Rena Fischer (Rena Fischer) - Chosen 1: Die Bestimmte

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Gebundene Ausgabe

VerlagPlanet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
ErschienenJanuar 2017
ISBN-103522505107
ISBN-139783522505109
Seitenanzahl464
Preis16,99 €

eBook

VerlagPlanet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
ErschienenJanuar 2017
ASINB01NCDXTVE
Seitenanzahl465
Preis12,99 €

Inhaltsangabe

„Ich habe einen schweren Fehler begangen und jetzt zahle ich die Strafe. Sei vorsichtig, wem du dein Vertrauen schenkst.“

Die Tochter einer Verräterin.
Ein Vater, der sie in ein fremdes Land verschleppt.
Ein Mentor, der verzeiht und sie fördern könnte wie kein anderer.
Ein Junge, der ihre Gefühle vollkommen aus dem Ruder laufen lässt.
Sie möchte zu ihnen gehören und eine von ihnen werden.
Denn die Raben halten zusammen, sind wie Geschwister, ein starkes Netzwerk.
Oder?
Was passiert, wenn du dich nicht an ihre Regeln hältst?
Zwischen Liebe und Verrat, Lüge und Verschwörung
nach den Bruchstücken der Wahrheit suchst?
Sie werden dich kriegen.
Und töten.

Ein Eliteinternat für Hochbegabte – nicht gerade Emmas Traum!
Doch Sensus Corvi ist kein normales Internat: Emma ist eine Emotionentaucherin und kann die Gefühle anderer Menschen spüren. Auch all ihre Mitschüler verfügen über besondere Gaben, was für Emma etwas gewöhnungsbedürftig ist. Der charismatische Aidan kann beispielsweise die Elemente beeinflussen – vor allem aber bringt er Emmas Gefühlswelt ziemlich durcheinander ...
Als plötzlich Jared, ein ehemaliger Schüler, bei Emma auftaucht und sie in das düstere Geheimnis einweiht, das hinter den Mauren des Internats lauert, gerät Emma zwischen die Fronten und weiß nicht mehr, wem sie trauen kann. Eine Rebellion bricht los, die mehr ist als ein erbitterter Kampf.
Und für Emma geht es dabei nicht nur um die große Liebe, sondern um Leben und Tod!

Leseprobe

Feuer


»Du hast versprochen, daran zu arbeiten«, sagt er vorwurfsvoll.
Und ich verspreche ihm erneut, sie wegzusperren: meine Erinnerungen.
Aber sie sind wie Schatten. Kann man sich einen Körper ohne Schatten vorstellen? Ein Leben ohne Erinnerungen?
Morgens ist es am leichtesten. Da denke ich, heute schaff’ ich es. Und dann kommen sie doch. Am Nachmittag. Wenn es still wird, ich allein in der Bibliothek sitze und über den Hausaufgaben brüte oder die Bahnen betrachte, in denen der Regen über das Fenster läuft. Früher habe ich Regentage gehasst. Jetzt haucht jeder einzelne Tropfen seinen Namen an das beschlagene Glas und das trommelnde Nass eines Gewitters klingt wie eine Melodie. Deshalb ist es an Regentagen besonders schwer. Nicht dass es in Irland selten regnen würde.
Ich versuche immer, mich abzulenken. Doch jede Faser in mir wartet auf den Augenblick, in dem ich plötzlich seine Gegenwart spüre. Anfangs ist es ganz zart, als würde jemand heiß hinter meinem Nacken atmen. Dann fühle ich seine Fingerspitzen auf meiner Haut. Sie kreisen über meinen Hals und malen glühende Muster hinauf zu meinen Wangen. Spätestens jetzt sind die Schatten so nah, dass ihre gierigen Blicke nach mir lecken. Aber sie schlagen erst zu, wenn seine weichen Lippen die meinen berühren. Dann jagt sein Feuer durch mich wie ein Stromschlag, sein Gesicht flackert vor meinen Augen und ich strecke die Arme aus, um ihn zu berühren, festzuhalten. Während meine Hände ins Leere greifen, treiben die Schatten ihre Fänge in die dünne Haut über meinem Herzen, reißen sie entzwei und befreien den Schmerz.
Aber am schlimmsten ist es nachts. Dann starre ich in die Finsternis, die sich zu einer riesigen Schlange verdichtet. Sie kriecht geschmeidig über das weiße Laken, schlingt sich um meinen Hals, würgt mir den Atem ab. Ihre Zähne vergiften mein Blut mit Sehnsucht, bis der Schmerz so groß wird, dass er mich in seine dunklen Träume streichelt.
Um seine schmale Gestalt vibriert ein Meer von Farben, doch der Blick seiner Augen ist metallisch grau.
»Du wirst ihn vergessen«, sagt er leise.



