Mascha Vassena - Das verschlossene Zimmer

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Taschenbuch

VerlagPiper
ErschienenJuli 2015
ISBN-103492305857
Seitenanzahl320
Preis9,99 €

Inhaltsangabe

Novembernebel umhüllt den vierhundert Jahre alten Palazzo, in dem Lena in den kommenden Wochen wohnen wird. Die junge Münchnerin hat erst vor Kurzem erfahren, dass ihre Mutter einer venezianischen Adelsfamilie entstammt. Nun möchte sie ihre Verwandten besuchen und herausfinden, weshalb ihre Mutter vor vielen Jahren ihre Familie verließ. Doch in dem leicht heruntergekommen Anwesen der Orlandis häufen sich schon bald unheimliche Vorfälle. Nachts hallen Schreie durch die verwinkelten Korridore und manche Teile des Gebäudes kommen Lena seltsam vertraut vor. Ist sie etwa dabei, den Verstand zu verlieren? Obwohl der Restaurator Luciano ihr zur Seite steht, droht sie sich in einem Netz aus Lügen zu verfangen. Doch allmählich lichtet sich der Nebel und enthüllt seit Langem vergessen geglaubte Ereignisse …

Leseprobe

Gabriella kam wieder einmal zu spät zum Abendessen. Sie saßen um den Tisch und warteten, während die Lichtreflexe des Wassers draußen ein zitterndes Netz an die fünf Meter hohe Decke warfen. Die Fenster waren geöffnet und ließen das entfernte Tuten und Dröhnen der Vaporetti sowie die Gesangsfetzen der Gondolieri, die ihre Kunden am Palazzo Orlandi vorbeiruderten, herein. Maria, die neben der Anrichte wartete, scharrte gelegentlich mit den Schuhen über den Terrazzoboden, wenn sie ihr Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte. Doch ansonsten herrschte im Raum eine ärgerliche Stille, die vor allem von Ermano Orlandi ausging, der mit zusammengezogenen Augenbrauen auf die Tür starrte.
Beatrice senkte den Blick, um ihr Lächeln zu verbergen. Bald würde jemand mächtig Ärger bekommen. Dann lugte sie vorsichtig unter den Lidern hervor: Großmutter Celestina sah gerade auf die Standuhr neben dem Fenster und räusperte sich.
„Wir warten nicht länger. Maria, tragen Sie bitte auf.“ Während das neue Dienstmädchen an die wuchtige Anrichte trat und sich von der Köchin die Teller durch die Durchreiche schieben ließ, wandte sich die Großmutter an Beatrices Vater, der am Kopfende des Tisches saß. „Ermano, du lässt dem Mädchen zu viele Freiheiten. Diese Unpünktlichkeit ist schlicht empörend.“Der Hausherr rieb sich den grauen Vollbart und schloss die Augen, als wäre er sehr müde. Dann öffnete er sie wieder und schlug mit der flachen Hand so heftig auf den Tisch, dass das Besteck klirrte.
„Du hast recht, Mutter. Diesmal geht sie zu weit. Das wird Konsequenzen nach sich ziehen.“
Beatrices Herz klopfte schneller, und sie bohrte ihre Fingernägel in die Handflächen, um nicht herauszulachen. Ihr Kopf fuhr hoch, als die Tür aufflog und Gabriella hereinstürmte. Beinahe wäre sie mit Maria zusammengeprallt, die sich, zwei Teller Minestrone in den Händen, zwischen Anrichte und Tisch befand.
„Dio mio!“ Gabriella lachte und hielt Maria an den Schultern fest. „Entschuldigung!“
„Entschuldigen solltest du dich wohl eher bei mir, deinem Vater und deiner Schwester“, sagte Großmutter Celestina und gab Maria ein Zeichen, die Teller zurückzustellen.
Gabriella strich sich das Haar aus dem Gesicht, und Beatrice bemerkte, dass es feucht war.
„Ich hab einfach die Zeit vergessen! Es tut mir so furchtbar leid, dass ihr auf mich warten musstet!“, entschuldigte sich Gabriella mit einem Lächeln, das entzückende Grübchen in ihre Wangen zauberte. Schon glättete sich die Stirn des Vaters, und Beatrice spürte einen Stich in der Brust. Wenigstens ihre Großmutter ließ sich nicht mit einem Lächeln besänftigen: „Und wie du aussiehst! Ich weiß nicht, weshalb du ihr erlaubst, in diesen grauenhaften Jeanshosen herumzulaufen, Ermano. Sie sollte sich ein Beispiel an ihrer Schwester nehmen: Rock und Bluse sehen immer sauber und ordentlich aus.“
Geschmeichelt richtete sich Beatrice auf und blickte in die Runde, wobei sie bemerkte, wie Gabriella kurz zu ihr herübersah und die Nase rümpfte. Dafür würde sie sich später rächen und das Buch, das Gabriella gerade las, verstecken. Doch jetzt ging das Schauspiel weiter, von dem sie keinen Augenblick versäumen wollte. Dieses Mal würde Gabriella ihr süßes Lächeln nichts nutzen.
„Ermano, du wolltest doch ein Machtwort sprechen, wenn ich dich vorhin richtig verstanden habe“, erinnerte die Großmutter.
