Annika Dick - Codename Nike

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Taschenbuch

VerlagOldigor Verlag
ErschienenSeptember 2014
ISBN-103945016355
ISBN-139783945016350
Seitenanzahl324
Preis13,90 €

eBook

VerlagOldigor Verlag
ErschienenAugust 2014
ASINB00MH3M1FK
Seitenanzahl324
Preis4,99 €

Inhaltsangabe

Ein missglücktes Genprojekt der Einrichtung OLYMPUS ließ Soldaten vor Jahrzehnten zu Vampiren werden. Vor etwa zwanzig Jahren wurde die kleine Nike als Erste in einem weiteren Genprojekt operiert, um gegen diese Vampire kämpfen zu können. Nun muss sie nicht nur feststellen, dass sie selbst sich in eines der Monster verwandelt, die sie jagt, sondern auch, dass Wahrheit und Lüge in ihrem Leben nicht eindeutig sind. Thanos versteckt sich vor OLYMPUS, die ihn vor Jahrzehnten zu einem Elitesoldaten machen wollten und dabei zu einem Vampir machten. Er hat genug damit zu tun, Morde aufzuklären, die von seinesgleichen begangen wurden und kein Interesse daran, Nike in irgendeiner Weise zu helfen, oder sie bei sich aufzunehmen. Er ist sich sicher, weder der gemeinsame Feind, noch der Duft ihres Blutes, könnten ihn umstimmen.

Leseprobe

Prolog

Vor 19 Jahren

Die alten Dielen knarrten unter den schwarzen Stiefeln. Als sie sich in ihrem Versteck zusammenkauerte, hörte sie, wie laut ihr Herz schlug. Die Stimme ihrer Mama drang durch die Schranktür an ihr Ohr. So sicher und stark, dass ihr das leichte Zittern beinahe entging.

»Was du vorhast, ist Wahnsinn.«

Ein Lachen. Nicht die Stimme ihrer Mutter. Die Stimme eines Mannes. Sie kannte ihn nicht.

»Nein, es ist genial!«, widersprach der Fremde.

Sie zog die Schultern ein und schlang die kleinen Arme noch fester um ihre Beine. Durch den Spalt der offenen Schranktür konnte sie nicht viel erkennen. Nur diese schwarzen Stiefel. Sie sah, dass sie sich ihrer Mama näherten, die am anderen Ende des Zimmers stand. Weit weg von ihr. Sie presste die Lippen fest aufeinander, um nicht zu wimmern. Sie hatte ihrer Mutter versprechen müssen, ganz leise zu sein. Der böse Mann sollte sie nicht finden.

»Wir können das Ganze noch friedlich beenden«, meinte die fremde Stimme.

»Ich werde nicht danebenstehen und zulassen, dass du ihr so etwas antust.« Ihre Mutter sprach noch immer mit starker Stimme, doch ein Schluchzen konnte sie nicht mehr unterdrücken.

»Dann soll es so sein.«

Sie hörte, wie ihre Mutter nach Luft schnappte, erwartete, dass sie schreien würde, weinen, toben, so, wie sie selbst es gerade tun wollte. Doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen drangen merkwürdige Laute an ihr Ohr, die sie nicht zuordnen konnte. Angestrengt richtete sie ihre Augen auf den Spalt zwischen den Schranktüren und hielt den Atem an. Ihre Mutter hatte ihr gesagt, es würde alles gut werden. Sie hielt sich an dem Gedanken fest, umklammerte ihn und versicherte sich selber, dass ihre Mama sie nie anlügen würde.

Ein dumpfer Schlag ertönte, als etwas zu Boden fiel. Sie sah es durch den Spalt aus ihrem Versteck heraus, doch sie konnte es nicht begreifen. Da lag ihre Mutter mit weit aufgerissenen Augen auf dem Boden und starrte zu ihr herüber. Wieso sagte sie nichts? Wieso kam sie nicht zu ihr und nahm sie in den Arm, sagte ihr, dass alles gut wäre?

Sie hielt es nicht mehr aus. Sie wusste, dass sie es versprochen hatte, doch in diesem Moment konnte sie sich nicht länger zurückhalten. Sie stieß die Schranktür auf und stürzte auf ihre Mutter zu.

