Angeline Bauer - Angst überwinden und stark sein

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Inhaltsangabe

Märchen sind keineswegs nur für Kinder gedacht und weit mehr als spannende Geschichten. Sie schenken Trost und sind weise. Wer sich auf Märchen einlässt und tiefer blickt, findet in ihnen Antworten auf Lebensfragen, Konfliktlösungen und Kraft zum Gelingen des Lebens.

In ‚Angst überwinden und stark sein‘ lernt der Leser anhand von Märchen die verschiedenen Facetten der Angst kennen. Die Helden der Märchen, die Angeline Bauer im vorliegenden E-Book tiefenpsychologisch deutet, nehmen den Leser an der Hand, erleben und erleiden für ihn und mit ihm allerhand Geschicke, die hier zu Lehrstücken werden., und geben somit Hilfestellung zur Angstbewältigung.

Ein interessantes und lehrreiches Buch zum Umgang mit der Angst.

Leseprobe

EINFÜHRUNG
Über die Angst
Angst, Furcht, Panik, Phobie - Was ist der Unterschied?
Körperliche Symptome der Angst
Woher rührt die Angst?
Vom Umgang mit der Angst

Kinder und Angst
Kinder und das Gespenst unterm Bett
Das Spiel mit der Angst
Heilende Kräfte im Märchen
Kinder und der kreative Umgang mit Märchen
Märchen kontra Kindergeschichten

Es war einmal - mein Lieblingsmärchen
Märchengestalten und ihre symbolische Bedeutung

MÄRCHEN UND IHRE BESONDERE BEDEUTUNG FÜR EIN GELINGENDES LEBEN

Peter-ohne-Furcht
Häschenbraut
Märchen von der Unke
Die Ratte, die sich in die Fledermaus verwandelte
Die Abenteuer des Schusters
Die fünf Gespenster
Joschinaris Kampf gegen die Angst
Die ewige Angst der Frauen
Percht
Der Neid und die Macht der Angst
Die Hirtenflöte
Die kluge Else
Verzweifelte Angst in einer lebensbedrohlichen Situation
Geschichte des Gefangenen, den Gott befreite
Der Rabbi, der auf Gottes Hilfe wartete

NACHWORT
Anhang
Weitere Märchen zum Thema
Quellen
Literatur


Über die Angst

Angst ist ein elementares Gefühl, und jeder Mensch, jedes Lebewesen kennt sie. Sie begleitet uns von unserer Geburt bis zu unserem Tod, und auch wenn sie uns nicht immer bewusst ist, so ist sie doch da, kann durch einen Schrecken jederzeit ausgelöst werden und ihre Wirkung tun.
Angst hat verschiedene und oft auch ganz gegensätzliche Seiten. Sie ist gekoppelt an den Überlebensinstinkt, der überhaupt nur funktioniert durch die Angst. Somit warnt sie vor Gefahren, schützt vor Unbedachtheiten und lässt uns achtsam und vorsichtig sein. Angst macht uns »klein«, wenn wir feige sind und behindert uns, wenn wir sie nicht überwinden, sie kann uns aber auch Intensität geben. Sie fördert die Kreativität, weil sie uns zwingt, ei-nen Ausweg zu suchen. Sie lähmt, macht unfähig zu reagieren. An anderer Stelle gibt sie einem vielleicht aber die Kraft, über sich hinauszuwachsen. Angst macht krank, zerstört, führt in die Isolation, verbindet aber auch, überwindet Grenzen und gibt den Impuls zur Fortentwicklung. Doch es gibt auch einen lustvollen Aspekt der Angst - wir kennen ihn als »Nervenkitzel« - der manchen von uns dazu verleitet, Gefahrenmomente bewusst her-beizuführen.
Angst tritt immer dann auf, wenn wir in eine Situation geraten, die uns überfordert, der wir uns (noch) nicht gewachsen fühlen. Lassen wir uns trotzdem auf diese Situation ein und geben uns so die Möglichkeit zu erfahren, dass wir die Kraft haben, sie zu meistern, nehmen wir die Angst also an und setzen uns mit ihr auseinander, können wir uns weiterentwickeln und werden an ihr ein Stück reifen. Versuchen wir aber der Angst auszuwei-chen oder sie zu unterdrücken, werden wir in unserer Entwicklung stehen bleiben und in Abhängigkeiten verharren.
Unser ganzes Leben ist von Angstschwellen gepflastert, die überwunden werden müssen. Jedem Reifungsschritt ging Angst voraus, denn alles was wir noch nicht kennen oder können überfordert uns ein Stück weit. Schaffen wir es nicht, die Angst mit Mut anzupacken, bleiben wir auf der Strecke.
Ein ganz einfaches Beispiel geben drei Geschwister, die schwimmen lernen wollen. Zwei vertrauen sich trotz ihrer Angst einem Lehrer an, überwinden sie und haben bald Spaß daran, miteinander im Wasser herumzutollen oder vom Brett zu springen und malen sich aus, wie schön es sein könnte, nun auch noch Segeln oder Wasserski fahren zu lernen. Das Dritte verharrt aber in seiner Angst vor dem Wasser und verweigert das Schwimmenlernen. Darum kann es nicht an den Spielen der Geschwister teilnehmen, wird als Hasenfuß verlacht und zum Außenseiter. Aber nicht genug damit, unter Umständen kann das Nicht-schwimmen-lernen-Wollen sogar den Tod mit sich bringen, nämlich dann, wenn das Kind ins Wasser fällt und niemand da ist, der es retten könnte.
Dieses Bild vom Schwimmenlernen ist eine Metapher, die wir auf unser ganzes Leben übertragen können. Nicht die Angst schadet uns, sondern das Verharren in ihr.

