Claudia Schwarz - Ghosem - Seelenfeuer

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Taschenbuch

VerlagKDP
ErschienenJanuar 1970
ISBN-101978429363
ISBN-139781978429369
Seitenanzahl471
Preis11,98 €

eBook

VerlagKDP
ErschienenJanuar 1970
ASINB07BFX4CBM
Preis3,99 €

Inhaltsangabe

Was wäre, wenn die Welt um dich herum plötzlich in Flammen stünde?
Wenn alles, wofür du gekämpft hast, vor deinen Augen zu Asche zerfiele,
das Licht die Dunkelheit heraufbeschwören würde?
Was, wenn du deine Seele opfern müsstest, um dein Herz zu retten?

Nach einer Zeit voller Aufruhr und Gefahren wünscht Jona sich nur noch eines: im Eichengrund zur Ruhe zu kommen. Aber schon bald entwickelt sich das tief in Bryoniens Bergen versteckte Tal zum geheimen Zufluchtsort aller Seelenwanderer, die Jona zu ihrem Anführer erheben. Als das Schicksal erneut zuschlägt und er erfährt, dass Domhnall sich mit seinem ärgsten Feind verbündet hat, sieht Jona sich plötzlich einer Macht gegenüber, der er nichts entgegenzusetzen hat. Dennoch ist er bereit, alles auf eine Karte setzen, um die Seelenwanderer zu retten. Doch die Enthüllung eines dunklen Geheimnisses lässt ihn sowohl an seiner Entscheidung als auch an seiner Blutstreue zweifeln …

This is a fight of light and darkness.

Leseprobe

1

»Schon mal ein Tier von innen gesehen?«
Evas Augen weiteten sich entsetzt, als ihr Blick auf das schlaffe Fellbündel fiel, das neben der Tür von einem Haken herabhing.
»Danke, das war Antwort genug«, schmunzelte Tasnim, die sich ein Quäntchen Spott nicht verkneifen konnte. »Aber ob es dir behagt oder nicht - du wirst lernen müssen, sie auszunehmen.« Sie ergriff Evas Hand. »Na komm schon. Wir haben eine Vielzahl hungriger Mäuler zu stopfen.« Vorsichtig löste sie eines der Tiere vom Haken und warf es auf den Tisch. Der Aufprall verursachte ein unangenehm dumpfes Geräusch. Dann zog sie ein Messer aus ihrem Gürtel, setzte die Spitze der Klinge an und öffnete vorsichtig den Bauch des Tieres. Gedärme und Blut quollen hervor und verteilten sich über den Leib des toten Kaninchens. Behutsam begann Tasnim, es zu enthäuten. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie Eva ihrem Tun mit angewiderter Miene folgte. Nachdem sie ihre Arbeit beendet hatte, hielt sie der Fürstentochter das abgezogene Kaninchen entgegen. »Den Rest überlasse ich dir.«
»Mir? Wie soll ich denn ...?«, stammelte Eva entgeistert.
»Da gibt es keine besondere Technik. Immer rein mit den Fingern. Falsch machen kannst du eigentlich nichts. Also nur Mut.«
Eva wandte sich dem vor ihr liegenden Tier zu und schluckte. Den Kopf angewidert zur Seite geneigt, fasste sie sich ein Herz und schob die Hand vorsichtig in die Eingeweide des toten Kaninchens. Sichtlich angespannt tastete sie nach den Innereien.
»Ist das wirklich vonnöten?«, fragte sie.
»Wenn du nur ihr Fleisch essen möchtest und nicht das, was sie am Ende wieder ausscheißen - ja«, antwortete Tasnim, die sich fröhlich pfeifend darangemacht hatte, einem weiteren Tier das Fell über die Ohren zu ziehen.
Seufzend versenkte Eva ihre Hand abermals im Bauch des vor ihr liegenden Kaninchens. Ein Schwall warmer Flüssigkeit, von dem ein stechender Geruch ausging, lief zwischen ihren Fingern hindurch. Als Eva ihn einatmete, geriet ihr Magen in Aufruhr.
»Du hast seine Blase zerquetscht«, konstatierte Tasnim verdrossen. »Schnell, wasch es ab, sonst schmeckt das Fleisch später nach Pisse.« Bevor Eva reagieren konnte, nahm sie das Tier und warf es in einen Bottich, dessen darin befindliches Wasser sich augenblicklich rot färbte. Die freiliegenden bläulichen Därme trieben an die Wasseroberfläche.
Eva hielt sich angewidert den Mund zu, bemüht, ihre aufsteigende Übelkeit zu unterdrücken. Doch die plötzliche Hast, mit der sie nur einen Moment später hinausstürzte, offenbarte, dass es ihr nicht gelungen war.
»Vorzüglich«, murmelte Tasnim. »Wenn sie so weitermacht, wird Jona sich sein Essen künftig selbst zubereiten müssen.« Sie strich sich eine Locke aus der Stirn. Irgendwie wurde sie das dumpfe Gefühl nicht los, dass es an ihr hängen bleiben würde, Eva in die Kunst des Kochens einzuweihen. Verflucht, Roberts, warum ausgerechnet eine Prinzessin? Hättest du dir nicht jemand Normalen aussuchen können?, dachte sie, tauchte die Hand in den Bottich und fischte das Kaninchen wieder aus dem Wasser.

