Angelika Lauriel (Angelika Lauriel) - Meine Schwiegermutter, das Chaos und die Liebe

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Taschenbuch

VerlagBookshouse
ErschienenFebruar 2015
ISBN-109963527515
ISBN-139789963527519
Seitenanzahl345
Preis13,99 €

eBook

VerlagBookshouse
ErschienenMai 2015
ASINB00SN14GM6
Seitenanzahl345
Preis4,99 €

Inhaltsangabe

Sanne gehts gut: Endlich ist ihr Zeichenatelier fertig, die Schwiegereltern wohnen wieder im eigenen Haus und mit den beiden Kindern und ihrem Mann läuft es prima.

Doch dann häufen sich die Ereignisse. Schwiegermama freut sich darauf, ihren siebzigsten Geburtstag in Sannes Haus zu feiern. Fortan beherrscht der große Tag das Leben der gesamten Familie. Dass die Zahl der geladenen Gäste täglich wächst, ist noch zu verschmerzen. Schwiegerpapa Matthias jedoch, der in dem Trubel immer ungehaltener wird, bereitet Sanne Sorgen. Plötzlich taucht auch noch Sannes kleine Schwester mit Kind und Hund auf, nistet sich bei ihr ein und fordert Aufmerksamkeit. Und Sannes Mutter? Sie hat nichts anderes im Kopf als ihren neuen Lebensgefährten.

Sanne flüchtet, indem sie ein virtuelles Tagebuch im Internet beginnt – sie bloggt. Natürlich muss sie auch ihre Illustrationen fristgerecht abliefern. Bald entgleitet ihr die Kontrolle über das Familienchaos. Wie soll sie da noch Zeit für die Liebe finden?

