Claudia Winter - Aprikosenküsse

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Taschenbuch

VerlagGoldmann
ErschienenFebruar 2016
ISBN-103442483905
ISBN-139783442483907
Seitenanzahl416
Preis9,99 €

eBook

VerlagGoldmann
ErschienenFebruar 2016
ASINB00XSPMV2Y
Seitenanzahl417
Preis8,99 €

Hörbuch

VerlagDer Hörverlag
ErschienenFebruar 2016
ISBN-109783844519112
Preis22,95 €

Inhaltsangabe

Das Leben der jungen Foodjournalistin Hanna könnte so wunderbar sein. Hätte sie nur nicht diese Restaurantkritik geschrieben, wegen der eine italienische Gutsherrin einen Herzinfarkt erlitten hat! Als sie dann auch noch versehentlich in den Besitz der Urne gelangt, reist die von Schuldgefühlen geplagte Hanna nach Italien – und wird zum unfreiwilligen Opfer eines Testaments, das es in sich hat. Denn selbst über ihren Tod hinaus verfolgt Giuseppa Camini nur ein Ziel: ihren unleidlichen Enkel Fabrizio endlich in den Hafen der Ehe zu steuern. Eine Aufgabe, die ein ganzes toskanisches Dorf in Atem hält, ein Familiendrama heraufbeschwört und Hannas Gefühlswelt komplett durcheinanderwirbelt!

