Beate Rygiert - Die Fälscherin

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eBook

Verlagdotbooks
ErschienenJanuar 1970
ASINB00F3GPN94
Seitenanzahl549
Preis6,99 €

Inhaltsangabe

Sofie Lenze sitzt in Untersuchungshaft. Der jungen Kunstrestauratorin wird vorgeworfen, die Bilder der italienischen Renaissancekünstlerin Sofonisba Anguissola gefälscht und teuer verkauft zu haben. Aber Sofie setzt Hauptkommissar Nagels scharfsinnigen Ermittlungen ihre eigene Wahrheit entgegen. Ihr Geheimnis: Sie verfügt nicht nur über Sofonisbas Erinnerungen, sondern auch über die Gabe, wie sie zu malen. Aber wie soll Sofie dem Hauptkommissar begreiflich machen, dass Sofonisbas Leben sie in ihren Träumen einholt?

DIE FÄLSCHERIN ist ein großer Roman über die Kunst,
die Liebe, die fließenden Grenzen zwischen Wahrheit
und Fiktion – und nicht zuletzt über die phantastischen
Vexierspiele der Erinnerung.

Leseprobe

Die Erinnerung ist eine große Lügnerin. Darum fälsche ich meine Geschichten und schreibe sie damit umso wahrer, weil die Fälschung dieses Quäntchen an Möglichkeit bewahrt, die die Vergangenheit scheinbar ausgetilgt hat. „Es war einmal“ ist eine Formel der vorgegaukelten Abgeschlossenheit. Nichts ist abgeschlossen, schon gar nicht die Vergangenheit, denn in jeder guten Vergangenheit steckt ein Körnchen Zukunft.
Eines Tages werde ich diesen Ort verlassen. In Wirklichkeit verlasse ich ihn jede Nacht, keiner hält mich auf, ich gehe, wohin es mir beliebt, und am anderen Morgen erzähle ich Marie beim Wäschesortieren meine nächtlichen Erlebnisse, dass sie die Arbeit vergisst und mit offenem Mund dasteht, bis die Aufsicht kommt: He, Marie, mach’s Maul zu, es zieht! Und die anderen wenden sich um zu uns und lachen, aber die, die meine Geschichten kennen, lachen neidvoll, spitzen die Ohren, wie gerne würden auch sie meinen Worten lauschen, denn dann bewegen sich die Hände wie von allein, und der Tag vergeht in einem Wimpernschlag, auch die Aufsicht mit den Hasenzähnen liebt meine Geschichten, hat klug erkannt, dass die Frauen flinker arbeiten und weniger Unsinn treiben, wenn sie mich meine Geschichten laut erzählen lässt, so laut sie eben gegen die Wäschetrommeln ankommen.
Ich bin eine Geschichtenerzählerin, ich erzähle Geschichten, so oder anders. Ich fälsche sie, um sie der Echtheit zu bewahren. Die Ereignisse sind schillernde Spiegelungen der Luft, jeder erkennt eine andere Geschichte darin, befrage drei verschiedene Zeugen eines Geschehens, und du wirst drei verschiedene Geschichten erhalten.
Ich erinnere mich an Geschichten so weit zurück in der Vergangenheit, dass sie schon wieder in der Zukunft liegen. Und da sind andere in der unendlichen Halle meiner Erinnerung, die erst noch geschehen werden, ihre Erfüllung erst noch erhalten werden, Geschichtenkeimlinge, ich pflege sie in meinen Träumen, damit sie reifen können, bis ihre Zeit gekommen ist, denn nichts auf der Welt steht für sich alleine, keine Geschichte hat einen Anfang oder ein Ende, das behaupten allein die Schriftsteller, deren einzige Kunst darin besteht, so zu tun, als gäbe es diese Eckpfeiler, einen Anfang und ein Ende, Mittelteil und Wendepunkte, sie tun so, als wären Geschichten in ein Schema zu zwängen, drei Akte, mehr ertragen sie nicht in ihrer Angst, sich der Vielgestaltigkeit der Existenz auszusetzen.

Die anderen geben vor, sich an nichts mehr zu erinnern. Sie hätten mit diesem einen Leben schon genug am Hals, höre ich sie sagen. Kein Wort glaube ich davon. In mir leben sie alle weiter, jeder von uns schleppt seine Ahnen mit sich herum, nicht nur die des Blutes, sondern auch die Geschichtenahnen der Seele, des Geistes, denn eigentlich sind wir alle eine, all die vielen Stimmen in mir, sie drängen heraus, wollen erzählen, Gestalt annehmen, alle auf einmal, aber ich bewahre die Oberhand, weiß sie zu zähmen, verteile notfalls Nummern wie beim Arbeitsamt, schön der Reihe nach, damit man die Hörer nicht verwirrt, manchmal geraten sie für kurze Zeit in Vergessenheit, aber mit einem Mal, einem Blick, einem Hauch sind sie wieder da, unmittelbar und unwiederbringlich dahin die Ruhe eines geordneten Weltbilds zwischen Wecken und Lichterlöschen. Aus und vorbei und alle wieder da, so wie an jenem Abend, die Malerin regte sich mächtig, fuhr aus dem Grab dort unten in Palermo, rüttelte und riss, wollte Segel hissen und Schiffe beladen, Anker lichten und pfeilschnell hinüber zu ihm, ein gekonntes Seemanöver war nötig, zwischen Tischen und Stühlen, dort hinten am Hauptmast, nein: an der Theke, da stand er, ruhig, lächelnd, ein Glas in der Hand, und um mich war alles Schäumen und Wogen, die ersten wohlbekannten Anzeichen der aufkommenden Seekrankheit, das Schwanken unter den Füßen, das Brüllen der Brandung und Stimmengewirr: schwere See.
Ich lächelte über seine Lüge, er sei Musiker, ich kannte die Wahrheit, in Wirklichkeit war er Kapitän, nein, schrie es wieder, es ist doch der König, aber ja, ihr habt beide recht, es ist wahrhaftig der königliche Kapitän.
Er lachte auf meine Antwort, ich sei Geschichtenerzählerin, als wisse er es besser, ja dann, sagte er, nur los, erzähl mir eine Geschichte, und da wurde ich stumm und alle anderen in mir ebenfalls, nur die eine fiel mir ein, stand mir immerzu vor Augen, aber die Worte fanden ausnahmsweise keinen Ausgang aus mir. Er lachte wieder, diesmal leiser, vertrauter, und stumm wie ein Fisch erlaubte ich ihm, seinen Arm um meine Schultern zu legen, war froh, denn die Planken des Schiffes hatten sich noch lange nicht beruhigt, Gischt sprühte herüber vom Mann hinter der Bar, und als er vorschlug zu gehen, war es mir nur recht.