Lee Bauers - DARKEN IV - Entrissen

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Taschenbuch

VerlagOldigor Verlag
ErschienenJuni 2014
ISBN-139783943697544
Seitenanzahl369
Preis14,90 €

Inhaltsangabe

Nach Jahrhunderten berührt eine Frau das Herz von Ténoch. Trotz der Gewissheit, dass er sie eines Tages verlieren wird, kann er nicht verhindern, sich in der Liebe zu ihr zu verlieren. Als Unbekannte versuchen Sironas Tochter zu entführen, kann Sirona im letzten Moment verhindern, dass man ihr das Kind entreißt. Sirona kämpft mit Darken und den Brüdern gegen das unbekannte Böse, das nach dem Geheimnis ihrer Unsterblichkeit trachtet. Bevor sie ihren Gegner jedoch enttarnen können, ist es für Darken schon zu spät.

Leseprobe

Es war mitten in der Nacht, als Sirona die Augen öffnete. Eine Unruhe, die sich nur im ersten Moment nach Sehnsucht anfühlte, schlich sich bei ihr ein und sie legte die Hand neben sich auf die leere Bettseite.

Sie vermisste Darken, der erst vor zwei Tagen wieder zurück nach Castello Del Guardiano Della Spada gefahren war, um mit Freddie in Ruhe verschiedene konzernbedingte Entscheidungen durchzusprechen und ganz nebenbei Informationen zusammenzutragen, wer hinter dem Überfall am Tag ihrer Hochzeit steckte. Sirona war sehr gespannt, ob es neue Erkenntnisse gab.

Es war viel zu warm für diese Jahreszeit und sie schlug die Bettdecke zurück, um aufzustehen und auf den Balkon hinauszutreten. Der Sternenhimmel war klar und schön und zeigte bereits jetzt schon bestes Sonnen­wetter für den kommenden Tag an. Ein herrliches Gefühl durchströmte sie, als sie die klare Nachtluft in ihre Lungen sog.

Leicht schwindelig ging sie vorsichtig auf die Liege zu, setzte sich und lehnte sich zurück, um die Sterne bequemer beobachten zu können. Trotz der lebens­bedrohlichen Zwischenfälle auf ihrer Hochzeitsreise, bei der Sternennetze eine so fatale Rolle gespielt hatten, vermittelten ihr die Sterne immer noch etwas Vertrautes, etwas Klares.

Lächelnd beobachtete Sirona, wie die Silhouette eines Flugzeuges die Sternenbilder über ihr zu durchkreuzen schien. Eine Bewegung am Rand ihres Blickfeldes ließ sie aufmerksam werden. Dunkle Schatten bewegten sich an den Rändern ihres Sichtfeldes und ließen plötz­lich eine böse Vorahnung in ihr aufkommen.

Langsam setzte sie sich auf. Als die Schatten mehr wurden und zielgerade auf die Mitte des Himmels zusteuerten, erhob sie sich und hielt sich gebannt an dem Balkongeländer fest. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf das Phänomen, ohne sich bewegen oder anderweitig reagieren zu können. Wie hypnotisiert sah sie schutzlos dem Schauspiel zu. In dem Moment, als alle Schatten gleichzeitig auf die Mitte trafen und die Sterne begannen, ungewöhnlich stark zu blinken, spürte sie die drohende Gefahr als körperlichen Schmerz. Das Aufeinandertreffen der schwarzen Schatten erzeugte eine stumme Explosion, die sie erschaudern ließ.

Sie starrte weiter nach oben, ohne die geringste Chance, sich in Sicherheit bringen zu können, als der Explosionsregen, erst gleißend weiß und dann in ein Dunkelrot übergehend, auf sie niederfiel. Die Welle der Schattenenergie traf sie hart, riss sie vom Geländer los und ließ sie abgleiten in eine feuchte rote Masse, die sie wie ein Tsunami mit sich riss.

Die Berührung mit der Flüssigkeit, der Geschmack nach Blut, ließ Sirona endlich reagieren. Sie kämpfte sich an die Oberfläche zurück, konnte bereits den in Rot getauchten Sternenhimmel wieder erkennen. Jetzt lief das Nass nur noch als Rinnsal über sie und bahnte sich wie ganz normales Wasser seinen Weg in den nächsten Abfluss.

Sirona lag keuchend am Boden, starrte nach oben und wischte sich mehrmals über die Augen, als der wirbelnde rotblinkende Sternenhimmel über ihr plötzlich stehen blieb. Panisch suchte sie ihn nach weiteren Verände­rungen ab. Nichts.

Ihre Starre löste sich nur langsam, sie spürte die Nässe auf ihrer Haut und richtete sich mit dem Ober­körper langsam auf. Ihr Negligé war tiefrot getränkt und roch nach Eisen, ihr Haar klebte an ihrem Gesicht.

Geschockt blieb sie einige Sekunden in dieser Haltung sitzen, um zu erfassen, was gerade geschehen war. Ein Flackern ließ ihren Blick wieder hochschnellen, doch es war zu spät. Ihr blieb keine weitere Möglichkeit zu reagieren, das rote Sternenlicht stürzte sich auf sie nieder, drohte sie mit seinem Gewicht zu ersticken und bohrte sich mit seiner Energie in ihr Bewusstsein, als wolle es ihr Wissen und Macht entziehen.

