Beate Rygiert - Perlen der Macht

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eBook

Verlagdotbooks
ErschienenOktober 2013
ASINEBOOK 978-
Seitenanzahl343
Preis6,99 €

Inhaltsangabe

Samuel hatte nie viel für Schmuck übrig; umso erstaunter ist er, als er sich plötzlich auf unerklärliche Art zu einer Kette hingezogen fühlt. Er kann nicht anders – er muss dieses Relikt aus dem alten Afghanistan haben. Von nun an trägt er es stets um den Hals. Doch mit einem Mal häufen sich eigentümliche Vorfälle. Samuel wird von Unbekannten bedroht und verfolgt. Schließlich muss er sich die Frage stellen, ob die Kette eine Macht besitzt, die ihn vollkommen beherrschen kann.

Leseprobe

Wie in einem Zeitsprung sah ich ihn am Straßenrand stehen, den Arm ausgestreckt, den Daumen erhoben. Ein Déjà-vu aus einer anderen Welt. Es war nicht die staubige anatolische Piste, auf der ich ihn damals aufgelesen hatte, sondern die Schwarzwald-Hochstraße, und über uns beide waren rund dreißig Jahre hinweggerollt. Da stand er also, und ich hätte schwören können, er trug dieselben Staubhosen und das gleiche verwaschene Hemd, ein unförmiger Rucksack lag zu seinen Füßen wie einst.
Natürlich hielt ich an, obwohl ich sonst schon lange nicht mehr für Tramper bremste. Per Anhalter durch die Welt zur reisen, ist aus der Mode gekommen. Er hatte es sich damals in den Kopf gesetzt, bis nach Indien zu trampen, und er war es gewesen, der mich auf die Idee brachte, weiterzufahren, als ich es mir jemals erträumt hatte.
Im Rückspiegel sah ich ihn lässig den Rucksack aufnehmen und noch etwas anderes, einen Gegenstand, der aussah wie ein langer Stab. Ich stieg aus. Mit geschmeidigen Bewegungen kam er auf mich zu, sein Gesicht strahlte auf, »hey Samuel«, rief er und schloss mich in die Arme, »wo hast du deinen alten VW-Bus gelassen?«, ganz so, als wären wir nur für ein paar Tage getrennt gewesen.
Wir lachten, schlugen uns auf die Schultern, lachten noch mehr. Die Fältchen um seine Augen sahen aus wie lauter Sonnenstrahlen, noch immer hatte er diesen winzigen sternförmigen Leberfleck unter seinem linken Auge, der ihm den Ausdruck eines halben Harlekins verlieh. Acht Wochen waren wir gemeinsam unterwegs gewesen. »Verdammt lang her ist das«, sagte ich, »wie zum Teufel kommst du ausgerechnet in den Schwarzwald?«
Er wohnte fünf Bergkuppen weiter. Das lange Ding, das von der Heckscheibe bis zu ihm über die Schulter auf dem Beifahrersitz reichte, war sein handgefertigter Langbogen aus Rosenholz und Eibe. Madhuha war Meister im Intuitiven Bogenschießen.
»Hier«, sagte er, als ich ihn vor seinem Haus absetzte, »da steht meine Telefonnummer drauf.«
Er drückte mir ein Faltblatt in die Hand. Auf der vorderen Seite war er abgebildet, mit aufgezogenem Bogen irgendwo in die Ferne zielend. Innen eine Liste mit Seminarterminen.
»Du unterrichtest das?«, fragte ich.
»Ja«, sagte er. »Komm doch mit. Im Juli. In die italienischen Alpen.«

»Warum nicht«, meinte Katja. »Mal was anderes.«
Wie sollte sie auch ahnen, dass dieser Urlaub der Anfang einer Geschichte werden würde, die weder sie noch ich auch nur im Traum für möglich gehalten hätten?