Verdacht


Ich weiß, dass etwas nicht stimmt, als Liz mir die Karten zeigt. Lächelnd streicht sie sich eine blonde Haarsträhne hinter das Ohr und sieht mich mit dem bettelnden Blick eines Kleinkindes vor der Süßigkeitentheke an.
»Ach, komm schon, Emz. Was soll daran faul sein?«
»Alles.«
Sie lacht und gibt mir einen Knuff in die Seite. »Hey, nur weil du keinen an dich ranlässt und lieber ›Schneewittchen unerreichbar schön im gläsernen Sarg‹ spielst …«
»Hör auf damit!« Ein Schauer läuft mir über den Rücken.
Ich hasse es, wenn sie mich so nennt. Vor allem, weil sie nicht die Einzige ist. Die Haut, so weiß wie Schnee, und Haare schwarz wie Ebenholz. Ich wünschte, ich wäre hellblond mit sonnengebräunter Haut und endlos langen Beinen – wie Liz. Oder zumindest goldblond wie Mama. Aber das Einzige, worin ich meiner Mutter ähnlich sehe, ist ihre kleine, zierliche Figur. Selbst die eisblauen Augen habe ich von einem Vater, dessen Namen ich noch nicht einmal kenne. Er ist genauso ein Tabuthema wie der Rest der Vergangenheit meiner Mutter.
»Kein normaler Junge schenkt einem Mädchen, das er erst seit ein paar Stunden kennt, zwei Tickets für ein seit Monaten ausverkauftes Musical! Noch dazu Plätze in der zweiten Reihe!«, sage ich und versuche den Haken an der Sache zu finden.
»Nick ist auch nicht normal. Er tanzt wie ein Halbgott, ist umwerfend männlich, süß, mit so einem Hauch von Gefahr …«
»Süß mit einem Hauch von Gefahr?« Ich lache und weiß im selben Moment, dass ich verloren habe.
Meine Neugier auf Liz’ neueste Errungenschaft ist viel zu groß, als dass ich mir diesen Abend entgehen lassen würde. Was kann schon passieren? Vielleicht hat er wirklich zwei Karten übrig und ist gestern im Club »Willenlos« Liz’ Charme verfallen. Nomen est omen. Außerdem möchte er vor dem Theater auf uns warten und nicht in einer finsteren Ecke im Stadtpark. Ich sollte wirklich nicht immer so misstrauisch sein. Aber wie könnte jemand, der von Katharina Meyer erzogen wurde, jemals so fröhlich und offenherzig sein wie meine beste Freundin?
Nimm nie etwas von einem anderen Menschen an, ohne dich zu fragen, wie er dir schlimmstenfalls damit schaden könnte. Und dann überlege, ob du bereit bist, diese Gefahr einzugehen.
Ich war erst sechs, als meine Mutter mir diesen Satz eingebläut hat. Seither habe ich ihn immer wieder von ihr gehört.
Als ich die Augen schließe, sehe ich den Spielplatz vor mir. Mein Ball ist unter eine grün getünchte Holzbank gerollt und als ich mich bücke, um ihn darunter hervorzuziehen, ist da diese Hand: elfenbeinweiß und knöchrig. Kleine blaue Äderchen spinnen ein Netz zwischen den Falten über dem Handrücken. Aber in ihren Fingern glitzert verheißungsvoll etwas Goldenes. Ich schaue auf die roten Buchstaben, die ich noch nicht entziffern kann, aber ich weiß trotzdem ganz genau, welche Köstlichkeit