Angelika Lauriel (Angelika Lauriel) - Schwerelos mit dir

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eBook

Verlag26|books
ErschienenSeptember 2015
ASINB014BWDHZW
Seitenanzahl230
Preis3,39 €

Inhaltsangabe

Ein Sommer in Frankreich ... eine junge Frau zwischen zwei Männern.

Alena geht ganz in ihrer Musik auf. Ihr Freund, der Sportfreak Hendrik, kann das nicht nachvollziehen. Als Alena einen Ferienjob in Frankreich annimmt, stellt das ihre Beziehung zu Hendrik auf eine harte Probe. Sie hofft, dass die Distanz ihr helfen wird, sich über ihre Gefühle klar zu werden. Doch dann trifft sie auf den introvertierten Dominic, der sich vollkommen in sie einfühlen kann und Alena damit vor eine schwierige Entscheidung stellt. Kann sie ihrem Herzen vertrauen? Weiß sie, wann es wirklich Liebe ist?

„Ich spiele das Stück zuende, die Verbindung löst sich langsamer als gewöhnlich. Meine Hände liegen auf den Tasten, liebkosen sie. Mein Blick hängt noch immer an Dominics Augen. Erst nach und nach kehrt mein schwebendes Ich in mich zurück; sehe ich wieder klar und nehme die hellen, langen Wimpern, die Lider und schließlich den Rest von Dominics Gesicht wahr. Seine Augen enthüllen in diesem Moment sein Innerstes. Was ich dort wahrnehme, ist ein Spiegel meiner selbst. Ich fühle mich wie mit einem unsichtbaren, zarten Band an ihn gebunden.“

Leseprobe

Kapitel 1 – Paris oder was?

„Alena!“
Ich reiße den Kopf herum. Mein Klassenlehrer steht direkt neben meiner Bank.
„So geht das nicht.“ Der Brauer runzelt die Stirn. „Du willst studieren, oder? Was ist noch mal dein Traumberuf?“
Ich verdrehe die Augen. Die alte Leier … Ich hatte nicht gemerkt, wann Brauer zu meinem Platz gekommen ist. Mit stierem Blick habe ich die ganze Zeit verschnörkelte Blumenmuster in meinen Spiralblock gekritzelt. Wir besprechen seit der Pause die Zeugnisnoten. Jetzt, in der Zehnten, scheint alle Welt das Zeugnis für besonders wichtig zu halten. Mir ist nur nicht klar, wieso. Bloß, weil es nach den Ferien in die Oberstufe geht? Was soll sich da groß ändern? Arbeiten müssen wir eh wie die Besessenen, und nicht erst seit der Zehnten.
Da ich von Natur aus faul bin, habe ich in der Fünften schon nach Tricks gesucht, um ohne Megastress durch die Schulzeit zu kommen. Ich tue nur das Aller-allernötigste. Bis zur Mitte der Zehnten hat das geklappt. Meine Leistungen liegen im Mittelfeld. Aber urplötzlich drehen sämtliche Lehrer durch. „Ihr seid in der gymnasialen Oberstufe! Seit G8 ist das kein Zuckerschlecken mehr …“ Ständig müssen wir uns diesen Quark anhören. Und dann fingen alle an, Klassenarbeiten über den Stoff der vergangenen Schuljahre zu schreiben. Ich meine: über Jahre! Wer kriegt das denn gebacken, bitteschön?
„Ah, Frau Quindt antwortet nicht. Sag, wolltest du nicht Fremdsprachen studieren?“
Ich versuche schon die ganze Zeit, flach durch den Mund zu atmen. Nützt natürlich nichts. Die Schweißnote von Brauers Strickpulli ist durchdringend.
„Ähm, ja, Fremdsprachen“, stottere ich, „Dolmetschen.“
Brauer lacht auf und beugt sich vor. Allerdings bin ich zu gut erzogen, um den Kopf zur Seite zu drehen. Ich erhasche einen Blick auf das Gesicht meiner Freundin Juliane in der Reihe vor mir, die sich umgedreht hat und mitleidig ein Kopfschütteln andeutet.
„Dolmetschen!“ Ätzende Ironie in Brauers Stimme. „Das ist ein Numerus-clausus-Fach. Wusstest du das? Und da muss man spre-chen.“ Er teilt das Wort in zwei Silben auf, als verstünde ich ihn sonst nicht. „Es reicht nicht, sich was zurecht zu stammeln. Spre-chen musst du.“
Mein Gesicht fängt an zu glühen. Was lässt der Arsch mich hier auflaufen? Verstohlen sehe ich meine Mitschüler an. Die meisten lächeln mir verschwörerisch zu. Ich atme auf. Nicht ich bin hier der Depp vom Dienst, sondern der Brauer ist es, der sich unbeliebt macht. Endlich klingelt es. Ohne ihm zu antworten, fange ich an, meine Sachen in die Tasche zu stopfen. Brauer fuchtelt mit dem Zeigefinger vor meiner Nase herum. „Nimm dir meine Worte zu Herzen! Ich meine es gut mit dir.“
Jaja, blabla. Alle meinen es gut mit uns. Auch wenn sie uns prinzipiell die schlechtere Note reinwürgen. „Damit ihr es begreift. Damit eure Leistungen konstanter werden.“
Konstanter werden … wie ich das hasse!

