Hilke Sellnick - Die Tochter des Gerbers

Verfügbare Formate

Taschenbuch

VerlagBlanvalet
ErschienenSeptember 2011
ISBN-103442375169
ISBN-139783442375165
Seitenanzahl608
Preis8,99 €

eBook

VerlagClub
ASINB004XAJ5HW
Seitenanzahl608
Preis11,50 €

Inhaltsangabe

Längst wäre ihr Schicksal vergessen – doch ihre Söhne schrieben Geschichte...

Die junge Arlette scheint das Glückskind der Gerberfamilie Fulbert zu sein. Sie ist nicht nur ungewöhnlich hübsch, sondern zudem klug und ehrgeizig. Doch als sie von einem Adeligen vergewaltigt und schwanger wird, fällt sie tief. Sie wird als Hure verschrien und mit Verachtung gestraft. Beschämt weist Arlette den Annäherungsversuch eines jungen Ritters ab, der sie bewundert. Noch ahnt sie nicht, dass Herluin de Conteville in einigen Jahren ihr Ehemann und die große Liebe ihres Lebens sein wird. Auch wenn ihr berühmtester Sohn, Wilhelm der Eroberer, von einem anderen stammt: von Robert, dem Herzog der Normandie...

Leseprobe

Sommer 1026

Robert weinte. Der halbdunkle Raum verschwamm vor seinen Augen, die Lichter der vielen Kerzen verbreiterten sich zu großen, hellen Flecken, und die Menschen erschienen ihm schattenhaft, so als wäre dies alles nur ein schlimmer Alpdruck.
Drüben in dem breiten, schön geschnitzten Bett lag ein kleiner Greis, dessen Körper unter den Decken fast verschwand. Herzog Richard atmete röchelnd, seine Augen waren offen, doch es war unsicher, ob er noch etwas von dem wahrnahm, was um ihn herum geschah.
Robert Lautmund wurde vom Schluchzen geschüttelt, er musste sich gegen die Wand lehnen bis der Krampf vorüber war und er wieder ruhig atmen konnte. Die Luft im Gemach war stickig, seit vier Tagen und Nächten war die Familie im herzoglichen Palast in Fécamp um den Sterbenden versammelt, dazu die engsten Freunde und die Getreuen, der Abt Wilhelm von St. Trinité, selbst ein schmächtiger Greis, vom Alter gebeugt, und einige seiner Mönche. Eine Magd eilte von einem zum anderen, teilte Wein aus, der mit Wasser gemischt war, eine andere öffnete immer wieder für kurze Zeit die hölzernen Fensterläden, denn der Schweißgeruch der vielen Leute mischte sich mit dem scharfen Duft der glimmenden Duftharze und den süßlich-fauligen Ausdünstungen, die vom Bett des Sterbenden aufstiegen. Es waren bereits zwei von Roberts Cousins und auch seine Schwester Eleonore bewusstlos geworden.
Vorgestern hatte der Herzog noch sprechen können, wenn auch mit schwerer Zunge und sehr leise, so dass sein Bruder, Erzbischof Robert Evreux, das Ohr dicht an den Mund des Kranken halten musste um die Worte zu verstehen. Das Vermächtnis des Herzogs, das die beiden Söhne kniend am Lager des Vaters entgegennahmen, enthielt nichts Neues – Richard, der ältere, würde seinem Vater auf dem Thron folgen – Robert, der zweite Sohn, war Graf des Hiémois und somit Vasall des älteren Bruders. Der Sterbende rief die beiden Brüder zu Frieden und Einigkeit auf, zu ihrem eigenen Heil und zum Wohl des ganzen Landes. Robert Lautmund hatte dem Vater weinend versprochen, sich seinen Wünschen zu fügen und die kalten, zittrigen Hände des Sterbenden geküsst, Richard Kühlauge tat mit lauter Stimme kund, dass er den väterlichen Willen als heilig ansah und ihn erfüllen würde. Auf einen Wink des Erzbischofs, der die Zeremonie mit sicherer Hand leitete, rückten die beiden nun beiseite, um den Platz zur Rechten des Kranken für das rangnächste Mitglied der Familie frei zu machen. Die Zeremonie war eine gewaltige, letzte Kraftanstrengung für den Sterbenden, immer wieder musste er sich unterbrechen, er rang um Luft, man sah seine weißen, faltigen Hände über die Decke gleiten, als suchten sie einen Halt. Wilhelm von Volpiano schob ihm dann die kostbar geschmückte Phiole zu, die einen Tropfen des heiligen Blutes enthielt, und der Herzog umschloss das Gefäß mit den Händen.