Martina Fiess - Tod in Degerloch

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Taschenbuch

VerlagEmons
ErschienenApril 2010
ISBN-139783897057074
Seitenanzahl236
Preis9,90 €

Inhaltsangabe

Bea Pelzer hütet das alte Haus ihrer Lieblingstante, dem schwarzen Schaf der Familie, während diese auf Weltreise ist. Als sie mit ihrer Freundin Jeannette bei Gartenarbeiten Knochen und einen wertvollen Anhänger entdeckt, wird sie bedroht und ein Unbekannter bricht ins Haus ein. Bea beginnt zu ermitteln und findet auf dem Dachboden eine Spur: eine Pistole und Liebesbriefe eines Nachbarn, der spurlos verschwand. Hat der attraktive Alexander, der heftig mit ihr flirtet, etwas damit zu tun? Und was verschweigt ihre Mutter? Als Bea auf ein altes Familiengeheimnis stößt, geschieht ein Mord - und sie gerät in die Schusslinie eines skrupellosen Verbrechers.

Leseprobe

Jede Familie hat ihre Geheimnisse. Und in jeder Familie gibt es ein schwarzes Schaf. In meinem schwäbischen Clan ist das nicht anders. Bei uns Pelzers übernimmt diese Rolle meine Lieblingstante Fanny. Mit ihrer Lebenslust und ihren unkonventionellen Ansichten schlägt sie deutlich aus der Art. Mich stört das nicht. Im Gegenteil, gelte ich nach Ansicht meiner Mutter doch als ihre Nachfolgerin. Zumindest was das chaotische Liebesleben und meine nicht einmal im Ansatz vorhandene Karriere angeht.

