Angelika Lauriel (Angelika Lauriel) - Phantanimal. Die Suche nach dem Magischen Buch

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Taschenbuch

VerlagUlrich Burger Verlag
ErschienenMärz 2015
ISBN-103943378721
ISBN-139783943378726
Seitenanzahl199
Preis10,00 €

eBook

VerlagUlrich Burger Verlag
ErschienenMärz 2015
ASINB00UDL4K70
Seitenanzahl195
Preis3,99 €

Inhaltsangabe

Die zwölfjährigen Zwillinge Felix und Rike können es zunächst kaum glauben, als sie einem Wesen begegnen, das einem Fantasyroman entstiegen sein könnte: Phantanimal, ein uralter Formwandler, der am liebsten als Drache durch die Lande streift. Er berichtet, dass die Welt der Fabelwesen in Gefahr ist, seit der Unsichtbarkeitszauber immer durchlässiger wird, der sie vor den Blicken der Menschen schützt. Um den Zauber zu erneuern, muss das Magische Buch der Zaubersprüche gefunden werden. Die Geschwister erklären sich bereit, zu helfen. Dabei müssen sie sich gegen den boshaften Fabelwolf Siegwulf wehren, der Phantanimal auf den Fersen ist, um ihm das Buch abzujagen. Er schreckt nicht einmal davor zurück, Rike zu entführen, damit er ein Druckmittel hat. Bald kreuzt die junge Hexe Nina den Weg der Freunde. Kann sie helfen, Rike zu retten und das Buch zu finden?