Leseprobe

1
Alles neu


»Mama-a?«
»Hm?« Verschlafen öffne ich ein Lid und sehe das Gesicht meiner Tochter in Übergröße
vor mir. Sie genießt es in den Sommerferien, morgens zu mir ins Bett zu kriechen, bevor sie in die Welt der Großen startet und eingeschult wird.
»Ich weiß jetzt, wer von euch beiden älter ist!«
Hä?
Meine Gehirnwindungen sind nach den anstrengenden drei Wochen, die ich bis vor Kurzem mit meinen Schwiegereltern verbringen musste, noch ziemlich verkatert und erfassen nicht, was mein Mausezähnchen meint. »Von uns beiden? Wen meinst du?«
»Na, dich und die Oma natürlich.«
Ich stöhne. Hatten wir das Thema nicht schon mal? »Und, wer ist es?«
»Die Oma. Die hat nämlich so ein Schlabberkinn.«
Ich pruste und öffne endlich beide Augen, ziehe meine Tochter an mich heran, um ihren Honigduft zu inhalieren. »Lass das lieber nicht die Oma hören, okay?«, murmle ich in ihr zerzaustes Haar.
»Welche?«
»Ähm … beide. Welche hast du denn eben gemeint?«
»Deine Mama natürlich, Oma Hilde. Aber weißt du …«, sie schiebt einen Arm unter meinen Hals und zwirbelt mit der anderen Hand eine meiner Locken um den Finger. »Die Oma Rosemi hat auch so einen Schlabber am Kinn. So erkenne ich jetzt immer, ob jemand schon uralt ist oder nur alt … wie du.«
Mit einem Knurren schiebe ich sie von mir weg. »Na, vielen Dank. Du bist wirklich die charmanteste Tochter, die man sich nur wünschen kann.«
Lina kichert. Aha! Ich ahnte schon, dass sie längst nicht mehr so unbedarft-unschuldig ist, wie sie sich immer gibt. Immerhin geht meine süße Kleine in einigen Tagen in die Schule. Kurz zieht sich mein Mutterherz zusammen. So schnell werden sie groß! Aber mein Illustratorinnenherz jubelt auf: So schnell werden sie groß! Die Kinder werden in Zukunft beide morgens um halb acht aus dem Hause sein.
Keanu, mein Ältester, muss sogar noch früher los als Lina, weil er zum Gymnasium in die Stadt fährt. Ich schlucke. Achte Klasse! Mein Sohn, den ich doch vor Kurzem erst gestillt und gewickelt habe, kommt jetzt schon in die Mittelstufe. Das war damals, als Axel ihn mir im Krankenhaus in den Arm legte, noch Äonen weit weg. Jetzt ist er mir längst über den Kopf gewachsen – seiner Ansicht nach in mehrfacher Hinsicht. Das zeigt mir sein übliches Stöhnen, als ich ihn etwas später beim Tischdecken frage, wann er den Schlafanzug aus- und die Arbeitskleidung anziehen will. Es ist immerhin schon fast elf Uhr.
»Boah, Mam, ich habe Ferien! Jetzt chill mal!«
Uff, immer diese neuen Formulierungen. In letzter Zeit benutze ich sie selbst, wie ich immer öfter bemerke. Statt »diffamieren« sage ich nur noch »dissen«, und »gechillt« hat in meinem Kopf »entspannt« schon fast verdrängt. Dabei weiß ich noch allzu gut, wie ich es damals als Jugendliche verabscheute, wenn mein Vertretungsvater – seit ich weiß, dass Manfred mein leiblicher Vater ist, habe ich Schwierigkeiten, die beiden im Kopf richtig zu betiteln – sich mit mir verglich und sich allen Ernstes als »Popper« bezeichnete, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, was einen Popper ausmachte. Heutzutage ist mir diese Episode meiner Jugend peinlich, und ich versuche, die Erinnerung daran zu verdrängen. Der lange Pony mit Seitenscheitel hat bei mir eh nie richtig gelegen, weil sich meine Haare trotz all meiner verzweifelten Versuche, sie zu glätten, widerspenstig kringelten. Damals fand man noch keine guten Glätteisen in den Läden.
Wie auch immer, die Arbeitshose, die wir Keanu vor zwei Wochen gekauft haben, damit er nicht sämtliche Jeans und Jogginghosen beim Renovieren versaut, hasst er. Am ersten Tag fand er sie noch cool, aber inzwischen assoziiert er nur Arbeit damit. Was letztendlich auch der Sinn einer solchen Hose ist, wenn wir ehrlich sein wollen.
»Kee, wie du weißt, darfst du dir, wenn wir fertig sind, zur Belohnung einen Tablet-PC aussuchen.«
»Pah, den kriege ich eh erst zum Geburtstag. Ich kapiere nicht, wo da der Zusammenhang zu eurem blöden Umbau ist. Den braucht kein Mensch.«
