Caroline Bernard (Tania Schlie) - Rendezvous im Café de Flore

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Inhaltsangabe

Paris, 1928: Vianne träumt davon, Botanikerin zu werden – am renommierten Jardin des Plantes. Als sie sich in den aufstrebenden Künstler David verliebt und mit ihm in das schillernde Bohème-Leben der französischen Avantgarde eintaucht, scheint ihr Glück perfekt. Doch dann nimmt ihr Leben eine tragische Wendung … Jahrzehnte später steht Marlène im Musée d´Orsay vor dem Bild einer Frau, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht. Fasziniert von der Ausstrahlung der Fremden, begibt sich Marlène auf die Suche, bei der sie nach und nach ihr Leben verändern wird.
Bewegend, sinnlich und très francais – die Geschichte zweier starker Frauen vor der Kulisse einer faszinierenden Metropole.

Leseprobe

Prolog



Viannes Kindheit endete im Sommer 1927 an einem sonnigen Nachmittag. Sie war mit ihren Brüdern und den Nachbarjungen wie so oft am Waldrand gewesen und um die Wette auf Bäume geklettert. Als sie verschwitzt und mit zerzausten Haaren nach Hause kam, nahm ihre Mutter sie mit ernster Miene bei Seite. „Wie siehst du denn aus, Vianne? Es gehört sich für ein Mädchen in deinem Alter nicht, so herumzutoben. Deine Brüder haben gesagt, alle hätten deine Unterhose sehen können, als du vom Baum geklettert bist. Schäm dich! So etwas tut ein Mädchen nicht. Du bleibst in Zukunft in der Nähe des Hauses.“
Vianne lief in ihr Zimmer unter dem Dach und ließ sich weinend auf ihr Bett fallen. Sie war fast fünfzehn Jahre alt, und sie hatte das Gefühl, ihr Leben sei vorüber.
Denn seit sie in der Bibliothek von Alès ein Herbarium entdeckt hatte, hatte Vianne eine Leidenschaft: die Botanik. Dieses dicke Buch, in dem Pflanzen mit feinem Strich und in wunderschönen Farben abgebildet waren, hatte sie in seinen Bann gezogen. Blüten, Knospen, Blätter, Wurzeln, alles war in allen Einzelheiten, bis in die kleinsten Härchen und Verästelungen dargestellt. Sie hatte sich das Buch ausgeliehen und versuchte nun, auf endlosen Streifzügen, die dargestellten Pflanzen in den Wäldern und Wiesen rund um Saint Florent wiederzufinden. Von ihren Streifzügen kam sie jedes Mal mit einer anderen Pflanze zurück, die sie vorsichtig auf ihr Fensterbrett legte, um sie zu trocknen und später abzuzeichnen. Eines Tages hatte sie eine ihrer Zeichnungen stolz mit in die Schule genommen, und Mademoiselle Grimaud ihre Lehrerin hatte ihr gezeigt, wie man Blumen- und Pflanzenteile presste, um sie zu konservieren. Sie legte sie zwischen zwei Holzplatten, bedeckte sie mit einem Löschblatt und presste die Platten mit zwei großen Flügelschrauben zusammen. Zwei Tage später war die Schlüsselblume tatsächlich getrocknet. Sie hatte ein wenig von ihrer Farbe verloren, und einzelne Teile fielen ab, als sie das Blatt anhoben, aber sie war eindeutig zu erkennen.
„Aber warum macht man das?“, fragte Vianne.
„Um die verschiedenen Pflanzen miteinander zu vergleichen. Um festzustellen, ob sie zur selben Familie gehören. Um Pflanzen zu konservieren, von denen es nur sehr wenige Exemplare gibt …“
Vianne nickte.
„Es gibt ein Gebäude, in dem alle Pflanzen der ganzen Welt, auch die Algen, die Pilze, die Moose, die Wüstenpflanzen, einfach alle gesammelt werden.“
„Wo ist dieses Gebäude?“
„Es ist das Botanische Institut im Muséum nationale d’Histoire naturelle in Paris. Aber eigentlich nennen es die meisten Jardin des Plantes.“
„Der Jardin des Plantes in Paris“, flüsterte Vianne ehrfürchtig. „Den würde ich gern sehen.“
Aber ihre Mutter erlaubte ihr ja nicht einmal mehr, mit der Botanisiertrommel durch die Gegend zu streifen. Nur, weil sie ein Mädchen war!

