Claudia Schwarz - Ghosem - Das Seelenportal

Verfügbare Formate

Taschenbuch

ErschienenJanuar 1970
ISBN-101499500122
ISBN-139781499500127
Seitenanzahl500
Preis12,99 €

Inhaltsangabe

Was wäre, wenn es plötzlich dunkel um dich werden würde? Wenn dein Körper fortan hilflos in einem Krankenhausbett läge? Du nicht mehr fähig wärest, dich zu regen? Was, wenn deine Seele auf Wanderschaft ginge und dein Herz mitnähme? Wie weit würdest du für einen Traum gehen? Das Leben des neunzehnjährigen Jona gerät abrupt aus den Fugen, als er durch die Folgen eines schweren Motorradunfalls ins Koma fällt. Er erwacht in einer Welt, die gegen alle Regeln des Verstandes zu verstoßen scheint: Ghosem. Dort herrscht Domhnall, ein allmächtiges Gottwesen. Sich von den Ängsten menschlicher Seelen nährend, stellt Domhnall ihn vor die Wahl: Unterwirf dich oder stirb. Während Jonas Körper reglos und angeschlossen an lebenserhaltende Maschinen in einem Krankenhausbett liegt, kämpft seine Seele in Ghosem fortan ums Überleben. Nicht willens, sich seinem Schicksal zu beugen, steht Jona jedoch schon bald vor der Frage: Ist es lohnenswert, für seinen Stolz alles aufs Spiel zu setzen? Doch nicht allein dafür, sondern ebenso für eine verbotene Liebe ist Jona bereit, weit mehr zu opfern als nur seine Unbeugsamkeit …