Leseprobe

Fabrizio
Ich muss in dem Ohrensessel eingenickt sein, den Bilanzordner auf dem Schoß, obenauf Nonnas Brief, den ich wohl ein Dutzend Mal gelesen habe. Als ich aufwache, ist der Felsbrocken auf meiner Brust nur noch so groß wie eine Faust, aber meine Gefühle sind noch mehr durcheinandergeraten. Ich kann mich einfach nicht entscheiden, ob ich wütend, traurig oder enttäuscht sein soll.
Von unten dringt Geschirrklappern hinauf, ich blinzele zu der alten Standuhr hinüber. Fünf Uhr. Der Ordner fällt zu Boden, als ich mich aufrappele, und einige Seiten rutschen aus der geöffneten Metallklammer. Wieso, verdammt, hat mich keiner geweckt?
Auf der Treppe wartet der Duft von gebratenem Fleisch, Aprikosen und Wein auf mich, einer dieser Gerüche, den ich unter tausenden erkenne. Das Rezept ist so alt wie die Stufen unter mir, die etliche Caminis hinaufgerannt, heruntergehüpft oder hochgetorkelt sind. Einige sind auch schon heruntergetragen worden.
„Der Tod war in diesem Haus immer allgegenwärtig, genau wie das Leben, mein Junge.“ Und du bestimmst, wie der Hase läuft, auch nach deinem Tod. Ich unterdrücke meinen Unwillen und höre auf die Stimmen in der Küche. Sie dringen so klar herauf, als befände sich nur eine Gipswand zwischen dem Anbau und dem Haupthaus. Rosa-Marias Brummen mischt sich mit dem Singsang von Lucia. Automatisch verlagere ich mein Gewicht auf die Zehenspitzen und schleiche die Stufen hinunter. Natürlich lasse ich die vorletzte mit dem losen Brett aus, damit mich kein Knarren verrät. Die Küchentür ist nur angelehnt.
„Sollten wir ihn nicht wecken? Er wird fuchsteufelswild, wenn wir ihn länger schlafen lassen.“
„Lass ihn fuchsteufelswild werden, Lucia.“
„Ich finde, er hat vorhin furchtbar ausgesehen, ganz grau im Gesicht.“
„Ein Wunder, dass er nicht schon früher zusammengeklappt ist. Die Sorgen um das Gut, Nonnas Tod, die verlorene Urne. Und jetzt auch noch dieses Testament. Hast du die Bürgermeisterin gehört? Wie sie sich jetzt im Dorf die Mäuler zerreißen. Was hat Nonna sich nur dabei gedacht!“
„Nicht nur Fabrizio geht es schlecht, Rosa-Maria. Seit der Testamentsverlesung hat Marco kein Wort mehr gesagt und jetzt joggt er schon seit zwei Stunden um das hintere Aprikosenfeld.“
„Und wenn schon. Egal wie lange der eine tobt oder wie weit der andere läuft, sie ist tot und hat uns mehr Kummer hinterlassen, als für uns alle gut ist.“
Ich sehe die beiden vor mir, Rosa-Maria, wie sie sich bekreuzigt, und Lucia, die ihre Lippen schürzt. Automatisch scharre ich mit dem Fuß über den Läufer, huste und zähle bis drei. Als ich die Küche betrete, warte ich die Antwort auf mein heiseres „Ciao“ gar nicht ab, sondern bücke mich nach der Walze unter dem Herd.
„Ist der Pastateig so weit?“
Lucia hat mir den Rücken gekehrt und hobelt Parmesan, kraftvoll und mit Einsatz ihres gesamten Körpers. Auch wenn sie klein ist, hat sie die Stärke eines Feldarbeiters. Die braucht sie auch – immerhin ist das arme Ding mit meinem Bruder verheiratet. Rosa-Maria sieht nicht von der Kasserolle auf, in der das Kaninchen mit den Aprikosen schmort.
„Selbstverständlich ist der Teig fertig.“ Sie deutet entrüstet mit dem Kinn auf die Arbeitsplatte am Fenster, ohne den Schmortopf aus den Augen zu lassen.
Seit ich denken kann, bleibt montagabends die Trattoria geschlossen und die Familie und jene, die wir als Familienangehörige betrachten, kommen zusammen, um gemeinsam zu kochen und zu essen. Trotz Beerdigung und Leichenschmaus scheint keiner von uns mit dieser Tradition brechen zu wollen. Ein tröstlicher Gedanke.
Ich stelle die Nudelwalze neben die Teigschüssel. Die Speisenfolge des Abendessens unterliegt einer strengen Regel, die irgendein Camini mal eingeführt hat, keiner kann sich mehr erinnern, welcher. Vor jedem Hauptgang gibt es ein Nudelgericht als primo piatto. Die Pasta ist keinesfalls wegzudenken und schon gar nicht wegzudiskutieren, was Nichtitaliener mit Hang zum Kalorienzählen gerne tun. Für uns Italiener ist eine gute Pasta aber weit mehr als eine Nudel. Sie ist der Inbegriff dessen, was wir Zuhause nennen.
Ich greife nach einer Zwiebel und einem Messer. Obwohl die Küche das Reich der Frauen ist, gehört die Zubereitung der Pasta am Montagabend zu meinen Aufgaben, eine weitere Sitte, mit der keiner bricht. Rosa-Maria hat Hackfleisch, Möhren, Tomaten und Olivenöl bereitgestellt. Ein gutes ragú braucht nicht viele Zutaten, aber sie müssen frisch und von bester Qualität sein. Dazu eine Portion Konzentration, Fingerspitzengefühl und vor allem … Zeit. Ich blende Lucias prüfenden Blick aus und setze die Klinge an. Wir werden später klärende Gespräche führen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich darauf freue.

