Lia Haycraft - Sonnenschwinge

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Taschenbuch

Verlagbookshouse Verlag
ErschienenJuli 2016
ISBN-109963534384
ISBN-139789963534388
Seitenanzahl271
Preis12,99 €

eBook

Verlagbookshouse Verlag
ErschienenMai 2016
ASINB01GCZY03E
Seitenanzahl271
Preis2,99 €

Inhaltsangabe

Gerade stand Ruben noch in der Tate Gallery in London, jetzt befindet er sich plötzlich in Axikon, der Welt der unendlichen Nacht. Neugierig lässt er sich auf diesen magischen Ort ein und begegnet der hübschen und geheimnisvollen Sotai, die aussieht wie ein Mensch, sich jedoch in den Wind verwandeln kann. Vom ersten Moment an ist Ruben von ihr fasziniert, obwohl auf der Erde seine Verlobte wartet. Ruben will sich auf das Abenteuer einlassen, doch kein Mensch darf in dieser Welt bleiben und so will Sotai ihn unentdeckt zur Erde zurückzubringen. Jedoch müssen beide bald feststellen, dass ihr Vorhaben weitaus gefährlicher ist, als es anfangs scheint ...

Leseprobe

Kapitel 1
Schlüssel

Die Monde Enxía und Serniwe spiegelten sich in dem schmalen Bachlauf zwischen Abertausenden von Sternfischen, die aufleuchteten, wenn sie vorbeischwammen. Sotai holte aus, um ihren Ring ins Wasser zu werfen. Doch da nahm sie eine Bewegung am anderen Ufer wahr, hielt inne und sah auf. Ein Maraga. Es hörte auf zu trinken und hob den Kopf. Sotai hielt den Atem an, trotzdem witterte das Maraga in ihre Richtung. Ruckartig drehte es ihr den Rücken zu und verschwand mit langen Sprüngen in der Dunkelheit der knorrigen, vom ständigen Wind niedrig gewachsenen Bäume.
Sotai seufzte. Sie hätte sich verwandeln sollen, denn das Maraga hätte bestimmt keinen Unterschied zwischen dem Wind, der Sotai war, und dem, der durch die Blätter der Uferbäume strich, bemerkt. Sotai ließ ihre Hand sinken und stand auf. Kurz betrachtete sie den Ring, ein Geschenk von Seran. Silbern schimmerte er auf ihrer Handfläche. Auf einmal wollte sie den Ring nicht im Bach haben. Er sollte irgendwo liegen, wo sie ihn nicht wiederholen konnte. Am besten im dichten Gras der Steppe vor Lennoxi. Das war eine gute Idee.
Sotai machte eine Faust um den Ring und rannte so schnell, dass der Wind ihr Kleid eng an ihre Haut presste. Mitten zwischen den langen, weichen Halmen des Steppengrases blieb sie stehen, holte aus und warf. Sie sah das Glitzern des Rings, bevor er in der Dunkelheit verschwand. Sotai atmete tief aus und wollte sich wegdrehen. Etwas rauschte über ihr durch die Luft, Sotai schrak auf. Ein Schatten kam auf sie zu.
Kasumi landete wenige Schritte vor Sotai und lächelte schief. Mit dem Licht der Monde im Rücken sah sie größer aus als sonst. Sie faltete ihre Schwingen langsam zusammen und kam ein Stück näher. Ihre Augen blitzten belustigt, und Sotai hoffte, dass sie die Sache mit dem Ring nicht mitbekommen hatte. Sie wollte nicht darüber reden, auch wenn Kasumi längst zu einer guten Freundin geworden war.
»Hi. Wartest du auf jemanden?«
»Nein.« Sotai seufzte. »Wie war’s auf der Erde? Gibt es Neuigkeiten?«
»Alles wie immer. Nicht viel zu tun für uns Schwingen. Kein Auftrag in Sicht, und ich habe nicht einmal Miro getroffen. Aber von Elfrun soll ich dir viele Grüße bestellen. Sie lässt fragen, ob du sie nicht mal wieder besuchen möchtest, an der Nacht der Elemente? Lang dauert es ja nicht mehr. Hast du vor, auf die Erde zu reisen?«
Für einen Moment wusste Sotai es nicht. Sie hatte bisher nicht darüber nachgedacht, aber vielleicht war das die Lösung. Mehr Abstand zu Seran ging beinah nicht. Und es bedeutete ebenfalls mehr Abstand zu allem hier. Etwas Neues entdecken, allein. Das klang sehr verlockend. »Ja, ich werde reisen.«
»Kann es sein, dass du eben irgendetwas weggeworfen hast? Mir war, als flöge etwas Silbriges an mir vorbei, als ich durch das Tor kam.«
Es hatte wohl keinen Sinn, es abzustreiten, und vielleicht würde es guttun, darüber zu sprechen. »Serans Ring. Ich habe einfach keine Lust mehr, an ihn zu denken. Das hat in letzter Zeit immer besser geklappt, aber dann fiel mir sein Ring ein, der in den Tiefen irgendeiner Tasche lauerte, um mich zu quälen … oder ich habe ihn auf einmal zufällig in der Hand, wenn ich etwas anderes suche. Du kannst es dir sicher denken.«
Kasumi legte eine Hand auf Sotais Schulter, das weiche Fell an ihren Fingern kitzelte auf Sotais Haut. »Vergiss ihn.«
»Ganz bestimmt.«
»Irgendwann triffst du den Richtigen.«
»Ich brauche niemanden.« Das stimmte nicht ganz, aber es war einfacher so. Doch, wenn es jemanden gäbe, der zu ihr passte, jemanden, auf den sie sich verlassen könnte, bei dem sie sich öffnen und so sein könnte, wie sie war, sähe die Sache anders aus. Doch darüber wollte Sotai mit Kasumi nicht sprechen. Sie hatte schließlich längst so jemanden gefunden. Ivan und sie waren schon beinah neunzehn Jahre ein Paar.
Schweigend gingen beide zu dem großen, flachen Stein, auf dem Sotai am liebsten saß. Sie setzten sich, Sotai überkreuzte ihre Beine und lehnte sich zurück.
»Hast du Lust, mich zu begleiten, wenn ich in der Nacht der Elemente auf die Erde reise?«, fragte Kasumi irgendwann.
»Ich glaube, es ist besser, ich gehe allein. Wäre das erste Mal für mich, wird sicher Zeit.« Kasumi stieß Sotai aufmunternd in die Seite, und Sotai musste lachen.
»Hey, was gibt’s so Lustiges?«, fragte jemand hinter ihnen.
»Ivan«, flüsterte Kasumi und drehte sich um. Sie sprang auf die Füße, wirbelte herum und landete mit einem geschmeidigen Satz auf Ivan, sodass er zwar umfiel, aber im weichen Gras landete. Sie lachten ausgelassen und kugelten hin und her, bis Ivan auf Kasumi saß und sich langsam zu ihr hinunterbeugte. »Sorry«, sagte Kasumi an Sotai gewandt. »Denk dran, was ich dir gesagt habe.«