Lee Bauers - DARKEN I -Die Zusammenkunft

Verfügbare Formate

Taschenbuch

VerlagOldigor Verlag
ErschienenOktober 2012
ISBN-13978394369777
Seitenanzahl276
Preis14,90 €

Inhaltsangabe

Sirona ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau und alleinerziehende Mutter aus Lippstadt. Ein Besuch in der Semper Oper, zu dem sie eingeladen wird, stellt ihr Leben völlig auf den Kopf. Trifft sie hier wirklich zum ersten Mal auf Darken, diesen mysteriösen, großen Fremden, der unerklärliche Aggressionen in ihr auslöst? Wer ist der geheimnisvolle Unbekannte wirklich, der sie bis in ihre Träume verfolgt? Und wieso quälen Sirona Erinnerungen an eine Vergangenheit, die offensichtlich nicht ihre ist? Sie muss dem Rätsel auf den Grund gehen und begibt sich auf eine Reise, auf der sie von Paul Bennet begleitet wird, der auch nicht der ist, für den sie ihn hält. Auf dem Sommerfest auf Castello Del Guardiano Della Spada muss sie schließlich eine Entscheidung treffen ...

Darken I ist der Auftakt einer Romanserie um Liebe und Hass, Mystik und Hingabe, in der sich Vergangenheit und Zukunft begegnen. Eine leidenschaftliche, atemberaubende Reise, die weder zeitliche noch geografische Grenzen kennt und bei der alle Fäden, die Sironas Schicksal bestimmen, im Hier und Jetzt zusammenzulaufen scheinen.

Leseprobe

Sie ging durch das Zimmer, öffnete die wandhohen Fenster weit und trat auf den Balkon heraus. An der Seite befanden sich Stufen, über die man auf den Rasen heraustreten konnte. Das Gelände war weitläufig und im Hintergrund endete es in einem mit kleinen Bäumen bepflanzten Beet. Sie musste sich jetzt bewegen. Sie kickte die Schuhe von den Füßen, stieg die Treppe hinab und trat auf den Rasen. Kaum berührten ihre Füße das feuchte Weich, da raffte sie das Kleid nach oben und fing an zu rennen. Wenigstens bis zu den Bäumen und zurück, dachte sie, das müsste reichen, um wieder klar denken zu können. Sie kam bis zur zweiten Baumreihe, dann musste sie sich an einem Stamm abstützen. Sie war noch nie eine gute Läuferin gewesen, ihr Knie, ihre Hüfte, ihr Körper spielten nicht mit, wenn sie sich wieder einmal dazu entschlossen hatte, einen »Wie jogge ich richtig«-Kurs zu belegen. Sie schnappte nach Luft, der brennende Schmerz in den Lungen tat so gut. Sie starrte auf den Boden, um langsam wieder ruhiger atmen zu können, als sie auf ein paar sehr große schwarze Lederschuhe schielte, die genau hinter ihr standen.

Sie schoss nach vorne, drehte sich um die eigene Achse und beim Anblick der dunklen blauen Augen schien ihr Herz einen Satz zu machen. Der Schrei, den sie ausstieß, war nicht laut, aber es fehlte ihm auch nicht an Schärfe und signalisierte Angriff. Sekundenlang standen sie sich gegenüber. Himmel, der Kerl war riesig, mindestens zwei Meter, und sein Kreuz war mindestens doppelt so breit wie normal. Sie hatte sich niemals klein und schwach gefühlt mit ihren einsfünfundsiebzig, aber jetzt fühlte sie sich winzig. Dann machte er den Fehler und ging einen Schritt auf sie zu. Blitzschnell kehrte sie ihm den Rücken zu, stieß mit voller Kraft ihren Ellenbogen zurück und traf ihn unterhalb des Rippenbogens. Er keuchte und krümmte sich zusammen, sie nahm ihre beiden Hände, verschränkte die Finger zu einer großen Faust, drehte sich mit ausgestreckten Armen um ihre eigene Achse und schlug ungebremst mit fest verschlossener Faust auf sein Gesicht ein, noch bevor er sich aufrichten konnte. Sie musste nicht denken, sie wusste, dass er gefährlich war, sie hatte es die ganze Zeit in der Oper gespürt.