Viannes Eltern, Arno und Clothilde Renard, betrieben ein kleines Geschäft in Saint Florent, einem Dorf mit fünfhundert Einwohnern in den Hügeln der Cevennen. Es gab dort einen Frisierstuhl und auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes einen großen Verkaufstresen für Drogeriewaren und Kräuter.
Vianne war schon als Kind oft mit im Geschäft, sie fegte aus und polierte die Spiegel. Dadurch kannte sie jeden aus der Gegend und aus den mitgehörten Gesprächen erfuhr sie auch Vieles, was die Kunden im Vertrauen ihrem Vater erzählten. Arno war bei den Sozialisten und hielt mit seiner politischen Meinung nicht hinter dem Berg, weshalb einige Leute seinen Salon mieden.
Sein treuster Kunde war L‘Espagnol, wie er von allen genannt wurde, ein Spanier, der mit seiner Familie ein Stück den Berg hinauf lebte und Ziegenkäse herstellte. Vianne bewunderte seine üppigen Töchter, die mit ihren dunklen Haaren und den fast schwarzen Augen ganz anders aussahen als sie selbst. Sie war sehnig und blass und hatte hellgraue Augen. Es gab praktisch keine Farben in ihrem Gesicht. Wenn die Töchter von L‘Espagnol knallroter Klatschmohn mit riesigen Blüten waren, dann war sie eine Pusteblume, durchscheinend und gewöhnlich.

Mit vierzehn verließ Vianne die Schule und half nun jeden Tag im Geschäft ihrer Eltern. Die Arbeit langweilte sie. Die Haare der Kundschaft auffegen, Regale einräumen, nett auch zu den unangenehmsten Kunden sein: Sollte sie das für den Rest ihres Lebens tun? Sie hatte immer ein Buch, meistens ein botanisches, unter dem Tresen liegen und vertiefte sich darin, wenn keine Kunden im Laden waren. Seit ihrer ersten Begegnung mit dem Herbarium wusste sie, dass sie Botanikerin werden wollte. Aber dazu müsste sie studieren, und das würde ihr Vater nie zulassen. Er schimpfte ja schon, wenn er sie lesend antraf. Als eine ihrer Klassenkameradinnen mit ihrer älteren Schwester nach Paris ging, um dort eine Ausbildung zur Weißnäherin zu machen, beneidete Vianne sie aus tiefstem Herzen. Sie wollte auch nach Paris! Sie wollte im Botanischen Institut lernen und arbeiten!
Gierig las sie jeden Artikel, den sie in den Magazinen, die sich die Frauen im Dorf herumreichten, über Paris finden konnte.
Theaterpremieren, Kunstausstellungen und ganzseitige Abbildungen der neusten Modeschöpfungen, aber vor allem interessierte sie sich für die Berichte über Frauen, die in der Hauptstadt als Tänzerinnen, Schriftstellerinnen, Unternehmerinnen, Mäzeninnen, manchmal auch als Verbrecherinnen Furore machten. Es gab sogar Frauen, die auf die Straße gingen, um zu demonstrierten! Abends lag Vianne dann in ihrem Bett und stellte sich vor, wie ihr Leben in Paris aussehen würde. Dort würde sie richtig leben und nicht verkümmern wie in Saint Florent! Aber wie sollte sie in die Stadt ihrer Träume kommen? Ihre Eltern hatten ihr ja nur nach wiederholten Besuchen von Mademoiselle Grimaud überhaupt den Besuch der Höheren Schule für Mädchen in Alès erlaubt. Klug genug dafür war sie in jedem Fall gewesen. Immerhin hatte sie als Klassenbeste die Rede bei der Abschlussfeier gehalten. Aber danach ließ ihr Vater nicht mehr mit sich reden.
„Niemand aus unserer Familie hat eine Höhere Bildung. Außerdem heiratest du doch sowieso.“ Damit war das Thema für ihn erledigt.
Vianne mochte den Landstrich, in dem sie aufgewachsen war, die dunklen Wälder, die sich die Hügel der Cevennen hinaufzogen und in denen es im Herbst Pilze, Esskastanien und Trüffel gab. Sie mochte auch die wilden Flüsse, die sich tief in die Felsen gegraben hatten, die Ardèche und den Auduzon. Sie waren voller Fische, bei Trockenheit konnte man stundenlang von einem Stein zum nächsten balancieren und im Frühsommer, wenn sie viel Wasser trugen, sprangen die Kinder von den Straßenbrücken aus hinein. Aber ihr ganzes Leben hier zu verbringen, das konnte sie sich nicht vorstellen.
Sie wollte anders leben als ihre Freundinnen und ihre Mutter, die sich von morgens bis abends abmühte, kochten, schrubbten, den Garten bestellten und nur bei ganz seltenen Gelegenheiten mal lustig war.
Eine der wenigen Erwerbsquellen, die Frauen in der Gegend hatten, war die Tätigkeit als Amme. Viele Pariserinnen brachten ihre Kinder hierher. Uneheliche oder ungeliebte Kinder von wohlhabenden Frauen wurden hier von Ammen versorgt und erzogen. Aber als Amme musste man verheiratet sein und selbst Kinder haben, und dafür fühlte sich Vianne zu jung.

