Martina Fiess - Tod in der Markthalle

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Taschenbuch

VerlagEmons
ErschienenJanuar 1970
ISBN-139783954512553
Seitenanzahl222
Preis9,90 €

eBook

VerlagEmons
ErschienenApril 2014
ASINB00IA3PTFA
Seitenanzahl224
Preis8,49 €

Inhaltsangabe

Bea Pelzer traut ihren Augen nicht, als Agenturchef Hohlberg
seinen neuen Geschäftspartner vorstellt: Es ist ihr
Vater Peter Herzog, der die Familie vor über zwanzig Jahren
verlassen hat. Doch viel Zeit für Persönliches bleibt nicht,
denn beim Jubiläumsevent der Markthalle geschieht ein
Mord – und der Verdacht fällt auf Beas Vater. Auf der Suche
nach dem wahren Täter kommt Bea einem verhängnisvollen
Geheimnis auf die Spur und gerät selbst in tödliche
Gefahr.

Leseprobe

Zwischen den Mauern des Alten Schlosses und den Bauten
rund um den Schillerplatz dampfte die Frühsommerhitze aus
mittelalterlichen Steinen. Die Luftfeuchtigkeit war so hoch, als hätten alle Stuttgarter gleichzeitig ein Schaumbad genommen und die Badezimmerfenster offen gelassen. Schon nach einer halben Stunde in der Mittagssonne klebte das langärmelige Samtkleid wie nasses Fell auf meiner Haut.
Zum wiederholten Mal an diesem Tag verfluchte ich meinen
Chef Jens Hohlberg. Im Auftrag seiner Werbeagentur führte ich
zahlungskräftige Kunden zu den architektonischen Highlights
Stuttgarts – und zwar in historischer Kostümierung aus dem Fundus der Staatsoper. Das mag lustig klingen. Aber bei dreißig Grad unter einer eng anliegenden Kopfhaube aus dem 15. Jahrhundert eingeschnürt zu sein und ein pelzumsäumtes Samtkleid mit langem Umhang herumzuschleppen, war fast schon Extremsport.
Heute verkörperte ich Anna-Maria von Ansbach. Sie hatte
ihrem Gemahl Herzog Christoph von Württemberg innerhalb
von siebzehn Jahren zwölf Kinder geboren und war bestimmt
auch deswegen geistig umnachtet im Nürtinger Schloss geendet.
Herzog Christoph hatte die Reformation hierzulande durchge-
setzt und das Alte Schloss zu einer prächtigen Renaissanceresidenz umgebaut. Die Wappen des berühmten Paares zierten das Portal am Schillerplatz. Vermutlich hatte mein Chef mich deshalb für meine Führung rund ums Alte Schloss in diese mehrschichtige und garantiert nicht atmungsaktive Verkleidung gesteckt.
Meine auf fallende Kostümierung sorgte für reichlich Publicity. Zwanzig hochrangige Manager eines weltbekannten Automobilkonzerns folgten aufmerksam den Gesten meiner cremeweißen Spitzenhandschuhe, mit denen ich unterhaltsame Storys aus der Schlossgeschichte untermalte. Schüler, Shoppende und Touristen ließen ihre Handys und Smartphones klicken. Spätestens heute Mittag würde ich der neue Star auf YouTube sein.
In einer abenteuerlichen Zeitreise bugsierte ich die führenden Köpfe der deutschen Luxuskarossenindustrie zu einem der führenden Köpfe literarischer Bestseller: Friedrich Schiller. Sein Denkmal auf dem ihm zu Ehren benannten Platz war die nächste Station. Beeindruckt musterte ich die ausgeprägt männliche Figur aus Bronze. Auf dem Cover von Men’s Health würde dieser durchtrainierte Body für Rekordverkaufszahlen sorgen. Obwohl der Dichter einst aus Stuttgart hatte fliehen müssen, wurde er hier in der Region im großen Stil vermarktet. Eigentlich ein Wunder, dass noch niemand Schillerbrezeln oder Schillerschupfnudeln erfunden hatte. Auch ich musste den Dichter auf Wunsch meines Chefs bei jeder Führung einbauen, egal, ob zeitlich passend oder
nicht. Das lag an Hohlbergs neu entdeckter Liebe zum Ländle,
und die wiederum war vor allem umsatzorientiert. Als Chef war
Hohlberg ein gnadenloser Ausbeuter, aber er hatte ein sicheres Händchen, wenn es darum ging, Trends in Euros umzusetzen. Mit seinen exklusiven Genießerführungen war er im Zeitalter von Facebook und Twitter auf eine eher altmodische Goldgrube gestoßen. Denn während unsere Welt dank Internet immer größer wurde, wuchs parallel dazu die Liebe zum Regionalen. Egal, ob Kriminalroman, Kleidung oder Kartof feln – je mehr Heimat darin vorkam, umso besser ließ es sich verkaufen.
Meine Automanager im Gefolge, umkreiste ich Schillers
Denkmal und zitierte dabei Feinsinniges aus »Wilhelm Tell«. »Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen.« Das konnte man durchaus als Abgesang auf die glorreichen Zeiten der Autoindustrie verstehen. Wenn man wollte. Die Manager wollten nicht. Dafür belohnte heftiges Kopfnicken meinen Hinweis, dieses sei das erste Denkmal für den großen Dichter in Deutschland gewesen. Was einmal mehr zeige, wie sehr Stuttgart unterschätzt wurde. Auch meine Lieblingspointe über Schiller kam gut an. Der spätere Autor des blutrünstigen Thrillers »Die Räuber« war mit fünfzehn noch Bettnässer gewesen, weil der militärische Drill in der Karlsschule sein sensibles Gemüt verstörte.
Mein Zeigefinger lenkte die Blicke zum Fruchtkasten, einem
spätgotischen Bau an der Westseite des Schillerplatzes. Oben auf dem Giebel saß Weingott Bacchus auf einem Fass. Eine Erinnerung an die frühere Nutzung des Gebäudes als Kelter. Nach diesem eleganten Übergang geleitete ich mein Grüppchen über die Dorotheenstraße zur historischen Markthalle. Hier wollte Hohlberg die Autoelite mit einer Verkostung edler Tropfen aus dem Neckartal verwöhnen. Und damit den nächsten fetten Auftrag des Konzerns für seine Agentur sichern.