Lina-Sophia Clement (Angeline Bauer) - Tausend Sterne über der Wüste

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eBook

Verlagby arp
ErschienenNovember 2018
ASINB07K6JDNNL
Seitenanzahl120
Preis3,99 €

Inhaltsangabe

Tausend Sterne über der Wüste
Für immer und ewig
Ein Maskenball
Die wahre Braut
Eine heimliche Liebe
In meinem Herzen bist nur du
Das Gute siegt am Ende doch
Emmis Puppe

Acht spannende und zu Herzen gehende Kurzromane aus der Feder der Autorin Lina-Sophia Clement, die von starken Frauen handeln und Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts spielen. Stolz und mutig treten sie allen Widrigkeiten entgegen, die sich ihnen entgegenstellen, kämpfen um ihre Liebe und bieten Macht und Intrigen tapfer die Stirn.

Leseprobe

Lady Jane Ellenborough klopfte an die Wand des Wagens. „Anhalten!“, rief sie dem Kutscher zu.
Er stoppte, machte jedoch keine Anstalten vom Bock zu steigen, um ihr zu helfen. Sie wusste, weshalb er ihr so unhöflich begegnete – eine Frau, die allein reiste, das war hier ungehörig. Aber man würde sich daran gewöhnen müssen! Daran und an vieles mehr. Eine Lady Jane Ellenborough tat wonach ihr der Kopf stand, und ganz gewiss nahm sie keine Rücksichten auf Gepflogenheiten, die ihr unsinnig erschienen.
Aus schwarzen Augen beobachtete er, wie sie sich mit ihren weiten Röcken abmühte und schließlich an den Rand der Straße trat. Die Pferde stampften auf den trockenen Boden, der Staub, den die Kutsche aufgewirbelt hatte, legte sich nur langsam.
Jane zog den Schleier ihres Hutes vor Nase und Mund, ließ dann ihren Blick über die Talsenke schweifen, in der Damaskus lag. Strahlendweiße Häuser drängten sich aneinander, zwischen denen sich hie und da, wie ein kostbarer Edelstein zwischen blankgeputzten Flusskieseln, eine türkisfarbene Kuppel aus dem Häusermeer wölbte. Unzählige Minarette stachen wie Mahnmale in den gleißend blauen Himmel, Palmen, die in den Gärten der Reichen wuchsen, neigten sich wie schützend über die Häuser, um ein wenig Schatten zu spenden.
Lady Jane Ellenborough lauschte den Gesängen der Muezzins, die ein lauer Wind über den Hügel zu ihr herauftrug. „Das ist ein Traum!“, flüsterte sie und griff sich dabei ans Herz, das aufgeregt in ihrer Brust hämmerte. „Mein Gott, wie schön!“
Lange blieb sie so stehen, ehe sie wieder einstieg, um sich als erstes zum britischen Konsul bringen zu lassen.
Im höchsten Maße erstaunt über ihren Besuch, empfing er sie umgehend. Natürlich wusste er, wen er vor sich hatte. Eine Dame aus höchsten englischen Kreisen! Wenn auch dreimal geschieden und darüber hinaus die ehemalige Maitresse eines Bonaparte, eines bayrischen und eines griechischen Königs!
„Mylady“, er küsste ihre Hand und bot ihr Platz an. „Darf ich Euch eine Erfrischung anbieten?“
„Gerne. Über eine Tasse Tee würde ich mich freuen.“ Sie nahm ihren Hut ab und lehnte sich aufatmend zurück. Drei Tage war sie in diesem Wagen gereist, den man nur schwerlich Kutsche nennen konnte. Ihre Glieder schmerzten, sie fühlte sich schmutzig in ihren verstaubten Kleidern und wünschte sich nichts sehnlicher, als ein Bad zu nehmen.
Während ein Beduinenmädchen goldbraunen Tee in feinem englischem Porzellan kredenzte, fragte der Konsul:
„Habe ich recht gehört, Ihr seid hier ohne jegliche Begleitung?“
„Richtig, mein Lieber.“ Sie trank einen Schluck.
„Dann wollt Ihr vermutlich jemandem einen Besuch abstatten?“ Es lebten zurzeit gut ein Dutzend englische Familien in Damaskus – Kaufleute zumeist, aber auch Henry Layard, ein junger Gelehrter, der vorhatte in Ninive Ausgrabungen zu leiten.
„Nein, ich kenne hier niemanden.“ Jane nahm einen zweiten Schluck, stellte dann die Tasse zurück auf den Tisch. „Ich gedenke eine Expedition zu unternehmen – genau genommen drei. Eine gen Osten, eine gen Süden und eine gen Norden.“
Der Konsul wurde blass. „Ganz und gar unmöglich!“, rief er aus. „Nicht alleine! Das kann ich nicht erlauben!“
Jane lächelte milde. „Natürlich nicht alleine. Unter Begleitung eines Führers, eines Einheimischen. Ich denke, es wird Euch möglich sein, den passenden Mann für diese Aufgabe zu finden.“
„Das meinte ich nicht. Natürlich könnt Ihr keinesfalls ohne Führer durchs Land reisen. Ich meinte nicht ohne eine Reisegesellschaft, Mylady.“
Lady Jane hob die Augenbrauen und sah den Konsul entsetzt an. „Auf gar keinen Fall werde ich mich irgendeiner Gruppe anschließen, verehrter Herr Konsul! Ich bin es gewohnt, selbst zu bestimmen, welche Richtung ich nehme und was ich mir ansehe. Natürlich bin ich bereit, für einen ortskundigen Führer und eine Patrouille gutes Geld zu bezahlen.“
Heftig schüttelte der Konsul den Kopf. „Mylady, mit Verlaub, Ihr könnt die Gefahren nicht einschätzen! Es ist ein Leichtes, einen Scheich aufzutreiben, der einwilligt Euch mit seinen Leuten durch die Wüste zu begleiten. Doch leider gilt sein Wort so viel wie das eines Halsabschneiders. Noch bevor er hier eintrifft, um mit Euch einen Vertrag auszuhandeln, hat er sich bereits mit einem anderen Stamm verabredet, einen Überfall auf Euch zu inszenieren!“
Jane winkte ab. „Das mag sich bei einer Reisegruppe lohnen, aber was will er einer einzelnen Frau schon groß abnehmen? Schmuck und Geld lasse ich selbstverständlich in Ihrer Obhut.“
„Es geht nicht um das, Mylady, was Ihr bei euch tragt! Man wird Euch als Geisel nehmen und Lösegeld fordern. Und glaubt mir, eine Gefangenschaft an einem unauffindbaren Ort in der Wüste ist kein Abenteuer, und selbst bei Zahlung der Forderungen ist es höchst ungewiss, ob Ihr lebend in die Zivilisation zurückkehren werdet.“
Der Konsul hatte sich so sehr in Rage geredet, dass sein Gesicht die Farbe eines gekochten Flusskrebses angenommen hatte. Jane war nicht die erste Person, die vor ihm erschien und solche haarsträubenden Wünsche vorbrachte, doch sie war die erste Frau. Für gewöhnlich handelte es sich um Männer, die von Abenteuerlust gepackt waren, oder solche wie der junge Henry Layard, der sich in den Kopf setzte, Ninive und seine Überreste auszugraben.
„Sehr verehrter Herr Konsul, ich verstehe, dass Sie mir abraten, denn das ist vermutlich Ihre Pflicht. Und ich sehe auch, dass Sie sich ernsthaft Sorgen um mich machen. Nichts desto trotz werde ich diese Reise unternehmen – mit oder ohne Ihre Hilfe.“