Sie saß in der Küche, auf dem Tisch vor ihr lag ein großer Haufen Nüsse, in einem Sack neben dem Tisch waren weitere. Vianne und ihre Mutter waren dabei, sie zu knacken und für den Winter einzulagern. Gedankenverloren drehte Vianne die Früchte in ihrer Hand. Wissenschaftlicher Name Juglans, beschrieben von Linné, Blätter wechselständig, gefiedert … Sie hatte die Pflanze wie so viele andere in ihr Heft abgezeichnet. Darin war sie inzwischen eine Meisterin. Mit feinem Strich und Sinn für Details konnte sie die Pflanzen fast fotografisch wiedergeben. Sie hatte lange geübt und sich immer wieder die Zeichnungen in den botanischen Büchern angesehen, die sie in der Bibliothek ausgeliehen hatte. Inzwischen kannte sie sie alle, zumindest die in Alès.
Ihre Mutter stieß sie an. „Denk dran, die schönsten kommen hier hinein“, sagte sie und fischte eine perfekte Walnusshälfte aus Viannes Schüssel, um sie in eine blaue Keramikschale zu legen. Diese Nüsse wurden später in Honig eingelegt und dann zu Weihnachten gegessen, der Rest wurde zu Nussöl gepresst.
Vianne seufzte. Ihre Fingerkuppen waren dunkelbraun verfärbt, der Schmutz unter den Nägeln würde tagelang nicht rausgehen. Und vom Pilze putzen wurden sie dann gleich wieder schmutzig, und dann mussten die Pflaumen entsteint werden und dann die Kartoffeln aus der Erde geholt … Im Herbst gab es immer so viel zu tun, um die Ernte einzubringen und die Vorratsräume für den Winter zu füllen.
Bald würde sie sechzehn werden. Inzwischen verbrachte sie jede freie Minute mit ihren botanischen Studien, die sie immer mehr faszinierten, je mehr Einblick sie in diese Wissenschaft bekam. Da, wo andere nur Unkraut oder eine Nutzpflanze sahen, entdeckte sie Formen, Farben, zarte Verästelungen und Maserungen. Sie hatte schon vor lange Zeit von ihrem Ersparten eine Pflanzenpresse gekauft und archivierte die schönsten Blüten und Blätter, die sie fand. Sie hatte längst gelernt, wie man Pflanzen klassifizierte und bestimmten Arten zuordnete. Außerdem begann sie, sämtliche Pflanzen, die in den Büchern beschrieben waren, gezielt nach den beschriebenen Standorten in der Natur zu suchen. Sie liebte diese Beschäftigung, und füllte mit ihr die vielen einsamen Stunden.
Gerade war sie in einem Artikel auf die Heilpflanzen gestoßen. Sie war überrascht, viele von ihnen auch in den großen Regalen im Geschäft ihrer Eltern zu finden. Sie begann, wilden Rosmarin und Minze zu sammeln, zu trocknen und sie zu verkaufen. Ihr Lieblingsbuch war und blieb jedoch ein Werk über den Jardin des Plantes in Paris.
„Eines Tages fahre ich dorthin“, nahm sie sich vor, „und bis dahin werde ich so viel wie möglich über Botanik lernen.“
„Was sagst du?“, fragte ihre Mutter.
Vianne war sich nicht bewusst gewesen, dass sie laut gedacht hatte. „Ach, nichts“, antwortete sie rasch.

