Gabi Schmid - Touché

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Taschenbuch

Verlagspiritbooks
ErschienenJanuar 2015
ISBN-139783944587196
Seitenanzahl396
Preis17,90 €

eBook

Verlagspiritbooks
ErschienenJanuar 2015
ASINB00SHYHGIA
Seitenanzahl396
Preis4,75 €

Inhaltsangabe

Katja Thalbachs Karriereplanung ist klar definiert: Fachärztin - Oberärztin - Chefärztin. Eine Familie kommt in ihrer Planung nicht mal ansatzweise vor. Problematisch wird es allerdings, als ihr zum einen der Aufstieg zur Oberärztin verwehrt wird und sie zum anderen erkennen muss, dass sie für ihren unausstehlichen Chef, Stefan Marquardt - die wandelnde Kaltfront -, mehr empfindet als je definiert war.
In Gabriele Schmids neuem Roman treffen zwei gestandene Unfall-Chirurgen aufeinander. Zwei Ärzte, die meinen, sie hätten alles im Griff ... bis Amor seinen Pfeil abschießt. Touché!
Mit dem bekannten Humor und der Liebe zu Charakteren, die wunderbar romantisch sind und zugleich mit beiden Beinen auf dem Boden stehen, schenkt Gabriele Schmid ihren LeserInnen wieder bezaubernde Stunden zum Träumen und herzhaft Durchatmen. Die romantische Annäherung zwischen den pragmatischen Lebensrettern der Freiburger Oberauklinik sollte sich niemand entgehen lassen.

Leseprobe

März 2009

Irgendwo fiel eine Tür lautstark ins Schloss.
„Macht bitte alleine fertig. Ich muss in die Notaufnahme.“
Energische Worte hallten durch den in warmes Sonnenlicht ge-tauchten Flur der Freiburger Oberauklinik. Kurz darauf näherten sich eilige Schritte, dann wurde die Gestalt einer jungen Frau sichtbar, die um die Ecke schlitterte.
Der Mann, der allein in der Patientenecke saß und die ersten wär-menden Sonnenstrahlen an diesem Montagmorgen genoss, lächelte. Die junge Ärztin, um deren Hals ein auffällig regenbogenfarbenes Ste-thoskop baumelte, sah er heute zum ersten Mal. Seine Augen ließen leider nicht zu, dass er den Namen der Ärztin entziffern konnte, der oberhalb einer üppigen Brust in das orangefarbene Poloshirt eingestickt war – diese Tatsache war ihm nämlich trotz seiner Kurzsichtigkeit nicht entgangen.
Die Ärztin stieß einen derben Fluch aus, denn aus den Lautspre-chern mahnte es zum wiederholten Mal: „Doktor Marquardt und Doktor Thalbach, bitte in die Notaufnahme!“ Er ließ sie nicht aus den Augen. Beobachtete, wie sie beim Näherkommen auf ihren Piepser schaute und ihn mit einem Lächeln knapp grüßte, die letzten Schritte zum Aufzug eilte und dort stehenblieb, um ungeduldig mehrmals hintereinander auf den Knopf zu drücken.
Was für ein Augenschmaus. Diese attraktive Ärztin hätte ihm mit Sicherheit seinen wochenlangen Krankenhausaufenthalt versüßt, wenn er sie vorher schon entdeckt hätte. Während sie ungeduldig wartete, unterzog er sie von seinem Sonnenplatz aus einer eingehenden Muste-rung: Sie war höchstens Anfang dreißig, er schätzte sie auf knappe eins sechzig und ihre wohlgeformte, sportliche Figur war gut zu erkennen. Eine Figur mit genau den idealen Rundungen an den richtigen Stellen und einem seidig blonden Pferdeschwanz, der bei jeder ihrer ungeduldigen Bewegungen auf- und niederwippte.
„Komm schon, du blödes Ding.“ Erneut malträtierte sie den un-schuldigen Knopf und schien ihren Beobachter erst jetzt richtig wahr-zunehmen. Auf dem herzförmigen Gesicht erschien ein Lächeln, ihre Augen funkelten und die Art, wie sie nun schicksalsergeben mit den Schultern zuckte, amüsierte ihn. Ihr sah man das Schalkhafte schon von weitem an, auch wenn ihre gute Laune gerade am Nullpunkt anzukommen schien.
Wie gerne wäre er jetzt aufgesprungen und hätte sie in ein Gespräch verwickelt. Stattdessen umklammerte er seinen Stock, lehnte sein Kinn darauf und ignorierte die schmerzenden Glieder. Leise seufzte er und wünschte sich, er wäre noch einmal fünfzig Jahre jünger – so wie der Mann, der jetzt um die Ecke bog, die Ärztin entdeckte, kurzzeitig ins Straucheln geriet und dann erkennbar gemächlicher in Richtung Aufzug weiterging. Interessiert beobachtete er das weitere Geschehen, denn dieser Halbgott in Weiß war, wie er aus eigener Erfahrung wusste, alles andere als ein freundlicher Zeitgenosse.