Leseprobe

Träumerei und Wirklichkeit
Felix saß gedankenverloren am Tisch, die Wange in die linke Hand gestützt, und zeichnete mit dem Bleistift auf seinen Block. Auf dem karierten Blatt entstand das Lebewesen, das er heute Nacht im Traum gesehen hatte. Eine lang gezogene Schnauze endete in einer breiten Augen- und Stirnpartie. Unter dem Kinn hingen ein paar weiße Bartzotteln herunter. Das Gesicht war beschuppt, wie der Rest des Körpers, der im Verhältnis zum Kopf fast zu massig wirkte. Der Eindruck verstärkte sich noch durch die Rückenzacken, die die gesamte Länge bis zur Schwanzspitze überzogen. Für die Beine und Klauen nahm Felix sich besonders viel Zeit. Sie mussten kräftig genug sein, um den Drachenkörper tragen zu können. Die Flügel lagen an den Seiten. Felix malte sogar die Matschflecken, die er im Traum deutlich darauf hatte erkennen können. Zu dumm, er erinnerte sich zwar exakt an diesen Drachen – was genau er von ihm geträumt hatte, fiel ihm jedoch nicht mehr ein.
„Ein Drache?“ Die erboste Stimme von Frau Walser neben ihm riss Felix aus seiner Versunkenheit. Er sah hoch, direkt in das Gesicht der Englischlehrerin. Einige seiner Mitschüler lachten.
„Echt jetzt? Ein Drache?“, flüsterte jemand weiter vorn. Am Bein spürte er das Knie seiner Zwillingsschwester Friederike. Wahrscheinlich hatte sie versucht, ihn aus seinem Tagtraum zu reißen.
„Nun, Felix, wenn du deine Zeit unbedingt mit Fantasiewesen verbringen möchtest, anstatt die unregelmäßigen Verben zu üben, werde ich dir den Gefallen tun.“
„Ähm …“ Das konnte nichts Gutes bedeuten.
Rike neben ihm seufzte.
„Du schreibst mir einen Aufsatz über das Ungeheuer von Loch Ness.“
„Was hat das denn mit …“
Rike stieß ihn in die Seite, er klappte den Mund zu und nickte ergeben.
„Und zwar bis morgen, wenn ich bitten darf.“
„Frau Walser, wir sind heute Nachmittag mit der Bio-AG
im Zoo“, wandte Rike ein. „Das wird knapp.“
Die Lehrerin runzelte die Stirn, zögerte, dann nickte sie. „Nun gut. Bis übermorgen also, Felix. Mindestens drei Seiten. Du kannst dich nicht immer in deine Fantasiewelten flüchten. Wann begreifst du das endlich?“
Felix verdrehte die Augen. Seine Eltern hielten ihm ständig vor, er würde aus der Wirklichkeit fliehen. Nur, weil er in jeder freien Minute Bücher verschlang. Das war Quatsch. Sie sollten froh sein, dass er gern las. Gerade seine Mutter müsste ihn verstehen! Sie liebte ihren Job in der Bibliothek der Saar-Universität und schwärmte immer von dem Geruch der Bücher.
Den Rest der Stunde riss Felix sich zusammen. Einen weiteren Tadel wollte er sich heute nicht mehr einfangen. Dazu brauchte er gar nicht erst nach seiner Schwester zu sehen, die ihm mit ihren Blicken anscheinend tausend Dinge sagen wollte.
Felix mochte Rike wirklich. Immerhin hatten sie sich schon den Platz in Mamas Bauch geteilt. So was schweißt zusammen. Aber manchmal war sie schwer zu ertragen. Friederike war ein Musterkind. Sie lernte leicht und schnell, arbeitete gern im Unterricht mit und fand noch Zeit, sich in allen möglichen AGs zu engagieren. Egal, ob Schulzeitung, Sanitätsdienst oder Bio-AG. Zur Bio-AG hatte sie Felix mitgeschleppt. Da hatte sie leichtes Spiel gehabt, weil die Gruppe regelmäßig zum Neunkircher Zoo fuhr und dort bei allem half, was anfiel. Ställe ausmisten, Futter verteilen und solche Sachen. Felix liebte das.
„Den Aufsatz hast du dir selbst eingebrockt. Na ja, das Gute daran ist, dass du dabei etwas lernst.“ Die Sätze sagte Rike, während sie zu Hause die Fahrräder in die Garage schoben. Felix sparte sich eine Antwort.
Mama war diese Woche über Mittag zu Hause und kochte für ihn und Rike. Sie hatte Nachmittagsdienst.
„Wie ist es in der Schule gelaufen?“, fragte sie, nachdem Felix und Rike den Tisch gedeckt hatten, und sie die dampfende Auflaufform auf den Untersetzer gestellt hatte.
„Alles prima.“ Felix warf Rike einen bittenden Blick zu. Mama musste von dem aufgebrummten Aufsatz nichts erfahren.
„Felix, ich seh’s dir an der Nasenspitze an“, sagte seine Mutter jedoch. „Was ist passiert? Ein Test in Mathe?“
„Nein“, brummelte er, „eine Strafarbeit in Englisch.“
„Schon wieder?“ Mama hatte jedem von dem Nudelauflauf auf den Teller gegeben und pikte zwei Tortellini auf die Gabel. „Was hast du dieses Mal angestellt?“
„Er war abwesend und hat gezeichnet“, sagte Rike, da Felix gerade auf einem Bissen herumkaute.
Mama seufzte. „Abwesend. Wo warst du denn in deinem Kopf?“
„Ist doch egal! Ich muss einen Aufsatz über das Ungeheuer von Loch Ness schreiben. Bis übermorgen.“
Mamas Augen leuchteten auf. Felix seufzte, Rike feixte. Manchmal war ihre Mutter ein richtiger Nerd! Schon legte sie mit ihrem liebsten Thema los. „Das ist toll! Ich suche dir in der Universitätsbibliothek Hintergrundliteratur heraus. Auf Deutsch und auf Englisch. Damit schreibst du einen Eins-a-Aufsatz!“
„Boah, hast du mal von Tante Google gehört? Die kann mir dabei genauso gut helfen.“
„Ach, den Quellen aus dem Internet kannst du nicht vertrauen, das weißt du doch. Ich bringe dir heute Abend jedenfalls was mit.“ Sie stand auf. „Und nun muss ich mich fertig machen. Räumt nachher den Tisch ab. Stellt den Rest für Papa in die Mikrowelle, damit er ihn sich warm machen kann, wenn er heimkommt.“

