Kim Kestner (Kim Kestner) - Sakura - Die Vollkommenen

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Gebundene Ausgabe

VerlagArena
ErschienenJuni 2017
ISBN-109783401840017
ISBN-139783401603186
Seitenanzahl408
Preis16,99 €

eBook

VerlagArena
ErschienenJuni 2017
ASINB072M6HF9W
Seitenanzahl408
Preis13,99 €

Inhaltsangabe

Es ist die einzige Chance, die sie je haben wird: Als der Kaiser zur „Blüte“ aufruft, weiß Juri, was sie zu tun hat. Aber das Auswahlverfahren, bei dem am Ende nur die Vollkommenen einen Platz an der Oberfläche erhalten, ist hart und unbarmherzig - und Juri nicht makellos genug, um daran teilzunehmen. Trotzdem kann sie nichts davon abhalten. Die dunkle Höhle, in der sie ihr ganzes Leben verbringen musste, will sie um jeden Preis verlassen. Verkleidet als Junge, schmuggelt sie sich unter die Probanden. Doch ausgerechnet der Sohn des Kaisers wird auf sie aufmerksam. Hat er Juris Tarnung durchschaut? Oder spielt auch der Prinz ein doppeltes Spiel?

Leseprobe

Ebene eins – Verwertung und Wiederaufbereitung
Das letzte Licht
Heilige Amaterasu! Ich werde zu spät kommen!
Und meine Toten warten nicht. Sie fallen einfach durch die Schleuse. Zzzzck-bumm. Zzzzck, wenn die Klappe sich öffnet. Bumm, wenn sie unten aufkommen. Einer nach dem anderen, bis die Schleuse verstopft ist. Und dann kann ich zusehen, wie ich sie wieder herausbekomme. All die zerbrechlichen Körper. Und natürlich möglichst in einem Stück.
Niemand traut einen so schweißtreibenden Job einem Mädchen zu. Aber ich bin groß und stark. Jedenfalls für meine siebzehn Jahre und die Umstände, in denen wir leben. Außerdem wird die Arbeit gut bezahlt. Zwei Tüten Reis und eine doppelte Ration Wasser. Das ist mehr, als viele Familien kriegen. Ich kann also wirklich froh sein und will den Job um keinen Preis aufs Spiel setzen.
Bloß gerade ist kein Weiterkommen. Ich stecke selbst in einer Schleuse, genauer gesagt in der Gasse, die auf den Marktplatz zuläuft. Eingeklemmt zwischen Hunderter magerer Körper. Kein besonders angenehmer Zustand.
Vorsichtshalber nehme ich den Proviantbeutel von meiner Schulter und presse ihn an mich. Nichts bewegt sich schneller als erbeutetes Essen durch Kinderhände. Egal wie eng es ist.
Ich stelle mich beunruhigt auf die Zehenspitzen. Verfluchte … - Die Menschen stehen ja bis zum Marktplatz! Wir nennen ihn das Gerippe, weil von dem - was immer es einmal war - nur ein Stahlgerüst geblieben ist. Die Händler haben sich in ihm bis hoch unter die Decke angesiedelt.
Es wimmelt an dieser Stelle immer von Menschen. Gerade um diese Zeit stehen, sitzen und liegen überall Bettler, Kranke, Krüppel und Kinder mit verdreckten, ausgemergelten Gesichtern. Aber heute sind es noch mehr. Viel, viel mehr. Sie sind wegen der Fremden gekommen. Es hat sich schneller als ein Feuer verbreitet, dass sie da sind. Doch wieso sie da sind, das weiß keiner.
Zwei dieser Fremden kann ich jetzt am Gerippe stehen sehen. Man erkennt sie sofort, sogar von weitem. Männer, in strahlendgelber Kleidung, eingewickelt in ein knielanges Hemd, darunter eine enge Hose, die in wadenhohen Stiefeln steckt.
Es sind Männer von der Oberfläche.
Ich reiße mich von ihrem Anblick fort. Es hat keinen Sinn. Ich muss hier durch, sonst bin ich meinen Job los. Ohne die Hand von der Tasche zu nehmen, nur mit meinen Ellenbogen, mache ich mir Platz. Freiwillig rückt niemand zur Seite. Leider. Ich kann ihre Körper an mir spüren. Es widert mich an. Ihr Gestank, die Wärme, der Schweiß, der an mir kleben bleibt. Ich muss sie zur Seite schieben, einen nach dem anderen. Niemand nimmt Rücksicht. Sobald es ums Überleben geht, ist sich eben jeder selbst der Nächste. Und hier geht es nur darum. Immer, jeden Tag.
Wir sind ganz unten. Wir sind die Letzten der Letzten und leben auf dem Grund einer tiefen, weit ausgedehnten Höhle. Eine Welt unter der Welt, das ist Ebene eins. Über uns sind noch fünf andere Ebenen, aber es gibt keine Möglichkeit, sie zu erreichen. Jede ist streng abgeriegelt. Über Ebene sechs kommt die Oberfläche. Dort lebt der Himmlische Kaiser mit all den anderen Nachkommen Amaterasus, der Sonnengöttin. Aber wir hier unten haben kein Recht auf ihren Schein. Deshalb werden wir nie die Sonne sehen, nie unsere Ebene verlassen und uns nie satt essen können.
Wir sind anders. Wir stammen nicht von Amaterasu ab, sondern von ihrem verhasstem Bruder Susanoo, dem Sturmgott. Er hat beinahe die Welt vernichtet. Deshalb lässt uns seine Schwester für seine Taten büßen, indem sie uns in diese Höhle verbannt hat. Das ist sehr lange her. Bevor mein Vater geboren wurde und seiner und dessen und … Es ist so lange her, dass keiner mehr sagen kann, wie viel Zeit vergangen ist. Auf jeden Fall büßen wir schon sehr, sehr lange und werden es wohl noch bis in die Ewigkeit tun. Egal wie viel wir beten oder opfern oder was auch immer.
Hier sind alle krank und hungern. Wir leben in einem Dreckloch und weil Amaterasu noch nicht mal unseren Anblick ertragen kann, hat sie es dem Kaiser überlassen, sich um uns zu kümmern. Aber der kümmert sich nicht. Er versorgt uns nicht einmal mit dem Nötigsten an Reis und Wasser.
Es gibt ein Sprichwort, das sagt: Das Leben ist beschissen - und dann stirbt man. Und genau so ist es.