»Mama, steh auf«, bettelte sie und rüttelte an ihrer Schulter. »Bitte, bitte steh auf, sag etwas.«

Ihre Mutter rührte sich noch immer nicht. An ihrem Hals hatte sie eine Wunde. Ein wenig Blut war daran zu erkennen. Als sie in ihre Augen blickte, war darin keine Regung zu sehen. Das Strahlen, das Leuchten, das sie immer in ihnen gesehen hatte, war weg.

»Mama?«

Die Augen ihrer Mutter waren leer. So entsetzlich kalt und leer.

Sie fröstelte. Eine große Hand legte sich schwer auf ihre Schulter. Sie drehte sich um und sah die schwarzen Stiefel neben sich stehen. Langsam hob sie den Blick, um den Mann anzusehen. Er war groß, viel größer als die anderen Männer im Dorf und seine Haut war blasser, genau wie sein Haar. Seine Augen waren leer. Genauso leer und kalt wie die ihrer Mama.

Nein, dachte sie, nicht genauso, sie waren sogar noch kälter und leerer.

Dieser Mann hatte ihrer Mama wehgetan, hatte sie so kalt und leer gemacht.

»Du hast sie totgemacht«, flüsterte sie und sah den Mann mit angstgeweiteten Augen an.

Als sich seine Hand um ihre Schulter schloss, schrie sie, so laut sie konnte. Es war ihr egal, dass ihre Mutter ihr gesagt hatte, sie solle leise sein. Das zählte jetzt bestimmt nicht mehr. Ihre Mutter war tot und der böse Mann war noch da. Sie schrie und schrie, bis alles um sie herum schwarz wurde.

***

»Hast du Angst?« Die Krankenschwester strich ihr über das dunkle Haar und lächelte sie fürsorglich an. So hatte ihre Mutter sie immer angesehen, wenn sie Fieber hatte.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein.« Sie konnte keine Angst haben. Iosif hatte versprochen, sie ganz stark zu machen. So stark, dass ihr niemals jemand wehtun könnte. Und so stark, dass sie das Monster, das ihre Mutter getötet hatte, besiegen konnte. Denn das war er gewesen, der Mann mit den toten Augen. Ein Monster. Iosif hatte es ihr erklärt. Iosif, der sie vor dem Monster gerettet und hierher gebracht hatte. Er hatte gesagt, sie könne bei ihm bleiben, er würde auf sie aufpassen, bis sie auf sich selbst aufpassen konnte. Und dann hatte er ihr von den Monstern erzählt. Sie sahen aus wie Menschen, aber sie waren schlimmer als die Ungeheuer, die in den Schatten neben dem Fenster oder unter dem Bett auf einen warteten.

Vrykólakas, so nannte Iosif diese richtigen Monster. Man erkenne sie nicht sofort, aber wenn sie einem zu nahe kamen, packten sie ihn und bissen ihn tot. Sie tränken Blut, hatte Iosif ihr erzählt und sie hatte sich vor Ekel geschüttelt. Es gäbe viele von ihnen und niemanden, der gegen sie vorginge. Niemanden außer Iosif und seinen Freunden. OLYMPUS nannten sie sich, so wie der Berg, auf dem früher die Götter gewohnt hatten. Sie hatte aufmerksam zugehört, als er ihr das erklärte. Und als er ihr sagte, dass es eine Möglichkeit gäbe, dass sie selbst nie zu einem Opfer dieser Monster werden würde, wollte sie mehr wissen. Er hatte es ihr genau beschrieben, aber da waren so viele fremde Wörter bei gewesen, dass sie sie nicht verstand. Dann hatte ihm Maria geholfen. Maria, die eine Ärztin bei OLYMPUS war. Sie hatte gesagt, dass sie sie operieren müssten. Dabei würde sie schlafen. Und wenn sie aufwachte, würde sie stark sein. Stärker als jeder andere bei OLYMPUS, selbst stärker als Iosif oder die Männer am Tor mit ihren Gewehren. Sie würde sie dann alle beschützen können. Sie hatte gezögert, aber nur kurz. Maria hatte ihr versprochen, dass es nicht schlimm sein würde. Also hatte sie ja gesagt.