Auch in diesem Sommer kam ihr Vetter Auguste wieder in den Ferien. Seine Familie lebte in Bordeaux. Er war ein Angeber und prahlte vor ihren Brüdern mit seinen Frauengeschichten. Vianne hasste ihn, weil er ihre Brüder gegen sie aufstachelte und keine Gelegenheit ausließ, um sie zu demütigen.
„Frauen können nicht wissenschaftlich denken“, sagte Auguste, als sie morgens in der Küche saßen. „Außerdem kriegen Frauen, die alles besser wissen, keinen Mann.“
„Soll ja auch Männer geben, die keine Frau will“, gab sie zurück und sah ihn dabei provozierend an. „Zum Beispiel Männer, die Angst vor klugen Frauen haben.“
„Vianne!“ Das war die scharfe Stimme ihres Bruders Christophe.
„Darf mich hier eigentlich jeder zurechtweisen, bloß weil ich ein Mädchen bin?“, rief sie und stapfte wütend davon.
Als sie später in ihr Zimmer kam, sah sie das Zerstörungswerk sofort: Ihre Bücher waren aus den Regalen gerissen und auf den Boden geworfen worden. Zwischen ihnen lagen auch ihre sorgfältig angelegten Herbarien, jemand hatte die Seiten herausgerissen und zerfetzt. Ihre Botanisiertrommel aus Blech mit den aufgedruckten Zikaden und Schmetterlingen war zertreten und zerbeult. Sogar die Pflanzenteile, die noch in der Presse zum Trocknen lagen, waren herausgenommen worden und lagen im Zimmer verstreut.
Vianne ließ sich auf den Boden sinken. Ihre Finger ertasteten die zarten Blüten von Blauer Glockenblume und Zitronensalbei und zerrieben sie. Es knisterte leise, als sie zu Staub zerfielen.
Was sie auch tat, es war nicht richtig. Wenn sie in der Schule den Vorlesewettbewerb gewonnen hatte, hieß es, ein Mädchen solle sich nicht in den Vordergrund drängen. Eine höhere Bildung erlaubte ihr Vater ihr nicht. Mit den Jungen spielen durfte sie auch nicht. Dass sie durch die Wälder lief und nach Pflanzen suchte, eine hart erkämpfte seltene Freiheit, die ihre Eltern ihr zugestanden hatten, hatten schon mehrere Kunden kritisch im Frisörsalon angemerkt. Ob sie nichts Besseres zu tun habe, als Frau im heiratsfähigen Alter?
Manchmal hatte sie sogar gedacht, eine Ehe sei vielleicht das kleinere Übel. Aber wo sollte sie denn in Saint Florent einen Mann finden? Hier kannte sie doch jeden, und keiner von denen kam in Frage. Sie spürte wohl die begehrlichen Blicke von Monsieur Berger. Seine Frau war im letzten Jahr gestorben, und seitdem kam er jeden zweiten Tag in den Frisiersalon und ließ die Augen nicht von ihr. Und das Schlimmste war, dass ihre Eltern immer wieder beim Abendessen seinen Namen erwähnten. Vianne befürchtete, dass sie sich insgeheim schon mit ihm geeinigt hätten. In Saint Florent war es nichts Ungewöhnliches, wenn ein junges Mädchen ohne Mitgift an einen älteren Mann verheiratet wurde. Aber sie würde nie, niemals einen Mann heiraten, der fast doppelt so alt war wie sie!
Sie erhob sich mühsam, ihre Beine wollten ihr nicht gehorchen. Mechanisch strich sie über ihre Röcke, um die staubigen Pflanzenteile abzuwischen. Sie drehte sich langsam um sich selbst und betrachtete das Chaos zu ihren Füßen. In diesem Augenblick, vor den zerrupften Pflanzen und den zerrissenen Seiten, wurde ihr endgültig klar, dass sie in Saint Florent keine Zukunft hatte. Sie hatte sich Mühe gegeben, den Erwartungen zu entsprechen, die in sie gesetzt wurden, aber jetzt konnte sie nicht mehr. In Saint Florent würde sie unglücklich werden, sie würde ein Leben führen, das sie nicht wollte. Sie würde als verbitterte alte Frau enden. Sie holte Besen und Kehrblech, fegte die Fetzen zusammen und warf alles in der Küche in den Mülleimer. Es fühlte sich an, als würde sie ihr altes Leben gleich mit entsorgen.
Langsam stieg sie die Treppe wieder hinauf, und mit jeder Stufe wurde ihr Tritt fester. Es war an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen, über die sie in letzter Zeit immer wieder nachgedacht hatte, zu der sie aber bisher nicht den Mut gehabt hatte.
Wenn sie ein eigenes Leben führen wollte, dann musste sie Saint Florent und ihre Familie verlassen. Es war keine Frage, wohin sie gehen würde: nach Paris, in die Stadt, von der sie schon so lange träumte.