das Papier umhüllt. Deshalb ignoriere ich auch Mamas warnenden Ruf. Blitzschnell entziehe ich den Schatz den Fingern, reiße das Papier auf und stopfe mir seinen süßen Inhalt in den Mund. Als Mama vor mir steht, ist ihr Gesicht so bleich wie der ausgewaschene Sand zu unseren Füßen und ihre Unterlippe bebt. Wir verlassen den Spielplatz sofort. Die Wohnungstür ist kaum ins Schloss gefallen, da packt sie mich an den Schultern, schüttelt mich heftig und lässt mich schwören, nie wieder unbedacht etwas von fremden Menschen anzunehmen. Aber die Frau war wirklich nett. Weiße Haare, ein freundliches Lächeln in dem faltigen Gesicht: eine Bilderbuch-Oma. Ich schaue in die goldbraunen Augen meiner Mutter und versuche zu begreifen, warum in aller Welt sie so aufgebracht ist.
Und da passiert es.
Ihre Stimme klingt auf einmal dumpf und unklar, wie unter Wasser. Meine Kehle schnürt sich zu und ich bekomme keine Luft mehr. Zusammengekrümmt sacke ich zu Boden. Etwas Feuchtes fließt über meine Wangen. Ich öffne den Mund, um zu schreien, aber schaffe es nicht, auch nur einen Laut von mir zu geben. Angst! So viel Angst! Mein Bauch schmerzt, als hätte ich glühende Kohle verschluckt, und ich sehe Mamas Gesicht nur noch verschwommen vor mir. Ihre Augen weiten sich vor Entsetzen. Sie bewegt ihren Mund, doch ich verstehe kein Wort. Hände greifen nach mir und dann liege ich in ihren Armen und plötzlich konzentrieren sich all meine Gefühle auf einen einzigen Wunsch, drängend, geradezu übermächtig: dem brennenden Verlangen zu beschützen. Noch nie habe ich das so intensiv empfunden.
Kann ich eigentlich auch nicht.
Denn das, was ich als Sechsjährige in diesem Moment fühle, ist die Liebe einer Mutter für ihr Kind.
Aber das Kind bin ich selbst.
Erzähl niemandem davon. Sie würden mit uns experimentieren oder uns in die Irrenanstalt stecken.
Ich schlucke den bitteren Geschmack in meinem Mund hinunter und sehe Liz entschlossen an. »Okay, ich komme mit.«
»Ehrlich?«
Liz’ überraschte Stimme verrät mir, wie wenig sie mit dieser spontanen Entscheidung gerechnet hat. Es ärgert mich.
»Musst du nicht erst deine Mutter fragen?«, hakt sie dann auch sofort nach.
»Ich sag ihr einfach, du hast die Karten von deinen Eltern bekommen, dann hat sie bestimmt nichts dagegen. Sie fährt am Wochenende eh zu Hannah und Elias.«
Meine Stimme zittert leicht, aber Liz fällt es nicht auf.
Ich muss dir vertrauen können, Emma. Zwischen uns darf es keine Lügen geben. Es ist zu gefährlich. Für dich, für uns beide. Versprich es mir.
Aber ich halte mich ebenso wenig an mein Versprechen wie der Junge und erst viel später begreife ich, warum er nicht vor dem Theater auf uns gewartet hat.

Fortsetzung der Leseprobe bei Thienemann-Esslinger: https://www.thienemann-esslinger.de/planet/buecher/buchdetailseite/chosen-die-bestimmte-isbn-978-3-522-50510-9/