»Du bist ein tapferes kleines Mädchen.« Die Krankenschwester strich ihr noch einmal über das Haar, bevor sie ihr eine durchsichtige Maske über den Mund hielt. »Wir haben ja über die Narkose gesprochen, erinnerst du dich? Du zählst jetzt bis zehn und dabei schläfst du ein.«

Und wenn ich wach werde, bin ich stark. Ganz stark, so wie die alten Götter auf dem Berg es waren. Dann kann ich die Monster besiegen.

***

Kapitel 1

Heute

»… erneut eine junge Frau tot aufgefunden. Wie in den vorherigen Mordfällen war die Leiche auch dieses Mal blutleer.«

Lena schaltete den Fernseher ab.

»Siehst du, deswegen muss ich auf die Jagd«, sagte Nike ruhig, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. »Du weißt genauso gut wie ich, dass es nur eine Erklärung für diese Morde gibt. Je schneller ich mich um den Vrykólakas kümmere, der hier in der Gegend ist, desto schneller können die Menschen wieder beruhigt schlafen.« Nike hob die Kaffeetasse an ihre Lippen und blies auf das dampfende Getränk, während sie auf einen weiteren Widerspruch ihrer Mitbewohnerin wartete.

»Du bist krank, lass eine von den anderen gehen. Artemis und Eos sind beide momentan hier, sie könnten die Mission übernehmen.«

»Auf keinen Fall.«

Nike bemühte sich, ruhig zu bleiben. Sie wusste, worum es ihrer Freundin ging, doch sie war kein kleines Kind, das bemuttert werden musste. Seit Jahren machte sie Jagd auf die Monster, die ihr die Mutter genommen hatten. Ihre Kindheit lag lange zurück. Sie würde sich jetzt nicht von Lena dorthin zurückzwingen lassen.

»Du bist noch nicht wieder fit«, versuchte Lena es noch einmal und strich sich eine blonde Strähne aus der Stirn.

Um ihr das Gegenteil zu beweisen, trank Nike einen großen Schluck Kaffee und unterdrückte dabei den aufkeimenden Würgereiz. Ihr Magen dankte ihr diese Aktion überhaupt nicht und sie konnte froh sein, wenn sie sich in den nächsten Minuten nicht übergeben musste.

»Es ist nur eine Erkältung, nichts Ernstes.« Sie legte besonders viel Überzeugung in diese Worte. Nicht nur Lena sollte sie glauben, sondern auch sie selbst. Sie hatte seit Wochen kaum etwas Essbares bei sich behalten können, von den Kopfschmerzen und der Lichtempfindlichkeit einmal abgesehen. Doch es würde vorbei gehen. »Nichts, was mich davon abhält, Jagd auf diese Monster zu machen. Ich bin Nike, schon vergessen? Die Unbesiegbare. Ich hab den Namen nicht umsonst.«

»Du hast dir den Namen selbst gegeben.« Es war eine alte Diskussion zwischen den beiden. Seit sie vor fünf Jahren zusammen in eine Wohnung gezogen waren, führten sie sie bei jedem einzelnen Auftrag, den Nike übernehmen wollte.

»Das ändert nichts daran, dass er zutrifft.« Nike grinste siegessicher und vergewisserte sich, dass sie ihre VR49 sicher im Holster verstaut und griffbereit hatte. Die Waffe war eine Spezialanfertigung, die von OLYMPUS in Auftrag gegeben worden war. Die Kugeln waren mit Schrot gefüllt, was den Heilungsprozess der Vrykólakas behindern und es leichter für die Theés machen sollte, sie zu töten.

Lena sah sie mit einem Blick an, der ihr verriet, wie viel – oder wenig – sie von diesem Argument hielt. Schließlich schüttelte sie den Kopf und gab auf. »Ich kann dich ohnehin nicht umstimmen, oder?«

»Genauso wenig wie sonst«, bestätigte Nike grinsend. »Du brauchst dir keine Sorgen um mich zu machen. Ich geh nur kurz da rein, bringe den Vrykólakas zur Strecke und im Nu bin ich wieder da. Und morgen früh kannst du mich mit Nadeln foltern, mir Blut abnehmen und dich vergewissern, dass ich nur eine besonders hartnäckige Erkältung habe und mir nichts Ernstes fehlt.« Nike versicherte sich noch einmal, dass das Messer an der Innenseite ihres linken Stiefels befestigt war und griff nach ihrer Jacke. Sie zog sie zur Hälfte zu, auch wenn das griechische Klima im Frühjahr dies nicht unbedingt nötig machte. Es war besser, die Leute glaubten, sie fror, als dass sie ihre Waffe entdeckten.

