Martina Fiess - Tod auf dem Wasen

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Taschenbuch

VerlagEmons
ErschienenJanuar 1970
ISBN-139783740803964
Seitenanzahl237
Preis10,90 €

eBook

VerlagEmons
ErschienenJanuar 1970
ASINB07D2GKYY1
Seitenanzahl240
Preis8,49 €

Inhaltsangabe

Ganz Stuttgart ist in Feierlaune: Das 200-jährige Jubiläum des Cannstatter Wasen steht bevor. Doch dann brennt ein Festzelt ab, und die Feuerwehr findet unter den Trümmern eine Leiche. Kommissar Gabriel nimmt die Ermittlungen auf – ebenso wie die neugierige Stadtführerin Bea Pelzer. Eigentlich soll sie Besuchergruppen über den Wasen führen, stattdessen entdeckt sie
ein mörderisches Komplott und ist dem Täter bald dicht auf den
Fersen.

Leseprobe

»Jede dritte Frau hat keinen Spaß am Sex, steht hier.« Mit diesen Worten begrüßte mich meine Mitbewohnerin Jeannette,
als ich barfuß und im Nachthemd in die Küche unserer WG in der Reinsburgstraße trottete. Jeannette sah von der großbuchstabigen Tageszeitung vor ihr auf dem Tisch auf und kommentierte trocken: »Haben wir ein Glück, Bea, dass wir nur zu zweit sind.«
»So viel Mathematik am frühen Morgen überfordert mich.« Ich griff nach der randvollen Tasse mit rabenschwarzem Kaffee, die sie mir entgegenschob.
Jeannette gehörte zu den Lerchen und beglückte die Mitmenschen schon im Morgengrauen mit ihrer Lebenslust. Dagegen war ich heute besonders immun, denn die letzten Minuten vor dem Klingeln meines Weckers hatte ich angekettet im vordersten Wagen der Achterbahn verbracht, die bald ihren Betrieb als neueste Adrenalinschleuder auf dem Wasen aufnehmen würde. Besonders verstörend war der Anblick meiner entgleisenden Gesichtszüge und der im Fahrtwind flatternden Backen gewesen, während ich durch alle drei Dimensionen des Luftraums zwischen Neckar und Mercedesstraße gewirbelt worden war.
»Verstehe, schlecht geschlafen«, brummte Jeannette. »Deinen Monsterfalten nach zu deuten, hast du den nächsten Roman von Stephen King geträumt.« Sie tunkte ihr angebissenes Croissant in ein Honigglas und lutschte genüsslich daran herum.
Meine Koordination war noch im Halbschlaf. Gähnen und Nicken trafen zeitgleich aufeinander. Und zwar genau in dem Moment, als ich einen Schluck aus der Tasse nehmen wollte. Die schwarze Brühe schwappte in meinen Ausschnitt und hinterließ eine heiße Spur bis hinunter zum Bauchnabel, wo sie sich in einem Miniteich sammelte.
»Wie wär’s mit einer Kurztherapie gegen dein Volksfest-Trauma?«, schlug Jeannette vor und tunkte das Croissant erneut in den Honig. Eine Linie goldbraun schimmernder Punkte markierte den Weg zu ihrem Mund. »Schließlich musst du die nächsten zwei Wochen zwischen Space-Shootern, Losverkäufern und zu Tode gegrillten Hähnchen verbringen.«
»Aussichtslos. Volksfest und ich, das ist so, als wollte man einer Meerjungfrau den richtigen Gang auf dem Catwalk beibringen.« Ich drückte mein Nachthemd in den Nabel, um die Flüssigkeit aufzutupfen, und sah zu, wie sich der Stoff kaffeedunkelbraun verfärbte.
