Claudia Schwarz - Hochlandfuchs

Verfügbare Formate

Taschenbuch

VerlagKDP
ErschienenMai 2018
ISBN-101532883757
ISBN-139781532883750
Seitenanzahl370
Preis9,98 €

eBook

VerlagKDP
ErschienenJanuar 1970
ASINB07CSP2GL1
Preis3,99 €

Inhaltsangabe

Was, wenn deine Welt sich verdunkeln würde,
all deine Hoffnung stürbe und
dein Leben dir nicht länger gehörte?
Was, wenn der, den du liebst,
für dich unerreichbar wäre?
Würdest du es wagen, dem Schicksal die Stirn zu bieten?


Gemeinsam mit ihrem Bruder Brendan wird die sanftmütige Bauerstochter Sionnach in den tiefen Wäldern Schottlands von einer englischen Patrouille aufgegriffen und des Viehdiebstahls beschuldigt. Doch sie ahnt nicht, dass man sie keinesfalls anklagen, sondern in die Sklaverei verkaufen will.
Ohne Hoffnung auf Rückkehr wird sie auf die Burg eines englischen Adeligen verschleppt, wo sie fortan als Magd dienen muss. Gedemütigt und verspottet droht Sionnach an ihrem düsteren Schicksal zu zerbrechen, als sie eines Tages bemerkt, dass ihr Herr, der junge Viscount Raven, sich in sie verliebt hat. Tatsächlich hegt auch Sionnach Gefühle für ihn. Doch ihre Liebe darf nicht sein, denn in Ravens Adern fließt das Blut König Charles II. von England …