Für die Hausaufgaben war nicht viel Zeit, bevor Rike und Felix zur Bushaltestelle gingen, von der aus sie zum Zoo fahren konnten. Da die Fahrt fast eine Stunde dauerte, ging an den Zootagen der komplette Nachmittag drauf. Felix wurde der Falknerei zugewiesen und kam gerade noch rechtzeitig zur Nachmittagsvorführung. Er erhielt von Ben, dem Falkner, einen der schweren Lederhandschuhe, damit er ihm bei der Flugschau assistieren konnte. Die Eulen und der Bussard machten ihre Sache wie immer prima. Sie flogen nicht zu dicht über die Köpfe der Zuschauer hinweg, jagten bereitwillig das
Federspiel und flogen zwischen Felix und Ben hin und her. Hinterher trugen beide je einen Vogel zurück, um ihn an seinem jeweiligen Platz festzubinden.
„Was meinst du?“, wandte Ben sich an ihn. „Sollen wir es mit Adam wagen?“
Adam war ein junger Weißkopfseeadler. Er wurde zwar seit einem halben Jahr trainiert, aber man wusste bei ihm nie genau, woran man war. Ben hatte ihn offenbar vorher bereits aus seiner Voliere geholt und auf seinen Ast davor gesetzt. Er war lose festgebunden, sodass er nicht wegfliegen konnte. Adam wirkte ruhig, er beobachtete Ben und Felix, als verstünde er genau, dass es um ihn ging.
„Also, ehrlich gesagt ist er mir unheimlich.“ Felix zog die Schultern hoch. Adams stechender Blick wirkte manchmal auf ihn, als erkenne er genau seine Unsicherheit. „Wenn, dann musst du mit ihm arbeiten. Ich halte mich da lieber raus.“
„Okay. Weißt du, wenn wir es nie probieren, kann er nicht zeigen, was er drauf hat.“ Mit diesen Worten löste Ben die Fessel vom Ast, setzte Adam auf den Handschuh und hielt die Fußbänder des Adlers mit drei Fingern fest.
Adam verhielt sich einen kurzen Moment lammfromm, doch sobald Ben die Fußfesseln etwas fester in seiner Hand hielt, begann er mit den Flügeln zu schlagen, als wolle er abheben. Wer konnte wissen, was an diesem Morgen geschehen war und den Vogel aufgebracht hatte?
„Verflixt!“ Ben streckte den Arm von sich und zog den Kopf ein, während Adam weiter mit den riesigen Schwingen schlug. Bens Arm ruckte auf und nieder.
Felix sah die Gefahr, in der Ben schwebte. Er könnte sich an den Krallen oder dem Schnabel verletzen, wenn Adam sich weiterhin so unberechenbar verhielt. Trotzdem durchlief Felix eine eigenartige Regung. Er hatte das unheimliche Gefühl, Adams Empfindungen erleben zu können. Er spürte Verlassenheit, Langeweile und Zorn. Einen unbändigen Zorn, der damit zusammenhing, dass Adam der Einzige seiner Art in der ganzen Region war. Selbst das Fliegen hatte ihm ein Mensch beigebracht, nicht seine Mutter. Natürlich konnte ein
Vogel nicht denken, nicht wie ein Mensch jedenfalls. Aber das war es, was nach diesem kurzen, verwirrten Moment in Felix zurückblieb: Ein Gefühl der Einsamkeit und der Wunsch, zu fliehen und sich an den Menschen zu rächen, die ihm das angetan hatten. Seltsam! Trotzdem: Es passte zu dem, was Felix über die Herkunft des Adlers wusste. Der Zoo hatte von einem anderen Zoo ein Adlergelege aufgekauft und künstlich bebrütet. Nur ein einziger Jungvogel hatte überlebt. Er hatte sich von Anfang an als schwierig erwiesen. Er begriff zwar schnell, wie er jagen und die Beute gegen eine Belohnung abgeben sollte, aber immer wieder flog er einfach davon. Bisher war er wenigstens jedes Mal zurückgekehrt.
„Verflucht, jetzt gib Ruhe!“ Ben kämpfte noch immer gegen den nervösen Vogel an. Der hörte nicht auf, mit den Flügeln zu schlagen. Felix beobachtete, wie Bens muskelbepackter Arm erlahmte.
„Ruhig, Adam, ruhig!“, unterstütze Felix Bens Versuche.
Unerwartet ließ Adam die Flügel sinken und starrte Felix geradewegs in die Augen, bis es ihm kalt den Rücken hinunterlief. In dieser Sekunde beschloss er, in Zukunft die Falknerei lieber zu meiden. Er hob beide Arme in einer beschwichtigenden Geste. „Bleib ganz ruhig, Großer! Es tut dir ja keiner was“, murmelte er.
Ben griff mit seiner freien Hand nach der Fußfessel, um sie tiefer zwischen die Finger zu ziehen. Diesen Moment erkannte und nutzte Adam. Er breitete die Schwingen aus und stieß sich ab. Eine Sekunde später war er in der Luft – zu hoch, um noch von irgendjemandem oder etwas aufgehalten zu werden. Er stieß einen gellenden Schrei aus. In Felix’ Ohren klang es wie Triumphgeheul. Dann flog Adam so dicht über die Köpfe der Zuschauer hinweg, dass diese sich ängstlich duckten, und zog weiter, pfeilschnell und anscheinend mit einem genauen Ziel vor Augen. Kurz darauf war er verschwunden.