»Hm …« Wie mache ich diesem widerwilligen Halbstarken klar, was wir ihm schon seit Wochen zu vermitteln versuchen? »Du hast doch miterlebt, wie das war, als Opa Matthias und Oma Rosemarie für ein paar Wochen hier wohnten …«
Er verdreht die Augen. »Mam, der alte Herr ist nicht in der Nähe, du kannst ruhig die Abkürzungen benutzen.«
»Schon gut, also Opa Matz und Oma Rosemi mussten ja im Gästezimmer schlafen.«
»Logisch, dazu ist so ein Gästezimmer da.«
Lina kichert, enthält sich aber jeden Kommentars und stopft sich mit Cornflakes voll.
Ich nippe an meinem Kaffee. »Schon, aber du weißt nur zu gut, dass ich das Gästezimmer davor als Atelier benutzt habe, weil dort das große Fenster zur Südseite geht.«
Keanu nickt kauend. »Klar weiß ich das.«
»Aber du begreifst nicht, wie sehr ich ein Atelier brauche, oder?«
Tatsächlich ist Keanus Begeisterung für meinen Beruf schon wieder abgeflaut, die vor einigen Wochen kurz aufflackerte, als er für mich eine letzte Illustration malte, während ich im Krankenhaus lag. Bei der Aktion half er mir sehr aus der Patsche, inzwischen belächelt er meine Kinderbuchbilder eher. Er muss cool sein, versuche ich immer, mir einzureden. Vor mir kann er nicht verbergen, dass er trotzdem am Illustrieren interessiert ist, zumal er offensichtlich mein Talent zur bildlichen Darstellung geerbt hat. Jetzt markiert er allerdings den Desinteressierten. Zugegeben, ein winziges bisschen verletzt mich das. Also muss ich meine Taktik ändern. Er wünscht sich einen super Tablet-PC, und er soll auch einen bekommen, zum Geburtstag. Er hat natürlich recht, so ist es schon längst ausgemacht gewesen, bevor Axel und ich über eine Runderneuerung des Gästezimmers und den Ausbau des Dachgeschosses zu meinem neuen, lichtdurchfluteten Atelier überhaupt nachdachten. Keanu pochte ganz legitim auf sein Recht auf große Ferien, als wir mit unserer Bitte um Hilfe beim Renovieren an ihn herantraten. Um ihn trotzdem für die Arbeit im Hause zu begeistern, kam ich auf die glorreiche Idee, den Tablet-PC, den er zum Geburtstag bekommen sollte, als Trumpfkarte einzusetzen. Arbeitet er gut mit, winkt ihm der Porsche unter den Tablets, verweigert er sich, bleibt ihm die Nuckelpinne, sozusagen. Die Karte spiele ich jetzt natürlich aus.
»Tja, du kannst selbst entscheiden – entweder du hilfst mit und suchst dir deinen Wunsch-Tablet-PC aus oder du lässt es bleiben und bekommst den, den ich dir aussuche. Und du weißt, die Rache einer verschmähten Mutter ist fürchterlich …«
Ich lächle süffisant und beiße mit Genuss in mein Brot. Hm, wie der Quark und die Marmelade auf meiner Zunge zergehen, während der missmutig Knurrende seine Waffen streckt und die Hose von der Rückenlehne seines Stuhls angelt, um sich meinem Willen zu beugen.
»Ich will auch helfen, Mama!« Lina verzieht den Mund zu einem niedlichen Flunsch.
»Ich weiß, Mäuslein. Sieh mal, was wir bisher geschafft haben, war einfach noch keine Arbeit für ein kleines Mädchen wie dich.«
Sie funkelt mich an. »Ich bin kein kleines Mädchen, ich gehe bald in die Schule!«
Lina freut sich auf die Schule, und vor allem fiebert sie dem Tag entgegen, an dem sie ihre selbst gebastelte Piratenschultüte mit sich herumtragen darf. Die musste ich vor ihr in Sicherheit bringen. Wir hatten Mühe, sie im Kindergarten genau nach Linas Vorstellungen zu basteln. Schon nach wenigen Tagen verloren die ersten Piraten ihre Kopftücher oder Augenklappen und wirkten auf einmal gar nicht mehr finster. Lina war kreischend zu mir gekommen, und ich machte ihr mit tröstenden Worten klar, dass eine Schultüte eben für den ersten Schultag gedacht sei und sich zum Transportieren von Spielsachen aller Art nur bedingt eignete. Sie zeigte zum Glück Einsehen, nachdem wir alle verloren gegangenen Einzelteile gefunden und wieder an Ort und Stelle angepappt hatten. Jetzt liegt die Tüte unberührt auf ihrem Regal, sodass sie sie jederzeit bewundern kann.
Ich zwinkere ihr zu, während Keanu sein Frühstück verdrückt, als befürchte er, heute nichts mehr zu essen zu kriegen. Er trägt jetzt den Blaumann … Habe ich schon erwähnt, dass er mir längst über den Kopf gewachsen ist und ganz und gar nicht mehr wie ein knapp Dreizehnjähriger aussieht?
