Greta Hansen (Tania Schlie) - Die Jahre ohne dich

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Taschenbuch

VerlagPiper
ErschienenMärz 2015
ISBN-109783492305488
Seitenanzahl400
Preis9,99 €

eBook

VerlagPiper
ErschienenMärz 2015
ASINBOOKH07X6M
Seitenanzahl400
Preis0,00 €

Inhaltsangabe

Hamburg 1963: Das Sägewerk am Elbufer ist Elisabeth Michelsens ganzer Stolz. Tag für Tag steckt sie all ihre Kraft in das Unternehmen und behauptet sich in der rauen Männerwelt des Hafens. Doch in ihrem Herzen verspürt sie eine große Leere. Nicht nur weiß sie, das sie mit Fritz den Falschen geheiratet hat, nachdem sie ihre große Liebe Theo durch eine Laune des Schicksals verloren hat. Sie ahnt auch, dass ihre Mutter ich nie die Wahrheit über ihre Herkunft erzählt hat. Elisabeth muss noch dieser Geschichte suchen, um sich selbst zu finden.

Leseprobe

Um sie herum drängten sich Menschen in dunklen Wintermänteln. Sie trugen schwere Koffer und schoben Kinderwagen vor sich her, und sie strebten alle in dieselbe Richtung. In einiger Entfernung sah sie über den Hüten und pelzbesetzten Mützen Dampf aufsteigen. Das musste die Lokomotive sein, denn ihre Mutter hatte gesagt, sie würden eine Reise mit dem Zug machen. Sie hörte spitze, empörte Schreie, die Wut oder Schmerz ausdrückten. Jemand stieß sie mit etwas Hartem, Kantigem zwischen die Schulterblätter. Sie wollte einen Schritt nach vorn machen, um dem Druck auszuweichen, aber das war unmöglich. Es waren zu viele Menschen um sie herum, die alle vorwärts wollten. Ihre wollene Unterwäsche kratzte erbärmlich auf der Haut, und sie musste dringend auf die Toilette. Es stank durchdringend nach fettigem, feuchtem Stoff und Körperausdünstungen. Sie begann lautlos zu weinen. Der Schweiß lief unter der gestrickten Mütze hervor über die Stirn. Er brannte salzig in den Augen, aber sie konnte ihn nicht abwischen, denn keinesfalls durfte sie die Hand loslassen, die sie verbissen umklammerte. Das war das Allerwichtigste, nur das zählte: die Hand festhalten. Doch jemand drückte mit seinem ganzen Gewicht auf ihren Arm, um sie zum Loslassen zu bewegen und sich durch die entstehende Lücke zu drängeln. Sie packte noch fester zu, bis sich ihre kleine Hand verkrampfte und sie voller Entsetzen spürte, wie die Kraft aus ihren Fingern wich. Schnell versuchte sie, ihre Finger wieder mit den anderen zu verschränken wie beim Gebet, doch die Handflächen waren schweißnass und rutschig. In all der Panik fühlte sie plötzlich, wie es ihr warm und klebrig zwischen den Beinen herunterlief. Dadurch war sie für einen Moment abgelenkt, und die Finger der anderen Hand lösten sich noch ein Stückchen weiter von ihren. Sie wollte sie erneut packen, aber da berührten sich nur noch ihre Fingerspitzen, dann war auch dieser letzte Kontakt abgerissen. Ihre Hand fiel schlaff herunter, und sie brannte wie Feuer … Elisabeth hörte ihren eigenen Schrei, als sie erwachte. Keuchend setzte sie sich im Bett auf und schlug die Decke zurück. Erleichtert atmete sie aus und griff nach dem Wasserglas, das neben ihr auf dem Nachttisch stand. Das machte sie immer so, wenn sie diesen Traum hatte: Sie trank einen Schluck kühles Wasser, um richtig wach zu werden und die letzten Spuren des Albtraums zu vertreiben. Sie hatte ihn schon unzählige Male gehabt, und es hatte Zeiten gegeben, an denen er sie in dieser oder einer anderen Form beinahe jede Nacht heimgesucht hatte. Immer ging es darum, dass sie in einer