Beate Rygiert - Das Lied von der unsterblichen Liebe

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Gebundene Ausgabe

VerlagDroemer
ErschienenOktober 2014
ISBN-139783426281048
Seitenanzahl303
Preis16,99 €

eBook

VerlagDroemer ebook
ErschienenSeptember 2014
ASINISBN: 978-
Seitenanzahl304
Preis14,99 €

Inhaltsangabe

Der alte Valentin tanzt sein halbes Leben schon über den Abgründen der Welt: Er ist Hochseilakrobat und er ist der beste, denn er kennt keine Angst. Seit ihn die Kugel traf, die ihn nicht tötete und seither dicht bei seinem Herzen wohnt, denkt Valentin, dass der Tod ihn vergessen hat. Er glaubt der Einzige zu sein, der unsterblich ist, bis er auf Cora trifft. Das Leben der 14-Jährigen liegt in Scherben, seit ihr geliebter Bruder Raoul bei einem tragischen Unfall ums Leben kam. Cora selbst hat diesen wie durch ein Wunder überlebt. Deshalb weiß sie, dass sie nicht sterben kann, und hat keine Angst vor dem Feuer, das sie legen will, um sich an ihrem Vater zu rächen. Ihm gibt sie die Schuld an Raouls Tod. Als Valentin und Cora si ch begegnen und ihre Gemeinsamkeit erkennen, begreift er schnell, dass Coras Zorn gefährlich ist. Anders als sie hat Valentin längst begriffen, dass ein Leben ohne Angst auch ein Leben ohne Liebe bedeutet …

Leseprobe

„Wenn Sie springen wollen, dann tun Sie es jetzt“, sagte Valentin zu der Frau, die ein paar Schritte von ihm entfernt in zwanzig Meter Höhe auf dem Sims balancierte. „Mehr Publikum werden Sie nicht bekommen. Worauf also warten?“
Valentin blickte auf die Menge hinab, die sich eingefunden hatte, um einem Menschen beim Sterben zuzusehen. Sie hatten die Baustellenabsperrung nieder getrampelt, um besser sehen zu können. Jetzt kam dort unten Unruhe auf. Die Leute waren es leid, die Köpfe in die Nacken zu recken und darauf zu warten, dass endlich etwas passierte. Doch es sah nicht danach aus, als würde die Frau ihnen diesen Gefallen tun.
Valentin war klar, in Wahrheit wollte sie gar nicht sterben. Sie war verzweifelt, gewiss, aber wer war das nicht? Seit fast drei Stunden standen sie jetzt hier oben, und langsam wurde es Zeit, dem ein Ende zu setzen. Sie hatte ihm ihr Leben erzählt, es war traurig. Und unterschied sich doch nur in Details von dem, was er in den letzten Jahren zu hören bekommen hatte. Verratene Liebe. Vertane Chancen. Verlorenes Vermögen. Noch war sie nicht ohne Ehrgeiz: Sie wollte die Erste sein, die von dem neuen Bankgebäude sprang, das erst in sieben Tagen eröffnet werden sollte. In diesem Institut hatten sich ihre Anlagen in Luft aufgelöst. „Mein Geld“, wiederholte sie immerzu, „steckt in dem Stein, auf dem ich stehe.“
Sie war viel zu zornig, um jetzt schon zu sterben. Valentin sah auf die Armbanduhr. Es war Viertel vor Drei. Viel Zeit blieb nicht mehr. Ein Wind kam auf, peitschte ihm das Haar ums Gesicht. Die Frau schwankte, dann wurde ihr bewusst, wie schmal das Mäuerchen war, auf dem sie stand, schwankte erneut. Zum ersten Mal, seit sie hier oben waren, entdeckte Valentin Angst in ihrem Gesicht.
„Na dann“, sagte er, „war schön, mit Ihnen zu plaudern. Aber jetzt muss ich gehen. Ich habe noch eine Verabredung.“
Die Frau wandte ihm jäh ihr Gesicht zu. Es war klar, sie wollte nicht allein hier oben bleiben. Er reichte ihr seine Hand. Sie zögerte. Dann ergriff sie sie. Unten klatsche jemand Beifall, andere buhten. Valentin sah kommen, dass sie es sich anders überlegte. Trotz wallte in ihr auf. Er kannte diese Hürde. Keiner kehrt gern als Feigling ins Leben zurück. Sie zog ihre Hand aus der seinen.
„Springen“, sagte er, „springen kann jeder. Aber mit mir da runter zu gehen, dazu gehört wirklich Mut. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie den haben.“
Bockig verschränkte sie die Arme vor der Brust.
„Wie Sie wollen“, sagte er und wandte sich zum Gehen. „Aber tun Sie sich einen Gefallen: Wenn Sie springen, springen Sie richtig. Ich glaube nicht, dass es Ihnen gefallen würde, den Rest Ihres Lebens im Rollstuhl zu verbringen.“
Er wandte sich ab und ging zur Feuertür.
„Warten Sie“, rief die Frau.
Valentin öffnete die Tür. Es war besser, sie zweimal rufen zu lassen. Man sparte sich eine Menge Zeit, wenn man nicht gleich reagierte.
„Gehen Sie nicht!“, schrie die Frau.
Da wandte Valentin sich um. Er würde zu spät zu Paulas Beerdigung kommen. Aber sie war es von ihm nicht anders gewohnt.