Hanna
Ich sollte auf dem Absatz umdrehen und mich aus dem Staub ma-chen. Selbst wenn ich es bis zu dieser Auffahrt geschafft habe – seien wir mal ehrlich: So viel, wie in meinem Leben in den letzten Tagen schiefgegangen ist, kann ich sowieso nicht wieder in Ordnung bringen. Wozu also eine blutige Nase riskieren, wenn ich mit einem Veilchen davonkommen könnte? Im besten Fall erzielt das Magazin einen teuren außergerichtlichen Vergleich mit Caminis Anwalt, bei dem ich nur meinen Job verliere. Das passiert rund jedem Vierzehnten in Deutschland. Sechzig Quadratmeter Wohnfläche sind ohnehin zu viel für einen allein, die unausgepackten Umzugskartons lasse ich, wie sie sind, und bis ich einen neuen Verlag gefunden habe, könnte ich in Sabines Frühstückscafé jobben. Wäre also kein Weltuntergang, wenn ich, statt im Büßergewand diese Auffahrt hochzukriechen, die Großmutter auf dem hiesigen Postamt aufgäbe und Ernesto brächte sie … Uaaah! Ich springe erschrocken zurück.
Keinen halben Meter vor mir steht ein Huhn und starrt mich mordlüstern an. Gut, mordlüstern ist vielleicht übertrieben, aber erklären Sie das mal jemandem, der als Kind ein traumatisches Erlebnis mit diesen Federviechern hatte. Übervorsichtig gehe ich zwei Schritte seitwärts. Zu meinem grenzenlosen Entsetzen bläht das Huhn seine weiße Brust und schlägt mit seinen Stummelflügeln. Es gibt einen hässlichen Laut von sich, der wie ein Kreischen klingt. Meine Reaktion ist absehbar: Ich lasse den Packen los, die Post verteilt sich auf der mit Pfützen übersäten Auffahrt. Das Huhn hüpft auf den Schotterweg und versperrt mir den Fluchtweg in Richtung Dorf. Auf Knien fische ich nach den Briefen in meiner Reichweite, lasse die verbliebenen Umschläge bei dem Hühnerschnabel und den dazugehörigen Krallen zurück und renne die Zypressenallee hinauf.
Drei Minuten später stehe ich atemlos vor dem altehrwürdigen Steinhaus mit den überdachten Parkplätzen. Ich muss das Schild über dem Eingang nicht lesen, um zu wissen, was darauf steht. Trattoria Tre Camini. Und ich dachte, ich müsse diesen Ort nie wieder betreten. Falsch gedacht.
Unschlüssig stelle ich meinen Rollkoffer ab, dem die wilde Hatz das Letzte abverlangt hat. Ein Radscharnier ist gebrochen, der kost-bare Bezug dreckverschmiert. Ich vergewissere mich, dass die Urne, die ich in der voluminösen Außentasche verwahrt habe, keinen Schaden genommen hat, wische mir übers Gesicht und mustere das Gebäude. Ob das Wetter schuld ist oder die Abneigung meine Wahrnehmung trübt, es wirkt schäbiger auf mich als bei meinem letzten Besuch. Der Regen leckt am abblätternden Putz und im Mauerwerk befinden sich Löcher, als habe irgendein Witzbold Steine aus der Wand gepult. Der Vorhof ist eine einzige Pfützenlandschaft, Witterungsmoose zieren die Pflanztöpfe neben der Treppe. Die Palmen darin sehen genauso bedröppelt aus, wie ich mich fühle. Nachdem sich der Regen erfolgreich durch meine Kleider gearbeitet hat, rinnt nun ein kleiner Bach zwischen meinen Brüsten herunter, meine Schuhe quietschen, als ich unentschlossen einige Schritte hin und her gehe. Es kommt mir vor, als mache der liebe Gott das absichtlich.
„Gut, ich habe Mist gebaut. Aber musst du deshalb gleich das Kind mit dem Bade ausleeren?“
Wie erwartet, erhalte ich keine Antwort von oben, stattdessen meldet sich Claires Stimme in meiner Gewissenszentrale.
„Ouuu Hanna. Wie siehst du nur aus?“
Ach, halt den Mund, schließlich hast du mir das Ganze einge-brockt.
„Nein, nein, Chérie. Das hast du dir ganz allein zu verdanken. Und kneif jetzt bloß nicht! Egal wie sehr du dir auch einredest, es wäre gar nicht so schlimm, wenn du deinen Job verlierst: Es wäre schlimm. Beweis also Rückgrat.“
Mein Magen flattert, als hätte ich einen kleinen Vogel verschluckt. Ich kann nicht. Ich kann einfach nicht!
„Du bist feige.“
Trotzig hebe ich das Kinn in den Regen. Genau. Ich bin feige und du bist weit weg. Deshalb werde ich mich jetzt hintenrum hineinschleichen, diese hässliche Porzellanvase auf irgendein Fenstersims stellen und damit zumindest einen Teil meiner Abbitte leisten. Den Entschuldigungsbrief an diesen Signor Camini schreibe ich dann weit weg von diesem unerquicklichen Ort, mit den Füßen im Sand, dort, wo Italien das hält, was es in seinen Prospekten verspricht.