Angst, Furcht, Panik, Phobie -
Was ist der Unterschied?

Unser Wort Angst stammt vom lateinischen Wort angustus ab, was so viel bedeutet wie eng, schmal. Die Psychologen verstehen unter Angst einen starken, unlustgetönten Affekt, der entweder bei drohender tatsächlicher oder vermeintlicher Gefahr anfallartig über uns hereinbricht oder als quälender, grundloser Dauerzustand ohne bestimmtes Objekt auftritt.
Auch das Gefühl der Furcht bezieht sich auf tatsächliche oder vermeintliche Bedrohung, im Gegensatz zur Angst ist sie aber objektbezogen und verbunden mit der Tendenz zu Flucht oder Abwehr.
Genau genommen haben wir also Angst zu versagen, aber wir fürchten uns vor großen schwarzen Hunden. Im Sprachgebrauch werden diese beiden Begriffe jedoch nicht so genau getrennt, darum werde ich in meinen weiteren Ausführungen durchgehend den Begriff Angst verwenden.
Steigert sich die Furcht oder Angst zur Neurose, spricht man von Phobie. Das Wort Phobie kommt aus dem Griechischen und kann mit Angst oder Scheu übersetzt werden. Benutzen wir es im Sinne von Abneigung oder Ablehnung, sprechen wir zum Beispiel von einer Anglophobie und meinen damit die Ablehnung alles typisch Englischen. Mit dem Wort Phobie bezeichnen wir aber auch eine neurotische Fehlhaltung, die durch bestimmte Lebewesen, Orte, Objekte oder Situationen ausgelöst wird. Dann sprechen wir zum Beispiel von Klaustrophobie oder einer Spinnenphobie und meinen damit eine von Panik bestimmte Angst, die in engen Räumen auftritt oder die durch eine Spinne oder auch nur durch das Betrachten eines Fotos von ihr ausgelöst werden kann.
Von Bakterien über Gewitter bis hin zu Katzen - es gibt kaum etwas, das nicht zum Objekt einer Phobie werden kann.
Angstobjekte sind aber meist nur vorgeschoben, um der Angst einen Gegenstand zu geben und sie damit erträglicher zu machen. So könnte zum Beispiel die phobische Angst vor Schlangen in Wahrheit eine Angst vor Sexualität sein.
Die Psychoanalyse führt alle Angst auf die Angst vor Verlust der geliebten Person zurück und verbindet das mit dem Geburtstrauma, also der Trennung von der Einheit mit der Mutter. Angst gilt außerdem als Konfliktsignal und ist Kennzeichen aller Neurosen.
Angst ist das Grundgefühl der endogenen Depression. Beim Grundgefühl von Psychosen ist die Angst aber nicht klar von der Furcht zu trennen.
Die Steigerung von Angst hin zur Panik findet, wie übrigens alle Angst, hauptsächlich im Denken statt. Dabei handelt es sich meist um Angst vor der Angst, die sich langsam entwickelt hat. Aber auch eine plötzlich auftretende übersteigerte Angst, kann zur Panik werden.
Panik führt oft zu unüberlegten Fluchtreaktionen. Wo Massenpanik eine Katastrophe ausgelöst hat, beklagen wir die meisten Toten im Allgemeinen durch solche Fluchtreaktionen und nicht durch das auslösende Ereignis selbst.

Woher rührt
die Angst?

Angst ist zum Teil in den Genen verankert, zum größeren Teil aber haben wir sie im Verlauf unseres Lebens »erworben«. Es gibt praktisch nichts, wovor wir nicht Angst entwickeln könnten. Schon ein kleiner, harmloser Käfer kann manchen in Panik versetzen, andere wiederum haben Angst vor Pferden, dunklen Räumen, einer bestimmten Krankheit oder vor Menschenansammlungen.
Vor allem Vorbilder wie Eltern, Geschwister, Freunde, Lehrer usw. übertragen Ängste auf Kinder. Oft geht das sehr subtil.

