Angelika Lauriel - Schüssel mit Sprung

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Taschenbuch

VerlagBookshouse
ErschienenJuli 2014
ISBN-109963523730
ISBN-139789963523733
Seitenanzahl276
Preis12,99 €

eBook

VerlagBookshouse
ErschienenJuni 2014
ASINB00KYKY0A2
Seitenanzahl276
Preis4,99 €

Inhaltsangabe

Welch eine Hiobsbotschaft: Sanne, glücklich verheiratete Mutter zweier Kinder, muss für drei Wochen die Schwiegereltern aufnehmen, weil deren Haus renoviert wird. Ex-Schuldirektor Matthias plant alles generalstabsmäßig durch und reagiert auf Unvorhergesehenes nervös, während Rosemi ihren Putzfimmel in vollen Zügen auslebt. Beide Eigenschaften liegen der künstlerisch arbeitenden Sanne nicht sehr. Wirklich kritisch wird es, als ihr Mann Axel plötzlich auf Geschäftsreise muss. Wie soll sie bloß zwischen den Hardcore-Alpinisten, ihrer eifersüchtigen Mutter und den meuternden Kindern heil hindurchnavigieren?
Das Chaos wächst, weil ihr ein arbeitsreicher Illustrationsauftrag erteilt wird. Unter solchen Umständen kann sie unmöglich auch noch Hausputz machen.
Als ein Unfall Sanne zu ein paar Tagen Ruhe im Alpiklinikum zwingt, denkt sie zuerst an einen Segen, wäre da nicht ihre Jugendliebe, die nun auch noch ihre Gefühlswelt auf den Kopf stellt. Ist Kai der edle Ritter, der zu ihrer Rettung aus dem Durcheinander eilt?