Fabrizio
„Ich halte das nicht mehr aus!“
Lucias Käsehobel scheppert auf die Arbeitsplatte, meine Schwägerin lehnt sich rücklings an die Spüle, die Arme vor der Brust verschränkt.
Ich rühre ein letztes Mal das ragú durch und lege den Deckel auf den Topf. „Hast du ein Geschirrtuch für mich?“, frage ich ausdruckslos.
Lucias Spüllappen fliegt mir vor die Füße.
„Ich gehe an der Rezeption einen Espresso trinken“, verkündet Rosa-Maria, bindet die Schürze ab und glättet ihren Rock.
Seufzend bücke ich mich nach dem Lappen. „Mach das, Rosa-Maria.“ Verkrümel dich ruhig und lass mich mit der kleinen Hexe allein.
Während die Tür hinter Rosa-Marias dickem Hinterteil ins Schloss knallt, sprühen Lucias Augen Funken. Lakritzfarbene Funken. Beängstigend.
„Was hältst du nicht mehr aus, Lucia?“
Sie muss mit mehr Widerstand gerechnet haben, doch ihre Überraschung dauert nur Sekunden an. Mit gestrafften Schultern stapft sie in ihren Pantoffeln auf mich zu und bohrt den Finger in mein Schulterblatt. „Du bist nicht der Einzige in diesem Haus, der trauert.“
„Das weiß ich.“
„Warum benimmst du dich dann wie ein tollwütiger Hund, Fabrizio?“
„Hast du nicht zugehört, als der Notar Nonnas Testament verlesen hat?“
„Soll das alles sein?“
Lucia ist nicht nur wütend, sondern verletzt. Ich erkenne es daran, wie sie ihren Oberkörper umschlingt, als drohe er auseinanderzufließen. Wie ein Pfannkuchenteig, in den man zu viel Milch geschüttet hat. Es berührt mich. Und auch wieder nicht.
„Für den Augenblick ist das tatsächlich alles.“
„Wir sind eine Familie, Fabrizio. Es ist doch total egal, wem das Gut gehört, solange wir füreinander da sind.“
„Das verstehst du nicht, Lucia. Und es geht dich auch nichts an.“
Sie schweigt und die Art, wie sie schweigt, sagt mir, dass ich sie wieder gekränkt habe. Automatisch wandert mein Blick zur Wanduhr. Pünktlich zum Abendessen wird das ragú perfekt durchgezogen sein. Es wird nach Fleisch und Kräutern schmecken, erdig und würzig, mit einem süßen Hauch von Tomate. So, wie es sein muss.
Ohne Vorwarnung wirft sich mir Lucia an den Hals. Ihre Arme sind teigig, ihr Haar riecht nach Mandelkuchen und kitzelt an meinem Kinn. Sie schluchzt in meine Halsbeuge und durchnässt meinen Hemdkragen, während ich unbeholfen ihren Rücken streichele und mich unwohl fühle. Ist zu lange her, dass ich einer Frau so nah war. Zu meiner Erleichterung löst sie sich wenige Sekunden später, fährt mit einem Schürzenzipfel über ihr Gesicht und bringt mit einem Schritt Abstand zwischen ihre und meine Traurigkeit.
