Beate Rygiert - Der Nomade

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eBook

Verlagdotbooks
ErschienenSeptember 2013
ASINB00EVT3OZO
Seitenanzahl156
Preis4,99 €

Inhaltsangabe

Ein junger Wüstensohn wird von portugiesischen Seefahrern an den Hof Henriques verschleppt. Dort glaubt er zunächst, Gast zu sein und begegnet allem, was er erlebt mit offener Neugier. Nach und nach eröffnet sich dem ehemaligen Wüstensohn Ildrisa aber, dass er Gefangener und exotisches "Spielzeug" Henriques ist. Sein Ausweg führt nur über das Klosterleben, denn Ildrisa muss auf einer Reise in seine ehemalige Heimat feststellen, dass ihm die Wüste fremd und damit zum Feind geworden ist. So zieht er sich als Bruder in ein Kloster zurück, wo er eine ungeschminkte Darstellung der Ereignisse verfasst. Sie zeigen unter anderem auf, dass nicht Entdeckerdrang sondern die Gier nach Gold und Sklaven hinter den vielen Seefahrten der Portugiesen stand.
Der Autorin gelingt es mit ihrem Schreibstil, sowohl die Wüste wie auch die Zerrissenheit des jungen Nomaden zwischen Heimweh und Neugier lebendig werden zu lassen. Nie wird das Buch langweilig. Im Gegenteil: Viel zu schnell sind die Seiten gelesen. Zwar ist die Geschichte rund erzählt und findet ihren Abschluss, doch möchte man am liebsten noch sehr viel mehr vom jungen Nomaden erfahren. Ein sehr subtiles Werk, absolut lesenswert.