»Linamaus, du kannst mir morgen beim Streichen im Atelier helfen.« Das sage ich zwar nicht mit echter innerer Überzeugung, weil ich mir das Chaos lebhaft vorstellen kann, das sie verursachen wird, wenn sie Malerpinsel und Farbe zu ihrer freien Verfügung hat, aber mein Herz erträgt ihre große Enttäuschung sonst nicht. Das Gästezimmer muss nach der Renovierung den Ansprüchen meiner peniblen Schwiegermutter und ihres nicht weniger peniblen Gatten, des Deutschlehrers a. D., voll und ganz genügen.
In meine Gedanken hinein, mit welchen Farben ich das Atelier streichen will, schrillt das Telefon. Lina und Keanu rennen um die Wette. Der Größere gewinnt natürlich. Seltsam, in letzter Zeit will er immer als Erster rangehen. Früher hat ihn das Telefon nicht interessiert.
»Hallo? Äh, Keanu. Ach Opa, du erkennst mich doch an der Stimme …«
Keanu kommt mit dem Hörer unseres neuen, schnurlosen Telefons am Ohr in die Küche, deutet eine Bewegung wie mit einer Handkurbel an und grinst schief. Schon klar, wer da dran ist. Jemand, der ihm erst mal sagt, dass er sich mit seinem ganzen Namen melden soll. Mein Vater, Manfred, – dem er mit diesem schiefen Grinsen wieder mal verblüffend ähnlich sieht – wird das kaum sein, sondern der andere Opa. Der Deutschlehrer a. D., dem zuliebe wir den nervigen Umbau des Gästezimmers auf uns genommen haben. Er war es, der mehr oder weniger dezent einen neuen Anstrich forderte und nebenbei erwähnte, wie klug man diese Gelegenheit nutzen könne, um einen Wasseranschluss herüberzulegen. Schließlich könne man ein älteres Ehepaar nicht nötigen, sich gemeinsam in ein kleines Bad zu drängen, und die Treppe zum Familienbadezimmer im oberen Stockwerk sei im Grunde unzumutbar. Ich hätte beinahe laut aufgelacht. Als ob Opa Matz nicht jede Gelegenheit genutzt hätte, um oben genauso wie unten im Keller »nach dem Rechten« zu sehen! Nicht mal unser Schlafzimmer hat er ausgespart. Wobei ich eingestehen muss, er tat das nicht aus Bosheit oder Neugier, sondern aus einer unschuldigen Ignoranz heraus. Seine Frau Rosemarie hat hingegen aus Gutmütigkeit mein gesamtes Haus vom Keller bis zum oberen Stock gründlich auf den Kopf gestellt, geputzt, aufgeräumt und »verschönert«, als ich die paar Tage im Krankenhaus lag. Na ja, geistig wische ich mit der Hand durch die Luft. Schnee von gestern. Axel stimmte seinem Vater zu, eine Renovierung könne nicht schaden, und mich überzeugte er natürlich sofort mit der Idee des Ateliers unterm Dach.
Dieser Opa, Matthias Weiler, muss jedenfalls gerade am anderen Ende der Leitung sein. Ich mache Keanu ein Zeichen, damit er mit seinem respektlosen Gestikulieren aufhört, und übernehme den Hörer, nachdem er »Gut Opa, nächstes Mal melde ich mich richtig« gemurmelt hat.
»Susanne Weiler, schönen guten Morgen, Matthias, was gibt es denn?« Die korrekte Begrüßung ist ihm wichtig; so viel Zeit muss sein.
»Ach, guten Morgen, Schwiegerkind. Ich habe Keanu gesagt, es gehöre sich nicht, sich nur mit Hallo zu melden. Sag du ihm das bitte auch noch einmal.«
Keanu feixt, anscheinend sieht er meinem Gesichtsausdruck an, wie das Gespräch beginnt.
Ich schiele zur Zimmerdecke. »Mache ich. Gibt es einen Grund, weshalb du anrufst?«
»Also deine Schwiegermutter ist gerade zum Einkaufen, deshalb wollte ich mit dir reden. Sag mal, ist dir auch aufgefallen, wie nervös sie in letzter Zeit wirkt? Es wird immer schlimmer.«
»Hm, nein, eigentlich nicht.« Oma Rosemi war ein wenig geknickt, als sie mit ihrem Mann wieder ins eigene Haus ziehen musste, nachdem dort alles fertig war. Glücklicherweise erholte sie sich schnell und pflegt nun ihre Kontakte zu ihren Freundinnen, dem Chor und der Patchworkgruppe wieder. Ich habe sie in den drei Wochen, die sie bei uns wohnte, wirklich lieb gewonnen, trotz ihrer fast krankhaften Putzsucht. Sie hat es nicht immer leicht mit ihrem etwas despotischen Mann. Aber auch ihn habe ich durch die gemeinsamen Wochen erst richtig kennengelernt, und ich schätze sein wahres Wesen sehr. Schade, dass er es so selten hervorblitzen lässt.