Einer verbotenen Liebe im Schottland des 17.Jahrhunderts

Leseprobe

1

Die aufziehende Dämmerung tauchte den Horizont in ein sanft schimmerndes Meer aus Farben. Nicht mehr lange, und die Sonne würde die letzten dünnen Nebelschwaden über dem See auflösen, die sich mit einem Schleier aus feinsten Tautropfen über das Tal gelegt hatten. Sionnach schauderte und trat mit müdem Blick über die Türschwelle der gedrungenen, mit Strohbinsen gedeckten Hütte, die sie mit ihren Eltern und ihren Brüdern bewohnte. Obwohl es August war, erinnerten die morgendlichen Temperaturen nur wenig an den Sommer. Doch Sionnach störte sich nicht daran. Sie mochte die frische, klare Luft, die nach feuchter, von Moos und Heidekraut durchwurzelter Erde, harzigen Pinien und wilden Heidelbeeren duftete. Fröstelnd schlang sie sich ihr dünnes Plaid um den Leib und huschte hinüber zu dem kreisförmigen Steinbau, in dem ihr Vater das Feuerholz zum Trocknen eingelagert hatte. Noch war es dunkel in dem kleinen Verschlag, aber Sionnach brauchte kein Licht, um sich orientieren zu können. Sie kannte jeden Winkel der winzigen Hütte, deren Innerem ein würziger Geruch von geschlagenem Holz und aufgesprungenen Pinienzapfen entströmte. Vorsichtig tastete sie sich vor, bis sie die raue Oberfläche der borkigen Scheite an ihren Handflächen spürte. Eilig warf sie einige davon in ihren Weidenkorb und stellte seufzend fest, dass der Vorrat sich bedenklich dem Ende neigte. Zwar lagen neue Stämme zur Verarbeitung bereit, doch mussten sie noch auf das passende Maß zurechtgesägt und in saubere Scheite aufgespalten werden – eine Arbeit, die zumeist die Männer übernahmen. Doch Sionnachs Vater Ewan und ihr Bruder Brendan waren schon vor Wochen dem Ruf ihres Clanchiefs gefolgt. Unter der Führung von Viscount John Graham of Claverhouse, genannt Bonny Dundee, rebellierten sie gegen die Entscheidung des englischen Parlaments, Wilhelm II. zum König zu erheben. Normalerweise stellte ihre Abwesenheit kein Problem dar. Die Frauen der Hochlandclans waren es durchaus gewohnt, dass ihre Ehemänner und Söhne sich häufig auf tagelangen Raubzügen befanden oder ihrem Herrn bei Stammesfehden zur Seite standen. Doch dieses Mal waren die Männer von Glenfinnan weit länger fort als sonst. Noch im Juli hatte das kleine Dorf an den Ufern des Loch Shiel die Kunde erreicht, dass die Schotten das Heer der Engländer vernichtend geschlagen hatten. Die Frauen hatten jedoch vergeblich darauf gewartet, dass ihre siegreichen Männer heimkehrten, denn ihr Anführer, Dundee, war nur kurz nach der erfolgreichen Schlacht von einer verirrten Kugel getroffen worden und gestorben. Führerlos und voller Wut war die Armee der Hochländer nach Dunkeld weitergezogen, um die Schlacht alleine zu schlagen und ihrem toten Anführer somit die letzte Ehre zu erweisen. Darüber war es inzwischen August geworden, und die Frauen hatten nichts mehr von ihnen gehört. Das Schicksal ihrer Männer lag im Dunkeln. Sionnach machte sich weit weniger Sorgen um Vater und Bruder als ihre Mutter. Die beiden Männer waren ständig in irgendwelche Fehden oder Raubzüge verwickelt und somit äußerst kampferprobt. Bislang hatten sie Glück gehabt und waren von üblen Verletzungen verschont geblieben. Nie hatten sie mehr als blaue Flecken, Schnittwunden oder hin und wieder eine Prellung davongetragen. Und auch dieses Mal, davon war Sionnach fest überzeugt, würde es nicht anders sein. Sie legte ein letztes Scheit in den Korb, stützte ihn auf ihre Hüfte und eilte zurück ins Haus.
»Das wird aber auch langsam Zeit. Wo warst du denn bloß so lange?« Trotz ihrer mütterlichen Strenge huschte ein nachsichtiges Lächeln über Moiras Gesicht. »Sieh zu, dass du Feuer machst, Mädchen. Und veranstalte keinen unnötigen Lärm, hörst du? Ich würde mich freuen, wenn unsere beiden kleinen Plagegeister noch ein bisschen länger schlafen und mich in Ruhe meine Arbeit erledigen lassen.«
