Beate Rygiert - Bronjas Erbe

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eBook

Verlagdotbooks
ErschienenSeptember 2013
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Seitenanzahl345
Preis5,99 €

Inhaltsangabe

Was macht Menschen zu Polen und zu Deutschen? Diese Frage hat sich Janek, der in den 1930er Jahren in einem kleinen an der Weichsel gelegenen Ort aufwächst, nie gestellt. Bis die deutsche Wehrmacht Polen überfällt und er auf einmal Johannes heißt. Aber das ist noch nicht alles: Mitten durch die eigene Familie geht der Riss, als Janeks Mutter ihn und den Vater verlässt, um einem Deutschen zu folgen.
Sechzig Jahre später sind die Wunden noch nicht verheilt. Mit seiner erwachsenen Tochter macht Janek sich auf die Reise zurück in die Kindheit, auf der Suche nach dem Ort, der nur in seiner Erinnerung zu existieren scheint …

„Bronjas Erbe ist ein gut komponierter Roman, der ein Zeitalter transparent macht und eine anrührende Vater-Tochter-Beziehung entfaltet.“ Focus

Leseprobe

Janek!
Die beiden Silben stehen ein paar Sekunden lang grell in der ungewöhnlichen Mittagsstille, die über den Häusern und Gärten der Kalischer Straße hängt. Dann setzen die Zikaden wieder ein.
Janek!
Diesmal zerbricht die lastende Stille der Gärten – das Schla¬gen einer Tür, eilig scharrende Schritte, in der Ferne rollt ir¬gendwo ein Wagen über das Pflaster. Hinter allen Fenstern spürt man emsige Geschäftig¬keit, ver¬halte¬nes Reden, die sachte Bewegung von Gardinen.
Jan läuft. Barfuß rennt er quer über die Wiesen, die Poduchowne von den ersten Häusern der Stadt trennen. Er springt über den Bach, der einen weiten Bogen um das Dorf zieht, schlüpft durch Hecken und Zäune, schwingt sich über verna¬gelte Bretter und ge-langt so durch die Gärten in die Kalischer Straße.
Johannes!
Er kennt diesen Ton. Eile ist geboten. Dennoch bleibt er am An-fang der Straße kurz stehen und schaut hinüber zum Guts¬hof. Die Wiesen dort wimmel¬n von Militär. Man hat noch mehr Geschütze aufge¬stellt seit dem Morgen. Dann trabt er die Straße entlang und sieht schon von wei¬tem die helle Schürze der Mut¬ter in der Tür.
Schnell, Janek! Schnell, wir warten nur auf dich!
Die Suppe dampft in den Tellern, eilig wird das Tischgebet gesprochen. Janek wundert sich. So früh isst man doch sonst nicht zu Mittag. Aus den Augen¬winkeln schielt er nach dem Bett der El-tern. Wäsche und Kleider liegen dort verstreut, daneben ein halbgefüllter Sack. Die Mutter sieht auf ihren Teller.
Wir fahren weg, sagt der Vater zwischen zwei Löffeln. Gleich nachher. Ihr müsst schneller essen.