Tief im Schatten der kleinen Hütte verborgen betrachtete Cedric Evas vornübergebeugte Gestalt. Sie hatte ihre Reisekluft gegen ein Kleid getauscht, das ihr - wie er fand - bei Weitem besser stand als die Hosen, die sie noch kurz zuvor getragen hatte. Voller Verachtung dachte er an die schwarz gelockte Freundin des Piraten, die ihre Garderobe schon vor einer ganzen Weile um Hose und Hemd ergänzt hatte. Angeblich, weil sie es praktischer fand. Doch Cedric war sich sicher, dass es Tasnim um nichts anderes ging, als die Männer, die sie umgaben, zu betören. Ihre Kleidung schmiegte sich stets eng an ihren kurvenreichen Körper und betonte ihre Figur über die Maßen. Selbst er hatte sich um ein Haar davon hinreißen lassen, bei ihrem Anblick die Beherrschung zu verlieren, war aber glücklicherweise rechtzeitig zur Vernunft gekommen, um nicht in ihre geschickt ausgelegte Falle zu tappen. Sollte Murray sich doch den Geist vernebeln und von dieser männermordenden Viper in den Abgrund reißen lassen. Was ging es ihn an?
Ganz anders hingegen verhielt es sich mit der Frau, die Jona mitgebracht hatte. Sie war ebenfalls in Männerkleidung gekommen, hatte aber sofort die Notwendigkeit eingesehen, diese gegen ihrem Geschlecht angemessene Kleidung auszutauschen. Ihr gesamtes Auftreten unterschied sich von dem der herrischen und forschen Tasnim. Wenngleich man Eva anhand ihres Verhaltens zweifellos ihre aristokratische Abstammung anmerken konnte, so schien sie doch genau zu wissen, wo ihr Platz als Frau war - ganz im Gegensatz zu Tasnim! Gebannt verfolgte Cedric jede von Evas grazilen, wenn auch im Augenblick eher etwas hölzernen Bewegungen. Offenbar fühlte sie sich nicht sonderlich gut, denn sie presste sich schwer atmend eine mit Blut besudelte Hand auf den Bauch und erbrach sich schließlich schwallartig neben der Hauswand. Unsicher, ob er das richtige tat, gab Cedric sein Versteck auf und ging langsam auf die junge Frau zu.
»Kann ich dir helfen?«, erkundigte er sich befangen. Entkräftet neigte Eva den Kopf in seine Richtung. Die Erschöpfung der langen Reise stand ihr nach wie vor ins Gesicht geschrieben.
»Kannst du mir zeigen, wo ich Wasser finde? Ich würde mich gern ein wenig waschen und diesen fürchterlichen Geschmack in meinem Mund loswerden.«
Cedric nickte stumm und sah verstohlen auf die Pfütze aus Erbrochenem.