Schweigend folgte Sionnach der Anweisung ihrer Mutter und kniete sich auf den festgestampften Hüttenboden. Während ihre Gedanken zu ihren Brüder abschweiften, fegte sie die Asche des vorherigen Tages aus dem kleinen Kamin und schichtete neues Holz auf.
Ganz ohne Zweifel waren Raymond und Ryan zwei fürchterliche Lausbuben, die mit ihren gerade einmal zehn Jahren nicht nur ihre Eltern, sondern die gesamte Umgebung zur Weißglut trieben und es faustdick hinter den Ohren hatten. Selbst ihrem Herrn, dem Clanchief höchstpersönlich, hatten die beiden Jungen bereits auf eine Weise ihre Aufwartung gemacht, die ihnen zum ersten Mal in ihrem Leben eine öffentliche und verdiente Tracht Prügel eingebracht hatte. Schmunzelnd erinnerte Sionnach sich daran, mit welch hartnäckigem Stolz ihre Brüder sich am Gerichtstag vor versammelter Mannschaft den Hintern hatten versohlen lassen müssen, bis er feuerrot glühte. Die Mutter mochte die rotgelockten Zwillinge Plagegeister nennen, aber Sionnach war sich sicher, dass sie eines Tages bittere Tränen vergießen würde, wenn die beiden das Haus verließen und eine eigene Familie gründeten.
»Was glaubst du, wann Vater und Brendan zurückkommen?«, fragte sie, während sie das Feuer entzündete und die restlichen Holzscheite neben dem Kamin stapelte.
Moira zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht, Kind.«
»Wenn sie nicht bald wieder hier sind, werden wir Holz hacken müssen. Der Schuppen ist fast leer.«
»Wenn sie nicht bald wieder hier sind, werden wir nichts mehr haben, wofür sich das Holzhacken lohnen würde«, entgegnete Moira matt und leerte den letzten Rest Mehl aus ihrem Topf, um ihn zu einem Brot zu verarbeiten.
»Wir könnten nach Invergarry Castle gehen und Lord MacDonell um Unterstützung bitten«, überlegte Sionnach.
Moira warf ihrer Tochter einen zweifelnden Blick zu, während sie ihre von schwerer Arbeit gezeichneten Hände im klebrigen Teig versenkte. »Der Lord gibt sein Geld im Moment für weit wichtigere Dinge aus als für das Brot seiner Leute.«
»Was kann denn wichtiger sein als zu essen?«
»Freiheit und Gerechtigkeit«, erwiderte Moira ohne lange Überlegung.
»Was nützt es, frei zu sein, wenn es den Tod bedeutet?«, murrte Sionnach. »In Notzeiten hat unser Herr die Pflicht, dafür zu sorgen, dass wir nicht verhungern.«
»Im Augenblick gehört es vorrangig zu seinen Pflichten, uns vor feindlichen Übergriffen und der Unterjochung durch die Engländer zu beschützen«, entgegnete Moira. »Und jetzt hör auf zu schwatzen, Mädchen. Wenn du solchen Hunger hast, mach, dass du in den Stall kommst. Die Kuh wartet darauf, gemolken zu werden.«
»Warte, ich komme mit«, tönte eine muntere Jungenstimme begeistert aus dem Hintergrund, und gleich darauf tauchte der zerzauste Lockenkopf von Ryan im Schein des Feuers auf.
»Als ob ich es geahnt hätte«, murmelte Moira hinsichtlich des allzu frühen Erwachens ihres Sohnes, drehte sich zu ihm um und drückte ihm trotz ihrer Klage einen liebevollen Kuss auf die gerötete Wange.
Mit einem leeren Eimer in der Hand und ihrem Bruder im Schlepptau verließ Sionnach das Haus. Gemeinsam schlenderten sie hinüber zu dem Viehverschlag, der Platz für Schafe, Schweine und Rinder bot, in dem jedoch zurzeit nur eine einsame Kuh ihr Dasein fristete.
»Es ist schrecklich langweilig, wenn Brendan nicht hier ist«, beschwerte Ryan sich, während er neben ihr her hopste und einen Kieselstein in Richtung einer dicken Kröte kickte.
»Damit wirst du dich wohl oder übel anfreunden müssen.« Sionnach lächelte milde. »Unser Bruder ist fast zwanzig, und es wird nicht mehr lange dauern, bis er sich eine Frau sucht und mit ihr wegzieht.«
Ryan zog eine Schnute. »Pah! Welches Mädchen wird denn schon Brendan heiraten wollen? Der hat ja nicht mal Geld, um sich ein eigenes Haus zu bauen oder Essen zu kaufen.«