Jan bleibt der Mund offen stehen.
Wir haben Glück, sagt der Vater, wir können mit dem Feuerwehrau¬to mit.
Wohin fahren wir denn?
Fort. Richtung Osten.
Die Mutter legt den Löffel weg, stützt die Arme auf den Tisch und fixiert ihren Mann mit dunklen Augen.
Ich weiß nicht, ob das richtig ist.
Ihre Stimme klingt gepresst.
Alle anderen bleiben hier. Was sollen wir in der Fremde in sol-chen Zeiten? Von meiner Familie bleiben sie alle da.
Der kleine Pawełek haut mit dem Löffel in die Suppe, dass es spritzt. Josef Zygler nimmt ihn seinem Jüngsten lächelnd aus der Hand und füttert ihn.
Du weißt nicht, was du sagst. Wir sitzen in der Falle. Hinter uns steht die polnische Artillerie, und vor uns heben die Deutschen Schützengräben aus. Es ist Krieg, Bronja, Krieg.
Aber wir sind Deutsche! Bronja reckt energisch das Kinn gegen ihren Mann. Josef lacht sie nur aus.
Was, Deutsche! Und du glaubst, da machen die Geschütze einen Unter¬schied, weil du, Brunhilde Zygmunt, deut¬sches Blut in den Adern hast?
Bronja senkt ihren Kopf über die Suppe.
Turek liegt genau auf der Hauptfront. Wenn es ernst wird, bleibt kein Stein auf dem anderen. Glaube mir, es ist nicht mein erster Krieg. Mach die Kinder fertig. Es ist höchste Zeit!
Jan hat das Schlucken vergessen. Krieg. Ja. Seit drei Tagen ist Krieg. Täglich liest er die Schlagzeilen der Zeitungen vorne am Kiosk. Die pol¬nische Bevöl¬ke¬rung ist zu Spenden für die Armee aufgerufen wor¬den. Und ge¬stern haben Sol¬daten zwei Männer gefes¬selt an ihrem Haus vorbei¬ge¬führt. Es heißt, sie seien Spione.
Iss deine Suppe, Janek.
Und auf der Wiese stehen die Kanonen bereit. Er beobachtet den Vater, wie er sorgfältig den Sack zubindet.
Zieh deine Schuhe an! Beeil dich ein bisschen!
Die Teller verschwinden vom Tisch. Wie im Traum nimmt der Junge wahr, dass die Mutter in aller Ruhe das Tisch¬tuch mit den aufge¬stickten blauen Blüten zusam¬menfaltet, noch einmal zärtlich die Hand darüber gleiten lässt, als bemerke sie die Zornesröte nicht, die ihrem Mann langsam in den Kopf steigt.
Hier, das musst du tragen.
In dem Korb ist Brot. An der Tür bleibt Jan noch einmal stehen und sieht in den schlichten Raum mit der Dach¬schrä¬ge und dem einen Fenster zurück, die beiden Betten, eines für die Kinder, eines für die Eltern, der Schrank, die Wäschetruhe und die Frisierkom¬mode der Mutter mit dem kri¬stalle¬nen Schäl¬chen, in dem ein Mari¬enbildchen und ein paar troc¬kene Ro¬senblätter liegen. Solange er denken kann, liegen sie dort.
Dann sperrt der Vater die Tür ab.

