Angeline Bauer - So finde ich mein Glück

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Inhaltsangabe

Märchen sind nicht nur nette Gutenachtgeschichten für Kinder. Ganz im Gegenteil - einst wurden sie von Erwachsenen für Erwachsene erzählt. Mehr oder weniger symbolisch verschlüsselt handeln sie immer von allgemeingültigen Problemen, die das Leben in irgendeiner Weise beeinflussen. Durch die intensive Beschäftigung mit einem Märchen, dessen Deutung und Entschlüsselung der enthaltenen Botschaften, ist es möglich, sich schrittweise den eigenen Problemen und deren Bewältigung zu nähern.

Leseprobe

Inhalt

Glück - was ist das?
Über die Unzufriedenheit
Kinder und Jugendliche und das Thema Glück
Über die Angst zu versagen
Die heilende Kraft im Märchen
Glück hat seine Zeit
Vom Hans im Glück und der Leichtigkeit des Seins

Märchen und ihre besondere Bedeutung
für ein gelingendes Leben

Der Jäger im Glück

Das Glückskind und das Unglückskind
Wir suchen, was wir kennen

Prinzessin Unglücklich
Zwei Prinzessinnen im Unglück
Prinzessin Unglücklich und die drei Schwestern
Im Haus der Krämerin und bei der Amme
Nähren und Pflegen
Der neue Name und die Heirat mit dem Fürsten
Der Traum vom vermeintlichen Glück

Die drei Gaben

Die glückliche Familie

Hans und Herr Kluck
Zum Glück gehört die Demut
Vorn Glück durch den Glauben

Vier Rabbiner im Siebten Himmel

Goldener
Vom langen Weg, ein König zu werden
Vom Mythos der romantischen Liebe und der Hoffnung, durch sie das Glück zu finden
Märchenhafte Liebe
Glück durch die Liebe

Die Geschichte vom tölpelhaften Mann

Der unglückliche Hirte

Eine kleine Übung, uns selbst glücklich zu machen

Vom Felsenadler, der versuchte, eine Blaufußente zu werden

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Glück-
was ist das?

Fragt man einen erfolgsorientierten Mitteleuropäer was er unter Glück versteht, wird die Antwort ganz anders ausfallen, als die eines australischen Buschmannes oder eines hinduistischen Mahanten (heiliger Lehrer). Die Definition von Glück orientiert sich immer auch an der Gesellschaft. Es hätte wohl wenig Sinn, einem deutschen Manager oder einem englischen Börsenmakler einzureden, dass glücklich nur der sein kann, der sich allen weltlichen Zwängen entzieht. Sofern er nicht ohnehin schon beschlossen hat, sich von seinem bisherigen Leben abzuwenden und in ein Kloster zu gehen, würde er über solche Ratschläge wohl höchstens den Kopf schütteln.
Um einen passenden Modus für sein Glück zu finden, ist es darum zweckvoller, nach Wegen zu suchen, das Äußere (Gesellschaft, soziale Anforderungen) und sein persönliches Inneres (Persönlichkeit, Wünsche, Begabung) aufeinander abstimmen zu können.
Was ist also Glück, hier bei uns, in unserer Gesellschaft?
Der Umfrage einer populären deutschen Zeitschrift zufolge wird Glück von den meisten Menschen mit Erfolg gleichgesetzt. Auch Glück und Geld, Glück und Liebe, Glück und Gesundheit werden oft in einem Atemzug genannt. Nicht mehr ganz so oft wird Glück mit Kindern in Verbindung gebracht, danach folgen ganz persönliche Wünsche und Hoffnungen, z. B. eine bestimmte Reise, jemanden wiedersehen oder Ähnliches.
Auch die Wissenschaft hat Antworten auf die Frage nach dem Glück parat. Bittet man einen Physiologen zu erklären, wie Glücksgefühle im Körper entstehen, wird er sich vermutlich so oder so ähnlich äußern: »Unser Gehirn stößt bestimmte Stoffe aus - wir könnten sie auch körpereigene Drogen nennen - die an Nervenzellen andocken und sich dann über einen langen Weg ins Bewusstsein vorarbeiten.«
Hier einige der wichtigsten Stoffe die glücklich machen und was sie bewirken:
Adrenalin und Notadrenalin - das sind sogenannte Stresshormone, die körperlich und psychisch aktivieren.
Dopamin - diesen Stoff benötigen wir vor allem für die Bewegungssteuerung, er beflügelt aber auch die Fantasie und weckt so die Kreativität.
Endorphine - sie stillen Schmerzen und treiben das Stimmungsbarometer nach oben. Im molekularen Aufbau ähneln sie dem Morphium.
Oxytocin - löst die Geburtswehen und den Milchfluss aus und steigert die sexuelle Lust.
Östrogen, Gestagen (weibliche Sexualhormone), und Testosteron (männliche Sexualhormone) - sie bewirken u. a. die Bildung der Brust oder des Bartwuchses.
Serotonin - dieser Stoff wirkt an vielen verschiedenen Stellen im Gehirn, steuert den Schlaf-Wach-Rhythmus und sorgt für Ausgeglichenheit und innere Ruhe. Im Volksmund wird das Serotonin auch »Glückshormon« genannt.
Tryptophan - diesen Eiweißbaustein, aus dem der Körper Serotonin bildet, nehmen wir über die Nahrung auf.
Vasopressin (auch ADH genannt) - erhöht den Blutdruck und reguliert die Flüssigkeitsausscheidung des Körpers.