Leseprobe

♥ Für Rebecca, Frederic und Anna ♥






1

Köln

Der Himmel über Hahnwald im Süden von Köln zeigte sich schon den gesamten Vormittag wolkenverhangen und grau. Ein Windstoß wirbelte vertrocknete Blätter vom Bordstein auf die Straße. Die Gehwege, auf denen im Sommer Mütter schwatzend bunte Kinderwagen schoben und schwitzende Jogger ihre Runden drehten, schienen nun nahezu ausgestorben. Vereinzelt huschten ein paar vermummte Gestalten mit hochgeschlagenem Mantelkragen vorbei. Notgedrungen hatten sie sich dem Zwang ergeben, ihre winselnden Vierbeiner vor die Tür zu führen. Kräftige Windböen zerrten am knorrigen Geäst der ausgedehnten Baumbestände und ließ es ächzen. Die imposanten Bäume, hinter denen sich eine Vielzahl Villen vor den Augen neugieriger Passanten verbarg, hatten ihr Laub schon vor geraumer Zeit abgeworfen. Ihre nackten Äste ragten wie knochige Klauen über die bemoosten Mauern und schmiedeeisernen Zäune der Vorgärten. Das Jahr neigte sich dem Ende und trug kalte Luft in den beschaulichen Vorort der Domstadt am Rhein. Wer genau hinsah, erhaschte einen Blick auf vereinzelte Schneeflocken, die jedoch bereits geschmolzen waren, bevor sie den Boden erreichten. Die Winter im Rheinland versprachen selten ergiebigen Schneefall. Dafür gab es umso öfter verregnetes Schmuddelwetter, das sich am besten mit dicken Wollsocken und einer heißen Tasse Tee vor dem knisternden Kamin ertragen ließ. Sofern man den Luxus eines solchen besaß.
Der unbehaglichen Witterung trotzend, huschte Sophie an den verödeten Blumenbeeten des gepflegten Einfamilienhäuschens vorbei. Fröstelnd zog sie sich die verwaschene Strickjacke fester um ihre schmalen Schultern. Die modische Nachlässigkeit ihres Outfits würde gewiss für ausreichend Gesprächsstoff unter den Frauen des gehobenen Kölner Wohnviertels sorgen. Doch es war ihr egal. Sie hatte sich längst abgewöhnt, darüber nachzugrübeln, was man hinter ihrem Rücken über sie und ihre Familie tuschelte. Schon mehr als einmal hatte sie überlegt, den weiß verputzten Bungalow einfach zu verkaufen und sich irgendwo niederzulassen, wo niemand sie kannte. Die monatlichen Kosten waren ohnehin kaum zu bewältigen und brachen ihr fast das Rückgrat. Dennoch brachte sie es nicht übers Herz, sich von diesem Teil ihres Lebens zu trennen. Frierend verschränkte sie die Arme vor der Brust und betrat die bunt gepflasterte Garageneinfahrt. Ihr Blick heftete sich auf Jona und dessen startbereites Motorrad. Eilig suchte sie nach den passenden Worten, um mit ihm ins Gespräch zu kommen.
»Es war nicht in Ordnung, was Stefan dir vorgeworfen hat. Du kennst ihn doch. Er ist impulsiv.« Sie rang sich ein Lächeln ab. »Komm rein und lass uns noch mal in Ruhe darüber reden, ja?«
»Worüber? Stefan ist und bleibt ein Arschloch. Das wird sich auch in tausend Jahren nicht ändern«, entgegnete Jona bitter. Er schwang sich auf den rissigen, mit Panzerband ausgebesserten Sattel der blauen Yamaha und drehte den Schlüssel herum. Mit durchdringendem Geknatter lenkte er die Maschine auf die Straße.
Großartig, dachte Sophie frustriert und hielt für einen Moment die Luft an, um die stinkenden Abgase nicht einatmen zu müssen. Lauf nur davon wie jedes Mal, wenn jemand dir zu nahe kommt. Sie sah ihm nach, bis er endgültig aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Erst dann wandte sie sich um und ging zurück ins Haus. Die weiße Kunststofftür schloss mit einem kaum hörbaren Klicken. Nach wie vor haftete der Tür ein leichter Ölgeruch an. Stefan, Sophies Lebensgefährte, hatte das Schloss erst vor ein paar Tagen mit Grafitspray behandelt. Sie trat in die angrenzende Küche. Der sonnengelbe Anstrich wirkte noch immer genauso warm wie an jenem Tag, an dem Jonas Vater Magnus ihn aufgetragen hatte.