»Oh, ich bin mir sicher, dass es der Frau, die unseren Bruder heiraten darf, ganz egal sein wird, wie viel Geld er besitzt, - selbst wenn es nichts außer wilder Beeren und ausgegrabenen Wurzeln als Mahlzeit gibt und sie arm wie Kirchenmäuse in einer Höhle mitten im Gebirge hausen müssen.« Ein warmes Gefühl von Zuneigung durchströmte Sionnach, als sie an Brendan dachte.
Ihr zwei Jahre älterer Halbbruder war der Sohn ihres Vaters aus erster Ehe. Seine Mutter war bei der Geburt gestorben und hatte ihrem Mann einen Säugling hinterlassen. Der mit der Verantwortung für ein Neugeborenes völlig überforderte Ewan hatte verzweifelt nach einer Amme gesucht und mithilfe der Clanmitglieder schließlich Moira gefunden, die kurz zuvor nicht bloß ihr eigenes Kind, sondern auch ihren Mann an einer schlimmen Infektion verloren hatte. Ewan hatte nicht lange überlegt. Er hatte der jungen Frau Schutz und Fürsorge angeboten, wenn sie im Gegenzug dazu sein Kind nährte. Heilfroh hatte Moira eingewilligt. Wenn auch noch beide geprägt von tiefer Trauer, hatten sie sich die Erlaubnis des Lords eingeholt und schon kurz darauf geheiratet. Ewan hatte Moira mit in sein Dorf genommen und sein Versprechen gehalten, fortan für sie zu sorgen. Die Ehe lief besser als gedacht. Schnell entwickelte sich mehr als nur eine Zweckgemeinschaft. Schon bald wurde Sionnach geboren und nach weiteren acht Jahren schließlich Ryan und Raymond. Während Sionnach und ihre jüngeren Brüder die leuchtend rote Haarfarbe und die blauen Augen ihres Vaters geerbt hatten, besaß Brendan das Aussehen seiner Mutter. Einzig die von Ewan weitergegebene Augenfarbe blitzte strahlend hell unter dem schwarzen Schopf hervor und machte ihn auf eine Weise anziehend, die ihm den heimlichen Neid so manches jungen Mannes innerhalb des Clans einbrachte, denn die Mädchen liefen Brendan in Scharen nach. Mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln versuchten sie, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Nur zu oft neckte Sionnach ihren Bruder damit, dass selbst die Burg des Lords nicht ausreichen würde, um all seine Verehrerinnen darin unterzubringen, was ihr stets einen kräftigen Zug an ihrem langen Zopf einbrachte, sofern sie es nicht schaffte, schnell genug die Flucht zu ergreifen.
»Wenn du weiter so frech bist, werde ich Vater dazu überreden, dich mit Doug zu verheiraten«, drohte er meist und konnte nur leidlich ein Lachen hinter seiner finsteren Miene verbergen, »oder noch besser: Du wirst meine Frau. Dann werde ich dir schon Benehmen beibringen.«
Sionnach, die dann Schutz auf der alten Eiche unweit des Hauses suchte, streckte ihrem Bruder daraufhin respektlos die Zunge entgegen. Sie tat sich nicht leicht mit der Entscheidung, welches Übel das Größere war – den pickeligen und blassgesichtigen Spross des Nachbarn ehelichen oder ein Leben lang ihrem Bruder gehorchen zu müssen.
»Du darfst mich nicht zur Frau nehmen. Ich bin deine Schwester!«, rief sie von oben auf den unten am Stamm lehnenden Brendan herab.
»Halbschwester«, korrigierte er mit tiefer Stimme und verschränkte lässig die mit einem Netzwerk aus dicken Adern überzogenen Arme vor der Brust, wie er es jedes Mal tat, wenn er eine seiner Behauptungen unterstreichen wollte.
»Sionnach!« Ryans aufgeregte Stimme riss sie jäh aus ihren Gedanken. Eilig folgte sie dem Ruf ihres kleinen Bruders und trat in den Stall, blieb jedoch wie vom Donner gerührt stehen, als ihr Blick auf die Kuh fiel. Das Tier lag erstarrt auf der Seite. Die steifen Beine ragten hoch in die Luft. Die lange, raue Zunge hing bläulich verfärbt aus dem halb geöffneten Maul. Mit klopfendem Herzen ließ sie sich neben der reglosen Kuh nieder und berührte deren kalten Leib.
»Ist sie tot?«, fragte Ryan und betrachtete interessiert die glanzlosen, dunklen Augen des Rindes. Sionnach nickte und zog ihre Hand langsam wieder zurück.