Über die
Unzufriedenheit

Jeder will glücklich sein. Aber fragt man Leute: »Bist du glücklich?« bekommt man allzu oft Klagen zu hören. Dabei geht es meist um Stress am Arbeitsplatz, um Geldsorgen, um Krankheit in der Familie oder darum, dass keine Zeit mehr für sich selbst bleibt. Und auch dann, wenn alles »irgendwie« stimmt, könnte es doch immer noch ein bisschen besser sein!
Unzufriedenheit hat sich zu einer Art »elementaren Grundgefühls« unserer Gesellschaft entwickelt, das uns antreibt, immer mehr zu wollen, zu leisten und zu verbrauchen. Natürlich weiß man, dass auch dieses wie alles im Leben, zwei Seiten hat. Einerseits ist Unzufriedenheit der Motor, der das Wirtschaftswachstum ankurbelt und sowohl in Technik und Forschung als auch im privaten Bereich Neues entstehen lässt. Andererseits verursacht Unzufriedenheit aber auch eine ganze Menge Verbitterung, denn nichts lässt Glück so sehr scheitern wie ein unzufriedenes, freudloses Herz.
Dass so viele Menschen in unserer Gesellschaft »das Glück verloren haben«, hat vor allem einen Grund - die äußeren Dinge, also materieller Wohlstand und Karriere, sind uns wichtiger geworden als die inneren, wie Persönlichkeit, Liebe, Freundschaft und Vertrauen.
Um diese äußeren Dinge zu erreichen, hat man uns oft schon von klein an darauf getrimmt, mit Ellenbogen zu kämpfen, Macht anzustreben und notfalls sogar »über Leichen zu gehen«, oder man hat es versäumt und uns damit dem Frust ausgesetzt, in unserer leistungsorientierten Gesellschaft immer nur die mittleren und hinteren Plätze einzunehmen.
Ein anderer Grund zum Unglücklichsein kann das Fehlen eines Zieles sein. Wer keinen Plan hat, kann ihn auch nicht verwirklichen. Er wird auf der Suche nach »seiner Insel« vielleicht ewig »auf dem großen Meer umherfahren«, ohne sie je zu finden, obwohl er schon etliche Male an ihr vorbeigekommen ist. Zwar lässt sich das Leben nicht fest verplanen und das Schicksal nicht in die Knie zwingen, aber ohne Ziel wird der Weg allzu leicht zum Irrweg.
Doch auch die Zielsetzung birgt wiederum Gefahren in sich. So manch einer lässt sich, mehr als ihm bewusst ist, von den Medien beeinflussen. Filme, Zeitschriften, Werbung und das aufgebauschte Leben von Prominenten bestimmen unsere Wünsche und Wertvorstellungen, und so setzen wir uns oftmals völlig unrealistische Ziele, die nie erreicht werden können und leben in einer Traumwelt, die kaum noch etwas mit der Realität gemein hat.
So hat sich eine junge Frau aus dem Bekanntenkreis einer Klientin zu Tode gehungert, weil sie als klassische Tänzerin scheiterte und den Grund dafür nicht in den Grenzen ihrer Begabung suchte, was das wirkliche Problem war, sondern in eingebildeten Figurproblemen. Hätte sie die Grenzen ihrer Begabung vor sich zugegeben, hätte sie von ihrem Traum, eine berühmte Solistin zu werden, Abschied nehmen müssen. Solange sie aber »überflüssigen, Pfunden« dafür die Schuld gab, konnte sie an ihrem Ziel festhalten; sie musste ja nur so lange hungern, bis sie endlich schlank genug sein würde, um ein Soloengagement an einem großen Opernhaus zu bekommen.
Gerade dieses absurde Beispiel - absurd, denn schließlich kann eine junge Frau von 1,67 Metern Größe mit anfangs 58 Kilo, später 50, 45 und schließlich nur noch 39 Kilo nicht zu dick sein - zeigt, wie weit Illusion und Wirklichkeit auseinander klaffen können, und wie wenig solch eine Traumwelt noch mit logischer Wahrnehmung zu tun hat.
Diese junge Frau war mit allem ausgestattet, was Grund und Boden für ein glückliches Leben hätte sein können. Sie war gesund und schön, ihre Eltern waren begütert, sie hatte Fantasie, war intelligent und gebildet und sehr musikalisch. Sie hatte das Zeug, Choreographin, Musiklehrerin, Stepp- oder Musicaltänzerin zu werden, aber für das klassische Fach an einem großen Opernhaus reichte es einfach nicht aus.
Wenn das eigene Vermögen und das gesetzte Ziel zu weit auseinander klaffen ist das Scheitern vorprogrammiert. Ängste, Dauerstress und Depressionen sind die Folge. Voraussetzung für das Finden des Glücks sind darum neben der Besinnung auf innere Werte auch das klare Definieren von Zielen und die Anpassung dieser Ziele an die eigenen Fähigkeiten und die eigene Persönlichkeit.
(...)
Der unglückliche Hirte

