Kim Kestner (Kim Kestner) - Im Bann der Drudel

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Taschenbuch

VerlagAETERNICA
ErschienenDezember 2013
ISBN-103943739406
ISBN-139783943739404
Seitenanzahl296
Preis0,00 €

Inhaltsangabe

Timothy und Loo verbindet eine langjährige Freundschaft. Doch nur Timothy kann Loo sehen, daher glaubt ihm niemand, wenn er von den Besuchen seines Freundes berichtet. Eines Tages erscheint Loo bei Timothy und bittet diesen, ihn in seine Welt zu begleiten. In eine geheimnisvolle Welt unter der Erde, voller sonderbarer Wesen und wundervollen Erscheinungen. Timothy kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Doch dann erfährt Timothy, dass diese Welt in großer Gefahr ist. Und die einzige Hoffnung in einem lange verschollenen, magischen Hexenbuch, der Drudel liegt. In den Legenden dieser Welt heißt es, die Drudel könne einzig von einem Menschen gefunden werden. Timothy ahnt jedoch nicht im Geringsten, auf was er sich tatsächlich einlässt, als er sich zur Hilfe bereit erklärt und nach der Drudel zu suchen beginnt ...

Leseprobe

Ladomir versuchte, einen kühlen Kopf zu bewahren. Waren Blattern wirklich tödlich? Er wusste es nicht. Er kannte niemanden, der Blattern gehabt hatte. Genau genommen war er sich nicht einmal sicher, ob es welche waren, denn sie galten seit Dekaden als ausgestorben. Früher nannte man sie „den Fluch der Hexen“. Stimmte das? Ein Hexenfluch?
Es gab nur eine Möglichkeit, es herauszufinden.
Mit einem raschen Blick in die Röhre versicherte sich der Color, dass seine Frau nicht mehr in der Nähe war, nahm einen der vielen Schlüssel von seinem Bund und schloss die zweite der elf Ketten auf, an denen die Hexenbücher baumelten.
Vorsichtig wog er das Buch in seinen Händen. Dieser Band war besonders alt, einer der ältesten überhaupt, die Ladomir je besessen hatte. Daher ging er davon aus, dass er am meisten wusste. Viele der Bücher enthielten triviale Inhalte, die nur hetzten und schimpften. Doch die alten bargen so manches Geheimnis, für das der eine oder andere seinen Bart abgeschnitten hätte.
„Verzeihung“, murmelte Ladomir. „Es war keine … entschuldigt bitte. Verzeiht.“
Eine größere Menge der blauen Absonderung war auf das Buch getropft. Schlagartig öffneten sich zwei tiefschwarze Augen und funkelten ihn böse an. Ladomir tupfte mit dem Ärmel den Einband sauber, dann schlug er mit klopfendem Herzen die erste Seite auf.
Wie bei allen Büchern befand sich auf der Innenseite des Buchdeckels eine ornamentverzierte Hand, in deren Mitte das sehende Auge saß. Der Händler legte die seine darauf. Sofort kam Leben in das Buch. Zunächst zuckte und zitterte es verkrampft, dann blätterte sich die erste Seite um, es folgten einige weitere, von denen Ladomir gerade noch die Überschriften lesen konnte („Magie, Rituale, Zauberei“ und „Hexenorte“), dann flogen die Seiten nur so dahin, als wenn ein Orkan sie erfasst hätte. Kurz vor Ende des Buches stoppte es jäh, und die Seiten klappten auseinander. Ladomir hoffte, dass es ein weiblicher Verfasser war, die Hexer unter ihnen waren mitunter recht verschwiegen. Er würde es gleich wissen.
Aus den schwungvollen Lettern erwuchs nach und nach eine ungewöhnlich schlanke Nase, dann bildeten sich Kinn und Stirn heraus, hohe Wangenknochen traten hervor, ein Mund, so breit wie der eines Trolls, und zu guter Letzt Augen, die so düster wirkten, dass Ladomir das Buch am liebsten wieder zugeschlagen hätte.
„Wann haben wir?“, fragte das Buch, ohne sich vorzustellen.
„Zweihundertzweiundvierzig Dekaden, sechs Decencien und vier Annoten - nach der Verbannung“, antwortete Ladomir heiser.
Die Nase der Hexe schnellte hervor. Sie schob ihr Gesicht, so weit es ging, aus dem Buch hinaus und sah sich um. „So lange also. Über zweihundert Dekaden … Und dann ist es ausgerechnet ein minderwertiger Lemur, der mich öffnet? Wo ist meine Gebieterin? Bringt mich zu ihr!“
„Ich fürchte …“ Ladomir wand sich, er hatte keine Zeit für lange Erklärungen. In Gedanken formte er seine Antwort: Hexen sind ausgestorben … es gibt keine Hexen mehr … wir haben seit Dekaden keine Hexen mehr gesehen … vielleicht leben oben noch welche, aber hier unten …
„Ich fürchte, das kann ich erst machen, wenn Ihr mir alles erzählt, was Ihr hierüber wisst!“, sagte er stattdessen und hielt das Buch direkt vor sein Gesicht.
Die Hexe blickte demonstrativ nach unten.
„Gut! Dann werde ich Euch wieder schließen“, bluffte Ladomir. „Vielleicht seht Ihr Eure Gebieterin ja in weiteren zweihundertzweiundvierzig Dekaden wieder.“