Mit letzter Kraft bäumte sich Sirona auf, suchte verzwei­felt in sich nach ihrer Stärke, nach irgendetwas, womit sie sich schützen könnte, da spürte sie ein Beben tief in sich. Ihr eigenes Sternennetz! So klar und schön wie immer, erhob es sich, drängte sich zwischen sie und das rote Sternengitter und begann, gegen die fremde Macht zu kämpfen.

Sirona wurde schlagartig ruhiger, sie ließ ihre Energie fließen und beobachtete gebannt, wie die beiden Mächte miteinander kämpften, als urplötzlich die roten Sterne wie Luftballons zerplatzten und verschwanden.

Eine unglaubliche Ruhe senkte sich auf sie nieder, neue Kraft durchströmte sie. Als alle Ängste verschwunden waren, erlosch ihr Sternennetz und ließ sie allein und zitternd zurück.

Sie hatte es geahnt! Das Sternennetz aus dem Amazonas oder das von Martinique war nicht ihres gewesen. Es war niemals ihr Sternennetz gewesen, welches sich gegen sie gewandt hatte! Erleichtert schluchzte sie auf und senkte vorsichtig alle Barrieren, die sie in ihrer Todesangst um ihren Geist errichtet hatte. Sie spürte sofort Darken in sich und seine Sorge um sie. Unbewusst musste sie ihn mit ihrem stummen Schrei geweckt haben, ebenso wie Taamin, denn plötzlich spürte sie seine starken Hände, die sie hochhoben und ins Bad trugen.

Wie durch einen Nebel hörte sie seine Stimme in ihrem Kopf, mit der er versuchte, Darken zu beruhigen.

Sie ist in Ordnung, aber voller Blut … ja, sie wird mit dir sprechen … ja, werde ich.

„Es waren nicht meine Sterne, die mich angegriffen haben, damals nicht und heute nicht …“, flüsterte Sirona schwach, als Taamin sie unter die Dusche hob.

Sein Blick wurde ernst.

„Mein Sternennetz ist gut, es hat mich gerettet, mich beschützt, sag das Darken.“ Dann schloss sie die Augen und fiel in eine wohlige schwarze Ruhe, in der sie Kraft und Frieden tankte.

„Mein Sternennetz ist gut …“, murmelte sie ein letztes Mal, ehe sie bewusstlos wurde.

Es waren nicht Darkens Gedanken, sondern seine Hände, die sie spürte, als sie am nächsten Vormittag erwachte. Sein Gesicht war fest an ihren Hals gepresst und er reagierte sofort auf ihre ersten Bewegungen, indem sich seine Umarmung verstärkte. Sie küsste seinen Unterarm, schmiegte sich mit der Wange daran und begann, ihm im Geiste von den Ereignissen der letzten Nacht zu berichten. Immer wieder ließ sie ihn spüren, wie glücklich sie über ihre Erkenntnis war und wie sicher sie sich jetzt fühlte. „… und wem, meinst du, könnte das andere Sternen­netz gehören?“ Seine Stimme drang zärtlich in sie ein, aber dennoch spürte sie seine Unruhe. Darken gab sich nicht nur mit der einen Hälfte der Geschichte zufrieden.

„Ich weiß es nicht. Ich bin nicht einmal sicher, ob es existiert, auch wenn die Bedrohung real erschien.“ In dem einen Fall war sie im Amazonas Dschungel angegriffen worden, dann wäre sie auf ihrer Flitterwocheninsel auf Martinique beinahe ertrunken, gestern Nacht war sie blutbesudelt niedergesunken und etwas hatte versucht, in ihre Gedanken einzudringen.

Darken schwieg und Sirona wurde unruhig. Sie drehte sich zu ihm um. Ein Blick in seine Augen verriet ihr, dass er mit ihrer Deutung nicht zufrieden war.

„Was?“, fragte sie.

„Und wenn es keine Vision war?“

Sirona schwieg.

„Wenn es doch jemanden gibt, der dich angreift? Es sieht für mich nur nicht so aus, als wenn wir ihn in dieser Welt finden werden.“

Sirona ließ geschockt den Kopf wieder auf seinen Arm sinken. „Ich weiß nicht, woher meine Magie kommt, aber ich weiß, dass es niemanden gibt wie mich. Mabon hätte mich gewarnt.“

„Mabon! Hat er dich nicht vor den Schatten gewarnt?“

Verunsichert drehte sie sich noch tiefer an Darkens Brust ein, seine Gedanken machten ihr Angst.

Darkens Hände streichelten sie nun stärker und sein Mund an ihrem Ohr flüsterte: „Wenn du wieder bei Kräften bist, wirst du Mabon besuchen, vorher fahre ich nicht zurück!“ Sirona nickte. Sie spürte seine Sorge und wurde das Gefühl nicht los, als wäre sie alles, nur nicht unbe­gründet.