EINS

„Jean-Louis, guck mal! Da hinten ist der Eiffelturm!“ Das Wahrzeichen von Paris erhob sich kühn und elegant über dem Häusermeer. Wir befanden uns auf einer Anhöhe vor der Stadt und die Blechdächer glänzen im leicht diffusen Abendlicht silbern vor uns. Am Morgen waren wir in Sète losgefahren und kamen jetzt von Süden her auf der Autobahn in die Stadt. Und endlich bot sich mir der Anblick, den ich so lang vermisst hatte. Paris!
„Da drüben links, siehst du ihn? Oh, wie schön! Ich habe es noch nie gesehen, wenn er so im Abendlicht leuchtet! Schau mal, er ist richtig kitschig-rosa!“
„Ich kann jetzt nicht gucken“, entgegnete Jean-Louis. Er wollte sich rechts einordnen, um einen hupenden Fahrer hinter ihm vorbeizulassen, was angesichts des dichten Verkehrs auf drei Spuren und der wild zwischen den Autos überholenden Motorräder seine ganze Aufmerksamkeit erforderte. Also überließ ich mich meiner Wiedersehensfreude. Nur noch ein paar Minuten und ich wäre wieder in der Stadt meiner Träume. Hier, direkt neben der Autobahn, befanden sich die Industrieparks und Wohnsilos, aber ich wusste, dass sich hinter den eher nüchternen Bauten rechts und links der Autobahn die Boulevards mit ihren prächtigen, von Balkonen und Erkern geschmückten Häusern befanden. Und davor die breiten Trottoirs, wo die Tische und Stühle der Cafés unter den Markisen standen. Ich ahnte den Verlauf der Seine und ging in meinem Kopf spazieren. Ich kannte mich immer noch gut in der Stadt aus. Im Norden erhob sich vor uns der Hügel von Montmartre, und gerade jetzt konnte ich über den Dächern die blendend weiße Kuppel von Sacré-Coeur erkennen. Wie oft war ich durch die engen, immer ein bisschen schmutzigen Gassen unterhalb der Kirche geschlendert, wo Paris noch so aussah wie vor hundert Jahren, als hier die Künstler und Halbweltdamen lebten, liebten und tanzten!
Ein letzter Sonnenstrahl traf eine Fensterfront im oberen Stockwerk eines Bürogebäudes und ließ die umliegenden Fassaden golden aufleuchten. Ich holte tief Luft. Dies war für mich Paris: das Licht, das sich frühmorgens oder wie jetzt, in der Abendsonne, golden auf den Kupferdächern brach und die Sandsteinfassaden wie Samt leuchten ließ. Und wenn die Sonne untergegangen war, wechselte die Stadt ihr Kleid von Gold zu Silber. Was vorher in flimmerndem Licht gelegen hatte, bekam dann scharf umrissene Konturen.
Ich erinnerte mich an die vielen Abende, an denen ich mich in den Strom der Menschen eingereiht hatte, die aus den Metrostationen kamen und auf dem Heimweg in den Crèmeries und Boulangeries für das Abendessen einkauften oder müßig in einem Café saßen, um nach Feierabend noch einen kleinen Roten zu trinken. Wie oft hatte ich selbst einen unverbindlichen Plausch mit der Bäckerin oder dem Zeitungsmann in seinem Kiosk gehalten – niemand versteht die Kunst dieser kleinen Plaudereien besser als die Pariser Ladeninhaber, ein paar Worte, die nicht viel sagen und doch dafür sorgen, dass man sich gut und aufgehoben fühlt.
Und dann die Gerüche, die für diese Stadt so typisch waren. Der leicht metallische, unverwechselbare Geruch in den Metroschächten, der Duft nach Kastanien und Lindenblüten im Frühjahr, nach heißen, leicht angebrannten Maroni im Herbst, nach den süßen Crèpes, die die Straßenverkäufer an vielen Ecken feilboten.
Mit glänzenden Augen schaute ich zu Jean-Louis: „Weißt du, für mich ist Paris mehr als eine Ansammlung von berühmten Bauwerken und Plätzen. Der Louvre, der Obelisk auf der Place de la Concorde, der Triumphbogen, auch der Eiffelturm, das ist zwar alles sehr schön, aber für mich bedeutet Paris eine bestimmte Art zu leben, die Schönheit im Detail …“
„Pass doch auf, du Blödmann!“, schimpfte Jean-Louis und hupte den Autofahrer vor uns an, der ihm die Vorfahrt genommen hatte. „Entschuldigung, aber ich kann jetzt nicht richtig zuhören“, sagte er dann in meine Richtung.
Ich zuckte mit den Schultern und verdrehte mir den Hals, um den Eiffelturm, der langsam hinter den Häusern verschwand, so lange wie möglich im Blick zu haben. Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden und der Turm hatte jetzt eine silbrig-gleißende Färbung angenommen. Wie eine kolorierte Schwarz-Weiß-Fotografie.