bedrohlichen Menschenmenge stand und verzweifelt jemanden festzuhalten versuchte. Aber nie gelang es ihr. Jedes Mal aufs Neue entglitt ihr die Hand, und sie blieb allein und verzweifelt zurück. Sie wusste noch genau, wann diese Träume angefangen hatten sie zu quälen, nämlich genau vor fünf Jahren, im September 1945, an dem Tag, als sie mit ihrer Mutter in Hamburg angekommen war. Die Stadt war die letzte Station ihrer Flucht gewesen, die im bitterkalten Januar des letzten Kriegsjahres in Leba an der westpreußischen Ostseeküste unweit von Danzig begonnen hatte. Damals waren es zwanzig Grad unter null gewesen, sie hatte ihre Fingerspitzen und die Zehen nicht mehr gespürt, so erbarmungslos hatte die Kälte zugeschlagen. Als sie in Hamburg an der Hand ihrer Mutter aus dem Zug stieg, trug sie den dick gefütterten Wintermantel und die doppelt gestrickten Fäustlinge in einem Koffer bei sich, denn inzwischen war es Sommer und schwülwarm. Während der Monate davor hatte Elisabeth in Viehställen und Eisenbahnwaggons, auf Planwagen und unter freiem Himmel geschlafen, sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihre monatelange Reise hier an der Elbe ein Ende haben sollte. Denn damals glaubte sie, dass das Leben nur aus endlosen Märschen, aus dem Warten an Bahnhöfen bestand und aus der Unsicherheit, nie zu wissen, wo man an diesem Tag schlief und ob man etwas zu essen bekam. Ihre Mutter, Marietta Hermann, hatte eine Cousine in der Stadt, die ihr zu Weihnachten geschrieben hatte, sie könnten bei ihr unterkommen. Das letzte Stück Weges ab Lübeck hatten sie erneut in einem Zug zurückgelegt. Als sie in Hamburg ankamen, flogen Möwen über ihre Köpfe hinweg, denn der Bahnhof hatte kein Dach mehr. Marietta war früher einige Male in Hamburg gewesen, doch sie erkannte in dieser Trümmerlandschaft nichts wieder. Nicht einmal die großen Verkehrsadern waren noch auszumachen. Die Stadt war unter meterhohem Schutt begraben, auf dem Menschen ungelenk umherstolperten. Marietta nahm die Alster und die Reste der Bahngleise, um sich zu orientieren. Als sie nicht mehr weiterwusste, trat sie an einen britischen Militärposten heran, um nach dem Weg zu fragen. Der Mann warf einen mitleidigen Blick auf Elisabeth, dann wandte er sich ohne ein Wort ab. »Die Sieger dürfen nicht mit den Besiegten reden«, sagte Marietta kalt und ging weiter. Elisabeth war müde und hätte gern einen Moment gerastet, doch ihre Mutter zerrte sie weiter hinter sich her. Mühsam fragte sich Marietta durch, bis sie in der Nähe des Schlachthofs ankamen. Sie war zunehmend aufgeregt und besorgt. »Hier muss es doch sein«, sagte sie immer wieder. Dann blieb sie so abrupt stehen, dass Elisabeth gegen ihre Hüfte prallte. Vor ihnen lag ein komplett zerstörter Straßenzug. Nur das Haus mit der Nummer 20 stand noch, und Marietta konnte sich ausrechnen, wo die Nummer 28, das Haus ihrer Cousine, einmal gewesen sein musste. Sie kletterten über einen Berg aus Ziegeltrümmern, aus dem Balken und zerborstene Fensterrahmen ragten, hin zu den Resten der Brandmauern, an denen Nachrichten auf Pappkarton befestigt oder direkt mit Kreide an die Wände geschrieben waren, die vom Schicksal der Bewohner erzählten. Familie Nostitz: alle tot. Hans und Lore Bergner: nach Bremen verzogen. Nachrichten von Ernst und Hannelore Wegener bitte an Else Wegener, Schulterblatt 37 usw. Elisabeth, die erst fünf Jahre alt war und noch nicht lesen konnte, hörte, wie ihre Mutter den