„Paolo hat dich vorhin gesucht. Er hat die Polen für die Ernte bekommen“, sagt sie schleppend, aber in geschäftsmäßigem Ton. Eine verwirrende Eigenschaft von Frauen. Erst heulen sie und dann tun sie so, als hätte das Geflenne nie stattgefunden.
„Ich weiß. Ich war heute Morgen bei den Ställen. Holz hacken.“ Ich hebe demonstrativ die Hand. Die Blase ist aufgeplatzt, ein rosarotes Wundmal. Beweis meiner Selbstbestrafung.
Lucia hebt eine Braue. „Du solltest mit Marco reden.“
„Sollte ich das?“ Ihre Gedankensprünge überfordern mich.
„Er hat den Halbjahresbericht fertig.“
Das habe ich befürchtet. Mein Bruder ist ein Erbsenzähler – er findet jede Unregelmäßigkeit. Und er liebt es, mir selbst das kleinste Minus selbstzufrieden unter die Nase zu reiben.
„Egal welche Zahlen er mir auftischt, wir werden die Apriko-senhaine nicht verkaufen, solange ich hier das Sagen habe. Nonna wollte es nicht und ich will es auch nicht.“ Zumindest wollte sie es nicht, ehe sie dieses verdammte Testament ausgebrütet hat.
„Von einem Verkauf war doch nie die Rede.“
Oh, du naives Weib. Warum verstehst du nicht, dass man Dinge nicht aussprechen muss, um sie in den Raum zu stellen? Und wieso bin ich der Einzige hier, der genau weiß, was dieser staubtrockene Buchhalter vorhat? Aber Lucia hat es nicht verdient, ständig der Puffer zwischen zwei Brüdern zu sein, die einander nicht grün sind. Zeit für einen Themenwechsel. „Ist Post vom Arbeitsamt gekommen? Schicken sie uns das Mädchen?“
Bereits Ende letzten Jahres haben wir eine Hilfskraft für die Restaurantküche angefordert, weil Rosa-Maria die Arbeit nicht mehr alleine bewältigt. Bisher gab es eine einzige Bewerberin, die uns die Sachbearbeiterin vermitteln wollte, doch das ist Wochen her. Montesimo steht nicht gerade auf der Topliste der beliebtesten Arbeitsorte.
Meine Schwägerin sieht mich argwöhnisch an.
„Was ist? Haben sie nun geschrieben oder nicht?“, wiederhole ich freundlich.
„Wechsle ruhig das Thema. Du bist unmöglich!“ Lucia prustet wie ein bockiger Esel und dreht mir den Rücken zu.
Plötzlich habe ich Lust auf eine Zigarette, dabei rauche ich gar nicht. Die Marlboro-Schachtel, die Nonna im Küchenschrank hinter den Frühstücksflocken versteckt hat, ist kaum angebrochen. Dass Nonna geraucht hat, wusste jeder. Aber weil ihr die Heimlichtuerei so diebisches Vergnügen bereitet hat, nickten wir artig ihre Das-ist-ungesund-Vorträge ab.
„Ich gehe kurz mal frische Luft schnappen.“
„Vielleicht wartet deine Küchenhilfe ja schon an der Hintertür“, antwortet Lucia bissig und greift nach dem Käsehobel, als habe sie vor, jemanden damit zu töten.
Letztendlich glaubt nur der verbliebene Kanten parmigiano dran.