Als sie zum nächsten Schlag ausholte, diesmal auf die ungeschützte Stelle seines Nackens, hatte er sich bereits vom Überraschungsmoment erholt, stürmte in gebückter Haltung auf sie zu und riss sie mit sich auf den Boden. Seine Faust, die er ausstreckte, um seinen Sturz abzufangen, wurde von ihrer rechten Gesichtshälfte abgebremst. Tränen schossen ihr in die Augen, sie stützte zu Boden und er fiel auf sie. Die Luft entwich ihren Lungen, sie rang nach Atem und riss den Kopf hoch, um ihm wenigstens mit der Stirn vorher noch die Nase zu brechen. Es gab ein hässliches Geräusch und warmes Blut, sein Blut, tropfte ihr ins Gesicht. Er brüllte auf, hielt sich mit der Hand das Gesicht. Sie versuchte, die Zeit zu nutzen, versuchte sich auf den Bauch zu drehen und unter ihm hervorzukriechen. Denn eins war sicher, sie hatte ihn sicherlich nicht freundlicher gestimmt und seine Wut schwebte förmlich materialisiert über ihnen. Sie kam nicht weit, er warf sie wieder zurück auf den Rücken, stützte sich auf ihre Unterarme und kam mit seinem blutverschmierten Gesicht bedrohlich nahe an ihr eigenes. Sein Blick versenkte sich in ihre Augen, ein Knurren entwich seiner Kehle und dann sah sie Blitze und Sterne. Er zuckte zurück, so als ob er sie auch gesehen hätte, dann lief ein Film vor ihren Augen ab.

Es war ihr, als ob sie über eine Wiese liefe, auf einen Mann zu, einen Krieger mit schwerem Schild auf der Brust. Der Mann lag erst wie angewurzelt an einen Stein gelehnt, dann stand er plötzlich vor ihr. Sie erhob ein Schwert gegen ihn, zerschmetterte seine linke Seite, dann stach er zu, mitten in ihr Herz. Sie kippte rechts an ihm vorbei auf die nach oben gerichtete Schneide ihres eigenen Schwertes, und das Letzte, was sie sah, waren seine Augen, tiefe Abgründe der Boshaftigkeit, von einem sonderbaren Dunkelblau.

»Du Mistkerl hast mich getötet …«, keuchte sie, »… du hast mich getötet!« Sie wollte einen endlosen Schrei von sich geben, als er ihr mit der Hand den Mund verschloss. Das Letzte, was sie noch sah, war die Angst in seinen Augen, dann verlor sie das Bewusstsein.

Ein Telefon klingelte dicht an ihrem Ohr; es war nicht ihres, ihres klingelte anders. Dann fühlte sie fremde Bettwäsche unter sich und fremde Kissen an ihrem Kopf, eine kuschlige Decke über sich. Die Erinnerung kam wieder, Dresden, Verdi … dieser verdammte Traum. Sie griff nach dem Telefonhörer.

»Hey, wie sieht es aus? In dreißig Minuten unten beim Frühstück?« Robert klang schon wieder so quietschfidel.

»Wie spät ist es, muss noch früh sein, bin noch nicht richtig wach!«

»Hör mal, Sirona, gleich ist es zehn Uhr, und Frühstück gibt es nur bis elf, also raus aus den Federn!« Er legte auf, ohne ihre Antwort abzuwarten.

Sie drehte sich mit geschlossenen Augen auf den Rücken und die stechenden Kopfschmerzen drangen direkt in ihr Gehirn ein. So viel hatte sie gar nicht getrunken, verdammter Mist. Sie öffnete die Augen und starrte an die Decke. Ihr rechtes Auge schmerzte, als wenn sie sich gestoßen hätte. Sie hob die Hand um sich über die Schläfe zu fahren, und erstarrte in der Bewegung: Dreck, Blut, ein schwarzer Ärmel, abgebrochene Fingernägel. Sie hielt die Luft an, starrte unablässig ihre Hand an und sah dann ganz langsam an ihrem Körper herab. Sie trug das Kleid, welches sie gestern in der Oper angehabt hatte. Ihr Puls beschleunigte sich, sie war plötzlich hellwach, die Kopfschmerzen spürte sie nicht. Ihr ganzer Oberkörper schnellte hoch und erfasste sofort den ganzen Raum. Er war leer, ihre Schuhe standen säuberlich vor dem geschlossenen Fenster, der Koffer lag auf dem Tisch vor dem Bett.

Dann besah sie ihre Hände. Unter ihren Fingernägeln klebte Erde, die Knöchel waren blutverkrustet. Langsam ließ sie die Füße am Bett heruntergleiten und fing an, sie ganz langsam mit ihrem eigenen Gewicht zu beschweren. Nichts gebrochen, dachte sie nur, alles noch heil. Bis auf das Kleid. Es war zerrissen, die ganze rechte Seite hing wie ein Fetzen von ihr herab. Auch an ihren Oberschenkeln klebte Erde. Ein halterloser Strumpf hatte sich über ihrem Knie verfangen, kaputt waren sie beide. Sie fasste sich unwillkürlich zwischen die Schenkel. Der String war genau da, wo er sein sollte, und bei genauerem Abtasten spürte sie keine Verletzungen. Erleichtert sackte sie in sich zusammen.