»Wenigstens genießt du das Privileg anständiger Klamotten«, beschwerte sich Jeannette und leckte Honig von ihren Fingern. »Dagegen muss ich meine kaum vorhandenen Knödel zu Markte tragen. Ausgerechnet ich. Du hast vom lieben Gott immerhin die Schwäbische Alb bekommen. Bei mir reicht’s nur für die norddeutsche Tiefebene.« Zur Veranschaulichung schob sie ihre ziemlich flache Vorderseite über die Tischplatte. Dann tippte ihr Zeigef inger auf eine farbige Anzeige der »Bild«-Zeitung. Die hatte sie aus dem Briefkasten unserer Vermieterin gemopst. In der Anzeige posierten Models in Trachtenmode mit schaumbekrönten Bierkrügen und Lebkuchenherzen vor einem goldfarbenen Hintergrund, der an Wandbespannungen aus Brokat in barocken Schlössern erinnerte.
»Sind das Annikas Entwürfe?«, fragte ich und zog die Tageszeitung näher heran.
Jeannette nickte. »Mehr Haut als Stoff. Die reinsten Nuttenlappen. Wundert mich nicht, warum unsere männlichen Kollegen in der Agentur begeistert sind.«
Jeannette und ich verdienten unsere Brötchen in der Werbeagentur Hohlbergs Reich in der Neuen Weinsteige. Die Agentur war nach ihrem Chef André Hohlberg benannt. André hatte zwar weniger Gehirnzellen als meine Freundin und ich zusammen, aber dafür ein besonderes Talent zum Schleimen. Das nutzte er geschickt, um zahlungskräftige Kunden für seine Agentur zu gewinnen. Vor ein paar Monaten war es ihm gelungen, einen begehrten Etat für das zweihundertjährige Jubiläum des Cannstatter Wasens an Land zu ziehen.
André hatte für diesen Auftrag alle Sklaven seiner Agentur in einem Maße verplant, das in keinerlei Zusammenhang zur vertraglich vereinbarten Arbeitszeit stand. Mir fiel die zweifelhafte Ehre zu, feierlustige Besuchergruppen über das Gelände des Wasens zu führen und mehr oder weniger Tiefsinniges über die traditionsreiche Geschichte des zweitgrößten Volksfestes der Welt zu erzählen. Dabei trat ich als Figur aus der Landesgeschichte auf, wie etwa Franziska von Hohenheim oder Königin Katharina von Württemberg, deren Ehemann König Wilhelm I. das Volksfest 1818 gegründet hatte. Um Authentizität vorzugaukeln und die Teilnehmer für ihr Geld angemessen zu bespaßen, musste ich bei diesen Führungen historische Kostüme aus dem Fundus der Staatsoper tragen. Zu jeder anderen Tages- und Nachtzeit war ich wie alle Mitarbeiter von André Hohlberg dazu verdonnert worden, für die deutlich stoffärmere Trachtenkollektion zu werben, die er mit unserer neuen Agenturkollegin Annika eigens für den Jubiläumswasen entworfen hatte.
Als ein Feuerwehralarm durch unsere Wohnung schallte, schoss mein Puls in die Höhe. Endlich wurde ich wach. »Brennt’s bei uns etwa?«
»Brennen tut’s schon«, sagte Jeannette erstaunlich gelassen. Mit einem vergnügten Grinsen schob sie sich von der
Eckbank hoch. »Aber nicht bei uns, sondern in Hohlbergs Reich. Die Sirene hab ich als neuen Klingelton für unseren Chef downgeloaded.« Jeannette trabte in den Flur, nahm ihr Handy vom Garderobenschrank und meldete sich mit einem zackigen: »Bonjour, André.«
Nach ein paar Sekunden stieß sie einen erschrockenen Laut aus. »Was? Okay. Alles klar, André. Bea und ich sind schon
unterwegs.«
Kopfschüttelnd kam Jeannette zurück in die Küche. »Ich glaub, der Stress vor der Waseneröffnung ist zu viel für André. Er hat was von Katastrophe gestammelt und uns in Lichtgeschwindigkeit zu einer Krisensitzung in die Agentur
beordert.«