Kim Kestner (Kim Kestner) - Anima - Schwarze Seele, weißes Herz

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Taschenbuch

VerlagArena
ErschienenJuni 2017
ISBN-103401510223
ISBN-139783401510224
Seitenanzahl480
Preis13,99 €

Gebundene Ausgabe

VerlagArena
ErschienenFebruar 2016
ISBN-103401602527
ISBN-139783401602523
Seitenanzahl480
Preis18,99 €

eBook

VerlagArena
ErschienenFebruar 2016
ASINB019NV1T9C
Seitenanzahl480
Preis3,99 €

Inhaltsangabe

Abby verbringt die Sommerferien mit ihrer Familie im Nationalpark Acadia. Doch die Idylle wird überschattet: Der undurchschaubare Magier Juspinn unterhält die Feriengäste nicht nur - er scheint sie zu manipulieren. Mit Schrecken muss Abby feststellen, dass sich ihre Familie und Freunde mehr und mehr zum Schlechten verändern. Besonders ihre Schwester Virginia ist vollkommen von Sinnen. Abby selbst spürt nicht nur die Anziehungskraft des Fremden, sondern auch die Gefahr, die von ihm ausgeht.

Leseprobe

„Schwenke das Glas, Abigale.“
Ich tat es.
„Gut, also … Sag dem Publikum, was gerade geschieht.“
„Das Wasser bewegt sich.“
„Es bewegt sich?“
„Ja, es … es schwappt.“ Meine Stimme klang zu leise und irgendwie fremd in meinen Ohren.
„Das Wasser bewegt sich. Es schwappt“, wiederholte Juspinn laut. Bedeutungsvoll fügte er hinzu: „Wie bei den meisten Dinge beginnen die Kräfte zunächst im Kleinen zu wirken. Sie entfalten sich bereits, auch wenn wir das nicht sehen. Eine Winzigkeit", er umfasste meine Hand, nicht ohne dass es mich wieder durchzuckte, und schwenkte das Glas schneller, "ein kleiner Schubs kann bald zu sichtbarem Chaos führen."
Seine Stimme klang rau und geheimnisvoll und als er das Glas auf meine Augenhöhe führte und in mein Ohr flüsterte: "Sieh genau hin!", jagte ein Schauer meinen Hals hinunter von der Stelle unter meinem Ohr, wo sein warmer Atem meine Haut traf, bis in den Bauch hinein. Es fiel mir schwer, mich auf das Glas zu konzentrieren, obwohl sich jetzt ohne sein Zutun, ohne Bewegung von außen, ein Strudel im Wasser bildete. Am oberen Rand schien sich dunkler Nebel zu sammeln.
"Aber einmal angestoßen, ist die Gewalt bald nicht mehr aufzuhalten. Sie lässt sich nicht zügeln und erst recht nicht einsperren!", riss mich seine Stimme aus den Gedanken.
"Wie ein Sturm im Wasserglas", sagte ich halblaut.
„Ganz genau so.“ Noch immer hielt er meine Hand fest.
Wie aufs Stichwort erhob sich der kleine Sturm aus dem Glas. Der Nebel kroch über den Rand. Unwillkürlich dachte ich an ein Chemieexperiment in der Schule. Doch der Qualm sank er nicht wie damals nach unten, sondern stieg empor, wo er wie dunkle, schwere Wolken über uns an der Bühnendecke hing. Nicht wie Wolken, dachte ich noch, das dort oben sind tatsächlich Wolken. Schon fing es an darin zu donnern.
Alle Köpfe waren nach oben gerichtet. Gleich darauf pfiff Wind über die Bühne, kroch in meine Kleidung und es wurde merklich kälter im Raum. Ein eisiger Schauer überzog meinen Rücken. Nichts hiervon war natürlich, weswegen alles in mir danach drängte, das Glas loszulassen. Meine Hand zitterte - oder wurde von dem Sturm im Glas gezittert. Ich war mir da nicht mehr sicher.
Und dann zog Juspinn auch noch seine Hand zurück. „Halt es gut fest“, mahnte er.
„Ich kann nicht.“ Ich konnte mich ja kaum noch auf den Beinen halten, so sehr zerrte der Wind jetzt an mir. „Ich kann nicht!“, schrie ich gegen das Brausen an.
„Das solltest du aber. Es wird sonst schwer für mich, den Sturm wieder einzufangen.“ Juspinn sagte es mit so großem Ernst, dass ich ihm glaubte.
