Rena Fischer (Rena Fischer) - Chosen 2: Das Erwachen

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Gebundene Ausgabe

VerlagPlanet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
ErschienenJuni 2017
ISBN-139783522505567
Seitenanzahl496
Preis16,99 €

eBook

VerlagPlanet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
ErschienenJuni 2017
ASIN3522505565
Seitenanzahl497
Preis12,99 €

Inhaltsangabe

Wenn deine Erinnerungen manipuliert wurden,
alle, die dir die Wahrheit sagen könnten,
verschollen oder tot sind -
wie kannst du dann ihre Lügen durchschauen?
(Emma)

Wenn du nachts auf einer Parkbank aufwachst
und feststellst, dass du weder deinen Namen
noch deine Vergangenheit kennst -
wie kannst du dein Gedächtnis zurückbekommen?
(Aidan)

Wenn deine Tochter
in den Fängen eines mächtigen Psychopathen ist,
der nicht wissen darf, dass du noch lebst,
wie wirst du es schaffen, sie zu befreien?
(Jacob)


Zu Beginn des neuen Jahres steht Emma vor den Scherben ihres bisherigen Lebens:
Ihre Erinnerungen wurden durch Farran, den Leiter des Elite-Internats, manipuliert. Sie glaubt, dass ihr Vater Jacob tot ist und die Ermordung ihrer Mutter beauftragt hatte. Ihre große Liebe Aidan soll hingegen ihren Freund Jared getötet haben und ist seit der verhängnisvollen Silvesternacht verschollen.
Wird es ihr gelingen, die dunklen Machenschaften von Farran zu durchschauen, der ihr gegenüber als väterlich besorgter Mentor auftritt?
Schafft es Emmas Vater Jacob, sie noch rechtzeitig seinem gefährlichen Einfluss zu entreißen?

Eines ist jedenfalls sicher: Ohne Emmas Hilfe ist Aidan für immer verloren.

Leseprobe

Splitter

„Schreib es auf«, hat er gesagt, »und dann beginnen wir neu.«
Wir. Meine Finger zittern, als sie über das Leder streichen. Es ist weich und so schwarz wie meine Geschichte. Seit einer Stunde sitze ich nun schon davor und habe es noch nicht einmal geschafft, den Einband aufzuschlagen.
Als ich es tue, sehe ich eine cremefarbene Seite.
Leer.
Nein, nicht ganz. In ihrer Mitte lauert etwas, versteckt zwischen den Papierfasern. Ein Wasserzeichen. Ich hebe das Buch und halte es gegen das Fenster. Die Flügel des Raben flattern wie mein Herz, und ich erinnere mich plötzlich, wo ich ihn das erste Mal gesehen habe.
Feuer, Luft, Wasser.
Ich schließe die Augen.
Der Füller liegt in meiner Hand und blaue Tinte fließt über das Papier.
Nie.
Nie hast du mich selbstlos geliebt.
Sonst hättest du sie nicht ermorden können.
Meinen Rabenbruder. Meinen Vater.
Wenn du zurückkommst, erwarte nicht, dass ich dir verzeihe. Zu viele Splitter meines Herzens liegen auf deinen Fußspuren. Genug.
Ich werde sie von deinem Weg fegen.
Bis meine Finger blutig sind.
Und ich frei.



Laufen (Aidan)


Es ist dunkel. Meine linke Seite sticht und eisige Luft schießt in meine Lungen. Ich höre Schreie, aber die Worte erreichen mich nicht.
»Du musst laufen!«, hämmert es in meinem Kopf. »Laufen!«
Meine Füße tragen mich mechanisch weiter. Sie kennen den Weg. Wind peitscht mir ins Gesicht und ich kneife die tränenden Augen zusammen und renne auf Bäume zu. Da ist ein Wummern über mir und bunte Lichter tanzen auf den Steinen. Irgendetwas wirbelt den Kies vor mir auf, schlägt ihn an meine Hose, und das dröhnende Geräusch wird immer lauter. Aber ich schaue nicht nach oben. Es würde mich zu viel Zeit kosten. Ein paar Zehntelsekunden mindestens. Meine Schritte werden länger und der Schmerz in den zuckenden Muskeln ebbt langsam ab.
Vor mir erhebt sich ein Tor. Schwarze Stäbe ragen in den Himmel und darüber kauern zwei Vögel. Es kommt mir irgendwie bekannt vor, aber als ich mich darauf konzentrieren will, ist da nichts. Merkwürdig.
Egal. Ich weiß, ich muss laufen. Nur das zählt.
Aber am Tor sind Männer. Sie tragen Waffen. Sie werden mich nicht durchlassen. Also schlage ich mich nach links durch das Gebüsch. Die Mauer ist hoch. Ich versuche mich an einem kleinen Spalt zwischen zwei Ziegeln emporzuziehen. Als ich abrutsche, reißt der Nagel meines Zeigefingers ein und ich blute. Scheiße!
Ich versuche es erneut, diesmal an einer anderen Stelle. Aber es klappt nicht.
»Warte, ich helfe dir!«
Mein Herz klopft mir bis zum Hals, als ich mich langsam umdrehe. Vor mir steht ein junger Mann in schwarzer Kleidung. Seine Nase und die Oberlippe sind geschwollen. Darunter klebt getrocknetes Blut. Ich weiche einen Schritt zurück. Er hebt beschwichtigend die Hände und lächelt. Seine Zähne sind ebenfalls blutig.
»Ganz ruhig! Mann, du siehst aus, als wärst du geradewegs der Hölle entsprungen«, sagt er.
Mir liegt auf der Zunge, dass er erst einmal selbst in den Spiegel schauen sollte, aber als ich die Maschinenpistole in seinem Gürtel sehe, halte ich lieber den Mund. Er geht auf mich zu und stellt sich an die Mauer. Als er seine Hände ineinander verschränkt und von sich streckt, sieht er mich auffordernd an.
»Beeil dich!«
Mit dem linken Fuß stütze ich mich auf seinen Händen ab und fasse nach seinen Schultern. Er gibt ein ächzendes Geräusch von sich, als ich mich nach oben schwinge. Meine Finger krallen sich in die Mauer, aber meine Handrücken schaben an dem darüber befestigten Stacheldraht entlang. Ich beiße die Zähne zusammen und drücke die Arme durch. Der Draht sticht tiefer in meine Haut und ich spüre, wie warmes Blut über meine klammen Finger läuft. Mit dem rechten Knie stütze ich mich auf die Mauer, ziehe mein linkes Bein nach und richte mich auf. Vorsichtig steige ich über den Draht.
Verdammt, ist das hoch!
Bevor ich springe, drehe ich mich noch einmal um.
Sein Gesicht ist bleich und sein blutiges Lächeln gruslig. Er hebt die Hand und deutet mit dem Daumen nach oben.
»Lass dich nicht erwischen!«
»Geht klar!«, sage ich und habe keine Ahnung, wer mich erwischen will oder wer er ist. Meine Knie beugen sich durch und ich federe ab. Der gefrorene Boden kommt näher und ich kann nur noch an eines denken:
Du musst laufen!“

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