Lena sah sie mit zusammengepressten Lippen an. Nike konnte sich kaum an ihre Mutter erinnern, aber sie konnte sich gut vorstellen, dass diese sie in einem solchen Moment genauso angesehen hätte, wenn sie noch leben würde. Lena war immer besorgt um sie, wenn sie sich auf die Jagd nach Vrykólakas machte. Die Sorgen, die sie sich täglich um ihre siebzehnjährige Schwester Maya machte, schienen ihr noch nicht auszureichen. Sie hatte ihre Eltern vor einigen Jahren bei einem Autounfall verloren. Nike wusste, dass es ihr schwer zu schaffen machte, dass ihre letzte Unterhaltung in einem Streit geendet hatte. Die Angst, erneut einen Menschen zu verlieren, der ihr nahestand, hatte sie fest im Griff. Nike wusste auch das und sie glaubte sogar, Lenas Beweggründe zu verstehen, aber das bedeutete nicht, dass Nike ihr Leben wegen der Sorgen ihrer besten Freundin ändern würde. Und Lena musste das wissen. Immerhin hatte sie selbst diesen Weg ebenfalls beschreiten wollen. Die junge Schwedin hatte mit ihrer jüngeren Schwester ihre Heimat verlassen, um eine Theá zu werden. Ein Motorradunfall hatte jedochVerletzungen hinterlassen, die sie für die weiteren Operationen ungeeignet machten. Es kam Nike manchmal so vor, als habe Lena seit dem Augenblick, in dem sie erfahren hatte, dass sie selbst nie eine der Theés werden konnte, größere Angst um diejenigen, die die letzten Schritte zu diesem Leben hatten gehen können. Als sie Lena jetzt ansah und die Angst in den Augen ihrer Freundin erkannte, konnte sie auch nicht einfach gehen.

NikeNike hielt inne und rollte mit den Augen. »Na los, mach schon, damit ich wegkomme.«

Lena umarmte sie und drückte sie fest an sich. »Du weißt, dass du wie eine Schwester für mich bist und Maya sieht das genauso. Ich will, dass du heil und gesund wieder nach Hause kommst, hörst du? Ich hab dich lieb.«

Nike erwiderte die Umarmung kurz, ehe sie sich zurückzog und nach der Türklinke griff. Zu viel Gefühlsduselei bekam ihr nicht. »Du kennst mich, mir passiert nichts«, sagte sie leichthin, ehe sie zur Tür hinaus in die Nacht verschwand.

In Gedanken ging sie die Route durch, die sie geplant hatte. Von der Siedlung, die OLYMPUS für seine Mitarbeiter in der Nähe der Küstenstadt Lavrio erbaut hatte, bis zum Dorf Aóra. Der Ort war so klein, dass ihn ihr Navigationssystem gar nicht aufführte. Sie hatte auf Afidnes ausweichen müssen, um zumindest eine Strecke angezeigt zu bekommen, die sie in die Nähe des Ortes brachte. Der Fußweg war zu weit, selbst für sie, um nicht erschöpft anzukommen. Sie stieg in ihren Mustang Boss 302 und startete ihn. Etwas über eine Stunde Fahrt, hatte das Navigationssystem berechnet. Nike grinste. Sie war sich sicher, es schneller schaffen zu können. Sobald die letzten Häuser der Stadt hinter ihr lagen, trat sie das Gaspedal durch.

***

»Bei euch gibt es ein Problem«, begrüßte Jérôme seinen alten Kameraden über den Monitor. In all den Jahrzehnten, die sie sich nun kannten, hatte Thanos gelernt, dass Jérôme niemals eine Frage stellte. Für ihn existierten nur Tatsachen und Fakten.

»Ja, die Polizei hat heute Morgen das fünfte Opfer einer Mordserie gefunden. Ausnahmslos junge Frauen. Ausnahmslos blutleer und die einzigen Verletzungen sind nicht näher benannte Wunden am Hals.«

Über die Videokonferenzverbindung sah Jérôme ihn einen Moment lang schweigend an.