»Geh und hol Mutter, schnell«, wies sie ihn an und spürte, wie ihr Magen sich angstvoll zusammenzog. Erneut streifte ihr Blick über den Kadaver. Solange die Männer ihrem Heim fernblieben, war das Tier die Grundlage ihres Überlebens gewesen. Was sollte nun bloß werden? Wovon sollten sie sich ernähren, wenn der Winter kam? Geld für eine neue Kuh gab es nicht, und auf die Mildtätigkeit der Nachbarn konnten sie nicht zählen, da die selbst nur von der Hand in den Mund lebten.
Sichtlich aufgewühlt betrat Moira in diesem Moment den Stall und wischte sich die mehligen Hände an ihrer Schürze ab. Schweigend betrachtete sie die Kuh. Auf ihr ohnehin schon ernstes Gesicht legte sich ein weiterer Schatten.
»Ich hätte es wissen müssen«, murmelte sie matt und strich sich mit dem Handrücken eine Haarsträhne aus der Stirn. »Sie litt bereits seit einigen Tagen an Durchfall und gab sehr schlecht Milch. Ich hatte gehofft, ihre Beschwerden mit der Gabe von ein paar Kräutern lindern zu können.« Vorsichtig beugte sie sich zu dem Tier herab und untersuchte es. »Wir müssen sie vergraben. Es scheint eine Seuche umzugehen. In unserer Gegend gab es in letzter Zeit immer wieder Rinder und Schafe, die ohne ersichtlichen Grund verendet sind. Wir hätten sie schlachten sollen, als noch Zeit dafür war. Jetzt ist ihr Fleisch für uns verloren.«
Den halben Vormittag über hoben sie ein großes Loch hinter dem Stall aus und verscharrten anschließend den mageren Leib der Kuh darin.
Sionnach stellte die Schaufel beiseite und wischte sich den Schweiß vom Nasenrücken. »Und was tun wir jetzt?«
Moira zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht, Sionnach. Es gibt nichts, mit dem ich euch Kinder über den Winter bringen könnte. Wenn dein Vater und dein Bruder nicht zurückkehren, haben wir niemanden, der für uns sorgt. Somit bleibt mir nur eine Möglichkeit. Du bist die Älteste. Du wirst fortgehen und dir Arbeit suchen müssen. Es fehlt uns an allem, und wir werden das Geld, das du verdienen kannst, bitter nötig haben.«
Sionnach spürte, wie die Worte ihrer Mutter an ihr emporkrochen wie eine giftige Spinne und ihr gesamtes Denken lähmten. Fortgehen. Weg von dem Ort, an dem sie geboren worden war, den sie so sehr liebte und an dem ihr Herz mehr als alles andere hing. Die Furcht davor, ihre Familie verlassen und von nun an abhängig vom Wohlwollen fremder Menschen sein zu müssen, schnürte ihr die Kehle zu und gab ihr das Gefühl, zu ersticken.
»Ich könnte doch mit Ryan und Raymond Pilze und Beeren sammeln gehen«, schlug sie hoffnungsvoll vor, doch Moira schüttelte ablehnend den Kopf.
»Es wird nicht reichen. Nicht mehr lange, und der erste Frost nimmt uns auch diese Grundlage. Glaub mir, ich würde es dir nicht zumuten, wenn ich einen anderen Ausweg sähe. Aber es bleibt mir keine Wahl.« Mit fest aufeinandergepressten Lippen zog sie ihre Tochter zu sich hinauf. »Du bist achtzehn und kein Kind mehr, Sionnach. Andere Mädchen in deinem Alter sind längst verheiratet.«
»Bitte, Mutter, ich …«
»Nein, Sionnach. Mein Entschluss steht fest«, unterbrach Moira sie. »Nimm dein Winterplaid, ein Hemd, und suche dir ein paar dicke Socken. Da wir nicht wissen, wann du wieder nach Hause kommst, ist es besser, du bist vorbereitet. Ich werde dir in der Zwischenzeit ein wenig Proviant einpacken.«
Wie betäubt folgte Sionnach ihrer Mutter in die kleine Hütte und ging hinüber zu dem schmalen Bett, das in der Nähe des verrußten Herdes stand. Langsam beugte sie sich herab und zog erst die eine und anschließend die andere der darunter befindlichen Bretterkisten hervor. In ihnen bewahrte sie ihre gesamte Habe auf, denn der Luxus der einzigen Kommode im Haus war allein den Eltern vorbehalten. Mit tränenverschleiertem Blick breitete sie den doppelt gewebten, schafwollenen Umhang auf der Matratze aus und platzierte die spärliche Kleidung, die sie besaß, in dessen Mitte. Dann drehte sie das breite Plaid, dessen einst leuchtender Tartan schon leicht verblasst war, mit wenigen Griffen zu einer festen Rolle, die sie sich quer über Rücken und