Julia Fischer - Die Fäden des Glücks

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Taschenbuch

ErschienenApril 2018
ISBN-139783426226551
Seitenanzahl384
Preis14,99 €

Inhaltsangabe

Mit der Magie opulenter Stoffe und leuchtender Farben weckt die Turiner Damenschneiderin Carlotta Calma die besondere Anziehungskraft jeder Kundin und schickt sie auf eine Reise zu sich selbst. Kleine Botschaften, heimlich unters Futter gestickt, weisen den Frauen den Weg.
Doch findet Carlotta auch ihren? Als die barocke Schönheit, die als Kind unter ihrer Figur gelitten hat, ihren Jugendfreund Daniele wiedertrifft, wird ein Märchen wahr. Nur hält es der Wirklichkeit stand? Das Chaos der Gefühle, in das die abenteuerlustige Carlotta gerät, stellt sie bald vor eine unerwartete Entscheidung.

Leseprobe

Gerade als Carlotta das Schild in der Ladentür umdrehte und die kleine Damenschneiderei damit offiziell geöffnet war, kam auch schon die erste Kundin herein – Signora Petroloni, eine mausgraue Dame Mitte fünfzig in völliger Unscheinbarkeit. Seit ihr Mann sie vor Jahren verlassen hatte, seit ihr Sohn aus dem Haus war und der Hund gestorben, hatte sie sich keine neuen Kleider mehr gegönnt. Für wen auch, nur für sich? Wer sah sie denn schon? Sie war darüber regelrecht unsichtbar geworden und wusste nicht, ob sie es so gewollt oder das Leben sie einfach ausgeblendet hatte. Eine ganze Weile war es ihr nicht einmal aufgefallen. Wie lange hatte sie nicht mehr in den Flurspiegel gesehen, bevor sie das Haus verließ? Signora Petroloni besaß jetzt einen Wellensittich – das einzig Bunte in ihrem Leben –, der öfter in den Spiegel sah als sie. Doch vor einigen Wochen hatte sie diese Schneiderei am Bahnhof entdeckt. La Cenerentola hatte auf dem schönen Ladenschild gestanden, und genauso hatte sie sich auch gefühlt – wie Aschenputtel vor der Verwandlung. In der Auslage sah sie zwei Schneiderpuppen, keine Gespenster mit Edelcouture auf den Rippen, nein, es waren die Silhouetten richtiger Frauen, und sie trugen zeitlose Kleider aus herrlichen Stoffen. Ein wacholdergrünes Tweedkostüm, bei dessen Anblick Signora Petroloni Bilder schottischer Inseln vor sich sah, weiches Gras, Schafe und klappernde Webstühle. Die britische Monarchin auf den Ländereien ihrer Sommerresidenz Balmoral Castle bei einem Spaziergang mit ihren Corgis. Und ein Hosenanzug, fließend, aus Flanell, mit weitem Bein und einem Wickelsakko, eisblau, schlicht und wirklich elegant. In der Spiegelung der Scheibe entdeckte die Signora sich dann selbst, kontur- und figurlos, eine Frau, die sich vergessen hatte, und so war sie beherzt durch die Tür getreten, ins Ungewisse.
Carlotta hatte ihr an diesem Tag zu einem klassischen Bleistiftrock mit taillierter Kostümjacke geraten und – entgegen Signora Petrolonis sonstiger Gewohnheit – einen maigrünen leichten Wollstoff der Lanificio Giordano dafür ausgewählt, der den Körper auch an warmen Tagen fast schwerelos umspielte.
„Ist es fertig?“, fragte die Signora Carlotta jetzt aufgeregt und versuchte hinüber in die angrenzende Werkstatt zu sehen, wo Rosina eben noch den Rock aufdämpfte. Sie hatte das Seidenfutter erst am Vorabend kurz vor Ladenschluss einstaffiert und eine delfterblaue Paspelierung auf der Innenseite der Jacke aufgenäht.
„Ich denke schon“, erwiderte Carlotta. „Sind Sie bereit für die letzte Anprobe?“ Signora Petroloni verschwand mit dem noch warmen Ensemble in der Umkleidekabine des Ladens und zog ihre verbeulte beige Bundfaltenhose, die in der Taille nicht mehr zuging, sowie den grauen Pullover aus. Ihren schlecht sitzenden Baumwoll-BH, der ein trauriges Dekolleté präsentierte, trug sie heute ausnahmsweise nicht. Sie hatte sich gestern einen neuen gekauft. Die Verkäuferin hatte ihn ihr persönlich auf den Leib gezurrt und dann mit einem beherzten Griff und einer routinierten Entschuldigung in die Körbchen gegriffen, um ihren Busen darin zurechtzurücken. Signora Petroloni war rot geworden, weil sie schon sehr lange niemand mehr berührt hatte, und schon gar nicht an dieser Stelle. Und dann strahlte die Verkäuferin sie an und meinte: „Das ist doch mal eine schöne Oberweite! Wenn Sie die richtig stützen und verpacken, ziehen Sie alle Blicke auf sich.