Leseprobe

1
Die Wanderschuhe


»Mama?« Linas Zeigefinger malt sachte eine Linie von meiner Augenbraue bis zum Mundwinkel.
»Hm?« Verschlafen öffne ich ein Auge und sehe das Gesicht meiner sechsjährigen Tochter in Übergröße vor mir auf dem Kopfkissen. Ich lächle und ziehe sie an mich. Sie fühlt sich warm und weich an und duftet so gut.
»Wer ist eigentlich älter, du oder die Oma?« Lina nimmt den Finger aus meinem Gesicht, schiebt ihren Arm um meinen Hals und kuschelt sich noch enger an mich.
Bis eben habe ich ihre Liebkosungen genossen, aber jetzt sickert ihre Frage in mein Hirn und löst Abwehrreaktionen aus. Unsanft schiebe ich sie zur Seite und springe aus dem Bett.
»Mama? Was ist denn? Ich will doch noch kuscheln!«
»Geh zur Oma kuscheln!« Ich gebe zu, mich durchzuckt der Gedanke, dass es vielleicht unfair ist, eine Sechsjährige die Probleme ausbaden zu lassen, die man selbst mit dem Älterwerden hat. Aber irgendwo gibt es eine Grenze, oder?
Lina tapst hinter mir her zum Badezimmer. Ich schließe die Tür von innen ab. Ob ich älter bin oder die Oma. Ich schnalze empört mit der Zunge.
Von unten höre ich Axel rufen. »Na, wo sind denn meine Mäuse?«
»Hier«, singt Lina und hüpft die Treppe hinunter.
»Nicht da«, grummle ich und beuge mich vor zum Spiegel. Das verschlafene Gesicht darin zieht prüfend die Brauen hoch und zeigt mir allzu deutlich, was ich überhaupt nicht sehen will: wie straff oder weniger straff sich meine reife Haut ab vierzig über die Wangenknochen spannt. Gar nicht mal übel heute. Da kann das Gesicht im Spiegel auch wieder lächeln. Ich erschrecke: Tausend Fältchen lassen die Haut um die Augen herum in Splitter zerspringen. Erkenne ich darin meine Mutter wieder?
»Das sind Lachfältchen«, tröste ich mich. »Axel hat dich deswegen geheiratet.« Hat er tatsächlich. »Warum wolltest du mich eigentlich?«, fragte ich ihn vor dreizehn Jahren nach dem Standesamt.
»Weil mich dein Lächeln umgehauen hat«, antwortete er.
Ich erledige schnell meine Morgentoilette und gehe hinunter in die Küche. Axel und unser Großer, Keanu, beenden gerade ihr Frühstück. Sie müssen früher los als Lina und ich. Im Gehen küsst Axel mich. »Du weißt ja, ich bin erst in drei Tagen wieder zurück.«
Mist. Das habe ich vergessen. Er fährt auf Geschäftsreise. Drei Tage ohne Mann, ohne Papa. Das bedeutet, morgens schon um sechs aufstehen statt um halb sieben. Das heißt aber auch, freie Wahl des abendlichen Fernsehprogramms. Ich umarme meinen Mann. »Gute Reise und viel Erfolg.«
Während Lina ihr Müsli in sich hineinschaufelt, werfe ich einen Blick auf den Wandkalender. Heute um halb sieben Elternabend im Gymnasium, morgen Nachmittag Schultütenbasteln im Kindergarten. Da haben wir den Salat. Zwei Termine, für die ich meine Mutter brauche. Heute Abend zum Babysitten und morgen, um Keanu zum Handballtraining zu bringen. Bei dem Mistwetter will ich ihn nicht mit dem Rad fahren lassen. Tja, und heute muss ich unbedingt noch den letzten drei Illustrationen für das Kinderbuch vom Schweinchen mit den grünen Streifen den Feinschliff geben. Also wird Mama Lina vom Kindergarten abholen, damit ich den Vormittag zum Arbeiten habe. Wenigstens das ist schon geregelt.
»Lina, ich rufe noch schnell Oma Hilde an.«
»Ich will auch mit ihr reden.«
Ich stehe schon am Telefon und höre das Freizeichen. Mit schlechtem Gewissen schiele ich auf meine Armbanduhr. Halb acht. Hoffentlich hole ich sie nicht aus dem Bett. Jetzt noch aufzulegen, wäre ja Quatsch. Es hat schon zwei Mal geläutet. Erst nach dem sechsten Klingeln hebt sie ab.
»Schellenberg?« Wie immer legt sie einen Schlenker in den Namen und geht am Ende mit der Stimme hoch. Nur meine Mutter kann so viel in ihren Namen stopfen: Einen wunderschönen guten Tag. Ich weiß zwar nicht, wer mich gerade stört, aber ich hoffe, Sie haben einen guten Grund dafür. Also, worum geht es denn?
»Guten Morgen, Mama, hier ist Sanne.« Ich zucke schon zusammen, bevor sie antwortet.
»Dein Name ist Susanne. Das predige ich dir seit vierzig Jahren.«
Mist, da habe ich ihr doch glatt den Tag versaut. Hektisch winke ich Lina herbei. »Komm Maus, sag der Oma Hallo«, flüstere ich ihr zu. Lina hopst mit leuchtendem Gesicht zur Telefonbank und nimmt den Hörer. Ich drücke auf die Lautsprechertaste.
»Oma«, ruft Lina, und sofort lässt meine Mutter ihr gurrendes Ich-liebe-meine-Enkelin-Lachen hören. Erleichtert atme ich aus.
»Guten Morgen, mein Schatz. Na, wie geht es dir?«
»Prima. Oma, ich habe Mama gefragt, wer älter ist, sie oder du, aber sie hat mir keine Antwort gegeben. Wer ist denn nun älter?«
Das Lachen, das meine Mutter jetzt ausstößt, gurrt noch mehr. »Sag mal, habt ihr den Lautsprecher eingeschaltet?«
»Ja.«
»Dann schalt den doch mal aus, Linaschatz.«
»Okay.« Nichts zu machen. Lina drückt auf den Knopf. Er hört auf, zu leuchten, und sie hält ihre Hand darüber. Ein Handgemenge mit meiner kleinen Tochter will ich mir nicht liefern. Das kriegt Mama mit. Meine Mutter kriegt ziemlich oft ziemlich viel mit. Immer schon. Aber das hat auch Vorteile. Sie ist keine dieser Mütter, die ab sechzig ständig gepampert werden wollen. Ich beobachte meine süße, blond gelockte Tochter, die das Näschen kräuselt und kichert.
»Okay, ich geb dir wieder die Mama«, sagt sie und flitzt ins Gäste-WC, wo sie sich gründlich Hände und Gesicht wäscht, wie ich durch die halb offene Tür sehen kann. Das schafft auch nur meine Mutter.
»Du hast doch bestimmt einen Grund, weshalb du anrufst? Dass ich Lina heute abhole, hatten wir ja schon besprochen.«
»Ja, Mama. Axel muss kurzfristig für drei Tage auf Geschäftsreise. Heute Abend findet im Gymnasium ein Elternabend statt, und morgen Nachmittag muss ich zum Schultütenbasteln in den Kindergarten.«
»Hm.«
»Kannst du heute Abend babysitten? Du weißt, Keanu will nicht mit seiner Schwester allein im Haus bleiben.«
»Der Junge ist wirklich groß genug, Susanne. Als du zwölf warst, bist du mit deinen Schwestern auch schon allein zu Hause geblieben.«
Jetzt fängt die Leier wieder an. Ich verdrehe die Augen vor dem Garderobenspiegel. Wir haben kein schnurloses Telefon, deshalb telefonieren wir im Flur, wo die Telefonbank neben der Garderobe steht. »Ja, Mama, ich weiß. Aber Keanu …«
»Keanu ist noch dazu ein Junge. Du verwöhnst die Kinder viel zu sehr.«
»Also kommst du oder nicht?«
»Wenn du die Kinder nicht erst so spät gekriegt hättest, dann wären sie jetzt schon viel größer.«
Ich lasse meine Stirn gegen die Holzumrandung des Spiegels sinken.
»Und dann auch noch mit sechs Jahren Abstand. Was ist das für ein Geräusch, Susanne?«
»Das ist nur mein Kopf, den ich gegen die Wand haue.« Schweigen. »Mama? Kommst du heute Abend?«
Ein Räuspern. »Na gut, ich komme. Die Kinder können ja nichts dafür. Und was ist mit morgen Nachmittag? Nachmittags wird Keanu doch keinen Babysitter brauchen?«
»Nein, aber er muss zum Handballtraining. Und bevor du jetzt wieder loslegst: Nein, ich will nicht, dass er bei diesem Regen mit dem Fahrrad fährt. Und eine Busverbindung gibt es nicht.«
Meine Mutter lacht. Nanu? »Gut, ich bringe ihn hin. In Ratzenbach wollte ich eh noch was erledigen.«
In Ratzenbach? In dem Kaff will Mama was erledigen? Dort gibt es doch nichts außer ein paar Häuschen und der großen Mehrzweckhalle. Ich zucke die Schultern. Kann mir ja egal sein. Jedenfalls wären die Termine damit organisiert. Ich kann Lina schnell zum Kindergarten bringen und mich dann meiner Arbeit widmen.