Bringen wir es hinter uns, murmelt Ewa und stopft den Inhalt ihrer Reisetasche in das Schrankfach, das die Mutter für sie leer geräumt hat.
Dein Vater freut sich so, dass du endlich mit ihm fährst, hat sie ge¬sagt.
Ewa seufzt. Bleibt ihr eine Wahl? Was man versprochen hat, muss man auch halten, das ist eine eiserne Regel in der Familie, und wenn sie es sich recht überlegt, dann ist sie diejenige, die immer am stärksten darauf gepocht hat. Ja, ja, ja. Was man versprochen hat, das wird gehalten. Und sie hat es versprochen. Ja, hat sie gesagt, ja Vater, ich komme mit auf diese Reise, wenn dir so viel daran liegt. Eines Tages. Das war Jahre her.
Es sind zu viele Sachen für das eine Fach. Den dicken Pulli muss sie anderswo unterbringen. Und das blaue Leinenkleid sollte sie lieber auf einen Bügel hängen. Lächerlich, was sie alles eingepackt hat. An guten Ratschlägen hat es nicht gefehlt. In Polen ist es heiß, sagten die einen, in Polen wirst du frieren, die anderen, denk daran, das ist fast schon Sibirien. Komisch hat sie das nicht gefunden. Ihr ist das Lachen vergangen, schon vor einer ganzen Weile.
Ewa beißt sich auf die Lippen. Sie schaut aus dem Heckfenster über endlose Getreidefelder im verlöschenden Abendlicht, eine Filmkulisse, eine Fototapete. Sie starrt hinaus, und das Semmelblond des Weizens verschwimmt mit grünen Hügeln, auf denen Zypressen ihre dunklen Finger in den Himmel recken, mit blasslila Feldern, die diesen ganz besonderen Duft nach Badesalz und Seife verströmen, Aix mit seinen Platanencafés und mittendrin Jean-Claude, lachend, Jean-Claude, lesend, Jean-Claude, der sie auf all diese Reisen mitgenommen hat, aber da schüttelt sie sich, aus und vorbei, und jetzt fallen erste Schatten auf die Äcker – wo sind sie hier eigentlich?
Was tut sie hier? – an der Grenze zu einem Land, das sie nicht kennt, von dem sie kaum etwas weiß, über das sie höch¬stens in den Nach¬richten gehört hat, vor allem damals, Anfang der acht¬zi-ger Jahre. Ein Land, das sie im Grunde nicht interessiert.
Ich bin dort geboren, hat ihr Vater gesagt und sie ange¬se¬hen, ein leichtes Lächeln um die Mund¬winkel, nicht ent¬schuldigend, nein, auch nicht bittend, mit die¬sem Aus¬druck in den Augen, wie ein Kind, das weiß, dass es im Recht ist. Komm mit mir, hat er gesagt. Das ist mein größter Wunsch.
Ewa kann sich nicht erinnern, dass ihr Vater jemals Wünsche geäußert hätte. Immer war er es, der Wünsche erfüllte, ihre, die der Mutter und ihrer Schwestern. All die Jahre. Was wünschst du dir zu Weihnachten? Sie hatte seine Antwort gekannt. Dieses Lächeln und die Antwort: Ich hab doch euch. Mehr brauch ich nicht. Und jetzt. Fahr mit mir dorthin. Nach Polen. Einfach so, ohne Vorwarnung. Sicher. Natürlich wusste sie, dass er dort geboren wurde. Wie könnte sie das vergessen. Geburtsort des Vaters? Turek. Ob man die kleinen Kinder in der Grundschule immer noch danach fragt? Zu Beginn jedes Schuljahres, jedes Jahr das gleiche Spiel, Turek, fragt der Lehrer, ja wo liegt denn das? Und dreißig Kinderköpfe drehen sich neugierig nach ihr um. Als ob ihr Name nicht genügt hätte. Ewa. Mit Weee. Und Zygler. Mit Ypsilon. Wo kommt denn das her? Aus Polen. Und die Kinderaugen werden immer größer. Ja. Ihr Vater kommt aus Polen. Und jetzt will er dort hinfahren. Bitte komm mit mir! Wie hätte sie Nein sagen können?
Ewa schaut zu ihrem Vater hinüber.
Still sitzt er in der Dämmerung. Rührt sich nicht. Sieht vor sich hin, in Gedanken. Letztes Licht schiebt sich in breiten Streifen durch das Fenster des Wohnmobils, legt sich auf sein Haar, über die Augen. Es lässt seine son¬nengebräunte Haut noch dunk¬ler er-scheinen, zeichnet glänzende Reflexe an Schläfe und Stirn, Schat-ten unter die Augen, um den Mund.