Eva, die seinem Blick folgte, errötete unwillkürlich. Beschämt, dem Zeugen ihrer Schwäche gegenüberzustehen, murmelte sie: »Verzeihung. Gewöhnlich bin ich nicht so empfindlich. Es ist bloß … ich habe noch nie zuvor ein Tier ausgenommen. Es ... es roch so seltsam, und dann das ganze Blut ...« Einem Impuls folgend betrachtete sie ihre besudelten Hände und schwankte.
Sofort war Cedric an ihrer Seite und stützte sie. »Ich zeige dir, wo der Bach ist. Das Wasser wird dir guttun und dich beleben.« Bereitwillig geleitete er die aschfahle Eva zu dem Bachlauf, der aufgrund der heftigen Regenfälle der letzten Tage beträchtlich angeschwollen war. »Sei vorsichtig«, warnte er, »der Rand ist aufgequollen und ziemlich rutschig.«
Eva nickte und kniete am Ufer nieder. Zitternd wusch sie sich das Blut ab, schöpfte sie ein wenig in die hohle Hand und spülte sich den Mund aus. Anschließend benetzte sie ihr Gesicht.
»Das tut gut«, seufzte sie und ließ sich ermattet auf einen Felsenbrocken sinken.
Verzaubert folgte Cedrics Blick dem glitzernden Wassertropfen, der an Evas schlankem Hals bis hinunter in die kleine Kuhle ihres grazilen Schulterbeins hinablief. Ihre weiße Haut sah aus wie frisch gefallener Schnee - makellos, so, als habe noch niemand sie jemals berührt. Alles an ihr wirkte derart zart, dass ihn das übermächtige Bedürfnis überkam, sie vor allem Übel dieser Welt schützen zu wollen - insbesondere vor seinem herrschsüchtigen Bruder, der so sehr damit beschäftigt war, ein Held zu sein, dass er offenbar an nichts anderes mehr denken konnte. Wenn er vielleicht ...
»Ich sagte, du bist also Jonas Bruder«, drangen ihre Worte von fern an sein Ohr. Er schreckte auf.
»Wie?«
Eva sah ihn stirnrunzelnd an. »Ist alles in Ordnung mit dir?«
»Alles in Ordnung«, bestätigte Cedric hastig und wich ihrem prüfenden Blick aus, da er sich bei etwas Verbotenem ertappt fühlte.
»Und?«
»Und was?«
»Ja, bist du nun Jonas Bruder oder nicht?«
»Doch, doch. Wir sind Brüder - auch wenn es schwer zu glauben ist«, fügte er grimmig hinzu.
»Du spielst auf euer Aussehen an?«, fragte Eva leichthin. »Weißt du, dass du wie deine Mutter aussiehst? Nur die Haarfarbe hast du vom Zauberer geerbt. Bei Jona verhält es sich genau anders herum.«
»Eine Bürde, die ich bis an mein Lebensende tragen werde«, brummte Cedric. Das Letzte, was er wollte, war, mit Eva über Jona oder seinen Vater zu sprechen. »Aber genug von mir. Was ist mit dir? Stimmt es? Bist du tatsächlich die Tochter eines Fürsten?«
»Das lässt sich wohl ebenso wenig ändern«, antwortete Eva.
Cedric grinste scheu: »Dann verbindet uns offenbar mehr, als es den Anschein hat.«