1. Kapitel
Der Anfang

Am Anfang bäumte sich der Berg auf. Es war, als wollte er uns entgegenstellen. Zunächst als entferntes Grollen. Dann bebte die Erde unter unseren Füßen. Das scharfe Geräusch von zersplitterndem Holz, und dann war sie da, eine Welle aus rollendem Stein. Ich packte Katja und riss sie in den Schutz eines Felsüberhangs. Das fing ja gut an. Noch nicht einmal angekommen, fiel schon der Berg über uns her.
Wir hatten Glück, der Felsen hielt. Als wir unter ihm hervorkrochen, stieg eine Staubwolke vor uns auf; setzte sich in Augen, Nase und Mund. Die Lust auf einen längeren Aufenthalt in den italienischen Alpen war uns vergangen.
Der Steinschlag hatte eine Bresche durch den bewaldeten Hang geschlagen. Als sich die Staubwolke legte, sahen wir durch die frische Schneise, ganz oben und winzig klein, das Dorf. Es klebte am Berghang, als existiere keine Schwerkraft. Als sei das, was wir eben erlebt hatten, reine Illusion, ein Traum.
Wir kehrten um, entschlossen, irgendwo anders hinzufahren, ans Meer oder nach Mailand, an den Lago Maggiore oder schlimmstenfalls zurück nach Hause. Unten auf dem Parkplatz erkannten wir, dass wir festsaßen. Der Steinschlag hatte die Talausfahrt verschüttet. Also blieb uns nur das Dorf. Aber so überraschend, wie es sich eben noch gezeigt hatte, so tückisch entzog es sich uns jetzt. Die Lawine hatte den Pfad verwischt und meinen Orientierungssinn verwirrt. So irrten wir an der Flanke des Berges herum, auf der Suche nach dem richtigen Weg.
Die ursprünglichen Bewohner hatten das Dorf zu Beginn des vorigen Jahrhunderts aufgegeben. Warum wohl? Zu isoliert? Zu abgeschieden? Zu viel Stein und zu wenig fruchtbarer Boden? Wo waren die Menschen hingegangen? Zu Verwandten in die Täler? In die großen Städte? Nach Amerika? Vielleicht gingen sie nirgendwo hin, vielleicht hatte eine Epidemie das Dorf leergefegt? Ein besonders kalter Winter es ausgehungert? Banditen die Bewohner ermordet?
Was auch immer geschehen war, fast hundert Jahre lang hausten in den Häusern Mäuse und Ratten, Salamander und Echsen, Spinnen und Käfer, Fledermäuse und Falken, Hasen und Igel. Decken stürzten. Mauern verfielen. Dachfirste knickten ein. Das Dorf, gerade mal eine Stunde Fußmarsch über dem Tal gelegen, geriet in Vergessenheit. Bis es vor zwölf Jahren von einem halben Dutzend Deutscher und Schweizer entdeckt wurde. In Besitz genommen und mit nichts als sturem Willen und der Kraft vieler Hände Stück um Stück wieder aufgebaut.
Eine Straße gab es allerdings noch immer nicht. Der Trampelpfad, über den man sich selbst samt Gepäck hinaufschleppen musste, war kaum mehr zu erkennen. Endlich bekamen wir einen mit Steinplatten befestigten Weg unter die Füße, Überrest aus einer anderen Zeit, der uns an einer Kirche vorbei durch ein Labyrinth aus Mauern auf einen Platz führte. Erst auf den zweiten Blick konnten wir Ruinen von bewohnten Häusern unterscheiden. Das steinerne Grau in Grau blendete uns. In der Stille rauschte das aufgebrachte Blut überlaut in unseren Ohren. Eine Eidechse flitzte über den Stein und verschwand. Sie schien das einzige Lebendige hier oben.
Dann entdeckten wir die Gärten. Eine Frau trat aus einem Haus. Sie trug ein buntgewobenes Kleid, das in der Abendsonne blitzte; unzählige aufgenähte Spiegelstücke reflektierten das letzte Licht. Ihr schwarzes Haar war zu einem Zopf gebunden. Einen Augenblick glaubte ich, irgendwo im Himalaja gelandet zu sein.
»Na, da seid ihr ja«, sagte eine vertraute Stimme hinter mir. Es war Madhuha. »Gut, dass ihr da seid, ich habe schon nach euch gesucht.«
Der Steinschlag war das Gesprächsthema des Abends. Ein mächtiges Stück Fels unterhalb des Kirchleins war abgebrochen und zu Tal gestürzt. Keiner konnte sich erklären warum. Die Gäste aus Deutschland saßen müde im Kerzenschein und löffelten Reis mit Chili-Auberginen und Ingwer-Karotten, die Yamuni, die Frau mit dem Zopf, uns gekocht hatte. Wir waren nicht die Einzigen, denen der Fluchtweg abgeschnitten worden war. Zwei Männer unterhielten sich darüber, dass es hier oben keinen Handyempfang gab. Dann schwiegen auch sie. Die Vorstellung, nicht erreichbar zu sein, schien sie mehr zu verstören, als die Felslawine.