Julia Fischer - Sehnsucht auf blauem Papier

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Taschenbuch

VerlagKnaur
ErschienenNovember 2015
ISBN-103426515571
ISBN-139783426515570
Seitenanzahl288
Preis9,99 €

Gebundene Ausgabe

VerlagKnaur
ErschienenOktober 2014
ISBN-103426653508
ISBN-139783426653500
Seitenanzahl288
Preis14,99 €

Inhaltsangabe

Millicent Gruber, Heilpraktikerin und magisch begabt, lebt und arbeitet in der Jugendstivilla ihrer Vorfahren. Sie ist seit über zwanzig Jahren in den praktischen Arzt Paul verliebt - eine platonische Verbindung - und steht ihm nach dem plötzlichen Tod seiner Frau bei. Da er sich abschottet, schreibt Milli ein Jahr lang jeden Tag einen Brief, eine Karte, heilsame Zeilen, die die Zeit der Heilung des herzens begleiten. Und auch ihr Leben verändert sich darüber. Sie lernt einen Mann kennen, der um sie kämpft, und muss sich mit der Zeit entscheiden. Eine Liebe ohne Begehren, eine Sehnsucht ohne Anhaften, ein Tasten, das unter die Haut ging, ohne sie zu berühren?

Leseprobe

Die schmalen, hohen Regale, die sie umgaben, schienen immer näher zu rücken. Nun verstand sie die Feigen, die verstummten und sich davonmachten, wenn das Schicksal an die Tür ihrer Freunde klopfte. Das Leid musste einen nur heftig genug mitreißen, dann erschienen einem selbst die aufrichtigsten Worte banal. So banal wie milchsauer eingelegtes Gemüse neben der Nachricht vom Sterben und Verlassenwerden. Doch Milli hatte über dem letzten Raspeln und Stampfen der Vegetabilien und dem sinnlosen Räumen ihrer chaotischen Küche einen Plan gefasst. Sie würde Paul von heute an jeden Tag einen Brief schreiben, das ganze Jahr über, bis wieder geerntet wurde. Er konnte sie lesen, wenn er einsam war, oder auch weglegen. Er konnte sie sammeln, beantworten oder einfach ignorieren, aber sie würde damit stellvertretend in seiner Tür stehen, präsentabel, ohne Ränder unter den Nägeln. Milli wollte einfach in Pauls Briefkasten schlüpfen und mit der Zeit … Wie viel Zeit? Egal. Mit der Zeit würde er ihre Hilfe annehmen. Die Aufmerksamkeit. Die Sorge. Ihre Liebe.

8. September 2012

Lieber Paul,
das Schweigen füllt alles aus. Es gießt Blei in die Worte, lässt sie auf den Grund der Ohnmacht sinken und raubt allen Trost. Doch Dir waren die Dinge unbenannt schon immer lieber. Unausgesprochenes kann der Realität so gut widerstehen, es muss sich nicht am Machbaren messen, nicht in eine Form zwängen lassen, die es nicht ausfüllen kann oder beengt. Für das, was geschehen ist, gibt es ohnehin kein Wort. Keines, das Dich hält oder trägt, so wie sie. Eine glückliche Ehe lässt Raum zum Atmen, sie ist wie ein Quadrat, das an einer Ecke offen bleibt, hast Du einmal gesagt. Eines, in dem die Liebe schwebt und eine zarte Schicht aus Vertrauen und gemeinsamen Träumen dafür sorgt, dass sie nicht hinausfällt aus dem Konstrukt aus Versprechen und Zeit. Doch Deine Träume sind gestern verschwunden. Deine Liebe ist auf dem Boden aufgeschlagen, mit Säcken gegürtet voll vom Tausendfragensand, wie Luftschiffballast. Sie wird nie wieder aufsteigen. Wenn es doch nur eine Hoffnung gäbe, die ich Dir auf die leeren Augen legen könnte, in Dein leeres Herz. Paul, schläfst Du überhaupt? Isst Du etwas? Ich strecke meine Hand aus, um Dich inmitten der Hölle, in der Du vergehst, zu berühren, aber Du kannst mich dort nicht spüren. Und gewiss erträgst Du jetzt auch keinen Zuspruch. Aber ich werde trotzdem hier sein, mit meinen Zeilen bei Dir sein, an jedem Tag.
Millicent