„Nein! Nicht! Natürlich sind es Blattern!“, schrie die Hexe mit kurzem Blick nach oben und verzog angewidert die Mundwinkel. „Ein einfacher Zauber. Nichts Besonderes. Jede Hexe kann sie heilen. Bringt mich zu meiner Gebieterin, und Ihr seid sie los.“
„Sind sie tödlich?“
„Nicht, wenn Ihr mich rechtzeitig hinbringt …“
Ladomir schluckte. „Erzähl mir alles, was du über Blattern weißt“, verlangte er erneut und erntete einen verächtlichen Blick.
„Pah! Was ist das für eine Frage. Wer könnte mehr darüber wissen als ihr Lemuren?“
Ladomir hätte das Buch nehmen und schütteln können. Oder ihm eine Seite nach der anderen rausreißen.
„Sag mir, was du über Blattern weißt“, wiederholte der Händler, nahm ein weniger wertvolles Buch von der Kette und riss ihm die erste Seite aus, so dass die Hexe es sehen konnte.
Ihre Augen weiteten sich. „Nein!“, schrie sie grell. „Was macht Ihr denn?“
„Sag mir“, setzte Ladomir an und riss noch eine Seite heraus, „was du“, die dritte Seite trudelte zu Boden, „über Blattern weißt!“
Das Buch knurrte bedrohlich und bleckte dabei seine pergamentgelben Zähne.
Gleichgültig zuckte der Händler mit den Schultern und wollte gerade die vierte Seite herausreißen, da schloss die Hexe die Augen, und das Buch begann zu dozieren, als wäre es ein Lehr- und kein Hexenbuch:
„Blattern sind ein wirksames Mittel, Menschen wie auch Lemuren zu bestrafen, wenn sie sich allzu aufmüpfig anstellen. Ein einfacher Morbo-Temptari-Fluch oder das Versetzen einer Speise oder eines Getränks mit einem Sud aus Glockenblume und Ginsterwurzel rufen die Blattern innerhalb weniger Zenaten hervor. Blattern verlaufen vollkommen schmerzfrei. Es ist daher abzuraten, den Sünder mit Blattern vor seinem Schlaf zu strafen, da er oft bei Morgenglühen entseelt ist, ohne den Fluch überhaupt bemerkt zu haben. In der Regel braucht es zwölf Horas, bis der Körper vollkommen von Blattern bedeckt ist. Dann tritt der Tod ein.“
Als Ladomir die letzten Worte gehört hatte, feuerte er das Buch auf den Sekretär, riss sein lila getupftes Hemd bis zum Bauchnabel auf und starrte entgeistert auf die wabernden Beulen, die sich auf seiner Brust gebildet hatten.
„Was ist das Heilmittel?“ Die Frage galt dem Buch, doch es antwortete nicht. Der Händler nahm es vom Tisch, atmete tief durch und legte erneut seine Hand auf die Innenseite des Deckels.
„Blattern gehören“, referierte das Buch ungerührt weiter, „anders als die kristallene Macht, hervorgerufen durch den Strigatusstab, nicht zu den schwarzmagischen Flüchen. Sie sind leicht heilbar. Sie zeigt sich in …“
Ladomir hatte genug gehört. Ihm lief die Zeit davon! „Was ist das Heilmittel?“, wiederholte er.
„Heilmittel?“ Die Hexe rümpfte ihre schlanke Nase. „Es würde Euch nichts nutzen, selbst wenn Ihr um die Zusammensetzung wüsstet. Keine Hexe verkauft Holunderwurzeln an einen Lemur. Diese Pflanze ist viel zu mächtig, um in die Finger eines so unreifen Geistes zu geraten.“
Holunderwurzel also, dachte Ladomir erleichtert. Das war einfach. Holunderwurzeln hatten vielleicht vor zweihundertzweiundvierzig Dekaden als Seltenheit gegolten, heute jedoch betrachtete man sie eher als Plage. Ihre dünnen, fein verzweigten Fortsätze krochen in jedes Mauerwerk, und man musste sie ständig beschneiden, sonst ruinierten sie einem die Fassade. Nur noch Kinder glaubten an das Märchen, der Holunder wäre in Wirklichkeit eine zu einem Baum gewandelte Hexe. Es sollte sie davon abhalten, die wenig bekömmlichen, aber verlockend süßen Wurzeln zu kosten.
Das Buch beobachtete Ladomir argwöhnisch, als wollte es seine Gedanken lesen. „Wenn man allerdings über einen ständigen Vorrat an Holunder verfügt, so wie meine Gebieterin es tut“, fuhr sie lauernd fort und legte dabei ihren Kopf auf die Seite, „benötigt man nur noch eines ihrer Haare, um einen schmackhaften Sud daraus zu kochen, der Blattern im Handumdrehen heilt. Wollt Ihr mich also jetzt in das nächste Hexendorf bringen, oder wünscht Ihr zu sterben?“
„Ein Hexenhaar?“, stammelte Ladomir. Er legte seinen Kopf in den Schoß und raufte sich die Haare. „Das ist unmöglich! Es leben keine Hexen mehr unter uns. Sie sind … alle weg.“
Das Buch lachte böse und zuckte unter Ladomirs Hand. „Dumm seid Ihr! Dumm, wie es nur ein Lemur sein kann! Einzig eine Hexe kann Euch mit Blattern belegen, Ihr einfältiger Zugochse. Wie Ihr seht, muss es zumindest eine von ihnen geben, und nun bringt mich zu ihr!“