Gisela Böhne - Wir sind in Paris, Gruß Jennifer

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Inhaltsangabe

Jenny, Verkäuferin in einer Boutique, möchte ihr Studium für das Lehramt wieder aufnehmen, obwohl sie schwanger ist. Mitverantwortlich für den einstigen Abbruch ihres Studiums waren Halluzinationen: Sie sieht ihren verschollenen Vater. Von dieser vermeintlich psychischen Störung hat sie ihrem Lebensgefährten Bastian nichts erzählt. Ehe sie ihn von ihrem Plan überzeugen kann, bekommt dieser einen Anruf, der ernsthafte Probleme nach sich zieht.

Leseprobe

1. Der Anruf

Jenny schob einen Stuhl neben das Fenster, setzte sich und legte ihre Hände auf den Bauch. Sie trug schon eine Hose mit dehnbarer Taille, obwohl das noch nicht nötig war. Aber bald würde man erkennen, dass sie ein Baby erwartete. Sie liebte den Blick aus diesem Fenster auf den Stadtwald, die Eichen und Buchen und den Flieder am Rande des Waldes. Die Bäume sprachen mit ihr; sie wiegten ihre Wipfel bei Wind, neigten die Äste bei Sturm oder hielten ganz still. Heute konnten sie sich nicht entscheiden. Aprilwetter halt. Die weißen Blüten des Magnolienbaumes leuchteten in der Abendsonne.
Von hier aus konnte sie sehen, wenn Bastian nach Hause kam. Eigentlich schade, dass sie selten die Möglichkeit hatte, vor ihm da zu sein. So war das eben, weil sie in einer Boutique arbeitete. Ein freies Wochenende war ein Geschenk, das es zu genießen galt, und dieses Wochenende war ein besonderes.
Jetzt gerade holte Bastian Eva-Marie von Verena ab. Seine Ex wollte heute schon, am Freitagabend, dienstlich nach London fliegen. Jenny hatte Spiele aus ihrer Kindheit hervorgeholt, die für ein siebenjähriges Mädchen genau passend waren. Evi hatte immer viel Spaß daran, vor allem, wenn sie gewann. Morgen und übermorgen würde sie ihren Papa ganz für sich alleine haben, denn Jenny hatte bereits die Fahrkarte für ein Wochenende bei ihrer Freundin in Paris.
Wenn Evi eingeschlafen war, würde der Abend ihr und Bastian gehören. Heute wollte sie ihm endlich sagen, dass sie gerne ihr Studium wiederaufnehmen möchte. Er würde ihr bestimmt zu diesem Entschluss gratulieren, und außerdem mussten sie Abschied nehmen, weil sie zwei Tage in Paris sein würde. Im Schlafzimmer hatte sie Blütenblätter von dem Magnolienbaum auf ihren Betten verteilt und überall Teelichter aufgestellt. Schon bei dem Gedanken daran spürte sie seine Nähe.
Bastians Wagen bog um die Ecke. Jenny ging auf den Flur und zupfte vorm Spiegel an ihren kupferroten Locken. Da hörte sie, dass er die Tür aufschloss. Eva-Marie kam angesprungen, umarmte Jenny und fragte: „Im Fernsehen kommt ,Lenas Ranch‘. Darf ich das gucken?“
„Darfst du“, sagte Jenny lachend, und schon war Evi im Wohnzimmer verschwunden. Bastian schloss die Tür und hängte seinen Mantel sorgfältig auf einen Bügel an der Garderobe. Dann sah er sie mit einem Blick an, den sie nicht deuten konnte, der jedoch ihre Haut prickeln ließ. Er beugte sich zum Begrüßungskuss zu ihr herab. Sie schlang beide Arme um seinen Hals und küsste ihn.
„Oh“, sagte Bastian, „das war mehr als nur ein Begrüßungskuss. Ist dieser Sexy-Kuss typisch für eine werdende Mutter im vierten Monat?“
„Vielleicht, aber heute einfach nur, weil es ungewöhnlich ist, früh Feierabend zu haben und dabei zu wissen, dass du gleich kommst. Es ist so gar nicht selbstverständlich.“
Bastian sagte nichts daraufhin. Seine Augen strahlten, mehr als sonst, nein, anders als sonst. „Ich habe eine Überraschung für dich. Ich habe beantragt, mehr im Innendienst eingesetzt zu werden.“
„Und?“
„Der Boss hat es mir zugesagt.“
„Wirklich?“, fragte Jenny leise, fast flüsternd. Bastian nickte und nahm sie in die Arme - es tat beinahe weh. Jenny dachte: Ich liebe seine Kraft und seine Zärtlichkeit. Er erreicht sein Ziel, setzt sich durch. Ich möchte auch stark sein. Soll ich es ihm jetzt sagen?
Sie holte Luft: „Bastian, ich …“
„Was ist? Raus mit der Sprache.“
„Ich möchte nun doch mein Studium beenden.“
„Das ist nicht dein Ernst?“
„Ich träume schon lange davon, Lehrerin zu werden und habe es längst bereut, Alexander zuliebe kurz vor dem Examen aufgegeben zu haben“.
„Das war damals ein Fehler, der schwer nachzuvollziehen ist.“
„Viele Kunden sind nur meinetwegen wiedergekommen. Deswegen brauchte mich Alexander in seiner Boutique. Bastian, ich möchte mein Studium jetzt endlich mit dem ,Master of Education‘ abschließen.“
„Schatz, du erwartest ein Baby, pardon, wir erwarten ein Kind!“
„Wir sind sowieso davon ausgegangen, dass wir eine Möglichkeit finden, wie ich in der Boutique weiterarbeiten kann. Worin liegt der Unterschied? Wäre es eine finanzielle Frage, wenn mein Verdienst eine Zeit lang ausfiele.“
„Nein, natürlich nicht, aber …“
Bastians Handy klingelte. „Es ist Thomas“, murmelte Bastian und griff zum Hörer. „Na, was gibt’s? … Oh, hallo Mama“. Binnen Sekunden veränderten sich seine Gesichtszüge. Jenny konnte nicht verstehen, was Bastians Mutter sagte. Sie redete offensichtlich ohne Pause. Bastian hörte konzentriert zu. Seine Mimik war wie versteinert.
„Auf der Intensivstation? Wo?“
Jenny wagte nicht, Bastian zu unterbrechen. Offensichtlich war was mit seinem Vater.
„Ich fahr gleich los. Tschüs Mama.“
Mit ungewohnt tonloser Stimme sagte Bastian: „Thomas hatte einen schweren Unfall mit dem Trecker.“
„Dein Bruder!“, sagte Jenny entsetzt.