»Außer dir, Ilias und Richard sollte keiner von uns in Griechenland sein.« Jérôme wandte den Blick von der Kamera ab und tippte wild auf seiner Tastatur herum.

Hinter ihm sah Thanos zwei weitere Bildschirme, konnte jedoch nicht erkennen, was darauf zu sehen war.

»Es gibt einige, von denen ich in letzter Zeit nichts gehört habe. Vielleicht ist es auch einer derjenigen, von denen wir dachten, dass OLYMPUS sie getötet hat, als ihnen klar wurde, dass ihr Projekt gescheitert ist und wir uns entgegen der erwünschten Weise entwickelt haben. Vielleicht hat es doch jemand geschafft. Vielleicht ist jemand damals entkommen und weiß nur nicht, wie er uns kontaktieren kann.« Jérômes Stimme wurde beim letzten Satz leiser, der winzige Funken Hoffnung war auch nach all den Jahren noch nicht gänzlich erloschen.

Thanos strich sich mit der Hand übers Gesicht. Hoffnung war etwas Gefährliches. Sie konnte einen Mann zu unüberlegten Handlungen treiben, die ihn in den sicheren Tod führten. Falsche Hoffnungen waren noch heimtückischer. Sie konnten einen Mann schon vernichten, indem sie sich einfach nicht bewahrheiteten.

»Wer es auch ist, ich muss ihn aufhalten. Einer von uns wurde offensichtlich doch noch zu einem der Monster, zu denen OLYMPUS uns machen will. Die Genugtuung gönne ich ihnen nicht.«

»Sei vorsichtig, es könnte genauso gut eine Falle sein«, warnte Jérôme und wandte sich wieder Thanos zu.

»Nein«, entgegnete dieser und schüttelte den Kopf. »Es wäre zu viel Aufwand. Sie schicken einfach ihre kleinen Jägerinnen, wenn sie uns ausschalten wollen. Sie locken uns nicht hervor. Sie haben alle Zeit der Welt, um auf uns zu warten.«

»Die Katze kann ihre Strategie jederzeit ändern, wenn sich die Maus in ihrem Loch verschanzt«, gab Jérôme zu bedenken.

Thanos musste ihm recht geben, doch es wollte nicht in das Bild passen, das er von OLYMPUS hatte. Die Morde erzeugten Aufmerksamkeit und Schlagzeilen. Negative Aufmerksamkeit und Schlagzeilen. Das war nichts, was OLYMPUS wollte. Es passte nicht zum Bild der wohlwollenden Forschungseinrichtung, welches sie nach außen präsentierten.

Wurden sie nicht deswegen gejagt? Weil sie selbst auch negative Aufmerksamkeit auf OLYMPUS gerichtet hatten?

Als hätten sie eine Wahl gehabt, als hätten sie es selbst so gewollt. Thanos spürte die altbekannte Wut in sich aufsteigen, wenn er daran dachte. Er konnte sich noch sehr gut daran erinnern, wie schnell OLYMPUS sie hatte fallen lassen, als aus dem vielversprechenden Projekt, an dem sie teilgenommen hatten, ein Fiasko zu werden drohte. Eine neue Generation von Elitesoldaten hatten sie sein sollen. Dazu auserkoren, eine Katastrophe wie den Zweiten Weltkrieg nie wieder geschehen zu lassen. Stärker, schneller, besser als jeder andere Soldat, das sollten sie sein. Unbesiegbar. Das waren sie gewesen - bis die Nebenwirkungen eingesetzt hatten. Niemand der hochbezahlten Wissenschaftler des Projektes hatte sie vor den Risiken gewarnt.

Es hatte langsam angefangen. Wie eine Schlange, die im hohen Gras auf ihre Opfer wartet. Eine schleichende Krankheit, so war es ihm vorgekommen. Die Sonne hatte ihm in den Augen gebrannt, seine Haut war empfindlicher geworden. Bald danach hatte ihm das Essen Probleme bereitet. Als OLYMPUS selbst davon erfuhr, ernährte sich Thanos bereits ausschließlich von Steaks – englisch. In den Augen derjenigen, die sie dazu gemacht hatten, waren sie nun selbst zur Gefahr für die Menschheit geworden. Bevor man sie hatte töten können, waren die meisten von ihnen geflohen.