“ Da hatte sie noch zwei andere Modelle ausgesucht, eines in Schwarz und ein Cremefarbenes mit schwarzer Spitze und die passenden Slips natürlich auch. „Sie kommen zurecht?“, fragte Carlotta vor der Umkleide, und Signora Petroloni bejahte es. Ihr erstes maßgeschneidertes Kostüm! Nicht die schlecht sitzende Konfektion, die so schnell aus dem Leim ging. Oder war doch eher sie es, die das tat? Ach, es war müßig, darüber nachzudenken. Und das Kostüm war grün! Maigrün hatte Signorina Calma gesagt und dass die Farbe die ihrer Augen unterstrich.
„Muss eine Bluse drunter?“, fragte sie aus der Kabine heraus, die nur durch einen schweren Vorhang abgetrennt war.
Carlotta antwortete: „Nicht unbedingt. An einem Tag wie heute werden Sie die Kostümjacke sowieso nicht ablegen wollen.“ Und dann: „Sind Sie so weit?“
Der Vorhang wurde zur Seite geschoben, und eine ungläubige Signora Petroloni stand vor Carlotta. Das Kostüm saß wie angegossen. Der Rock endete genau auf Kniehöhe – das streckte, da Signora Petroloni nicht allzu groß war –, umspielte ihre runden Hüften und zeigte Taille. Ja, die Signora hatte eine, sie war nur über die Jahre und unter den weiten T-Shirts und Pullovern aus ihrer Wahrnehmung verschwunden, zusammen mit ihrem undankbaren Ehemann und ihrer Lebensfreude.
„Ist es nicht zu auffällig?“, fragte sie verunsichert. „Glauben Sie, ich kann so was wirklich tragen?“
Genau in dem Moment kam Susa in den Laden gestürmt. Ihre braunen Rehaugen funkelten glücklich, und sie fuhr sich durchs kurze blonde Haar. Ein Pixie-Schnitt, mit dem sie die Schwestern erst letzte Woche überrascht hatte – frech, sportlich und ungemein hübsch, genau wie Susa eben.
„Was meinst du, Susa“, band Carlotta ihre kleine Schwester gleich mit ein, denn sie konnte sie jetzt sowieso nicht fragen, wo sie so lange gewesen war, „kann Signora Petroloni die Farbe tragen?“
„Machst du Witze?!“ Susa kam auf die Signora zu und begutachtete die perfekte Verarbeitung des Kostüms. „Sie sehen zehn Jahre jünger aus.“ Und weil Susa es ernst meinte und Signora Petroloni schon beim ersten scheuen Blick in den Spiegel der Umkleide kaum glauben konnte, dass das wirklich sie war, die sie da sah, erlaubte sie sich, sich ein bisschen schön zu fühlen, heimlich.
„Möchten Sie noch etwas geändert haben?“, fragte Carlotta, die jetzt, ihr Maßband um den Hals gelegt, vor ihrer Kundin kniete und den Sprung der kurzen Kellerfalte überprüfte, die mehr Beinfreiheit gewährte. Diesmal hatte sie hier ihre Widmung eingestickt, versteckt unter dem Seidenfutter. Manchmal bot sich auch ein Revers an, ein Saum oder Bund. Selten war es mehr als ein Wort, oft in der Befehlsform verfasst, und es wirkte im Verborgenen: „Lebe!“, „Liebe!“, „Verzeih!“ Jede Kundin bekam ihre eigene Widmung, und nie wiederholten sich Carlottas verborgene Wünsche.
„Nein“, flüsterte Signora Petroloni andächtig, „nichts.“ Sie blickte in den großen Spiegel neben der Werkstatttür und drehte sich in alle Richtungen. Da stand schon fast wieder die Frau vor ihr, die sie einmal gewesen war – bevor ihr Mann gegangen und sie sich so wertlos gefühlt hatte. Er hatte ihre Selbstachtung mitgenommen und den guten Perserteppich, aber den vermisste sie viel weniger. Wenn sie seither auf der Straße ging, starrte sie meist auf den Boden, und sah sie doch einmal hoch, erkannte sie, dass dort viele, die sich nicht mehr aus sich heraus trauten, ihr Heil suchten – in den Ritzen zwischen den Pflastersteinen, auf dem Grund einer Tasse im Café, auf der Rückenlehne vor sich im Bus. In Aufzügen starrte man auf einen diskreten Fleck an der Wand gegenüber, um niemanden länger als zwei Sekunden ansehen zu müssen. Und dann gab es ja auch noch die Smartphones, die ganze Leben verschluckten und Scheinwelten schufen – Freundschaften ohne Kontakte, Reisen ohne Fortbewegung, Information ohne Erfahrung. Zusammengenommen ergaben diese unbeseelten Orte einen eigenen Kosmos, in dem man moderat verschwinden konnte.