Katja Thalbach wartete auf den Aufzug und steckte den Piepser wieder ein, nachdem sie dem unüberhörbaren Warnton, der die nervigen Lautsprecheransagen ersetzte, ein Ende bereitet hatte.
„Herrgott, ich bin ja schon unterwegs.“ Während sie mit sich selbst sprach, drückte sie erneut ungeduldig auf den Aufzugsknopf und fixierte die Stockwerksanzeige über der Aufzugstür.
„Ich sehe schon, es hat sich nichts geändert! Selbst wenn es Ihnen doch irgendwann gelingen sollte, den Knopf durch die Wand zu drü-cken, der Aufzug kommt dadurch auch nicht schneller.“
Katjas gute Laune war wie weggeblasen. Diese tiefe Stimme kannte sie allzu gut. Sie zählte bis fünf, dann erst drehte sie sich zum leitenden Oberarzt der Orthopädie und Unfallchirurgie um, der sich ihr näherte und sie mit arrogantem Lächeln musterte.
„Morgen, Herr Kollege. Wie immer ein Scherz auf Lager. Auch das ändert sich wohl nie.“
Er ignorierte ihre Spitze. „Frau Doktor Thalbach ist also nach sieben langen Monaten wieder im Haus. Was für eine Freude.“
Katja drehte sich weg und hypnotisierte die Anzeige des Aufzugs.
„Und? Wie war die Arbeit in der Münchner Uniklinik?“, erkundigte er sich – Sekunden, bevor das Schweigen unangenehm wurde.
„Wesentlich hektischer als bei uns hier.“ Sie blickte nicht zu ihm auf. „Aber es hat sich gelohnt, Professor Werners Rat anzunehmen und auf dem Endspurt zum Facharzt auch noch die Neurochirurgie abzudecken.“
Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie Doktor Stefan Marquardt sie von oben bis unten musterte. Dann wandte er den Blick ab und schien nun seinerseits die Anzeige über dem Aufzug interessanter zu finden.
Auch das würde sich nie ändern! Katja verzog unbemerkt den Mund. Er hatte ihr gegenüber von jeher die Angewohnheit an den Tag gelegt, sie immer nur mit seinem Blick zu streifen, niemals direkt anzusehen. Das empfand sie als herablassend und unhöflich. Wieder verstrichen die Sekunden, während sie warteten und sich anschwiegen. Das fing ja schon wieder gut an!
Endlich waren Stimmen zu hören, die als undeutliches Echo durch den Aufzugsschacht wehten, doch der Aufzug schien im vierten Stock blockiert zu werden. Gelächter war zu hören. Da kam plötzlich Leben in Stefan Marquardt. „Was ist denn heute wieder los? Der Aufzug steht und steht. Die quatschen doch bestimmt nur. Es wird Zeit, dass wir einen separaten Aufzug zu den Schockräumen bekommen.“
Er hämmerte mit der Faust gegen die Tür. Sofort hörte man hekti-sche Schritte und die bekannten Geräusche, wenn sich die Aufzugstü-ren schlossen.
„Geht doch.“ Stefan Marquardt grinste sie ungefähr null Komma fünf Sekunden an, bevor er den Blick wieder abwandte.
„Ist der Umbau genehmigt?“, fragte Katja, die seine Andeutung re-gistriert hatte.
„Fast. Aber interessiert Sie das überhaupt noch? Bestimmt wollte man Sie in München gleich behalten.“ Sein tiefer Bass, der einen don-nernden Tonfall annehmen konnte, klang nicht ganz so fest wie ge-wohnt.
„Können Sie hellsehen? Ich habe schon ein Vertragsangebot.“ Katja lächelte zufrieden. Ihre Zukunftsplanung nahm Formen an, denn demnächst hieß es für sie den nächsten Schritt zu machen, der sie ihrem großen Traum ein weiteres Stück näherbrachte: Als Chefärztin zu arbeiten! Vermutlich würde sie auch dies in Rekordzeit schaffen. Schließlich nahm sie dafür auch einige Entbehrungen in Kauf.