Leseprobe

Ich war der Erste, den sie von Afrikas Küsten herüberbrachten. Was macht ein Sohn der Imajaghen an der Küste? Hatte mich das Schicksal ausgerechnet an jenem Tag dorthin geführt? Oder war es Gottes Fügung, wie Senhor Henrique hartnäckig behauptete?
Es war die Belohnung für vier Jahre harter Arbeit. Vier Jahre lang war ich mit den Karawanen gereist. Von Sidjilmasa bis Bilma, wo wir Hirse aus dem Süden tauschten gegen Salz und Datteln, hinab bis Timbuktu, wo die schwarzen Völker auf das kostbare Salz warteten und mit Goldstaub bezahlten oder mit Sklaven, dann hinauf, wo die Wüste an die Reiche der Kalifen grenzt, denen man nicht genug Gold und Sklaven bringen konnte. Wenn ich hier sitze, in meinem steinernen Käfig, dann erscheinen mir die Bilder von damals wie gaukelnde Täuschungen aus einer anderen Welt, wie die Spiegelungen der Luft in der Wüste. Damals kannte ich keine Mauern. Mein Blick reichte bis zum Horizont, zu den Sternen. Wir durchquerten die tinariouin mit unseren Karawanen auf unzähligen Wegen. Im Grunde gab es keine Wege, es gab die Richtung, die Brunnen, die Oasen. Den Weg dazwischen, den fand der madugu, der Führer der Karawane, und keiner außer ihm wusste, wie er das machte.
»Zum madugu bist du geboren oder du bist es nicht«, sagte Khada, mein Vater, der berühmteste madugu der Kel Kres. Er hielt die Richtung auch noch im Wirbelsturm, wenn sich die Wüste in die Lüfte erhob und unbekannte Vögel tot vom Himmel fielen. »Er hat die Richtung im Blut«, sagten die anderen, die sich gern unserer Karawane anschlossen, denn sie wussten, mit Khada gelangte man ans Ziel, egal, was unterwegs geschah. So waren es viele Hunderte Kamele, die Khadas Leittier folgten, manchmal auch mehr als tausend.
Niemand ist so einsam wie der Führer der Karawane. Immer geht er allein voraus, das Leitkamel am Zügel führend. Selten stieg mein Vater auf sein treues mehari und dann nur für kurze Zeit. In der Wüste brennt am Tag die Sonne, und wenn sie hinter dem Horizont verschwindet, wird es ganz plötzlich dunkel und kalt, so kalt, dass auch der erschöpfteste Karawanier aus dem Sattel springt, um sich im Gehen aufzuwärmen.
Gehen. Eine Karawane bedeutet endloses Gehen. Zu Anfang, während meiner ersten Reise, fiel ich manchmal einfach hin und erwachte festgebunden auf dem Kamel meines Vaters. »Er ist zu jung«, sagten die Männer verächtlich. Aber ich biss die Zähne zusammen.
Lange vor Tagesanbruch, ich hatte mich gerade erst im Windschatten der Kamele schlafen gelegt, so schien mir, wurde ich wieder wachgerüttelt. Ich war der Karawanenlehrling, und der musste unter den Ersten sein am Morgen. Zitternd vor Kälte und Müdigkeit holte ich Hirse aus einem Sack und stampfte ihn im Mörser für den Frühstücksbrei der Männer, eralé teyni, Hirse mit getrocknetem Käse und Datteln, mit Wasser vermischt, solange der Vorrat reichte, danach gab es nur noch Kamelmilch. Ich war groß für mein Alter, das Erbe meiner Mutter, und wuchs immer noch. So gab mir mein Vater hin und wieder eine getrocknete Dattel, lehrte mich, sie einzuspeicheln und stundenlang auf ihr herum zu kauen, Kraft für viele Stunden aus dieser einen Dattel zu ziehen. Kein Wunder also, dass ich hier im Kloster allen Mönchen ein Vorbild beim Fasten bin, mir reicht die Hostie am Morgen für den ganzen restlichen Tag. Keiner zieht aus ihr die Segen der körperlichen und geistigen Nahrung wie ich – schließlich gibt es im Kloster selbst in der Fastenzeit Wasser im Überfluss.
Und niemand versteht hier wirklich zu gehen.
Wir gingen aus der Dunkelheit in die Dunkelheit. Wir gingen eine weite Strecke, ehe die Sonne über den Rand der Erde kroch. Wir gingen mit ihr den ganzen Tag ohne Rast, ohne Halt, außer wir kamen an einen Brunnen oder erreichten unser Ziel. Wir gingen weiter, auch wenn die Sonne sich bereits von der Erde verabschiedet hatte und die Dunkelheit über die Wüste fiel wie ein kalter Schrecken. Die Männer fürchteten diese Stunde, es ist die Stunde der Kel Essouf, der Geister verstorbener Karawanier. Anzukommen war alles andere als selbstverständlich, und oft fanden wir Überreste von Menschen und Kamelen, ausgebleichte Knochen und verdorrte Leiber, wenn man sie berührte, zerfielen sie zu Staub. Die meisten aber fand man gar nicht, die Wüste hatte sie begraben, nur ihre Geister wehten durch die Nacht und die Abschiedsstunde der Sonne war ihre bevorzugte Zeit. Dann lockten sie Reisende in die falsche Richtung, erfüllten die Herzen mit Angst und Schrecken oder mit der wilden Freude, über die Sandberge zu laufen, in der Hoffnung auf einen Brunnen, ein bisschen Wasser, ein Tier, das man jagen und erlegen könnte. Ich habe es selbst erlebt, ich sah ganze Rudel wilder Antilopen, ich hörte sogar den dumpfen Klang ihrer Hufen auf dem Sand. Und ich hörte das Heulen der Essouf, so dass mir die Zähne vor Angst aufeinander schlugen, hörte ihr Jammern und Klagen, und es dauerte lange, bis ich mich nicht mehr vor ihnen fürchtete.
»Sie wollen, dass du so wirst wie sie«, sagte Khada, mein Vater, legte den Arm um mich, und so gingen wir weiter hinein in die Nacht. Und als am nächsten Morgen der Tag anbrach, drückte er mir das Seil in die Hand: »Hier«, sagte er, »jetzt bist du der madugu.«
»In der Wüste machst du einen Fehler nur ein einziges Mal«, pflegte mein Vater zu sagen. »Du hast nicht die Möglichkeit, etwas auszuprobieren, wenn du nicht enden willst wie die Kel Essouf. Ein Fehler in der Wüste führt zum sicheren Tod, und der Fehler eines madugu bedeutet das Ende der ganzen Karawane.« Er ging neben mir her, ich fühlte, dass er mich auf die Probe stellte, wartete darauf, dass er mir erklären würde, was einen guten madugu ausmacht, dass er mir verriet, wie es ihm gelang, immer untrüglich die Richtung zu halten. Aber er schwieg. Ich sah nach vorn, tastete den Horizont mit meinen Augen ab, erkannte ein fernes Blinken, ein feines Glitzern und hielt darauf zu. Khada sagte nichts. Dann war das Glitzern verschwunden, tauchte wieder auf, verschwand und verwandelte sich in einen dunklen Fleck.
Als wir die Stelle erreichten, war da nichts als ein Stein, dunkelgrau und unscheinbar wie alle anderen auch, ich war einem Reflex der Sonne gefolgt, nun musste ich mir ein neues Ziel suchen. Der Sand war in feine Wellen geriffelt; ich konzentrierte mich darauf, immer im selben Winkel zu diesem Muster zu gehen, zu fühlen, ob der Wind sich drehte, bemühte mich, den Stand der Sonne hoch über unseren Scheiteln zu verfolgen. Wir gingen und gingen, schweigend, hinter mir sechshundert Kamele und fast so viele Männer, schwer beladen mit Waren, Futterreserven und Wasserschläuchen. Manchmal hörte ich ein entferntes Singen, das Schnauben eines Kamels, das helle Lachen eines der unzähligen Jungen, Karawanenlehrlinge wie ich. Ich war der Jüngste, und ich hielt die Zügel des Leittiers, manches Mal blieb Khada ein paar Schritte zurück, mein Blick war fest auf den Horizont gerichtet, aber meine anderen Sinne dehnten sich in alle Richtungen aus: in meinem Rücken die Karawane, über mir der Himmel, unter mir die Tiefen der Erde. Da fühlte ich es zum ersten Mal, spürte die Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Ausgangspunkt und Ziel, und mich selbst eingespannt in den Kosmos der Wüste, eingestellt auf ein Ziel, das da vorne lag, solange Khada nichts sagte, lag es da vorn. Und mir war, als könnte ich die Augen schließen und dennoch die Richtung halten, könnte gehen und gehen und sicher wie eine Kugel, die angestoßen wurde, meinem Lauf unfehlbar folgen.
Dann stolperte ich und fiel hin.
Beschämt sprang ich auf die Füße. Die Zügel des Leitkamels waren mir aus der Hand geglitten. Ich wagte nicht, meinem Vater in die Augen zu sehen. Er aber wirkte zufrieden, klopfte mir den Sand vom tekamist und sagte: »Gut gemacht, Idrisa, mein Sohn. Du hast es gespürt. Wer weiß, vielleicht wird aus dir einmal ein echter madugu.«