Inhalt der Zettel vor sich hin murmelte. Eine der Nachrichten wiederholte sie einige Male, woraus Elisabeth schloss, dass sie die Cousine ihrer Mutter betraf: Almuth Carstens: vermisst seit Januar 1945. Ihre Mutter setzte sich erschöpft auf ihren Koffer, und Elisabeth ließ sich neben sie fallen. Sie war müde, und ihr fielen die Augen zu. Ein Mann näherte sich ihnen. Es war später Nachmittag, und er trug eine Aktentasche. Er sah aus wie jemand, der auf dem Heimweg von der Arbeit war. Er blieb vor ihnen stehen und beugte sich hinunter, als er zu sprechen begann. »Mein Name ist Nikolaus Michelsen. Ich könnte eine Haushälterin brauchen«, sagte er. »Ich biete Kost und Logis. Na ja«, fügte er mit einem bitteren Lächeln hinzu, »die Kost ist eher schmal.« Marietta Hermann sah ihn prüfend an, dann stand sie ein wenig unbeholfen auf, zog Elisabeth an der Hand hoch, und sie folgten dem Mann ein paar Straßen weit Richtung Neuer Pferdemarkt. »Hier wäre es«, sagte der Mann. Das Haus war wie durch ein Wunder bis auf ein paar Einschusslöcher völlig unbeschädigt. Elisabeth staunte, als sie die Wohnung im zweiten Stock betraten. Hier war alles heil und stand an seinem Platz. Das hatte sie schon lange nicht mehr gesehen. Marietta ging langsam durch die drei Räume. Dann drehte sie sich zu Nikolaus Michelsen um: »Wo werden wir schlafen, meine Tochter und ich?«, fragte sie. »Sie nehmen das Schlafzimmer. Ich bleibe im Wohnzimmer.« Sie nickte. Sie war einverstanden. Elisabeth fand alles märchenhaft schön und luxuriös. Und das Beste: In einer Schublade unter dem Herd lagen einige Kartoffeln und eine Zwiebel, im Küchenschrank eine fast volle Packung Würfelbouillon. Marietta machte sich daran, das Gemüse zu putzen, um eine Suppe zu kochen. In einer Anrichte fand sie eine bestickte Decke und Stoffservietten, die sie auf den Tisch legte. Nikolaus Michelsen registrierte das mit einiger Verwunderung, dann lächelte er. In der folgenden Nacht schlief Elisabeth zum ersten Mal seit Monaten in einem richtigen Bett, noch dazu unter einer Daunendecke, in deren Bezug sich die Federn bauschten. In der anderen Ecke des Zimmers lag ihre Mutter in ihrem Bett. Bereits in dieser ersten Nacht spürte Elisabeth, dass sich etwas verändert hatte: In den Monaten zuvor hatte ihre Mutter sie jede Nacht in den Armen gehalten. Sie war zwar oft hungrig und erschöpft eingeschlafen, aber dafür hatte sie immer die Arme ihrer Mutter um sich gespürt. Jetzt lag sie allein hier, und trotz des dicken Federbetts war ihr kalt. Sie hatte das Gefühl, ein Band sei gerissen, und in dieser Nacht kam der Traum zum ersten Mal. Nikolaus Michelsen war Hamburger durch und durch, und er sprach auf eine Art, die Elisabeth noch nie gehört hatte, die sie aber mochte und die sie zum Lachen brachte. Ihre Mutter nannte er »Morietta«, wobei er das »R« rollte, und er stolperte über den spitzen Stein, trennte also »s-t« und »s-p« beim Sprechen, und benutzte komische Redewendungen wie »Sieh’s wohl!« und »Soll ich heute später kommen, komme ich heute später«, obwohl er meinte: »Wenn ich heute später komme …«. Zum Saubermachen sagte er »Aufklaren«, eine Pause war für ihn »Fofftein«, und wenn sie irgendwohin wollten, forderte er sie auf: »Nu man los!«. Als er Marietta fünf Monate nach ihrer Ankunft fragte, ob sie ihn heiraten wolle, willigte sie ohne Zögern ein. Sie hatte seine ruhige, besonnene Art zu schätzen gelernt und sich auch daran gewöhnt, dass er manchmal ein wenig unbeholfen wirkte, was auch daran lag, dass er bisher nie verheiratet gewesen war und keine Erfahrung mit Frauen hatte. »Warum nicht?