Als würde man tatsächlich in der Sonne stehen. Wie machst du das bloß?, hatte sie ihn damals staunend gefragt. Ich bin ein Zauberer, hatte er lächelnd erwidert. Obwohl sie sich für durch und durch pragmatisch hielt, war Sophie für einen winzigen Moment geneigt gewesen, ihm zu glauben. Die Erinnerung daran entlockte ihr ein Lächeln. Darin gefangen trat sie in die Küche. Wie überall im Haus herrschte penible Ordnung, da Stefan Unordnung hasste. Sophie hatte sich diesem Wesenszug gefügt. Einer Gewohnheit folgend nahm sie eine der in Reihe und Glied stehenden Tassen aus dem Schrank, um sich einen Kaffee aufzubrühen. Nachdem der letzte Tropfen aus der Padmaschine gefallen war, griff sie die Tasse und setzte sich an den Küchentisch. Mechanisch fegte sie die verbliebenen Brötchenkrümel des zurückliegenden Frühstücks von der Tischplatte und nippte lustlos an ihrem Kaffee. Ihre Gedanken wanderten zu Jona. Seit Jahren machte er permanent Schwierigkeiten, und es schien kein Ende in Sicht. Sophie seufzte. Wie lange musste sie dieses pubertäre Gehabe wohl noch ertragen? Immerhin war Jona schon neunzehn. Da durfte man doch wenigstens den Ansatz einer gewissen Reife erwarten. Aufgrund seiner überschäumenden Hitzköpfigkeit endete allerdings beinahe jeder Tag in einem Desaster. Stefan war sicherlich nicht unschuldig daran. Häufig reizte er Jona bis zur Weißglut und ließ ihn anschließend mit einem Lächeln auf den Lippen gegen die Wand laufen. Das Verhältnis zwischen den beiden war von vornherein nicht sonderlich gut gewesen. Dennoch hatte Sophie den Eindruck, dass ihr Lebensgefährte Gefallen daran fand und es als eine Art Sport ansah. Jona war rebellisch, chaotisch und ständig knapp bei Kasse. Grundlegend anders als Stefan. Sophie spielte geistesabwesend mit dem Tassenhenkel. Die vergangenen Monate hatten ihr nur allzu deutlich vor Augen geführt, dass Jona mehr denn je einen Vater gebraucht hätte. Sie selbst fühlte sich nicht in der Lage, diese Lücke angemessen zu füllen. Und Stefan … wenn es einen Menschen auf der Welt gab, dem Jona augenblicklich noch mehr Hass entgegenbrachte als seinem leiblichen Vater, war er es.
Herrgott, Jona, dachte sie mit einer Mischung aus Zorn und Wehmut, warum kannst du dich des lieben Friedens willen nicht wenigstens ab und zu zusammenreißen? Auch wenn es dir schwerfällt, es ist nun mal, wie es ist. Niemand kann die Zeit zurückdrehen. Erneut nahm Sophie einen Schluck des dunklen Gebräus, das sich bereits am Rand des Steingutes abzusetzen begann. Ihr Blick heftete sich auf das Foto, das sie selbst vor einer Ewigkeit am Kühlschrank befestigt hatte. Raue Klippen. Grüne Hügel. Sagenumwobene Ruinen. Irland. Magnus. Er hatte den Arm um ihre Schulter gelegt, während sie ihren Kopf verliebt an seine Brust schmiegte. Ihrer Hochzeitsreise. Ein sanftes Lächeln huschte über ihr sorgenvolles Gesicht, als sie sich an die gemeinsamen Jahre erinnerte. Manche mochten Magnus für ein wenig sonderbar gehalten haben. Für Sophie aber war er der Mann, der ihr die schönste Zeit in ihrem Leben geschenkt hatte. Und dann, eines Tages, war ihr Glück schlagartig zerbrochen.
Es gibt eine andere Frau in meinem Leben, hatte Magnus schlicht erklärt. Nichts weiter. Er hatte es nicht einmal für nötig befunden, seine Koffer zu packen, ließ alles zurück, was einst eine Bedeutung für ihn gehabt hatte.
Durch seine Worte wie vor den Kopf geschlagen, hatte Sophie in der Tür gestanden, unfähig zu reagieren, zu weinen oder ihm Vorwürfe zu machen.
Du musst dir keine Sorgen machen. Ich werde auch weiterhin für euch da sein, hatte er versprochen. Dann war er auf Nimmerwiedersehen verschwunden, hatte sie mit Jona und dem Haus alleine gelassen. Sie hatte versucht, Magnus zu vergessen, sich bemüht, ihn zu hassen. Es war ihr nicht gelungen. Auch ihre neue Beziehung änderte nichts daran. Nach wie vor tauchte Magnus in ihren Träumen auf, als wolle er nachsehen, ob es ihr gut ging. Unwillig verbannte Sophie sein Gesicht aus ihrem Kopf. Sie konnte die Vergangenheit nicht mehr ändern. Niemand konnte das. Angewidert trank sie den letzten Schluck des kalt gewordenen Kaffees und stellte die Tasse pflichtbewusst in die Spülmaschine.