Wir fuhren in einen Tunnel, und ich schloss die Augen. Ich konnte nichts dagegen tun, eine ganze Flut von Erinnerungen und Gefühlen brach über mich herein. Ich war auf einmal wieder dreiundzwanzig, eine strahlende junge Frau mit einem Stipendium für zwei Semester Kunstgeschichte an der Sorbonne und einem Koffer voller Träume. Als ich an der Gare de Lyon aus dem Zug stieg, hielt ich es für selbstverständlich, dass Paris mir ab sofort zu Füßen liegen würde. Und genau aus dem Grund geschah es auch. Ich fand eine kleine Wohnung in der Rue de la Roquette unweit der Bastille. Wobei Wohnung fast zu viel gesagt war. Es war ein ehemaliges Dienstbotenzimmer unter dem Dach, die Treppen waren steil und hoch, und im Sommer konnte es dort ziemlich heiß werden. Es gab nur einen Raum, der mir als Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer diente, und eine winzige Küchenzeile sowie ein ebenso winziges Bad unterhalb der Dachschräge, wo ich beim Duschen den Kopf einziehen musste. Aber nie wieder habe ich mich so wohl gefühlt wie in dieser winzigen Behausung, die ganz mir gehörte. Jeden Morgen überquerte ich die Seine und ging an die Universität. Ich studierte Kunstgeschichte im dritten Semester. Wenn ich mich in die Menge der anderen Studenten einreihte, die sich in den Gängen der Sorbonne drängelten, dann fürchtete ich manchmal, mein Herz würde vor Glück zerspringen. Mein Lieblingskurs wurde an der altehrwürdigen École des Beaux Arts mitten in Saint-Germain mit seinen Galerien gegeben. Schon Monet, Renoir, Delacroix und Matisse hatten hier Malerei studiert. Und ich durfte hier eine Vorlesung über Ikonographie besuchen! Jeden Dienstagnachmittag standen wir vor den Bildern ehemaliger Schüler des Instituts, die bis unter die Decken an den Wänden hingen, und lauschten den Ausführungen von Monsieur Paraffin zur Bedeutung bestimmter Motive in der Malerei.
Als ich damals in Paris ankam, war es auch Anfang Mai gewesen, genau wie jetzt. Die Rosskastanien explodierten, in den Parks blühte es in allen Farben, die Frauen trugen kurze Röcke und leuchtende Farben. Nach den Vorlesungen setzte ich mich an das Wasserbassin im Jardin de Luxembourg, um zu lesen und zu lernen. Nie wieder in meinem Leben war ich so wissbegierig und so aufnahmebereit wie in jenem Sommer.
In meiner freien Zeiten streifte ich durch die Straßen, besuchte jeden Tag ein anderes Museum und sog den unnachahmlichen Zauber der Stadt in mich ein. Ich lebte aus dem Vollen, ich konnte von allem nicht genug bekommen, ich hätte den ganzen Tag tanzen können. Ich schlief kaum aus lauter Angst, etwas zu verpassen. Ich wollte alles mitnehmen, was möglich war.
Und dann begegnete ich Julien. Er ließ sich eines Tages in der Cafeteria der Uni einfach mir gegenüber auf einen der roten Plastikstühle fallen, ohne zu fragen. „Salut“, sagte er. „Ich bin Julien. Du bist mir schon ein paar Mal aufgefallen.“ Mir blieb der Mund offen stehen, als ich ihn anstarrte. Er sah unverschämt gut aus, dunkle Locken, ein blendend weißes T-Shirt mit der Rolling-Stones-Zunge, schlaksige Figur, die Haut von einem sanften Bronzeton. Am Handgelenk trug er ein paar Stoffarmbänder. Ein echter Hippie, dachte ich fasziniert. Mit seiner ansteckenden Lebensfreude und der unschuldigen Lässigkeit faszinierte er mich von der ersten Sekunde an. Ich verliebte mich auf der Stelle und unsterblich. Ab jetzt zog ich abends mit ihm durch die Clubs und Bars rund um die Bastille. Unsere Lieblingskneipe war das Baragouin in der Rue Tiquetonne in der Nähe der ehemaligen Hallen. Ich mochte den Laden allein schon wegen seines Namens und der Adresse. Dort tranken wir billiges Bier, dann gingen wir Arm in Arm in seine schäbige Wohnung in Belleville und liebten uns die ganze Nacht. Julien war ein phantastischer Liebhaber. Seine Berührungen haben meinem Körper einen Stempel aufgedrückt, ich habe sie nie vergessen und kann ihren Nachhall immer noch in mir hervorrufen.