* * *

„Arme Alena!“ Juliane hängt sich bei mir ein, wir gehen den Flur entlang. „Heute hat er zum Himmel gemüffelt!“
„Ja, wirklich.“ In mir meldet sich allerdings Miss Oberschlau und flüstert: „So richtig sauer reagieren wir, wenn die Vorwürfe, die man uns an den Kopf knallt, einen wahren Kern haben.“ Also linse ich meine beste Freundin von der Seite an und murmle: „Das Schlimme ist, am Ende hat er recht.“
„Such dir doch für die Ferien einen Schüleraustausch. Ich fahre auch nach Frankreich.“
„Kein Wunder, du hast schließlich Verwandte dort.“
Sie lacht. „Wenn du magst, frage ich nach, ob es in dem Ort eine Familie gibt, bei der du als Feriengast unterkommen kannst.“
Sofort kribbelt es in meinem Bauch. In den Ferien ins Ausland … Drüber nachgedacht hab ich schon. Aber ich hab zu großen Schiss. Allein in ein fremdes Land …
Plötzlich krabbelt von hinten eine Hand um meine Taille. Quiekend hüpfe ich in die Luft. Hendriks tiefes Lachen erklingt, und er drängt Juliane beiseite, um ihren Platz einzunehmen. Sie wirft mir einen fragenden Blick zu und verkrümelt sich. Ich sehe in seine braunen Augen, und das schlechte Gewissen meiner besten Freundin gegenüber verflüchtigt sich sofort. Mich erfasst dieses Ganzkörper-Prickeln, wie jedes Mal, wenn er in der Schule offen zeigt, dass ich seine Freundin bin. Ich, die bis dahin Ungeküsste. Anscheinend übersieht er großzügig meine dicken Oberschenkel und die abertausend Sommersprossen auf meiner käsigen Haut.
Hendrik ist für mich der über allem Irdischen schwebende Traummann. Und so kommt er nicht nur mir vor, sondern fast allen aus meinem Jahrgang. Von den Kleinen ganz zu schweigen. Selbst Mädels aus der Oberstufe drehen sich nach ihm um. Und ausgerechnet er, der Star der Schule, hat mich auf der Sommerparty der zehnten Klassen gefragt, ob ich mit ihm gehen will! Bis heute kann ich es nicht fassen.
„Habe ich richtig gehört – du willst nach Frankreich?“ Zielstrebig dirigiert er mich zur Treppe.
„Hmm, ich denke drüber nach.“
„Das ist eine hervorragende Idee, Alena.“ Der Brauer! Er ist hinter uns hergekommen und hat offensichtlich unsere letzten Worte mitgekriegt. Mit heißen Wangen löse ich mich aus Hendriks Arm.
„Wenn du wirklich Französisch studieren willst, musst du Sprechen üben. Das geht am besten in Frankreich.“ Auf einmal klingt er nicht mehr ätzend. Warum sind Lehrer so unberechenbar?
„Ich finde die Idee gar nicht mal so gut“, sagt Hendrik. Ob Brauer seine Ironie versteht? Meine Mundwinkel wandern zu den Ohren. Also wird Hendrik mich vermissen, sollte ich nach Frankreich fahren!
„Frag mal deinen Vater, Alena. Soweit ich weiß, könnte er was in die Wege leiten.“
Wie kommt mein Lehrer auf die Idee?
„Mein Vater? Der spricht kein Französisch.“
„Das braucht er auch nicht. Alena, ich glaube, du bist talentiert. Und ich bin sauer, weil du nichts daraus machst … Frag deinen Vater.“
Mit diesen Worten lässt er mich stehen. Hendrik legt wieder den Arm um mich, gemeinsam gehen wir hinunter zur Ausgangstür. „Der scheint große Stücke auf dich zu halten.“
Verwirrt blicke ich zu ihm auf. Vom Schulhof aus rufen einige Jungs nach ihm. „Hendrik, komm, wir müssen zum Training!“
„Tschüss, ich muss“, sagt er und rennt zu ihnen. Kein Küsschen, nichts.
„Na, isser weg?“ Juliane kommt zu mir und wirft Hendrik einen Blick hinterher. Aus irgendwelchen Gründen ist sie nicht so gut auf ihn zu sprechen. „Ich komme mit dir. Was hat der Brauer gewollt?“
„Er hat gesagt, mein Vater könnte vielleicht einen Frankreichaufenthalt für mich in die Wege leiten. Und er hat gemeint, ich wäre sprachbegabt.“