An diesem Juniabend lag die auf Rekordtemperatur gegrillte Luft wie eine Heizdecke über Tante Fannys verwildertem Vorgarten. Am Horizont leuchteten pink- und lilafarbene Streifen, als hätte sich dort der liebe Gott nach ein paar Trollingerschorle mit Textmarkern ausgetobt. Über der Waldau ragte der Fernsehturm wie ein Monument schwäbischer Ingenieurskunst auf und mahnte, lieber an die traditionellen Tüftler- und Schraubertugenden anzuknüpfen, statt den glorreichen Zeiten der heimischen Autoindustrie hinterherzujammern.
Jeannette und ich wollten einen halb vermoderten Baumstumpf neben dem Gartentor ausgraben. Inmitten von Brombeerranken, hüfthohen Gräsern und wucherndem Klee erinnerte nur noch dieser etwa dreißig Zentimeter hohe Stumpf an die einst prächtige Birke. An vielen Stellen war die helle Rinde abgeblättert. Das graubraune Holz war von Flechten überzogen. Mit einer Spitzhacke hatte ich den von der Hitze festgebackenen Boden aufgerissen und die Hauptwurzeln freigelegt. Nun hieb Jeannette mit einer Axt auf die armdicken Wurzeln ein. In alle Richtungen flogen kleine Holzspäne davon.
Erschöpft von der ungewohnten körperlichen Arbeit lehnte ich mich auf den Griff der Hacke. Um mich herum wirbelten Wölkchen aus Erdstaub auf und ließen sich in meiner Nase und auf den Zähnen nieder. Der süßliche Geruch der violett und weiß blühenden Fliederbüsche lag wie ein schweres Parfüm in der Luft. Fanny wäre von der Pracht ihrer Lieblingspflanzen begeistert gewesen. Aber vermutlich bekam sie auf ihrer Weltreise noch ganz andere botanische Wunder zu Gesicht.
Als Jeannette die Axt weglegte, drückten und schoben wir an dem dreiviertel ausgegrabenen Stumpf herum. Der rührte sich keinen Millimeter von der Stelle. Zum gefühlten tausendsten Mal stieß ich die Hacke in die Erde, um auch die restlichen Wurzeln freizulegen.
Jeannette schippte mit einer Schaufel Erde aus der schmalen Grube zwischen Grasnarbe und Stamm. »Vielleicht ist der Platz hier am Gartentor doch nicht so gut geeignet für Rosen«, meinte sie und wischte sich den Schweiß ab. Ihre Finger hinterließen braune Streifen auf der Stirn, als wäre sie auf dem Kriegspfad.
»Aber ich will die Rosen genau hier haben. Seit ich in Tante Fannys Haus lebe, träume ich von einem blühenden Rosenspalier über dem Gartentor.« Mit Blick auf das Rankgerüst schnitt ich mit der Hand einen Halbkreis in die Backofenluft. Dabei bemerkte ich, wie der Himmel sich verändert hatte. Das Neonspektakel im Südwesten war verblasst. Stattdessen rotteten sich schmutzig graue Wattebäusche über der Waldau zusammen und zogen wie eine Riesenherde schlecht gelaunter Schafe in unsere Richtung.
Jeannette schnaubte. »Blöd nur, dass wir keine Ahnung von Gartenarbeit haben.«
»So schwierig kann es nicht sein, einen Baumstumpf auszugraben.« Wütend stieß ich die Hacke in die Erde und ignorierte das Brennen, mit dem sich eine Wasserblase an meinem rechten Daumen bildete.
Der Fliederduft wich Feuchtigkeit, die Regen ankündigte. In meiner Nase verwandelte sich der Staub in einen schleimigen Film. Die dunkelgrauen Wolken kühlten die Luft deutlich ab und brachten Windböen mit sich. Ein übermütiger Wirbel fuhr in die Tanne an der Garageneinfahrt und entlockte ihr ein mürrisches Rauschen. Noch eben von der Hitze wie gelähmt, wiegten sich nun Gräser im Wind, Blätter flatterten auf, und die Clematis über dem Vordach des Eingangsbereichs verwandelte sich in ein wogendes lila-grünes Kunstwerk.
»Wieso engagierst du nicht diesen arbeitslosen Gärtner, der den Handzettel in den Briefkasten geworfen hat?«, fragte Jeannette.
»Und wovon soll ich den bezahlen? Die Bank hält es schon für ein gefährliches Wagnis, meinen Überziehungskredit aufzustocken. Einen Privatgärtner werden die mir kaum finanzieren.«
»Apropos gefährlich.« Jeannette zeigte mit der erdverschmierten Schaufel über den Zaun auf den ockerfarbenen Siebziger-Jahre-Wohnblock schräg gegenüber. »Drüben wendet gerade unser Freund im blauen Polo. Am anderen Ende des Wohnbunkers.«
Ich folgte ihrem Blick. Der Polo verschwand eben um die Ecke. »Bist du sicher, dass es derselbe Wagen war? Der mit den getönten Scheiben und dem verdreckten Nummernschild?« Seit einiger Zeit schon fuhr ein blauer Polo auffallend oft und langsam die Straße entlang. Den Fahrer hatten wir bisher nicht zu Gesicht bekommen, und ehrlich gesagt war mir das auch lieber so.