„Darf ich etwas ausprobieren?“, fragte Susa Carlottas Kundin, und die nickte. Und schon zog sie die maigrüne Signora Petroloni mit dem fahlen Teint und den aschblonden, etwas unentschieden frisierten Haaren in die Werkstatt und setzte sie an ihren Platz. Rosina blickte von der Arbeit auf und lächelte ihr zu. „Wir nehmen nur ein bisschen Rouge und Wimperntusche“, erklärte Susa, „und Sie brauchen unbedingt einen passenden Lippenstift. Welche Farbe tragen Sie denn normalerweise?“
Ja, welche, überlegte die Signora. War Bitter ein Farbton?
„Ich habe mich schon so lange nicht mehr geschminkt, Liebes“, sagte sie zärtlich und betrachtete Susas Werk in deren Puderdose.
„Jetzt fehlen nur noch hohe Schuhe und ein Friseurbesuch“, entgegnete diese, ehe Signora Petroloni etwas erwidern konnte. „Ich würde sagen, etwas kürzer und blonde Strähnchen, das macht es lebendiger. Gehen Sie in die Via San Massimo, dort arbeitet ein Friseur, der aussieht wie Jake Gyllenhaal.“
„Und der schneidet auch Frauen?“
„Nein, nur Männer. Aber während Sie bedient werden, können Sie den Anblick genießen, und das spart Ihnen die Gala und COSMOPOLITAN für Wochen!“
„Susa!“, mahnte Carlotta ihre kleine Schwester, die die Anprobe mit Signora Petroloni gerade in eine Pyjamaparty für Schulmädchen verwandelte.
„Aber wenn‘s doch stimmt“, gab sie unbeirrt zurück. „Das solltest du auch mal probieren, es macht gute Laune.“
„An der es dir ja nie mangelt!“ Carlotta sah sie streng an. „Du fängst heute bitte mit dem Zuschnitt an, den wir gestern erarbeitet haben. Ich will von dir ein Probemodell aus Nesselstoff sehen.“ Susa nickte ergeben. Alles, nur nichts mehr auftrennen müssen, das Auftrennen hatte sie nun wirklich satt. Ständig musste sie unter den wachsamen Augen ihrer großen Schwester ihre Arbeit verwerfen und von vorne beginnen.
Carlotta begleitete Signora Petroloni in den Verkaufsraum zurück und fragte sie, ob sie das Kostüm gleich anlassen wolle. „Es ist genau das richtige Wetter dafür.“
Die Signora sah zum Bahnhof hinüber. Die Sonne schien, und die Leute trugen ihre Mäntel bereits offen. Warum also nicht? Sie wollte ja sowieso noch Schuhe zum Kostüm aussuchen, und vielleicht – aber wirklich nur vielleicht – bemühte sie sich auch um einen Termin in der Via San Massimo. Jake Gyllenhaal … du meine Güte! Er hatte den Prinzen von Persien gespielt und war für Brokeback Mountain für den Oscar nominiert worden. Stahlblaue Augen und ein Lächeln … also ein Lächeln …
Als Signora Petroloni die Schneiderei an diesem Tag verließ, trug sie ihre alten Sachen nur noch in einer Tüte und beschloss, einen gemütlichen Spaziergang zur Galleria San Federico und weiter durch die Via Roma zur Piazza Castello zu machen. Sie wollte sich treiben lassen, einfach mal so in den Tag hinein, und Hirsestangen für ihren Rocco besorgen. Jetzt blickte sie auf und die Straße hinunter. Ein Passant sah in ihre Richtung und lächelte, ein Mann ihres Alters, der ihr bekannt vorkam, mit Trenchcoat und Hut. Sie drehte sich um, um zu sehen, wen er wohl im Auge hatte, doch hinter ihr stand niemand. Da erkannte Signora Petroloni – kurz vor ihrem sechsundfünfzigsten Geburtstag und damit keinesfalls zu spät! –, dass sie zwischen den Ritzen der Pflastersteine nichts finden würde. Das Glück sank nicht auf den Boden, es verbarg sich nicht auf dem Grund allein geleerter Kaffeetassen, nein, das Glück schwebte auf Augenhöhe und begegnete dem, der aufsah.