In den folgenden Tagen fand Jona kaum Zeit, sich so um Eva zu kümmern, wie er es sich gewünscht hätte. Geplagt von seinem schlechten Gewissen überließ er sie zumeist Tasnim, die sich dazu bereit erklärt hatte, der Fürstentochter als Mentorin zur Seite zu stehen. Sehnsuchtsvoll streifte Jonas Blick über seine schlafende Verlobte. Wie gern wäre er einfach neben ihr liegen geblieben und hätte sie beim Aufwachen beobachtet, das Gesicht in ihrem duftenden Haar vergraben und die pochende Ader an ihrem Hals geküsst, während sie sich, trunken von Schlaf, unter ihm rekelte. Nur widerwillig verdrängte er sein Verlangen und verließ das Bett noch vor Sonnenaufgang. Innerlich seufzend ermahnte er sich, schloss leise die Tür und ging hinüber zu der angrenzenden Weide. Auf seinen Pfiff hin löste sich aus der Gruppe der darauf grasenden Pferde ein Rotfuchs und gesellte sich zu ihm. Sanft strich der dem Tier über die Stirn.
»He du, wie ich sehe, hast du bereits Freundschaft geschlossen.« Der Fuchs schnaubte und rieb seine Nase auf der Suche nach einer Leckerei an Jonas Hemd. »Du willst Futter? Das bekommst du hier in Hülle und Fülle. Lang ordentlich zu, und du bist bald wieder bei Kräften. Bis es soweit ist, werde ich auf einen deiner neuen Freunde zurückgreifen.« Er betrat die Weide und wählte eine der Stuten aus. »Hallo, meine Hübsche, ich bin Jona. Magst du mich begleiten?«, raunte er ihr zu und saß auf, bevor sie wusste, wie ihr geschah. Gehorsam ließ sie sich von ihrem Reiter auf den Pfad lenken.
Jona hatte es nicht eilig. Noch lag Stille über dem Tal. Einzig das melodische Zwitschern der Vögel wies darauf hin, dass es bis Tagesanbruch nicht mehr fern war. Wie von selbst passte er sich dem rhythmischen Auf und Ab des Pferdes an, drückte seine Wirbelsäule durch und atmete tief ein. In der Luft lag der Geruch frisch geschlagenen Holzes. Da der Strom der Seelenwanderer nicht abriss und sie mit dem Bau neuer Behausungen kaum nachkamen, wurde der Weg von zur Verarbeitung bereitliegenden Stämmen gesäumt. Jona wusste nicht, ob es ihn freuen oder doch eher beängstigen sollte. Die Frage, ob - und wenn - wann es zur alles entscheidenden Schlacht kommen würde, schwebte über ihnen wie ein Damoklesschwert. Fast sehnte er einen Angriff herbei, um der Ungewissheit ein Ende zu bereiten.
Die Hufe seines Pferdes klapperten gleichförmig über den Pfad, der die Hütten wie ein Netz miteinander verband. Ihre Anwesenheit scheuchte eine auf den dazwischenliegenden Wiesen äsende Herde Hirsche auf, die hastig durch das taunasse Gras floh. Wehmütig sah Jona ihnen nach und dachte an den Tag, an dem er Eva die Wildpferde gezeigt hatte. Zu seinem Bedauern waren solche Momente der Zweisamkeit seit ihrem Eintreffen auf Eichenfeld rar geworden. Bislang hatten sie niemandem von ihrem heimlichen Ehegelöbnis erzählt. Jona hatte sich jedoch fest vorgenommen, es so schnell wie möglich nachzuholen. Sobald die wichtigsten Angelegenheiten geklärt waren, würde er Eva offiziell als die Frau an seiner Seite vorstellen. Doch zunächst musste er sich einen Überblick über die derzeitige Lage verschaffen, was für Eva weiterhin Verzicht hieß. Fast immer waren seine Tage derart ausgefüllt, dass er erst spät in der Nacht und völlig übermüdet zu ihr ins Bett kroch. Zu mehr als einem Kuss und ein paar zärtlich gemurmelten Worten war er selten in der Lage. Aber Eva beschwerte sich nie und schien sich in ihre Hintergrundrolle zu fügen.