* * *

„Paps, mein Lehrer sagt, du könntest mich nach Frankreich bringen. Wie meint er das?“, frage ich beim Abendessen.
Paps sieht mich überrascht an.
„Hört, hört“, sagt mein kleiner Bruder Jörn im Tonfall eines Zirkusdirektors.
Papa angelt quer über den Tisch nach einer Scheibe Brot. „Du willst nach Frankreich?“
„Ich denke drüber nach. Der Brauer jedenfalls meint, dass du was in die Wege leiten könntest.“
„So, meint er?“ Paps zieht eine Augenbraue hoch. „Dein Klassenlehrer hat mir auf dem letzten Elternabend verraten, dass er dich für begabt hält.“
„Écoutez, écoutez“, ruft mein Nervbruder großspurig dazwischen. Er duckt sich kichernd, weil ich ihm die Einwickelfolie meines Mini-Babybel überwerfe.
„Bloß …“
„Ja? Weiter?“, frage ich. Ich hasse die Kunstpausen meines Vaters. Er zieht die Augenbraue noch höher und grinst mich frech an. Also echt! Väter sind sowas von!
„Bloß steht dir deine Faulheit im Wege.“ Sein Lächeln verschwindet. Jetzt reicht‘s! Ich sehe auf Mama, die weiter isst und die ganze Zeit interessiert zuhört. Ihre Miene ist ausdruckslos.
Jörn prustet und verschluckt sich beinahe, weil er sich den Mund bis zum Anschlag vollgestopft hat. Jörni ist erst in der fünften Klasse, und er macht brav alle Hausaufgaben und übt für Klassenarbeiten. Das ist doch nicht normal, oder? Ich werfe ihm ein Stück Brotrinde an den Kopf, aber das bringt ihn nur dazu, noch lauter zu lachen. Er läuft rot an und hustet. Ich will mal nicht so sein. Kollegial klopfe ich ihm auf den Rücken, bis er wieder ruhiger atmet. Ich kann meinen Bruder schlecht ersticken lassen.
„Mann Alena, nicht auf den Rücken klopfen“, belehrt er mich, „sondern auf die Brust. Das weiß doch jedes Kind.“ Er grinst.
Warum muss ausgerechnet ich so einen neunmalklugen Bruder haben? Wir mögen uns trotzdem. Meistens.
Paps steht vom Tisch auf. „Ich hole was“, sagt er geheimnisvoll und verschwindet in der Diele. Mit einer blaugelben Broschüre kommt er zurück. Auf dem Deckblatt steht in fetten schwarzen Buchstaben „Eurojumelages.“ Papa reicht mir das Heft und nickt mir auffordernd zu. Ich schlage die Broschüre auf.
„Das ist so“, erklärt Papa, „vor Jahrzehnten haben Mitarbeiter der deutschen und französischen Post diesen Verein gegründet. Ich bin auch Mitglied.“ Er lächelt stolz. „Da könnte ich dich für einen Ferienjob anmelden.“
Ich überfliege den Text, verstehe ihn aber nur aufgrund der Erklärungen meines Vaters. Dass es so einen Verein gibt – und dass Paps dort Mitglied ist – davon hatte ich null Ahnung.
„Du hast nie Interesse gezeigt, nach Frankreich zu wollen. Außerdem warst du mir bis jetzt zu jung dafür. Wäre das was für dich?“
Mir bleibt die Luft weg. Ich schlucke und drehe mich zu Mama. Was hält sie davon? Sie nickt nur lächelnd. Anscheinend hat sie mit Papa schon längst darüber gesprochen. Fies! Andererseits … wäre das was für mich? Paris! Eiffelturm, Champs Elysées, Métro fahren … Wir waren letztes Jahr mit der Schule dort, und ich war von der Stadt hin und weg.
„Meint ihr wirklich, ich sollte sowas machen?“ Ich merke, wie die Nervosität dieses dämliche Honigkuchenpferd-Grinsen in mein Gesicht prägt. Wie ich das hasse! Immer, wenn ich so richtig nervös bin, bekomme ich ein so selten doofes Gesicht, dass ich am liebsten flüchte, damit es keiner bemerkt. Aber jetzt brauche ich nicht zu flüchten. Meine Familie kennt mein beschissenes Alena-ist-nervös-Grinsen.
„Beachten Sie dieses zauberhafte Lächeln!“ Das musste ja kommen. Großspurig hält Jörn beide Hände in meine Richtung, als wolle er ein Weltwunder präsentieren. Schade, dass ich kein passendes Wurfgeschoss mehr habe.

