Mascha Vassena - Das Schattenhaus

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Taschenbuch

VerlagPiper
ErschienenAugust 2014
ISBN-103492303250
Seitenanzahl320
Preis9,99 €

Inhaltsangabe

Ein verschlafenes Bergdorf im Tessin: Anna ist nach Vignano gekommen, um die alte Villa zu verkaufen, die sie von ihrer Mutter geerbt hat. Doch bei ihrer Ankunft stellt sie überrascht fest, dass in dem Haus eine ältere Dame lebt, die den Dachboden bewohnt. Wer ist sie? Und warum verlässt sie nie ihr Zimmer? Langsam begreift Anna, dass ihre Mutter ein düsteres Geheimnis mit ins Grab nahm. Und dass die Schatten der Vergangenheit noch immer über der verfallenen Villa schweben ...

Ein Roman über Mütter und Töchter, die Macht der Vergangenheit und die zerstörerische Kraft besessener Liebe.

Pressestimmen:

»Ein wunderbarer Schmöker für graue Wintertage.«, Brigitte Schweiz

»Eine mitreißende und berührende Familiengeschichte.«, Schweizer Familie, 12.02.2015

»Fesselnd und kurzweilig.«, Stuttgarter Nachrichten, 11.11.2014

Leseprobe

Sie sitzt auf dem Hocker, während es draußen hell wird, und
betrachtet das Blut, das sich mit all der Farbe mischt. Kobaltblau,
Kadmiumgelb, Goldocker quellen aus den Tuben, die
während des kurzen Kampfes zerplatzt sind. Die Farben haben
sich über die Dielen verteilt, und darüber liegt das geronnene
Blut wie eine Schicht Krakelierlack.
Blinzelnd, als wäre sie gerade aufgewacht, erhebt sie sich,
nimmt eine der frischen Leinwände vom Regal, kauert sich
nieder und presst die grundierte Seite in das Gemisch. Sie
drückt mit der flachen Hand auf die Rückseite, dann zieht
sie die Leinwand wieder ab und stellt sie auf eine der Staffeleien.
Was sie auf dem Bild sieht, gefällt ihr. Ein Farbwirbel,
dessen Geschichte nur sie kennt.
Vorsichtig geht sie um das Durcheinander am Boden herum
und öffnet das mittlere der drei großen Fenster. Sie
taucht ihren Kopf in die kühle Morgenluft wie in kaltes
Wasser und fühlt sich geläutert. Es ist so friedlich still, sogar
die Vögel in der ausladenden Krone des Kampferbaums ruhen
noch, und am Horizont hinter den Hügeln beginnt es
gerade erst zu dämmern.
Eine lang ersehnte Ruhe breitet sich in ihr aus. Alle
Kämpfe sind nun vorüber. Sie dreht sich um und betrachtet
das Bild, das ihr Geliebter von ihr gemalt hat. So hat er
sie unsterblich gemacht. Langsam schweift ihr Blick zu ihm,
ein letztes Mal, damit sie ihn in Erinnerung behalten kann,
wie er war. Seine Augen sind ein wenig geöffnet, und man
könnte glauben, er döse vor sich hin, wäre da nicht das blutverklebte
Haar an seiner Schläfe. Doch das macht ihr nichts
aus. Sie lächelt zärtlich.
Es schmerzt sie, dass er nicht bei ihr bleiben konnte –
doch das, was ihn ausgemacht hat, liegt in dem, was er geschaffen
hat. Endlich wird er für immer ihr gehören.