Doch Gabriella kam ihm zuvor. „Papà, guck mal, was ich dir mitgebracht habe!“, rief sie und zog etwas aus ihrer Jeanstasche. „Die hab ich im Schilf gefunden.“ Sie überreichte ihrem Vater einen kleinen runden Gegenstand, und erst, als er ihn zwischen Daumen und Zeigefinger hochhielt, erkannte Beatrice, dass es sich um eine alte Münze handelte, stumpf, mit unregelmäßigem Rand. Sie schnaubte leise. Was für ein erbärmliches Geschenk! Doch ihr Vater kniff die Augen zusammen und betrachtete es wohlwollend. Gabriella stellte sich hinter ihn, schlang ihm die Arme um den Hals und legte ihr Kinn auf seine Schulter. „Woher kommt sie? Ist sie kostbar?“
„Das ist ein osmanischer Para“, sagte er. „Eine alte, türkische Silbermünze. Zehntausend Lire wird sie schon wert sein.“
„Nicht mehr?“ Gabriella zog einen Schmollmund, und ihr Vater lachte. Beatrice wurde übel. Sollte Gabriella nicht ausgeschimpft werden?
„Ich nehme sie trotzdem gerne an, amore“, sagte ihr Vater. „Und jetzt geh schnell nach oben und zieh dich um, damit wir mit dem Essen anfangen können.“
„Sì, padre.“ Gabriella drückte ihm einen Kuss auf den Bart und sauste mit wehenden Haaren hinaus.
„Maria, die Suppe bitte.“ Großmutter wedelte mit der Hand. Das Dienstmädchen nahm die Teller wieder auf und fuhr mit dem Servieren fort. Beatrices Vater und Nonna Celestina bekamen ihre Suppe zuerst, den dritten Teller stellte Maria vor Beatrice auf den Tisch. Die Minestrone sah aus wie Blut, in dem Klumpen von Eingeweiden schwammen und aus dem die Makkaroni wie Knochen herausragten. Wie so oft fehlte Beatrice der Appetit, weshalb sie so tat, als äße sie, während sie in Wirklichkeit bloß mit dem Löffel herumrührte und der sonoren Stimme ihres Vaters lauschte. Der sang wie immer Gabriellas Loblied.
„Dieses Mädchen.“ Ermano Orlandi lachte leise. „Schon als sie noch ganz klein war, hat sie immer alle möglichen Schätze herbeigeschleppt.“ Es war ihm anzuhören, dass er kein bisschen böse auf Gabriella war. Etwas drückte von innen so fest gegen Beatrices Brustkorb, dass sie glaubte, ihre Rippen würden brechen. Jeder Atemzug tat weh.
„Geht es dir gut?“ Ihre Großmutter, die ihr schräg gegenübersaß, blickte sie besorgt an.
„Immer kriegt sie alles, was sie will.“ Beatrice sah ihren Vater vorwurfsvoll an.
„Was meinst du damit?“ Er war damit beschäftigt, seine Damastserviette auseinanderzufalten, und hörte ihr gar nicht richtig zu.
„Gabriella“, sagte Beatrice eine Spur lauter. „Sie kommt immer mit allem durch. Hast du nicht gesehen? Ihre Haare waren nass, sie war also mal wieder alleine schwimmen. Das hast du uns doch verboten.“
„Sie hat recht“, sagte ihre Großmutter. „Es tut Gabriella nicht gut, dass du ihr immer alles durchgehen lässt.“ Beatrice triumphierte innerlich. Zumindest Nonna Celestina war auf ihrer Seite.
„Die feuchten Haare sind mir gar nicht aufgefallen“, sagte ihr Vater. „Ich werde nach dem Essen ein ernstes Wort mit ihr sprechen.“ Als wäre in Beatrice eine Feder auseinandergeschnappt, sprang sie auf. Ihr Zorn drückte ihre Kiefer auseinander, und die Worte quollen heraus wie ein Lavastrom. „Immer kriegt sie die ganze Aufmerksamkeit, sogar, wenn sie etwas Verbotenes gemacht hat! Ich strenge mich so sehr an, alles richtig zu machen, aber mich beachtest du nie! Du liebst nur Gabriella, weil sie wie Mamma aussieht! Dabei war sie es, die Mamma umgebracht hat. Wenn es Gabriella nicht gäbe, wäre Mamma nicht bei ihrer Geburt gestorben !“
Ohne es zu merken, hatte sie ihre Finger in das Tischtuch gekrallt und daran gezogen. Sie kreischte auf, als der Suppenteller über die Tischkante rutschte und die heiße Minestrone sich über ihren aprikosenfarbenen Faltenrock ergoss. Sie sah verzweifelt und wütend auf die Schweinerei hinunter, als von der Tür her Gelächter erklang. Gabriella, die sie noch nie so gehasst hatte wie in diesem Augenblick.
Beatrice brach gedemütigt in Tränen aus. „Und daran bist du auch schuld!“, rief sie ihrer Schwester zu, während sie an ihr vorbei zur Tür stürzte, ohne sich um die Spur aus Makkaroni, die sie hinterließ, zu kümmern. Sie stieß Gabriella zur Seite, hastete den Korridor mit seiner langen Fensterreihe entlang, ohne einen Blick auf den Innenhof zu werfen, rannte die Treppe hinauf in ihr Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.