«, wollte Marietta wissen. »Es hat sich nicht ergeben«, antwortete er. »Da war mal jemand, aber dann kam der Krieg …« Mehr sagte er nicht zu dem Thema. Einen Mann, der gut zu ihr und Elisabeth war, mehr erwartete Marietta nicht mehr vom Leben. Und sie wusste sehr genau, dass sie Glück hatte, einen Mann zu finden, der bereit war, ihr und ihrer Tochter ein Zuhause zu geben und sie obendrein noch ehrbar zu machen, indem er sie heiratete. Das war nur den wenigsten der vielen Kriegerwitwen in Deutschland vergönnt. Die meisten lebten in sogenannten »Onkel-Ehen«, und man sah auf sie und ihre Kinder herab. Aber viele dieser Frauen konnten es sich einfach nicht leisten, erneut zu heiraten und damit auf ihre Witwenrenten zu verzichten. Marietta hatte ihre ganze Kraft gebraucht, es bis in den Westen zu schaffen, nun konnte sie nicht mehr und wollte nur noch Ruhe und Sicherheit. Sie wollte die Verantwortung für ihre Tochter abgeben, die für sie allein zu groß geworden war. Nikolaus adoptierte Elisabeth und nahm sie als seine Tochter an. Elisabeth wuchs in der Gewissheit auf, seine Tochter zu sein und dass sie sich in Hamburg wiedergetroffen hätten, nachdem sie für einige Zeit voneinander getrennt gewesen waren. Nikolaus mochte das Mädchen, außerdem ging er selbstverständlich davon aus, später eigene Kinder mit Marietta zu haben. Er hätte alles getan, damit Marietta ihn heiratete. Er vergötterte sie, und mehr als einmal beglückwünschte er sich dazu, dass er sie quasi vom Bürgersteig aufgelesen und mit zu sich nach Hause genommen hatte. »Ich wusste damals schon, dass du mich glücklich machen würdest«, sagte er gern. Nikolaus’ Mutter Elsemarie war dagegen, dass ihr Sohn eine aus dem Osten heiratete, und sie verbarg ihren Unwillen darüber auch nicht. Zwei Monate nach Mariettas Ankunft war sie zu ihrem Sohn gezogen, da ihre eigene Wohnung einsturzgefährdet war. Elsemarie bezog ein winziges Zimmer auf der halben Etage, das vor dem Krieg als Abstellkammer gedient hatte. Aber die Küche teilte sie mit ihnen, und sie war den größten Teil des Tages oben in der Wohnung. »Um zu helfen«, wie sie sagte. In Wahrheit wollte sie die Fremde unter Beobachtung haben. Man wusste ja nie mit diesen Flüchtlingen … »Sie ist zu schön für dich, und sie kommt aus gutem Hause. Was hast du ihr denn zu bieten?«, fragte sie. »Und außerdem ziehst du einen Bastard groß.« »Ich biete ihr meinen Schutz und meine Liebe, und damit wirst du dich abfinden müssen«, gab er zur Antwort. »Und Elisabeth wird wie meine eigene Tochter aufwachsen. Sie ist erst fünf und wird alles vergessen, was vorher war.« Davon war er überzeugt. Zudem war er fest entschlossen, es zu einem bequemen Wohlstand zu bringen und Mariettas Ansprüchen in einigen Jahren gerecht zu werden, denn er wusste von ihrer Herkunft. Einige Zeit, nachdem er sie bei sich aufgenommen hatte, erzähle sie ihm von dem großen Haus an der Ostseepromenade in Leba und von ihrem Mann, der Rechtsanwalt in Danzig gewesen war. Er war vor Stalingrad gefallen. Davor hatten sie Pferde gezüchtet, die Preise bei Rennen gewonnen hatten. Je länger er zugehört hatte, umso schweigsamer war er geworden, und sie hatte das bemerkt. »Ich möchte dich nicht mit meinem alten Leben belasten«, sagt sie. »Das alles ist Vergangenheit, ich werde nie wieder darüber reden. Schon allein, um es Elisabeth leichter zu machen.