Seine Hand ballte sich zur Faust, als er an die folgenden Monate und Jahre, dachte, in denen sie wie streunende Hunde unter Brücken gehaust hatten. Stets auf der Flucht vor ihren Herren, die sie wie eine Horde Straßenköter totschlagen würden, wenn sie sie in ihre Gewalt brachten. Sie hatten sich von Ratten und Schlangen ernährt, nie gewagt, Menschen zu nahe zu kommen. Sie hatten Dörfer und Städte gemieden. Selbst ihre Familien, sofern sie noch eine hatten. Die Zeit im Widerstand während des zweiten Weltkrieges war in ihnen wieder hochgekommen. Das, was sie hätten verhindern sollen, widerfuhr ihnen nun am eigenen Leib.

Thanos zwang sich, seine düsteren Erinnerungen beiseite zu schieben und merkte, dass Jérôme ihn abwartend ansah. Er wagte nicht zu fragen, wie lange er seinen Gedanken nachgehangen hatte.

»Du kennst meine Meinung«, sagte Jérôme ruhig, doch Thanos winkte ab.

Ja, er kannte die Meinung seines Freundes: Sie sollten gegen OLYMPUS vorgehen. Angreifen, statt sich zu verstecken. Sich zu einer Einheit zusammenraffen und das tun, wozu sie sich nach Kriegsende bereit erklärt hatten: gegen neue Diktatoren kämpfen, die eine Gefahr für die Menschen und den Frieden darstellten. Sicher, OLYMPUS passte in dieses Bild, doch für Thanos kam diese Idee, gegen sie vorzugehen, einem Selbstmordkommando gleich. Wenn er einmal seines Lebens müde sein würde, würde er sich einfach bei Tagesanbruch aus dem Haus wagen und darauf warten, dass die Sonne ihn tötete. Diese Genugtuung würde er nicht OLYMPUS überlassen.

»Thanos?« Adam meldete sich über das Intercom des Hauses bei ihm und Thanos schaltete den Arzt in die Unterhaltung mit Jérôme hinzu.

»Es gibt wohl eine neue Leiche«, sagte Adam, nachdem er Jérôme gegrüßt hatte.

»Das macht dann sechs«, murmelte Thanos und schloss für einen Moment die Augen. Manchmal fühlte er sich entsetzlich alt. Trotzdem konnte er die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen. Zu wissen, dass keine Polizei der Welt es mit einem von ihnen aufnehmen konnte, brachte ihn dazu, selbst handeln zu wollen. Selbst handeln zu müssen.

»Du bist davon überzeugt, dass Richard als Täter nicht infrage kommt.«

Thanos bestätigte dies und Adam fügte an Jérôme gewandt hinzu: »Er war bei den Morden jedes Mal hier, es bestand für ihn keine Möglichkeit, ungesehen aus dem Haus zu kommen.«

Jérôme seufzte. »Schade. Er war die offensichtliche Antwort.«

Doch sie alle hatten gelernt, dass offensichtlich nicht immer richtig war.

»Ich möchte momentan nicht mit euch tauschen. Mit dir am allerwenigsten, Thanos. Meldet euch, wenn es Neuigkeiten gibt oder ihr Hilfe braucht. Thanos, Doc.« Er nickte den beiden Männern zu und schaltete die Kamera ab.

»Thanos?«

»Ich bin gleich da. Einen Moment, ich muss noch etwas nachsehen.« Thanos wusste nicht, ob Adam ihn bereits gut genug kannte, um seine Lügen zu durchschauen. Wenn dem so war, ließ sich der Arzt nichts anmerken. Thanos schaltete das Intercom ab und ließ sich auf den Drehstuhl fallen, der in dem kleinen Raum stand und außer dem Computer und dem Schreibtisch das einzige Möbelstück darstellte. Es waren Momente wie dieser, in denen er verstand, wieso einige seiner alten Kameraden ihres Lebens so überdrüssig waren. Er schloss die Augen. Nur für ein paar Minuten wollte er Ruhe haben, ehe er sich der Welt und den Problemen, die sie mit sich brachte, wieder stellen musste.