Es war einmal ein Sudanese, der hütete die Kamele seines Herren. Aber sein Herr hatte ihm nichts zu Essen mitgegeben, darum hatte er immerzu Hunger. Eines Tages jedoch fand er an einer verlassenen Feuerstelle gekochten Brei und etwas Brot. Dazu fing er eine Gazelle und fand auch noch ein Straußenei. Die Gazelle legte er unter den Milchtopf, das Straußenei da-neben, dann sah er alles an und dachte so bei sich: »Wer kann bloß so viel essen?«
Im selben Moment stand ein weibliches Kamel auf, das sich zuvor niedergekniet hatte. Der Hirte nahm den Milchtopf, unter dem die Gazelle lag, um das Kamel zu melken. Da sprang die Gazelle auf und lief davon. Der Hirte nahm das Straußenei und warf damit nach dem flüchtenden Tier, aber er verfehlte es, und das Ei zerbrach an einem Stein. Inzwischen hatte das Kamel die Milch ausgetrunken, das Brot und der Brei waren verbrannt, und der unglückliche Hirte hatte wieder nichts zu Essen.
Afrikanisches Märchen

»Der Ärmste ist vom Pech verfolgt«, könnte man sagen, »das Schicksal stand gegen ihn!« Aber wer genau hinsieht, wird feststellen, dass er selbst es war, der für sein Pech gesorgt hat.
Das Unglück fing mit dem Gedanken an: »Wer kann bloß so viel essen?« In diesem Moment hat er ganz tief drinnen beschlossen, das, was ihm »zugefallen« ist, nicht anzunehmen. »Es ist zu viel für mich, ich verdiene es nicht, ich will lieber weiterleiden«, mag sein unbewusstes »Programm« lauten. Und er ließ die Gazelle laufen, warf das Ei kaputt, ließ den Brei anbrennen. Hätte er das, was ihm das Schicksal zugeführt hat, wirklich annehmen wollen, hätte er gedacht: »Ich danke Gott für dieses Glück und esse so viel ich kann!« - und alles wäre anders gekommen.
Nicht annehmen können trennt uns vom Glück. Menschen, die in ihrer Kindheit die Erfahrung gemacht haben: »Es ist nicht genug für mich da!«, werden unter Umständen diese Erfahrung als »Programm« speichern und dieses Programm später immer wieder abspulen. Es ist ein unbewusster Vorgang, was die Sache entsprechend verschlimmert. Würde dieser Mensch einer Therapie folgen, wäre der erste und wichtigste Schritt des Therapeuten, seinem Klienten bewusst zu machen, dass es ein solches Programm überhaupt gibt. Denn erst dann könnte es gelöscht, bzw. durch ein Positivprogramm ersetzt werden.