Während meine Hände das Glas umklammerten, verwirbelten die Wolken über uns zu einer Windhose und tauchten in den Strudel ein. Niemand saß mehr auf seinem Stuhl. Einige Menschen, auch Dad, standen am Bühnenrand, andere hatten Abstand gesucht.
„Danke, Juspinn. Das war großartig!“, hörte ich Mr. Handson brüllen, der mit Sicherheit Schlimmeres verhindern wollte.
Juspinn reagierte nicht. Stattdessen brach das Chaos aus! Der Tornado aus dem Glas wurde größer und größer … und größer! Er zog Massen an Wasser mit sich, als würde er einen Pool leersaugen, und wir, Juspinn und ich, standen in der Mitte, in seinem Auge. Ich merkte, wie ich im Begriff war, das Glas loszulassen und wegzurennen. Es bebte geradezu in meinen Händen. Schon längst hätte es zerspringen müssen. Der Sturm selbst hätte gar nicht möglich sein können!
Niemand war mehr auf seinem Platz. Durch den Wasserdunst hindurch sah ich schemenhaft, wie andere schreiend aus dem Saal liefen. Stühle wurden umgeworfen, Wassertropfen peitschten mein Gesicht, der Sturm zerrte an meinen Haaren und toste dabei lauter als die Niagara-Fälle.
Doch Juspinns Stimme übertönte alle Geräusche. Die des Sturmes, des Gewitters, der Menschen und sogar meinen Herzschlag, der mir in den Ohren hallte. "Und bevor wir uns versehen", fuhr er fort, "verschlingt und zerstört die Gewalt alles!"
Diesmal schrie auch ich auf, als ein Blitz über die Bühne zuckte und vor uns donnernd in den Boden schlug.
"Wer also, Miss Abigale, legt die Gesetze der Welt fest?", hallte seine Stimme ebenso laut durch den Raum.
Ich hatte Angst, schüttelte nur den Kopf.
"Es ist eine wissenschaftliche Frage. Eine philosophische Frage. Und auch eine Glaubensfrage. Jedoch gibt es nur eine Antwort darauf …" Juspinn sah mich an. "Jeder findet diese Antwort für sich selbst! Es liegt an dir zu glauben, was du siehst – oder auch nicht.“
„Um Gottes Willen! Beenden Sie das!“, vernahm ich Dad hinter dem Sturm, der Juspinn und mich einschloss.
„Abigale …" Juspinn …
Ich konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen. „Ja?"
„Es liegt in deiner Hand. Lege sie auf das Wasserglas", forderte er mich auf. "Beende es."
Nichts lieber als das. Noch nie hatte ich etwas so unbedingt verschließen wollen wie dieses Glas!
Stille.
Der Sturm verschwand augenblicklich, als hätte es ihn nie gegeben. Es war unfassbar! Übrig blieben ein Glas Wasser und eine Hand voll Gäste, die unter Tischen Schutz gesucht hatten. Kein feuchter Boden, kein vom Blitz verkohltes Holz. Hätte ich nicht die Nässe in meinem Gesicht gespürt, die Panik in den Gesichtern der Gäste gesehen – ich hätte an eine perfekte Illusion geglaubt.
Für zwanzig, dreißig Sekunden rührte sich niemand. Es war die Ruhe nach, nicht vor dem Sturm.
Die Hand fest aufs Glas gepresst, wagte auch ich nicht einmal zu atmen. Ohne mich zu ihm umzuwenden, nur aus dem Augenwinkel, sah ich, wie Juspinn mich die ganze Zeit über musterte, als würde er in mein Innerstes schauen wollen.
"Du scheinst wirklich etwas ganz Besonderes zu sein …", murmelte er schließlich, wobei ich meinte, Verwirrung in dem zu lesen, was ich von seinem Gesicht erfasste. Bevor ich antworten konnte, wandte er sich stockend an das verbliebene Publikum. "Sie ist wirklich etwas … etwas ganz Besonderes. Danken …“ Er räusperte sich und setzte neu an. „Danken Sie der Tochter des Reverends, dass sie Sie vor größerem Unheil bewahrt hat!"
Niemand klatschte. Kein Wunder. Die Vorführung war so unglaublich gewesen, so fernab von allen denkbaren Tricks, Illusionen, sogar physikalischen Möglichkeiten. Die Gäste Acadias waren nicht nur völlig überwältigt, sie standen unter Schock.