Er sitzt ganz still und schaut vor sich hin, und einen Moment lang ist es Ewa, als könne sie die Gedanken wie Schwa¬den hin¬ter seiner Stirn vor¬überziehen sehen.
Sie schreckt zusammen, als Licht aufflackert. Sie hat die Bewe-gung zum Schalter nicht wahrgenommen. Der Mann dort am Tisch starrt nicht ins Lee¬re. Vor ihm liegt eine Karte, die er in aller Ruhe stu¬dier¬t. Manchmal bewegen sich seine Lip¬pen, als schmecke er einen Namen auf der Zunge, als drehe und wende er einen Klang.
Ich habe kein Wörterbuch dabei, sagt Ewa unvermittelt und starrt in die leere Reisetasche zu ihren Füßen.
Ihr Vater reagiert nicht. Er langt nach sei¬ner Lese¬brille.
Was suchst du?, fragt Ewa.
Jetzt schaut er auf. Über den Rand der schmalen Brille sieht er sie an. Wieder hat er dieses feine Lächeln auf den Lippen, das sich nicht festlegt, dem man nichts anhängen kann, weder Iro¬nie noch Spott, schon gar keine Arroganz, ein Lächeln, das alles offen lässt.
Ich suche einen Ort, sagt er schließlich langsam und bedächtig, als sei er sich seiner Sache sehr wohl, der Worte aber, die er wählen muss, nicht ganz gewiss. Eine Stadt. Vielleicht.
Ewa verstaut ihre Tasche, schließt das Wäschefach und setzt sich ihm gegenüber an den Tisch. Polen steht Kopf.
Welchen Ort? Wie heißt er?
Das weiß ich nicht.
Ewa betrachtet das ruhige Gesicht ihres Vaters. Plötzlicher Ärger steigt in ihr auf. Zu Hause stapelt sich die Arbeit, und sie sitzt hier in diesem fahr¬baren Wohnzimmer kurz vor der polnischen Grenze, an den Rändern der Welt, wo sich der Asphalt von der Erde löst und die Wege direkt über die Kornfelder in den Himmel zu führen scheinen. Einen Himmel, so blau und klar wie die Augen ihres Vaters, der nicht zu wissen scheint, wo er überhaupt hin¬will.
Wie um alles in der Welt willst du ihn finden, wenn du nicht weißt, wie er heißt? Ihre Stimme klingt gereizt, sie hört sich selbst, während sie spricht, als stünde eine zweite Ewa neben ihr und wundere sich.
Ihr Vater nimmt die Lesebrille ab. Er antwortet nicht gleich, sein Blick geht an ihr vorbei aus dem Fenster.
Diese Reise ist anders, sagt er dann. Ich hab es dir gesagt.
Und nach einer Pause, in der er zögernd Worte wägt:
Ich weiß, wo ich hinwill. Aber wo diese Orte heute liegen, das weiß ich nicht. Nicht genau. Darum habe ich dich gebeten mitzu-kommen. Ich brauche deine Hilfe.
Meine Hilfe, seit wann brauchst du meine Hilfe, will Ewa sagen. Aber sie schweigt. Presst die Lippen aufeinander. Eine Woche lang werden sie jetzt also durch die Gegend fahren und irgendwelche Orte suchen, deren Name niemand mehr kennt. Was versprichst du dir davon, will sie fragen, wie stellst du dir das vor, oh, eine ganze Menge gäbe es zu sagen, und nur mit Mühe zähmt sie die heftigen Worte und Sätze, die aus ihr herausdrängen. Aber da ist noch ein anderes Gefühl, das mit dem Ärger in ihr kämpft, ihm den Stachel nimmt und ihn langsam, unmerklich auflöst. Bilder tauchen auf, verschwommen und geriffelt, wie der nasse Sand an der Nordsee. Ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen. Wei¬nend läuft es im Watt umher.
Sie ist nicht mehr da!
Und dann die große, warme Hand und die Stim¬me: Komm, ich helf dir suchen ...
Aber ich weiß nicht mehr, wo sie ist.
Das macht nichts, sagt die Stimme und lacht, gemeinsam finden wir deine Burg bestimmt.
Das alles ist lange her. Sie haben sich verändert, alle beide, und doch ist alles beim Alten, und sie werden finden, was er sucht, dort auf der Karte, auf der er sich nicht auskennt.
Gut, sagt sie. Aber du musst mir mehr erzählen. Alles. Alles was du weißt über diesen Ort. Damit ich dir helfen kann.
Er muss hier sein, östlich von Litzmannstadt. Łódź heißt das heute. Hier. Östlich. Oder südlich ...
Sein Zeigefinger gleitet über das Papier.
Was ist dort passiert?