Hanna
Die L-förmige Rückseite des Gutshofs entspricht schon mehr mei-nem Geschmack. Frisch aufgeschütteter Kies zieht sich von der Terrasse bis zur Grasnarbe der angrenzenden Weide, zwischen Olivenbäumchen in Terrakottakübeln stehen Holztische und Stühle, die Planken nass vom Regen. Unzählige Hängelampen und Laternen lassen ein abendliches Lichtermeer erahnen. Ich erinnere mich, dass mir auch das Innere des Restaurants gut gefallen hat. Obwohl dieser Camini nichts von guter Küche versteht, muss man ihm eins zubilligen: Er hat Stil.
Die Trattoria wirkt geschlossen. Demnach sind sie entweder pleitegegangen (plausibel, aber ein Jammer wegen des Renovie-rungsaufwands) oder das Tre Camini hat heute Ruhetag. Was mir äußerst gelegen käme.
Die Sonne lugt gerade zwischen den Wolken hervor, als ich den idealen Ablageort für die Urne sichte. Unter dem Vordach stapelt sich Brennholz bis zur Dachgaube hinauf – und inmitten der Holzfassade befindet sich eine Fensteraussparung. Ein hübsches Plätzchen, noch dazu trocken. Zufrieden stelle ich meinen Rollkoffer ab und öffne die Außentasche.
„Das ist ja ein Ding!“
Ich bekomme fast einen Herzinfarkt, als sich eine Gestalt aus dem Halbdunkel des Windfangs löst. Vor lauter Urne hin oder her habe ich nicht überprüft, ob jemand zu Hause ist.
„Wo haben Sie so lange gesteckt? Wir haben schon vor Wochen mit Ihnen gerechnet!“
Äh … ja. Leider fällt mir im Augenblick keine schlaue Entgegnung ein.
Der Mann tritt seine Zigarette aus, entsorgt sie gewissenhaft in dem Blumentopf in der Fensternische, die ich ursprünglich für Oma vorgesehen habe, und schlendert auf mich zu. Er ist groß für einen Italiener und bewegt sich mit dieser geschmeidigen Lässigkeit, die selbstbewussten Männern eigen ist. Mit fliegenden Fingern schließe ich die Außentasche und weiche zurück. Er bleibt stehen und mustert mich von oben bis unten.
„Ich tu Ihnen nichts“, sagt er streng und streicht sich eine dunkle Locke aus der Stirn.
Irgendetwas an ihm kommt mir vertraut vor. Ich nicke vorsichtig und fühle mich wie eine Fünfzehnjährige, die man beim Stehlen erwischt hat. Bloß, dass ich schon länger kein Teenager mehr bin.
„Stell dich vor, übergib ihm die Urne und entschuldige dich. Das kann doch nicht so schwer sein“, wispert Claire in meinem Hinterkopf.
Ich halte ihm noch immer schweigend die Post hin. Dieser Kerl hat irgendwas an sich, das mich … Ich überlege fieberhaft. Erinnert er mich an irgendeinen Schauspieler? Einen Sänger vielleicht? Der Mann nimmt die Briefe entgegen und legt die Stirn in Falten.
„Mein Name ist Fabrizio Camini. Und Sie sind?“
„Hanna Philipp, die Frau, die einen bösen Artikel über Ihr Restaurant geschrieben und außerdem … ouuu … Ihre Oma geklaut hat“, kichert Claire.
„Hanna“, flüstere ich und schaue zu Boden. Mein Herz klopft wie verrückt. Das ist also Fabrizio Camini.
„Oh, là, là, sieht der gut aus.“
Halt die Klappe, Madame Durant!
„Sie sind ja klatschnass, Hanna. Fehlt mir noch, dass Sie an Ihrem ersten Arbeitstag krank werden.“
„Hat er eben Arbeitstag gesagt?“, kreischt Claire.
„Nun gucken Sie nicht so verschreckt. Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer.“
Er wartet meine Antwort nicht ab, sondern schnappt sich meinen Koffer und rollt, nein, schleift ihn ins Haus. Verdattert starre ich ihm hinterher. Meine Nase kribbelt, ein Schauer rieselt über meinen Körper.
„Hatschi!“, mache ich.
„Hanna!“, ruft es von drinnen. „In einer Stunde gibt es Abendessen. Falls Sie vorher duschen wollen, sollten Sie Ihren Hintern reinbewegen.“
Über mir ertönt ein bekräftigendes Donnergrollen. Ich taxiere die Tür und spiele kurz meine Möglichkeiten durch. Die heiße Dusche ist ein verführerischer Gedanke, selbst wenn dieser Fabrizio mich für jemand anders hält. Im Grunde kann ich den Irrtum danach immer noch aufklären und mich reumütig in den Matsch werfen, oder? Zögernd mache ich einen Schritt nach vorne, einen zweiten … und betrete den dunklen Flur, der nach Kastanien und Lampenöl riecht.