Nachdem er dem Pfad eine Weile in gerader Richtung gefolgt war, bog Jona ab und steuerte die in der Nähe liegende Höhle an, die sie als Vorratslager für den Sommer gewählt hatten. Aufgrund des durch die unterirdische Felsenlandschaft fließenden Bachs herrschten dort dauerhaft kühle klimatische Bedingungen. Er saß ab und band das Pferd am Rand der Höhle fest. Wilder Wein und Efeu wuchsen in langen Strängen von oben herab und verdeckten den Eingang wie ein dichter Vorhang, sodass das Innere der Höhle vor den Augen Unwissender verborgen blieb. Jona teilte das Laub und ließ die aufziehende Morgendämmerung hinter sich. Statt der erwarteten Dunkelheit umfing ihn warmes Licht. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem Schmunzeln. Die Umtriebigkeit schien nicht nur ihn gepackt zu haben. Auf leisen Sohlen bewegte er sich im Schein der brennenden Fackeln vorwärts und überprüfte die Vorräte, die Tasnim und die übrigen Männer bei ihrer Rückkehr aus Thula mitgebracht hatten. Er wusste nur zu gut, dass das, was auf den ersten Blick beträchtlich wirkte, bei der Vielzahl an Seelenwanderern nicht lange reichen würde. Doch die Talbewohner hatten sich während seiner Abwesenheit emsig der Aussaat der Kartoffeln gewidmet, die bereits in voller Blüte standen. Auf diese Weise mussten sie im kommenden Winter zumindest nicht verhungern, und sicher würde es von Jahr zu Jahr besser werden. Schon längst war Eichengrund nicht mehr nur das verbrannte Ödland eines vertriebenen Schafzüchters; um das Haus des Robertsschen Anwesens war inzwischen ein kleines, gut funktionierendes Dorf herangewachsen. Obwohl er dessen erneute Vergänglichkeit fürchtete, erfüllte es Jona mit Stolz. Zufrieden über den Stand der Dinge bog er in den rechten Gang der sich vor ihm eröffnenden Verzweigung ab. Nachdem er ihm einige Minuten gefolgt war, mündete dieser in einer weiträumigen, ebenso erleuchteten Höhle, an deren Rändern umlaufend Öffnungen zu weiteren kleineren und größeren Grotten lagen. Als er schließlich auf eine Gruppe junger Männer traf, grüßte er und trat auf sie zu. Die Seelenwanderer neigten respektvoll den Kopf und erwiderten Jonas Gruß.
»Das sieht doch recht gut aus. Was ist mit den Waffen?«, erkundigte er sich. »Habt ihr ausreichend davon gekauft?«
Einer derjenigen, die mit ihm nach Thula geritten waren, nickte und wies auf eine der Grotten. »Eine ganze Wagenladung. Vorwiegend Langschwerter für die Männer und Kurzschwerter für die Frauen. Wir haben jedem fähigen Kämpfer eines gegeben, damit sie ein Gefühl für das Gewicht und die Handhabung bekommen. Bislang haben sie alle nur mit Stöcken trainiert.«
Jona folgte dem Fingerzeig und inspizierte den Lagerbestand. »Das sieht doch recht ordentlich aus«, befand er, während er die Ansammlung vorhandener Waffen überflog. »Trotzdem dürfen wir uns nicht allzu sehr in Sicherheit wiegen. Sollte Domhnall tatsächlich Ghosianer für sich kämpfen lassen - und davon gehe ich aus -, gestaltet es die Sache keineswegs unkomplizierter. Er wird kaum mit Bauern antreten, sondern vielmehr mit gut ausgebildeten Kriegern. Wenn ich hingegen daran denke, was wir an Kampferfahrung und strategischer Überlegenheit vorzuweisen haben …«
»Was wir zu bieten haben, mag in Domhnalls Augen lächerlich erscheinen. Dennoch besitzen wir etwas, das wohl bei keinem seiner Söldner zu finden sein wird: Entschlossenheit und die Zuversicht auf eine Rückkehr. Beides verleiht uns eine Art von Stärke, der sie nichts entgegenzusetzen haben«, entgegnete der Mann.
»Deinen Enthusiasmus möchte ich haben«, sagte Wil, der in diesem Moment die Höhle betrat. »Entschlossenheit ist ja gut und schön, aber ist es ausreichend, um das Spiel für uns zu entscheiden?«