„Müssen wir hier jetzt raus oder nicht?“ Jean-Louis‘ Stimme holte mich ein weiteres Mal in die Gegenwart zurück. Wir hatten den Tunnel hinter uns gelassen, und das Tageslicht blendete mich.
„Was?“, fragte ich, noch ganz gefangen in meine Erinnerungen.
„Ob wir hier raus müssen.“
Ich orientierte mich schnell, dann sagte ich: „Ja, Porte d‘Italie, da vorne. Jean-Louis nahm die Ausfahrt, dann fuhren wir auf der Avenue d’Italie in Richtung Zentrum. Mein Herz schlug schneller, als ich ein Verkehrsschild sah, das nach Saint-Germain wies. Am liebsten hätte ich einen kleinen Umweg gemacht, nur um am Jardin de Luxembourg vorbeizufahren. Aber Jean-Louis wollte erst mal in unser Hotel. Und ich war schließlich nicht allein in Paris, sondern mit meinem Mann. Ich war auch keine verliebte Studentin mehr, sondern eine verheiratete Frau.
Jean-Louis hatte mir diese Parisreise zu unserem Hochzeitstag geschenkt. Nach meinem Aufenthalt als Studentin war es das erste Mal, dass ich wieder hier war. Dazwischen lagen unglaublich lange fünfzehn Jahre, und wenn er an diesem Abend vor zwei Wochen nicht mit der Einladung gewinkt hätte, wäre wohl noch mehr Zeit vergangen.

Die Reste des sonntäglichen Abendessens hatten noch zwischen uns auf dem Tisch gestanden. Zufrieden hatte ich ein Stück Baguette abgebrochen und es in die rote Soße der Rouille de seiche à la sétoise getaucht. Ein langer Name für ein im Grunde relativ einfaches Gericht. Die Rouille ist typisch für Sète, die Stadt am Mittelmeer, in der meine Eltern leben: Tintenfisch in einer Gemüse-Tomatensoße, am Schluss wird eine Knoblauchmayonnaise, die eigentliche Rouille, untergerührt. An diesem Tag war sie mir außergewöhnlich gut gelungen, cremig und mit einer leichten Schärfe, weil ich immer eine Prise Cayennepfeffer in die Mayonnaise gebe, obwohl im Rezept Safran steht.
Jean-Louis schenkte uns beiden Wein nach und nahm einen Schluck. Auf seinem glatten Gesicht lag das rötliche Licht der Abendsonne. Er wischte sich den Mund ab, dann lehnte er sich zurück. Ich brachte die Teller in die Küche und stellte das Geschirr in die Spülmaschine. Als ich zurück ins Zimmer kam, lag auf meinem Platz eine Postkarte, auf der der Eiffelturm bei Nacht zu sehen war.
„Am 3. haben wir Hochzeitstag. Ich gebe dir mein Geschenk jetzt schon. Wenn du es siehst, weißt du, warum“, sagte Jean-Louis.
Ich nahm die Karte und las den Text. Ich muss ziemlich überrascht geguckt haben. Einladung zu einer Parisreise, stand dort. „Du willst mit mir nach Paris?“ jubelte ich. Oh, Jean-Louis, ich will schon so lange dort hin. Dass du daran gedacht hast!“

Jean-Louis sah mich mit diesem ganz besonderen Lächeln an, mit leicht schief gelegtem Kopf und jungenhaft, voller Nachsicht und Liebe, das mir am Anfang unserer Beziehung weiche Knie beschert hat. Seine Stimme war ganz weich, als er sagte: „Ich kenne doch deine Schwärmerei für Paris.“
„Etwas Schöneres hättest du mir nicht schenken können, vielen Dank!“, rief ich und umarmte ihn stürmisch.
„Dann kann ich auch endlich mal den Wagen richtig ausfahren“, sagte er und strahlte mich dabei an. „Wir machen es uns so richtig nett. Ich habe alles organisiert, ein Hotel ist auch schon gebucht. Im Quartier Latin. Die Sorbonne ist gar nicht weit entfernt.“
In meinem Kopf tauchten sofort Bilder von Hotelsuiten im Belle-Epoque-Stil auf, Blumenbouquets und Pralinenschachteln, hohe Betten mit vielen Kissen, von denen aus ich auf den Eiffelturm gucken konnte, und ein riesiges Badezimmer mit Whirlpool. Er hatte daran gedacht, dass ich an der Sorbonne studiert hatte und ein Hotel in der Nähe ausgesucht. Ich war gerührt.
„Wir fahren am Mittwoch nächster Woche los, am Sonnabend feiern wir unseren Hochzeitstag in Paris, und am Sonntag kommen wir wieder. Freust du dich?“
„Und wie“, gab ich zurück. “Ich kann es kaum erwarten.“
Jean-Louis kam auf mich zu, zog mich von Stuhl hoch und küsste mich. Seine Hand legte sich auf meine Brust. Ich roch den Duft seines Parfüms und darunter einen anderen Geruch, seinen eigenen, herben, den ich so sehr mochte. Ich zog ihn an mich.