„War ja eigentlich klar“, murmelte er. Wenn sie es nicht besser wüsste, dann hätte sie seinen Blick als Enttäuschung interpretiert. Irritiert wandte sie sich ab und beschloss, seine Bemerkung zu ignorieren. Doch dann spürte sie eine Berührung in ihrem Nacken und drehte sich blitzartig wieder zu ihm um.
Stefan Marquardt hielt ihr einen durchsichtigen Hautfetzen unter die Nase, den er offenbar in ihrem Nacken abgezogen hatte. „Und wie ich sehe, hatten sie anschließend auch noch Zeit für einen ausgiebigen Urlaub. Wohin ging’s dieses Jahr? Wieder in die Südsee?“ Er wartete ihre Antwort erst gar nicht ab. „Wie können Sie nur wochenlang in der Sonne liegen. Das muss doch auf die Dauer langweilig werden. Außer-dem ist es nicht gesund.“
Hast du eine Ahnung! Von in der Sonne liegen kann keine Rede sein. Trotz seiner ständigen Seitenhiebe hatte sie ihn bis heute nicht darüber aufgeklärt, was sie eigentlich Jahr für Jahr während ihres Ur-laubs wirklich tat.
„Falsch, dieses Jahr war es die Karibik. Sind Sie etwa neidisch?“ Kaum wieder im Lande, schon rasselte sie mit Stefan Marquardt zu-sammen. Sie zupfte ihm den Fetzen aus der Hand, wickelte diesen in ein Taschentuch und sah ihn angriffslustig an. „Haben Sie mich etwa vermisst?“
Er wurde einer Antwort enthoben, denn endlich hielt der Aufzug. Wenn Katja nicht auf die Uhr geschaut hätte, hätte sie gedacht, es wäre seit dem Notruf eine halbe Stunde vergangen und nicht erst ein paar Minuten. Als sich die Aufzugstüren öffneten, ließ ihr Stefan Marquardt galant den Vortritt. Das war aber schon alles, was er ihr gegenüber an Höflichkeit normalerweise an den Tag legte – was er ihr mit den nächsten Worten auch schon bewies: „Und wie ich Sie vermisst habe! Die Monate ohne Ihr ständiges Genörgel waren ganz schön langweilig.“
Katja verkniff sich einen weiteren Kommentar. Sie hatte es aufgegeben, von einem normalen Verhältnis zu Stefan Marquardt zu träumen. Wenn sie in den fünf Jahren, in denen sie nun mit ihm zusammenarbeitete, eines gelernt hatte, war es die Tatsache, dass es Menschen gab, mit denen sie nie auskommen würde – selbst wenn sie es noch so sehr versuchte. Aber mit Stefan Marquardt kam man sowieso nur klar, wenn man einen großen Bogen um ihn machte und es so wenig wie möglich Berührungspunkte gab.
Mit größtmöglichem Abstand lehnte sie sich an die gegenüberliegende Wand und musterte ihn unverhohlen. Wenn er sie schon nicht ansehen konnte – sie konnte es!
Doktor Stefan Marquardt war sehr groß, von kräftiger Statur, hatte dunkle Haare, ein kantiges, männliches Gesicht mit einem sehr gepflegten Bart an Oberlippe und Kinn, der sie unweigerlich an die Figur des d’Artagnan erinnerte. Wenn er nicht immer eine solch unnahbare, fast schon verkniffene Miene zur Schau getragen hätte, dann könnte man ihn sogar tatsächlich als überaus gutaussehend bezeichnen. Ihre Freundin Viktoria Karl, die als Gynäkologin ebenfalls hier an der Oberauklinik arbeitete, hatte ihm bereits am ersten Tag den Titel Doktor Sauertopf verliehen. Und dieser Name drückte sein ganzes Erscheinungsbild aus: Steif – humorlos – distanziert.