Eine Frau erzählte einmal folgende Geschichte: Sie wurde als Drilling geboren. Ihre beiden Schwestern hatten jede einen angestammten Platz auf dem Schoß der Eltern; die eine saß immer auf dem Vater, die andere auf der Mutter. Für sie selbst gab es keinen Platz, weil es eben nur zwei Eltern gab, und die Eltern die beiden Schwestern ganz offensichtlich vorzogen. Das jedenfalls war, was sich im Kopf des Kindes abgespielt hatte. Erst als erwachsene Frau, als ihre Mutter einmal zu ihr sagte: »Du wolltest ja nie auf unseren Schoß kommen!«, begriff sie, dass sie selbst es gewesen war, die sich ausgeschlossen hatte. Hätte sie sich einen Platz auf einem Elternschoß ergattert, sobald ihr danach war, niemand hätte sie weggeschickt. Dann wäre eben häufiger getauscht worden oder es hätten auch mal zwei auf einem Schoß gesessen. Aber sie war eben überzeugt davon, als einzige nicht geliebt zu werden und hat sich diese Überzeugung immer wieder bestätigt, indem sie dafür sorgte, keinen Platz auf dem Schoß der Eltern zu haben.
Ein Mann (nennen wir ihn Gerd), der als Programm gespeichert hatte, dass er von allen Frauen verlassen wird, erinnerte sich im Zuge seiner Therapie an folgendes Erlebnis: Als kleiner Kerl, vielleicht drei oder vier Jahre alt, wurde er von seiner Mutter auf den Küchentisch gesetzt, um gewaschen zu werden. Die Mutter hatte eine Schüssel mit warmem Wasser neben ihn gestellt und dann gemerkt, dass sie Waschlappen und Seife vergessen hatte. Also ging sie beides holen. Nun fühlte der Junge sich aber alleine gelassen und wollte seiner Mutter nachlaufen, doch er saß ja auf dem hohen Tisch und konnte nicht runter. Das empfand er, als wäre er in ein Gefängnis gesperrt. Gerd fing an nach seiner Mutter zu rufen und zu weinen, aber sie kam nicht zurück.
Das war, was er »gespeichert« hatte. In Wahrheit blieb seine Mutter aber vermutlich höchstens zwei oder drei Minuten weg, so lange es eben dauert, Waschlappen und Seife zu holen. Dem kleinen Kind, das sich auf dem Tisch gefangen fühlte, erschien das jedoch wie eine Ewigkeit. Als erwachsener Mann war er davon überzeugt, dass Frauen ihn verlassen, und unbewusst tat er alles, um dies wahr zu machen.
Wenn wir das Programm »Ich werde nicht angenommen und geliebt« einmal als feste Konstante abgespeichert haben, werden wir uns, solange wir es nicht durchschauen, mit Menschen umgeben, die uns nicht lieben, bzw. werden wir sie dazu animieren, uns nicht zu mögen, indem wir uns entsprechend verhalten, oder wir werden negative Gefühle in ihr Verhalten hineininterpretieren. Oder hat ein Mann, wie in unserem Fallbeispiel, das Programm gespeichert »Alle Frauen verlassen mich«, wird er unbewusst dafür sorgen, dass sie es tun.
Der Weg aus dieser Falle führt immer über die Bewusstwerdung. Erst als Gerd verstanden hatte, dass sein Programm an dieses Kindheitserlebnis gekoppelt war, konnte er seine Überzeugung nach und nach loslassen und ganz bewusst dafür sorgen, nicht mehr verlassen zu werden: Indem er sich eine Frau suchte, die wirklich zu ihm passte, indem er sich zutraute, eine gute und langanhaltende Beziehung zu führen, und indem er lernte, dass Kritik ihn und die Beziehung nicht grundsätzlich in Frage stellte.