Und jetzt war ich also wieder hier. Nach fünfzehn Jahren wieder in der Stadt, in der ich so glücklich gewesen war. Aber in meine Vorfreude mischte sich ein bisschen Wehmut, und wenn ich ganz ehrlich war, auch ein bisschen Angst. Wie würde die Stadt mir begegnen? Ich war schließlich nicht mehr die Frau, die ich mit dreiundzwanzig gewesen war. Ich war inzwischen verheiratet und arbeitete in der Stadtverwaltung von Sète. Und mein Abschied von Paris war unglücklich gewesen.
Ich wollte damals nur für ein paar Tage, höchstens Wochen zurück nach Sète. Meine Mutter musste ins Krankenhaus, um sich operieren zu lassen, und ich wollte in der Zeit bei ihr sein und mich um meinen Vater kümmern, der absolut unfähig ist, allein für sich zu sorgen. Aber ich glaubte fest daran, nach spätestens vier Wochen zurück
zu sein, um meine Magisterarbeit zu Ende zu schreiben. Ich hatte mit Professor Paraffin ein Thema abgesprochen und mich schon zur Prüfung eingeschrieben. Ich freute mich unbändig auf die Arbeit in den Archiven der École des Beaux Arts, wo ich inzwischen als wissenschaftliche Hilfskraft arbeitete und mir Hoffnungen auf eine spätere Anstellung machte. Ich glaubte an meine strahlende Zukunft.
Aber dann gab es Komplikationen bei Mamans
Operation, weitere OPs folgten, danach ein mehrwöchiger Aufenthalt in einer Reha-Klinik. Ich konnte meine Eltern unmöglich allein lassen.
„Du musst dich nicht um uns kümmern“, sagte sie mit schwacher Stimme zu mir, aber in ihrem Blick las ich, dass sie sich genau das erhoffte.
Und mein Vater war der Meinung, dass eine Licence in Kunstgeschichte doch völlig ausreichend sei, warum noch weiterstudieren? Zumal niemand aus meiner Familie vorher studiert hatte. Ganz abgesehen davon, dass meine Eltern Mühe hatten, mein Studium zu finanzieren. Und dann rief mich Julien an, um mir mitzuteilen, dass er eine andere Frau getroffen hatte. „War schön mit dir“, sagte er noch. „Pass auf dich auf.“ Er verließ mich ebenso beiläufig, wie er mich erobert hatte.
Die Vorstellung, durch Paris zu laufen, ohne ihn an meiner Seite zu haben, war so schrecklich für mich, dass ich ganz froh war, Professor Paraffin schreiben zu können, ich müsse mich vorerst um meine Eltern kümmern und würde das kommende Semester aussetzen.

Kurz nach Silvester lernte ich dann Jean-Louis kennen. Er war der erste Mann, der mich nach Julien interessierte, und nach Monaten der intensiven Trauer um meine verlorene Liebe gelang es ihm, mich zum Lachen zu bringen. Er machte es sich zur Aufgabe, schöne Momente für mich zu zaubern und mich aus meinem Unglück zu befreien. Er kannte sich sehr gut in der Gegend um Sète aus und wir machten lange Wanderungen. Er zeigte mir die schönsten Flecken der Gegend, und anschließend aßen wir in kleinen Landgasthöfen, die nur er kannte. Bevor er mein Mann wurde, war er mein bester Freund. Jemand, auf den ich mich absolut verlassen konnte und der sich für mich hätte in Stücke reißen lassen. Dafür verliebte ich mich in ihn. Als er mich ein Jahr später fragte, ob ich ihn heiraten würde, sagte ich sofort ja.
Leider haben wir keine Kinder bekommen, und mit unserer Ehe stand es schon seit einiger Zeit nicht zum Besten. Unsere Beziehung war buchstäblich in die Jahre gekommen, immerhin waren wir jetzt dreizehn Jahre verheiratet, und sie erfüllte mich nicht mehr richtig. Ich war mir nicht sicher, ob nur ich so fühlte und ob für Jean-Louis alles in Ordnung sei. Wenn ich das Gespräch mit ihm suchte, um ein paar Dinge zu klären, dann wich er aus.

Jetzt hielten wir an einer roten Ampel, ich sah zu ihm hinüber und fing sein Lächeln auf. Sanft streichelte ich über seinen Handrücken. Ich war ihm dankbar, weil er mit mir diese Reise machte, obwohl er Paris nicht besonders mochte. Jean-Louis war nur einmal während seiner Militärzeit dort gewesen und hatte keine besonders guten Erinnerungen. Ich nahm es als ernstgemeinten Versuch von seiner Seite, unserer Ehe neuen Schwung zu geben. Und ich würde mir Mühe geben.