2

Die aufziehenden Wolken verhießen nichts Gutes und kündigten ein drohendes Unwetter an. Leichter Schneefall setzte ein. Eisiger Wind pfiff unbarmherzig um Jonas schlanken Leib und zerrte an seiner verschlissenen Jacke.
Was für ein Unsinn, hatte Stefan mit verächtlicher Miene entgegnet, als er ihn vor einer Weile um eine neue gebe¬ten hatte. Die alte Jacke tut es mindestens noch ein Jahr. Wenn dir das nicht passt, geh halt zu deinem Vater und bettele ihn um Geld an!
Jona wusste selbst nicht so recht, warum er es überhaupt versucht hatte. Stefan war schon immer ein knausriger Pedant gewesen und zählte jede Scheibe Wurst ab, die man sich aufs Brot legte. Auch versäumte er nie eine Gelegenheit, in der er Jona herablassend behandeln konnte, ihn als Schlappschwanz, Parasit oder Schlimmeres bezeichnete.
Du bist von keinem gewollt. Nicht mal von deinem Erzeuger. Er hat dich zurückgelassen, kaum dass du stehen konntest. Seither schert er sich einen Dreck um dich. Hast du dich nie gefragt, warum?
Jona seufzte resigniert. Natürlich hatte er sich diese Frage gestellt. Hundertmal. Tausendmal. Doch wie er es auch drehte und wendetet, es lief jedes Mal auf die gleiche Antwort hinaus: Er war ein Versager, von keinem gewollt, verspottet und verlassen wie ein räudiger Straßenköter. Warum sonst wäre Magnus wohl ohne ihn gegangen? Welcher Vater gab denn freiwillig seinen Sohn auf, überließ ihn der Obhut eines anderen Mannes, ohne nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie es ihm dort ergehen würde?
Er war kaum vier Jahre alt gewesen, als Magnus die Familie im Stich gelassen hatte. Jona konnte sich nicht besonders gut an den Mann erinnern, der sein Vater war. Doch er wusste noch wie heute, dass Magnus ihm übers Gesicht gestreichelt und gesagt hatte, er würde es ihm irgendwann erklären. Dieses Irgendwann war nun annähernd fünfzehn Jahre her. In all dieser Zeit hatte Jona weder etwas von Magnus gehört noch gesehen. Als kleiner Junge war er verwirrt und traurig gewesen, dann zornig, und heute hasste er seinen Vater für diesen Verrat an der Familie. Kurz nach Jonas vierzehntem Geburtstag brachte Sophie einen neuen Mann mit nach Hause. Stefan. Mit ihm hielt die Hölle Einzug. Niemals, das hatte Jona sich damals geschworen, würde er seinem Vater das verzeihen!
Stefan war ein übellauniger Exzentriker, der in seiner Person den Nabel sah, um den sich die Welt zu drehen hatte. Sein zwischenmenschliches Interesse beschränkte sich ausschließlich auf Sophie. Eigene Kinder hatte er keine und auch nie welche gewollt. Nur allzu schnell hatte Jona begreifen müssen, dass er dem Freund seiner Mutter ein Dorn im Auge war. Obwohl er ihn körperlich nie misshandelte, hieb Stefan dennoch bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Jonas verwundbare Seele ein. Er schien es sogar zu genießen, ihn immer wieder aufs Neue mit Spitzfindigkeiten und kleinen Gemeinheiten zu quälen. Was das anging, mangelte es ihm nicht an Phantasie. Nie rief er Jona bei seinem Namen, nannte ihn »Bastard« oder »Versagerbrut«. Lediglich in Sophies Anwesenheit nannte er ihn freundlich grinsend »Kleiner Mistkäfer« oder »Hosenscheißer«. Es fiel Jona schwer zu glauben, dass Sophie nicht bemerkte, wie sehr er unter Stefans Diffamierungen litt. Vielleicht war es die Angst vor einem weiteren Verlust, die sie blind machte. Er wusste es nicht. Irgendwann beschloss er, es einfach auszusitzen. Schließlich würde er nicht ewig daheim wohnen.
Nach Jonas achtzehntem Geburtstag nahm Stefans Verhalten jedoch neue Dimensionen an. Plötzlich schien er nicht nur ein lästiges Übel, sondern überdies einen Rivalen in Jona zu sehen. Nicht selten drohte er, ihn vor die Tür zu setzten, sofern er wagen würde aufzumucken. Noch gezielter als zuvor ging Jona ihm aus dem Weg und ließ seinen Frust über Stefans Verhalten an seiner Mutter aus, was dazu führte, dass sie fast täglich miteinander stritten. Warum bloß war sie derart blind? Jona seufze resigniert. Zum Teufel mit diesem Idioten! Wütend drehte er am Gas und beschleunigte seine Maschine, bis die Nadel der Tachoanzeige am Limit war. In diesem Moment öffneten die dichten Wolken des tiefschwarzen Himmels ihre Schleusen. Schneeregen prasselte gegen das Visier von Jonas Helm. Vergeblich versuchte er, die aufsteigenden Tränen wegzublinzeln und sich auf die Straße zu konzentrieren. Mit angestrengt zusammengekniffenen Augen bog er in Richtung Rheinufer ab. Er fuhr diesen Weg nicht zum ersten Mal und hätte ihn im Schlaf gefunden. Eine fatale Vertrautheit. Zu spät bemerkte er, dass seine abgefahrenen Reifen auf dem mit Schneematsch behafteten Asphalt haltlos unter ihm wegzurutschen begannen. Jonas durchgefrorene Hände krallten sich um die Griffe des Lenkrades. Als sein Bewusstsein die Unausweichlichkeit des Brückenpfeilers erfasste, fühlte er sich nicht unwesentlich an einen schlechten Film erinnert. Mit der letzten Erkenntnis, jede Chance auf Reaktion vertan zu haben, wurde es schließlich dunkel um ihn.