»Wir dürfen eben nicht bloß darauf achten, dass sie mit Schwert und Bogen umgehen können, wir müssen zudem psychologisch klug vorgehen.«
»Keiner von ihnen darf jemals vergessen, wofür er kämpft oder Furcht davor haben, für seinen Traum von Freiheit in den Tod zu gehen. Sie müssen bereit sein, sich ihren Ängsten zu stellen«, fügte Jona hinzu.
»Das zu vermitteln, ist deine Sache«, sagte Wil. »Mein Job ist es, ihnen das Kämpfen beizubringen.«
»Wir werden in regelmäßigen Abständen Versammlungen einberufen«, entschied Jona. »Welchen Ausgang die Geschichte auch nehmen mag, ich werde dafür sorgen, dass keiner von uns jemals wieder unter Domhnalls Herrschaft leben muss.«
»Nicht, wenn es sich verhindern lässt«, pflichtete Wil ihm bei. »Schließlich reiße ich mir nicht vergeblich den Arsch auf. Dafür muss schon was rumkommen.«
»Das wird es, Wil, das wird es.« Jonas Aufmerksamkeit richtete sich auf Cedric, der sich bislang im Hintergrund gehalten hatte. »Was ist mit den Bögen?«
»Wir beschäftigen uns den lieben langen Tag mit nichts anderem«, antwortete der und kreuzte mit unverhohlener Feindseligkeit den Blick seines Bruders.
Doch Jona war klug genug, sich nicht auf eine Konfrontation einzulassen. »Spare dir deinen Sarkasmus«, wies er ihn darum nur kühl zurecht. »Im Augenblick haben wir wirklich andere Sorgen. Statt mir ständig zu vermitteln, dass ich dir ein Dorn im Auge bin, solltest du deine überschüssige Energie vielmehr in unsere Sache investieren.« Er kniff die Augen zusammen und fixierte Cedric.
»Dann plustere dich nicht andauernd in einer Weise auf, als wärst du unser Vater.«
Jona rollte entnervt mit den Augen. Er hatte Cedrics Eifersuchtsanfälle mehr als satt.
»Du bist ein Roberts, Mann! Ob du mir Sympathie entgegenbringst, spielt hierbei nicht die geringste Rolle. Wir sind von einem Blut und wenn wir jetzt nicht zusammenhalten, wird Domhnall uns auseinandertreiben wie einen Haufen orientierungsloser Schafe. Das sollte selbst einem Querkopf wie dir allmählich klar werden. Falls du unbedingt sterben willst, sagt Bescheid, denn das kannst du auch einfacher haben. Falls nicht, höre endlich auf mit deinen Allüren.«
Wils Hand legte sich beschwichtigend auf Jonas Schulter. »Lass es gut sein. Er hat großartige Arbeit geleistet, während du in Thula warst. Ich habe selten jemanden getroffen, der in diesem Tempo und mit einer solchen Präzision Waffen herstellt und noch dazu damit umzugehen weiß. Es ist, als wäre er mit ihnen verwachsen. Er ist ein echtes Naturtalent.« Er nickte Cedric anerkennend zu, doch der verzog keine Miene. Dennoch war ihm deutlich anzumerken, dass die Bewunderung des Piraten seinem angeschlagenen Stolz guttat. Verstohlen betrachtete er seine Fingernägel, um Jona nicht ansehen zu müssen.
»Was ist mit Vater?«
»Was soll mit ihm sein?«
»Warum kümmert er sich nicht um sein Land? Sind wir dem berühmten Zauberer nicht wichtig genug?«
»Natürlich sind wir das«, bekräftigte Jona und runzelte erneut die Stirn. »Wir sind seine Söhne.«
»Und wo ist er dann?«
»Wahrscheinlich trifft er sich zuvor mit Wolfskuhl.«
»Wieso arbeitet er im Auftrag eines Mannes, der es auf einen seiner Söhne abgesehen hat?«
»Weil er der Berater des Fürsten ist und diese Funktion schon ausfüllte, bevor meine Zeit in Ghosem anbrach«, erwiderte Jona ungeduldig. »Außerdem weiß Wolfskuhl nichts von dem Blut, das uns verbindet. Und das darf auch nie passieren. Es wäre fatal und würde vermutlich nicht nur mich das Leben kosten.« Des Antwortens müde, wandte er Cedric den Rücken zu. »Wir sollten langsam über den Plan sprechen, den Wil vorbereitet hat, bevor ich mich entschließe, einem weichen Bett den Vorzug zu geben.«