Nur seine Augen waren faszinierend – dunkelgrün, wie irische Seen und genauso tief und unergründlich. Doch sie konnten einen stechen-den Blick aussenden, der einem durch Mark und Bein fuhr und jeden sofort einschüchterte immer wieder auch sie selbst. Sie ging daher, fast von der ersten Minute an, auf Distanz. Nicht, dass sie sich grundsätzlich viel zu sagen hätten – ganz im Gegenteil. Sie wusste nach all den Jahren nichts über ihn und ahnte, er würde schweigen, bis sie sich in der Notaufnahme gegenüberstanden. Und selbst dort würden sie nur wenige Worte miteinander wechseln, was daran lag, dass sie sich im Operationssaal blind verstanden und genauso blind aufeinander verlassen konnten. Die Jahre an seiner Seite hatten aus Doktor Stefan Marquardt und ihr ein Team geformt, das seinesgleichen suchte – allerdings nur an einem Platz: Im OP. Dort waren alle Kämpfe vergessen, da harmonierten sie und ergänzten sich blendend.
Als Medizinstudentin im Praxisjahr war sie an die Privatklinik ge-kommen, die am Ortsrand von Freiburg nahe der Dreisam, in einem uralten Gutshof untergebracht war, der mitten in einem parkähnlichen Gelände lag.
Hier hatte sie als Assistenzärztin in den letzten Jahren ihre Facharzt¬ausbildung durchlaufen, war vom Oberarzt Doktor Stefan Marquardt und dem Chefarzt Professor Gerd Werner ausgebildet worden. Jetzt stand sie kurz vor der Prüfung zur Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie.
„Ich nehme an, die Leitung in München offeriert Ihnen eine Ober-arztstelle. Ich greife Professor Werner nicht vor, wenn ich Ihnen sage, dass er Ihnen momentan leider nur eine Facharztstelle und meine Stellvertretung anbieten kann.“
Die Worte von Stefan Marquardt rissen sie unvermittelt aus ihren Gedanken und im ersten Moment dachte sie, sie hätte sich verhört.
„Ist das jetzt eine Frage oder wollen Sie mir nahelegen, nach Mün-chen zu wechseln?“, erkundigte sie sich vorsichtig.
„Selbstverständlich nicht!“ Stefan Marquardt sah sie irritiert an.
„Also interpretiere ich es als Frage, ob ich hier an der Klinik bleiben will.“
„Tun Sie das.“
„Und das fragen Sie mich im Aufzug?“, wunderte sie sich.
„Wo sonst? Im OP oder im Waschraum vielleicht?“ Er sah sie jetzt völlig verständnislos an.
Katja gab einen lautlosen Stoßseufzer von sich. Er war ja so ein bril-lanter Arzt und Chirurg, aber als Mensch und Vorgesetzter fehlte ihm jegliches Feingefühl und das Wissen, wie seine Mitarbeiter tickten.
„Ein Vier-Augen-Gespräch in Ihrem Büro hätte es vielleicht auch getan“, murmelte sie pikiert.
Er zuckte lediglich mit den Schultern. „Was wäre daran anders? Wollen Sie nun? Ja oder nein?“
„Das muss ich mir erst in Ruhe überlegen.“ Sie gehörte nicht zu denen, die spontan eine solche Entscheidung trafen. „Aber eines kann ich heute schon sagen: Meine Zustimmung wäre an eine Bedingung geknüpft.“ Sie sah ihn streitlustig an.
„Welche?“
„Ich rede in Zukunft bei der Visite mit den Patienten, sonst rennt doch noch irgendwann einer schreiend davon.“
Er schnappte nach Luft und sah für einen Moment aus, als wolle er ihr den Hals umdrehen. Doch bevor er zu einer Erwiderung ansetzen konnte, hielt der Aufzug im Erdgeschoss, wo sich die Notaufnahme mit den Schockräumen befand.
„Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen“, meinte er und wandte ihr den Rücken zu. Die Aufzugstüren öffneten sich. Stefan Marquardt trat vor ihr hinaus und bahnte sich und ihr einen Weg durch die vor dem Fahrstuhl wartenden Personen. Katja starrte auf sei-nen breiten Rücken und schluckte den Ärger hinunter. Jetzt musste ihre ganze Konzentration dem Unfallopfer gelten, das sie gleich vorfinden würde und nicht ihrer akribisch durchgeplanten Zukunft, bei der der nächste Schritt nicht, wie von Stefan Marquardt vorgeschlagen, Fachärztin, sondern Oberärztin hieß – egal wie. Kurz nach Stefan Marquardt betrat sie die Notaufnahme.