Beispiel: Ein Erwachsener führt sein zweijähriges Kind auf der Straße an der Hand. Plötzlich kommt ein Hund aus einer Einfahrt. Der Erwachsene reißt das Kind auf seinen Arm und bleibt wie erstarrt stehen. Er sagt zum Kind: »Das ist ein braver Hund!«, aber das Kind spürt ganz genau die Angst des Erwachsenen. In Zukunft wird das Kind wahrscheinlich ebenfalls Angst vor Hunden haben und die Aussage »das ist ein braver Hund« im Umkehrsinn verstehen - nämlich »Hund ist böse«. So lernen wir Angst zu haben vor Din-gen oder Situationen, die wir tatsächlich nie als gefährlich erlebten, und trotzdem sind wir im Innersten von ihrer Gefahr überzeugt.

Wir lernen aber auch durch eigene Erfahrungen. Ein Kind, das sich an einer heißen Herdplatte verbrannte, wird in Zukunft vorsichtig mit Herdplatten sein - und es wird seine Ängste vermutlich nun seinerseits weitergeben. Vielleicht sagt es: »Heiß!«, wenn die Mutter am Herd hantiert und ist ängstlich besorgt, dass sie sich verletzen könnte.
Spinnen wir die Geschichte von der heißen Herdplatte weiter, um aufzuzeigen, wie weitgreifend so eine negative Erfahrung unser Leben bestimmen kann:
Das Kind ist noch zu klein, um den Unterschied zwischen einer heißen (gefährlichen) und einer kalten (ungefährlichen) Herdplatte zu erkennen. Nun hat es grundsätzlich vor allen Herdplatten Angst und zusätzlich auch noch vor allem, was rund, flach und schwarz ist und darum einer Herdplatte gleicht.
Damit aus dieser an sich sinnvollen Angst vor einer heißen Herdplatte keine neurotische Angst wird, muss der Erwachsene dem Kind den Unterschied zwischen heiß und kalt erklären, ihm zeigen, dass man die kalte Platte durchaus anfassen kann, wie man gefahrlos herausfinden kann, ob eine Herdplatte heiß ist und wie man sehen kann, ob der Herd ausgeschaltet ist. Das heißt, der Erwachsene beschäftigt sich mit dem Kind und redet mit ihm über die Gefahr, so dass das Kind sie einschätzen und mit ihr umgehen lernt.
Eine andere mögliche Reaktion des Erwachsenen wäre, das Kind laut zurechtzuweisen: »Siehst du, das kommt, weil du nie folgst!« und dem Kind zu verbieten, sich in Zukunft dem Herd zu nähern. Der Herd würde für das Kind »gefährlich« bleiben, es würde nicht lernen, mit der Gefahr umzugehen und es würde Kausalverbindungen zwischen Herd, Gefahr und Strafe herstellen. Ein paar Jahre später hätte das Kind dann auf der intellektuellen Ebene zwar verstanden, dass der Herd nicht gefährlich ist und wir ihn zum Kochen unbedingt brauchen, doch im Innersten würde die Angst weiterbestehen. Sie würde sich dann aber vielleicht gar nicht mehr als Angst vor einem Herd äußern, sondern wäre auf ein Ersatzobjekt verschoben, mit dem das Kind nicht täglich und unausweichlich konfrontiert sein würde. Es könnte zum Beispiel eine »unerklärliche« Furcht vor offenem Kaminfeuer haben und sich sträuben, ein Haus zu betreten, in dem so ein Feuer brennt.
Sicher, das Beispiel von der Herdplatte hinkt ein wenig, weil es gar so simpel ist. Andererseits ist gerade darum leichter zu verstehen, was gemeint ist.
Stellen wir uns einen diffizileren Fall vor. Ein zehnjähriges Mädchen - nennen wir es Karin - wurde missbraucht. Weil sie das Erlebnis nicht verarbeiten konnte, musste Karin es verdrängen. Jahre später hat sie dann »vergessen« (verdrängt), was passiert ist, aber gleichzeitig zeigt sie eine »unerklärliche« Angst vor Schlangen. Schon ein Foto versetzt sie in heftige Panik. Niemand versteht das, weil Karin doch nie ein negatives Erlebnis mit einer Schlange gehabt hatte und es auch keinen anderen in der Familie gibt, der Angst vor Schlangen hat.
Der »Trick« mit der Objektverschiebung hilft Karin, zu überleben. Sie hat ihre nicht verarbeitete Angst an ein vergleichsweise harmloses Ersatzobjekt geheftet. Harmlos, da es leicht vermeidbar ist. Die Gefahr in einer deutschen Stadt auf eine Schlange zu treffen, ist für Karin äußerst gering, mit Männern hingegen muss sie leben.