Schulter legte. Die herabhängenden Enden verknotete sie fest vor ihrer Brust und überprüfte schließlich noch einmal den Sitz ihres Gepäcks. Aus dem Augenwinkel sah sie ihre Mutter und spürte deren wehmütigen Blick auf sich ruhen. Als sie sich zu ihr herumdrehte, wandte Moira sich jedoch hastig ab und reichte Sionnach ein winziges Bündel, das sie mit Brot und einer Ecke Hartkäse gefüllt hatte. Das deftige Aroma, das er verströmte, veranlasste Sionnachs leeren Magen unwillkürlich dazu, ein missfälliges Knurren von sich zu geben. Tapfer unterdrückte sie ihr erneut aufsteigendes Hungergefühl und verstaute den dünnen Stoffbeutel sicher an dem schmalen Ledergürtel, den sie sich um die Hüften geschnallt hatte.
»Kann ich nicht wenigstens bis morgen warten?«, unternahm sie einen letzten verzweifelten Versuch, die Last ihrer plötzlichen Verantwortung vielleicht doch noch für eine Weile hinauszögern zu können. Wie befürchtet schüttelte Moira den Kopf.
»Mach dich zuerst nach Drumsallie auf«, riet sie. »Solltest du dort keine Arbeit finden, lauf weiter Richtung Inverness und hör dich weiter um. Fleißige Hände werden überall gebraucht.« Als könne es ihr einen Ersatz für den Verlust ihrer Tochter bieten, drückte sie Ryan und Raymond fest an sich. Die Zwillinge hatten sich an ihre Schürze geklammert und verfolgten mit großen, traurigen Augen das Geschehen.
»Alle geht ihr weg«, murmelte Ryan niedergedrückt und kämpfte sichtlich mit seinen aufsteigenden Tränen, »erst Vater und Brendan und jetzt auch noch du.«
Sionnach fuhr ihrem Bruder liebevoll durch sein wirres Haar. »Es ist ja nicht für lange«, tröstete sie ihn und zugleich sich selbst. »Sobald Vater wieder da ist, lasse ich alles stehen und liegen und komme heim.«
Ryan schniefte lautstark und wischte sich mit dem Handrücken den herabtropfenden Rotz ab. »Schwör es.«
Obgleich ihr keineswegs danach zumute war, erhob Sionnach feierlich die rechte Hand. »Ich schwöre – bei allem, was mir heilig ist.«
Kummervoll verharrte Moira im Türrahmen der kleinen Hütte und sah ihrer gertenschlanken Tochter nach, bis der Wechsel aus Hügeln und Tälern sie vollends verschlungen hatte. Auch wenn Sionnach die Achtzehn bereits überschritten hatte, fiel es ihr alles andere als leicht, das Mädel fortzuschicken. Die Zeit des Friedens zwischen England und Schottland war einer Ära der Unruhe und Rebellion gewichen, unter der zumeist das einfache Volk litt. Schottlands Wege waren schon lange nicht mehr sicher, und der Entschluss, den Schutz des Dorfes zu verlassen, konnte sich schnell zu einem bedrohlichen Abenteuer entwickeln. Nicht nur seitens der Männer verfeindeter Clans lauerten unzählige Gefahren, auch überall im Land herumziehende Patrouillen englischer Soldaten konnten plötzlich aus den nichtigsten Gründen zu einer Bedrohung werden, denen eine junge Frau in Sionnachs Alter nichts entgegenzusetzen hatte. Moira war sich sehr wohl bewusst, in welche Gefahr sie ihre Tochter brachte. Dennoch musste sie in erster Linie an das Überleben der Familie denken und nicht zuletzt auch daran, dass Ewan und Brendan vielleicht nicht mehr heimkehren würden. Trotz ihres Sieges über die Engländer waren in den erbitterten Kämpfen viele Hochländer gefallen, und die Nachrichten, um wen es sich im Einzelnen handelte, drangen nur spärlich bis in die abgelegenen Dörfer der Hochebenen vor. Moira schloss Ewan und Brendan jeden Tag in ihre Gebete ein und flehte Gott um die Gnade an, ihr nicht auch noch den zweiten Mann genommen zu haben. Wie der Allmächtige auch entschieden hatte, sie würde sich ihrem Schicksal fügen und versuchen müssen, mit der Bürde zu leben, die er ihr aufzuerlegen dachte. Eine dicke Träne kullerte über die Wange ihres hageren Gesichts. Sie wischte sie mit einem Zipfel ihrer Schürze ab und flüsterte: »Pass auf dich auf, mein kleines Mädchen. Und was auch immer kommen mag, verliere niemals den Mut und deinen Stolz.«