»Die Frau raubt mir manchmal den letzten Nerv.« Nanu? Solche Worte bin ich vom politisch korrekten Matthias nicht gewohnt.
»Wieso das? Was macht sie denn?«
»Sie ist ständig in der Stadt zum Bummeln, und wenn sie nach Hause kommt, klagt sie darüber, wie sehr die Arbeit sie anstrengt. Außerdem verlegt sie meine Sachen. Nichts ist mehr dort, wo es früher war.«
»Matthias, ihr habt euer Haus gerade erst komplett renoviert. In neuen Schränken sucht man erst mal. Rosemi …«, rasch korrigiere ich mich, »ich meine Rosemarie hat alles neu einräumen müssen. Wirklich, es ist normal, dass man sich nicht erinnert, wo man jedes einzelne Teil hingelegt hat.«
Er hustet kurz und entschuldigt sich dafür, bevor er weiter spricht. »Meinst du?«
»Natürlich. Was macht deine Grippe?«
Wieder hustet er kurz. »Ich fürchte, es geht gerade erst richtig los. Sommergrippen sind wirklich die Schlimmsten. Mit Kopfweh, Verspannung im Nacken, das volle Programm.«
»Das tut mir sehr leid. Hast du denn Medizin zum Einnehmen?«
»Ja, ja, wir haben alles da. So eine Grippe braucht ihre Zeit, daran kann man nichts ändern. Aber dieser steife Hals ist wirklich lästig.«
»Willst du nicht zum Arzt gehen?«
»Nein, das ist nicht nötig.«
»Wie du meinst.« Diese Haltung hat Axel von seinem Vater übernommen.
»Was ich dir noch sagen wollte, liebes Schwiegerkind, mir hat es bei euch so gut gefallen … Ich bin richtig froh über euren Entschluss, das Gästezimmer auszubauen. So haben wir bald eine Anlaufstelle.«
Ähm … Was für Anwandlungen hat er denn jetzt? Immerhin wohnen die beiden in der nächsten Stadt, es ist nur eine Fahrt von zwanzig bis dreißig Minuten, je nach Tageszeit und Berufsverkehr. In meinem Kopf wird irgendwo eine neuronale Verknüpfung aktiviert, allerdings so subtil, dass ich nur davon ahne und das leichte Unwohlsein beiseite wische, das sie mit sich bringt.
»Ja, es war schön, euch hier zu haben«, höre ich mich sagen, während Keanu, der sein restliches Frühstück verspeist, mir entgeistert einen Vogel zeigt. Ich schlucke. Letzten Endes habe ich wirklich Glück gehabt, dass sie da waren. Es bedeutete einerseits Stress pur, andererseits haben wir uns erst in dieser Krisenzeit wirklich kennengelernt. Für Keanu gilt das ebenfalls, selbst wenn er es anfänglich mit dem Deutschlehrer a. D. am schwersten hatte. Linamaus hat ihrerseits die Zeit mit den Großeltern in geradezu salomonischer Gelassenheit genossen. Von ihr könnte ich wahrscheinlich noch einiges lernen.
Ich höre am anderen Ende der Leitung ein Schlucken. Erstaunt identifiziere ich es als eine gerührte Reaktion und bin froh, diese Worte gesagt zu haben. Trotzdem kann ich es mir nicht verkneifen, noch etwas hinzuzufügen in der Hoffnung, keine falschen Vorstellungen zu wecken. »Aber vorerst wird das ja nicht nötig sein. Euer Haus ist wunderschön geworden, ihr fühlt euch sicher pudelwohl.«
Er räuspert sich. »Schön ist es durchaus … Ich kann mich nur nicht an das Suchen gewöhnen. Gerade eben habe ich etwas gesucht – was war es gleich? … Ach, Rosemarie kommt, ich muss auflegen. Tschüss!«
Klick, hat er aufgelegt. Ich drücke auf die Taste und starre das Telefon an. Was war an diesem Anruf so merkwürdig? Er lässt mich mit einem winzigen Unbehagen zurück, das ich nicht näher bestimmen kann. Opa Matz hat nie »Tschüss« als Abschiedsfloskel benutzt … Ach, was solls. Er ist nicht mehr der Jüngste. Vielleicht weicht er die Verkrustungen seiner Korrektheit langsam doch noch auf.
»Mami, wann darf ich dir denn im Atelier helfen?«
»Sobald wir das Gästezimmer eingeräumt haben, machen wir uns an die Arbeit, versprochen!«
Keanu hat sich leicht geduckt und schielt mich aus dem Augenwinkel an wie ein Hund, der etwas angestellt hat. Es wirkt so wie damals in der Schule, wenn wir Schüler uns vor dem Lehrer am liebsten unsichtbar machen wollten.
»Hilfst du mir bitte mit den Möbeln, Kee?«, wende ich mich trotzdem an ihn.