* * *

An diesem Abend sitzen wir noch lang am Tisch und unterhalten uns über den Vorschlag vom Brauer. Paps spricht von einer „einmaligen Chance“.
„Nein, einmalig ist die Chance nicht. Nächstes Jahr könnte sie es immer noch machen“, mischt sich zum ersten Mal Mama ein. Also hat sie nicht ganz vorbehaltlos zugestimmt.
Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll und überlege hin und her. Schon seit Jahren erledige ich meinen Kram allein. Das hängt damit zusammen, dass Mama ihre Arbeit hat und Jörn und mir deshalb vieles überlässt. Außerdem will ich wirklich Französisch studieren. Wieder muss ich grinsen. Doch, ja, das könnte was für mich sein.
Ferienjobs hatte ich schon in den letzten beiden Jahren. Das hat Spaß gemacht und war ganz ordentlich bezahlt. Das Geld steckte ich in meine große Leidenschaft – das Klavierspielen. Partituren sind nicht billig.
„Ich glaube, da möchte ich wirklich hin“, sage ich. Plötzlich bin ich nicht mehr nervös. Im Gegenteil. Ich freue mich auf ein Abenteuer!
„Wunderbar!“ Paps klatscht in die Hände.
Am nächsten Morgen halte ich Papa den ausgefüllten Antrag hin. Als Wunschort habe ich Paris eingetragen. Natürlich. Meine Hände zittern, genauso wie gestern Abend. Paps nickt. „Ich bin gespannt!“
Und ich erst …

* * *

„Juliane, stell dir vor, ich habe mich für einen Ferienjob in Frankreich beworben!“, schleudere ich meiner Freundin entgegen, kaum dass ich das Gartentürchen erreiche. Wie jeden Tag hole ich sie für die Schule ab.
Juliane lächelt. „Cool! Wie das?“
Unterwegs erzähle ich ihr, wie es zu der Bewerbung gekommen ist. Sie klopft mir auf die Schulter. „Superb!“
„Was ist superb? Worüber sprichst du, Schneckchen?“ Juliane zuckt zusammen, als sie Hendriks Stimme hört. Sie winkt knapp, dann verschwindet sie.
Er kommt heran und legt den Arm um meine Schultern. „Hallo, Süße.“
Ich schiebe den Kopf vor, ziehe meine Haare heraus und lasse sie über seinen Unterarm fallen. Er mag das. Und mir gefällt die Vorstellung seines muskulösen Arms unter meinen Haaren. Noch mehr gefällt mir sein Oberkörper, dessen kantige Konturen ich spüre.
Juliane meinte letztens, Hendrik gehe nur mit mir, weil ich auf seiner Abschussliste stünde. Außerdem betrachte er mich als passendes Accessoire. Na ja, ich habe ihr diese Dummheit verziehen.
Ich strahle ihn an, er neigt den Kopf, um mich zu küssen. Wie immer stelle ich mich dämlich an und erwische seinen Mundwinkel. Seine Lippen fühlen sich rau an. Sollten sie nicht weich sein?
„Sag, was findet deine Freundin superb?“
Er sieht mir tief in die Augen. Mein Herz hüpft. Begeistert erzähle ich ihm von meiner Bewerbung. Er zieht den Arm von meinen Schultern und tritt einen halben Schritt zurück. Seine Augen werden noch schwärzer als sie ohnehin sind.
„So.“ Er verschränkt die Arme vor der Brust. „Na, du musst selbst wissen, was du willst … Hallo Kevin, warte auf mich.“
Der Angesprochene, einer von Hendriks Sportsfreunden, dreht sich um. Hendrik eilt zu ihm und läuft mit ihm die Treppe zum Schulgebäude hoch. Ich starre ihm hinterher. Was war das denn?
Bestimmt ist er traurig, weil ich für einige Wochen weg sein werde, sage ich mir. Das ist doch im Grunde ein gutes Zeichen.
Trotzdem fühle ich mich mies.