn mit den Fingerkuppen, bevor sie das Buch aufschlug. Die erste Seite war leer. Das Papier knisterte, es fühlte sich glatt und fest an. Die einzelnen Blätter waren dicker als in einem normalen Schulblock, beinahe wie handgeschöpftes Bütten. Ihre Mutter kaufte das gleiche Papier für ihre Briefe. Grete hatte eine Schwäche für handgeschriebene Briefe. Sie schrieb manchmal bis spät in die Nacht ganze Bögen voll an irgendwelche geheimnisvollen Menschen. Sie nahm sie mit, wenn sie am nächsten Tag aus dem Haus ging, und dann waren die Briefe Geschichte. Ob sie sie wirklich abschickte, wusste Julia nicht. Jedenfalls kamen nie Antwortbriefe an. Vielleicht waren es Liebesbriefe an Peter. Julia mochte diese Vorstellung genauso sehr, wie sie Peter mochte, aber im Grunde war sie sich ganz sicher, dass Grete keine Liebesbriefe an Peter schrieb.

Sie atmete tief ein. Jetzt würde sie das Geheimnis dieses Buches erkunden. Sie schlug die Seite um.