« Es war unübersehbar, dass Marietta aus einer anderen Schicht kam als er selbst. Sie hatte eine höhere Bildung als er, aber sie bemühte sich, das nicht zu deutlich zu zeigen. Ihre natürliche Eleganz schüchterte ihn manchmal ein, aber er machte das mit seiner Fürsorglichkeit wett. Außerdem war er auf dem Weg nach oben. Zwar stammte er aus kleinen Verhältnissen und war gleich zu Anfang des Krieges verwundet und in der Folge kriegsuntauglich gestellt worden. Das hatte ihm jedoch einen Vorsprung vor anderen verschafft, und den hatte er genutzt, um aus eigener Kraft im Hamburger Hafen eine Sägerei auf die Beine zu stellen. Am Anfang vergaß Marietta manchmal ihr Versprechen. Ihr entschlüpfte ab und an eine Bemerkung, die ihre vornehme Vergangenheit verriet. »Bei uns zu Hause hatten wir am Wochenende immer mindestens zehn Gäste.« Sie erwähnte regelmäßige Reisen nach Berlin und sogar Paris und sprach von Theaterpremieren und silbernen Salzfässchen. Wenn sie ihren Fauxpas bemerkte, presste sie die Lippen aufeinander und verstummte. Die beiden Kostüme, die sie in ihrem Koffer mitgebracht hatte, waren aus bestem Stoff gefertigt und ließen sich, obwohl sie über Monate getragen worden waren, problemlos aufarbeiten und enger machen. Außer ihrer Kleidung hatte sie eine kleine Leinwand des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff in ihrem Gepäck, der gemeinsam mit seinem Kollegen Max Pechstein zum Malen oft in Leba geweilt hatte und auch zu Gast im Haus ihres Mannes gewesen war. Das Bild hatte etwa die Größe eines aufgeschlagenen Buches, und es zeigte Marietta in einem dunklen Kleid mit Perlenkette. Sie hing sehr an diesem Bild, das sie auch während der ganzen Jahre, als es als »entartet« geschmäht worden war, nicht von der Wand genommen hatte. Als die Niederlage absehbar war, hatte sie es aus dem Rahmen gelöst und die Leinwand, in eine alte Tischdecke gewickelt, mit auf die Flucht genommen. Neben einigen Fotos war es alles, was sie aus ihrem früheren Leben gerettet hatte. Niemals hätte sie sich davon getrennt. Alles andere, der Schmuck und die Wertpapiere, waren ihr auf der Flucht entweder gestohlen worden oder sie hatte sie gierigen Hausbesitzern und Bauern für einen Platz zum Schlafen und etwas Warmes zum Essen in den Rachen werfen müssen. »Da kann ja jeder kommen und behaupten, was er alles gehabt hat! Hat ja schließlich niemand gesehen. Alles, was ich weiß, ist, dass du mit nichts hier angekommen bist«, zischte Elsemarie, als Marietta eines Abends ihre Vorsicht vergaß und die Mahagonitäfelungen im Herrenzimmer erwähnte. »Mutter, hör auf damit!«, wies Nikolaus sie zurecht. Elisabeth stand auf. »Es ist spät, ich ziehe mich zurück«, sagte sie. »Bei uns heißt das ›Ins-Bett-gehen‹«, rief Elsemarie ihr nach. Marietta war fest entschlossen, sich in ihr neues Leben an der Seite von Nikolaus Michelsen zu fügen. Sie wusste ja, dass es pures Glück gewesen war, ihn zu treffen. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass sie immer wieder an das mächtige, turmgeschmückte Herrenhaus mit der umlaufenden Veranda an der Ostsee denken musste, an ihren groß gewachsenen Mann mit den weltläufigen Manieren, an die abendlichen Gesellschaften und die Reisen und all das andere. Dann überfiel sie ein namenloser Schmerz über das Verlorene. Sie zog sich in ihr Zimmer zurück und träumte sich zurück in ihr altes Leben, das so wohlgeordnet gewesen war. Zurück zu den gediegenen, auf Hochglanz polierten Möbeln, dem großen Esstisch vor dem Kamin, auf dem die Gedecke mit dem Zwiebelmuster perfekt ausgerichtet waren. Sie fragte sich, wer jetzt wohl von diesen blauweißen Tellern aß, wer das schwere Besteck in der Hand halten mochte. In Leba hatte es zu ihren Pflichten gehört, am Morgen mit der Köchin abzusprechen, was es am Abend zu essen geben sollte. Hier stand sie stundenlang für ein paar Lebensmittel Schlange und wusste nicht, was sie noch abbekommen würde. Marietta fühlte sich heimatlos, ihre alte Welt war untergegangen, in die neue wusste sie sich nicht einzugliedern. Wenn sie sich anstrengte, dann gelang es ihr zu funktionieren, aber sobald sie in ihren Bemühungen nachließ, überkamen sie abgrundtiefe Traurigkeit und eine nagende Unsicherheit, wie sie sich zu verhalten hatte. Und dann war da noch etwas, das sie mehr vermisste als alles andere. Sie versuchte die Erinnerung daran fortzuschieben, bevor es zu spät war, bevor ihre Gedanken nur mehr um das eine, das liebste kreisten, das nicht mehr da war. Dann war sie der Verzweiflung und dem Wahnsinn nahe. In diesen schwärzesten Momenten war sie dankbar für die Mühsal des Alltags in der zerstörten Stadt, die sie auf Trab hielt und ihr keine Zeit zum Grübeln ließ. Am Vorabend der Hochzeit ertappte Nikolaus sie beim Nachhausekommen, wie sie in sich gekehrt auf dem Sofa saß. An ihren zuckenden Schultern konnte er erkennen, dass sie weinte. Er trat näher. Sie hatte einige Fotos, nicht mehr als drei oder vier, vor sich im Schoß liegen. Als sie ihn bemerkte, schob sie sie hastig zusammen und legte ihre Hände darüber. Ihr flehender Blick hielt ihn davon ab, Fragen über die abgebildeten Personen zu stellen. Später, dachte er bei sich. Wenn sie länger hier ist und ihre Wunden verheilt sind, dann werde ich sie fragen. Doch nach diesem Ereignis verschwanden die Fotos ebenso wie das kleine silberne Amulett, das Elisabeth während der Monate der Flucht um den Hals getragen hatte und auf dem ihr Name und ihr Geburtsdatum eingraviert waren. Nikolaus war im Grunde seines Herzens ganz froh darüber. Mariettas Porträt mit der Perlenkette ließ er heimlich rahmen und hängte es am Hochzeitstag im Wohnzimmer auf. In den folgenden Monaten hätte das Bild als Tauschware gegen Kinderkleidung oder Streichhölzer auf dem Schwarzmarkt gute Dienste leisten können, doch niemand wagte auch nur daran zu denken, desgleichen zu tun. Elisabeth ging aus einem Instinkt heraus seit ihrer Ankunft in Hamburg einen anderen Weg als ihre Mutter. Anstatt sich im Alten, in peinigende Erinnerungen an die Vergangenheit zu verlieren, stürzte sie sich mit Leidenschaft in die Gegenwart. Als würde sie ahnen, dass ihr Leben leichter werden würde, je eher sie in Hamburg und in ihrem neuen Leben ankam. Wenn Marietta etwas von Leba oder Danzig erzählte, dann ging Elisabeth davon aus, dass ihre Mutter von ihrem Elternhaus sprach, und sie hörte nicht richtig hin. Für sie fing ihr Leben mit der Ankunft in Hamburg an, die Zeit davor hatte zu existieren aufgehört. Als sie im darauffolgenden Jahr in die Schule kam, hatte sie das Amulett und alles, was in Leba gewesen war, ganz tief im Bodensatz ihrer Erinnerung vergraben. Vergraben unter den vielen neuen Eindrücken, vergraben unter dem Wunsch zu leben und sich in der neuen Welt zurechtzufinden. Dazu gehörte auch, dass sie »Michelsen« als ihren Nachnamen ansah und Nikolaus als ihren Vater.