Jeannette nickte ernst, was ihrem Kriegerinnenlook geradezu indianische Würde verlieh. »Genau der. Und ich bin mir diesmal sicher, dass der Fahrer uns und dein Haus beobachtet hat.«
»Mein Haus«, wiederholte ich und rollte die Augen. »Das Haus gehört Tante Fanny. Ich darf nur drin wohnen, bis sie von ihrer Weltreise zurück ist.«
»Gut, aber die wird mindestens ein Jahr, vielleicht auch zwei dauern. Und solange darfst du alles nach deinem Geschmack gestalten. Das hat sie gesagt, oder?«
»Hat sie. Und jetzt lass uns endlich dieses Ungetüm rausholen, bevor das Gewitter losgeht.« Energisch hieb ich mit der Hacke neben eine freigelegte Wurzel und stieß auf Widerstand. Ein hartes Geräusch war zu hören.
»Vielleicht eine tief liegende Wurzel.« Jeannette schippte Erde aus dem Loch, bis ihre Schaufel ein blechernes Geräusch auslöste. Sie legte sie zur Seite und wühlte den Dreck mit bloßen Händen heraus. »Hier ist etwas vergraben.«
Ich lehnte die Hacke an den Gartenzaun und beugte mich über das Loch.
Jeannette wischte lose Erdklumpen beiseite. »Ist ziemlich hart und glatt. Dem Geräusch nach könnte es Stein oder Metall sein.«
Wir legten eine kreisförmige Fläche von etwa zehn Zentimetern Durchmesser frei. Jeannette kratzte mit der Schaufel darüber und förderte einige Rostflecken zutage, zwischen denen es so tiefblau schimmerte, wie der Himmel seit Tagen strahlte.
»Mich erinnert das an etwas«, sagte ich und biss auf meiner Unterlippe herum.
Mit den Fingern entfernten wir Erdbrösel, Steinchen und feine Wurzeln, bis eine runde Blechdose zu sehen war. Jeannette versuchte sie zu lockern, vergeblich.
»Das ist eine alte Nivea-Creme-Dose«, stellte ich überrascht fest. »Tante Fanny und meine Mutter benutzen diese Creme seit Ewigkeiten.« Ich sprang auf, wischte die Hände an der Jeans ab und lief hinüber in die Garage. Dort durchsuchte ich den Werkzeugkasten, bis ich ein geeignetes Hilfsmittel fand.
Zurück an der Grube, schob ich einen Schraubenzieher unter die Dose und löste sie. Jeannette rüttelte ein paarmal und hob sie aus dem Loch heraus. Am Boden klebte ein graurosa Regenwurm, der sich angesichts der ungewohnten Bewegungsfreiheit freudig ringelte. Jeannette zupfte das Tier ab und warf es unter die Löwenmäulchen am Zaun.
Sie drehte und wendete die Dose ein paarmal, dann überreichte sie mir den Fund mit einer feierlichen Geste. »Mach du sie auf. Schließlich bist du zurzeit die Hausherrin.«
Die Dose war etwa fünf Zentimeter hoch und ziemlich leicht. Enttäuschend leicht für eine Schatzkiste.
»Worauf wartest du?«, nörgelte Jeannette und strich eine Haarsträhne hinters Ohr, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatte. »Eben habe ich den ersten Tropfen abbekommen.«
Als ich versuchte, den Deckel von der Dose zu nehmen, rührte sich nichts. Ich krallte die Fingernägel unter den Deckelrand, und er schnappte auf.
In diesem Moment grollte ein furchteinflößendes Donnern über den Himmel, begleitet von kräftigem Wind. Über der Waldau zuckte ein Blitz zum Horizont. Ein Regentropfen klatschte auf meine Wange, ein weiterer landete auf meinem Kinn. Ich warf einen Blick in die Dose. Ein modriger Geruch stieg auf und löste einen Niesreiz aus.
Ich sah etwas Zerknülltes, Graues. Es war ein Stück feiner Stoff mit schmalen grauen Streifen. »Scheint ein altes Taschentuch zu sein.«
Als ich das Stoffbündel aus der Dose zog, spürte ich darin etwas Hartes, Filigranes. Ich schlug die Enden des Taschentuchs auseinander.
»Was ist es? Sag schon!«
Da ich nicht reagierte, nahm Jeannette mir das Stoffbündel aus der Hand. »Sack und Asche«, flüsterte sie.
Während der Wind uns Regentropfen ins Gesicht trieb, blickten wir andächtig auf das Bündel. In dem Taschentuch lag ein wunderschöner goldener Anhänger. Er bestand aus einem Ring, in dem eine Frau wie auf einer Schaukel saß. Der Stoff ihrer antik anmutenden Toga hing über den Ring herab. In den Händen hielt die Frau einen weißen Edelstein in einer runden Fassung. Erneut zuckte ein Blitz vom Himmel. Der Stein leuchtete wie elektrisiert auf.