Theresia Graw - Wenn das Leben Loopings dreht

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Taschenbuch

VerlagBlanvalet Verlag
ErschienenNovember 2016
ISBN-103734102464
Seitenanzahl416
Preis9,99 €

eBook

VerlagBlanvalet Verlag
ErschienenNovember 2016
ASINB01G1UKRSM
Seitenanzahl416
Preis8,99 €

Inhaltsangabe

Das Leben ist eine Achterbahnfahrt – ohne ein paar Loopings wäre es langweilig!

Franziska – verheiratet, zwei Kinder, gut situiert – erhält mit der Post aus heiterem Himmel Briefe an eine mysteriöse Laura Caspari, die in der Nachbarschaft niemand kennt. Nach langem Zögern öffnet Franziska die Briefe und erfährt darin von der dramatischen, lange zurückliegenden Liebesgeschichte zwischen Laura und dem Absender Alex. Zwischen Franziska und ihrem Mann sprühen schon seit Längerem keine Funken mehr, und so fühlt sie sich magisch angezogen von Alex und seinen romantischen, leidenschaftlichen Worten. Kurzerhand wirft sie alle Vernunft über Bord und begibt sich auf die Suche nach ihm. Und bald schon wird ihr Leben gehörig durcheinandergewirbelt!

Leseprobe

1.
»Ich möchte offen mit Ihnen reden«, sagte Frau Scholler-Borstig und verschränkte die Hände auf dem Tisch, als wolle sie beten. Ich schätzte sie auf Anfang dreißig und dachte: die Arme, so jung – und schon Lateinlehrerin …
Frau Scholler-Borstig (sie hieß wirklich so!) trug eine braune Cordhose, einen weißen Baumwollpulli mit Lochmuster und auf der Nase eine schmale, rechteckige rote Brille. Ihre Haare waren ohrläppchenkurz, glatt und in einer Farbe, von der man zumindest sicher sein konnte, dass es das Original war: mausgrauschlammbeigeblond. Sie war eine von den Frauen, bei denen man sich einfach nicht vorstellen kann, wie sie aussehen, wenn sie lachen.
Gestern hatte sie mich angerufen und hergebeten.
»Könnten Sie es vielleicht einrichten, morgen um 10:30 Uhr zu meiner Sprechstunde in den Klassenraum E 05 zu kommen?«, hatte sie gefragt. »Ich muss dringend mit ihnen über die schulischen Leistungen Ihrer Tochter Isabel reden.«
Da ahnte ich schon, was auf mich zukommen würde: dramatisch abgesackte Noten, gehäuftes unentschuldigtes Fehlen, Versetzung gefährdet, das ganze Programm … Ich wusste das alles schon von Isabels Mathe- und Physiklehrer, der mich in der vorigen Woche herbestellt hatte.
Nun war ich also wieder da.
Wir saßen einander gegenüber an einem Pult in einem Klassenzimmer im Erdgeschoss. An der Tafel hinter Frau Scholler-Borstig stand »De finibus bonorum et malorum«. Der Rest war weggewischt.
»Das ist Cicero«, sagte Frau Scholler-Borstig, die meinem Blick gefolgt war, ohne sich umzudrehen. »Die Maßstäbe des Guten und Bösen. Eine seiner philosophischen Schriften. Isabel hat es heute nicht geschafft, auch nur einen Satz daraus fehlerfrei zu übersetzen.«
Ich fand es beeindruckend, dass meine Tochter auch nur ein einziges Wort davon hatte übersetzen können, wollte das der Lehrerin aber so direkt nicht sagen.
»Mir wäre es ja auch lieber, wenn meine Tochter ein Latein-Mathe-Physik-Genie wäre«, erklärte ich stattdessen und hoffte, dass ich recht zerknirscht dabei aussah. »Aber sie ist fünfzehn. Da kommt es doch gelegentlich schon mal vor, dass sich ein Mädchen mehr für Klamotten, Schminke und Musik interessiert als für den Ablativus absolutus oder die binomischen Formeln.«
»Das ist mir durchaus bekannt, Frau Herold. Trotzdem sollten Sie und Ihr Mann die Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich befürchte, dass Isabel das Klassenziel verfehlt, wenn sie sich nicht bald auf den Hosenboden setzt und lernt. Wie wäre es zum Beispiel mit Nachhilfe?«
Ich zuckte mit den Schultern.
»Ein heikles Thema. Wenn ich Isabel gelegentlich mal ganz dezent auf ihre schulischen Probleme anspreche, dann endet das regelmäßig mit unerfreu­lichem Geschrei und zugeschlagenen Türen. Ich setze einfach darauf, dass sie im nächsten Schuljahr vernünftiger sein und es dann schaffen wird.«
Mit ihrem Bruder Bastian war es in diesem Alter nämlich auch nicht viel besser gewesen (abgesehen davon, dass seine Interessen etwas anders gelagert waren: mehr Fußball, weniger Schminke), und jetzt studierte er seit vier Semestern Betriebswirtschaft in Berlin. Ganz fleißig, soweit ich das beurteilen konnte. Er hatte sich allein um seinen Studienplatz gekümmert und sich ein Zimmer in einer WG gesucht. Mehr als 600 Kilometer entfernt von unserem Zuhause in München. Ging doch. Seit ein paar Monaten war er außerdem mit Anne zusammen, einer Jurastudentin, die den WhatsApp-Fotos nach, die er uns geschickt hatte, einen sehr netten Eindruck machte. Also alles bestens.
»Unser Großer ist auch ein anständiger Junge geworden«, erklärte ich. »Ich bin sicher, Isabel wird ihren pubertären Dauerflash bald überwinden.«
Vielleicht gelang es mir ja doch noch irgendwie, Isabel zum Lernen zu bewegen, damit sie die Versetzung schaffte. Vielleicht, wenn ich ihr sagte, dass sie sich zur Belohnung dann bei Germanys Next Topmodel bewerben durfte. (Andererseits: Vielleicht war Sitzenbleiben doch gar nicht so schlimm …)
»Isabels Mitarbeit im Unterricht lässt allerdings mehr als zu wünschen übrig«, riss Frau Scholler-Borstig mich aus meinen Gedanken. »Sie ist mir viel zu still.«
»Na ja, Latein ist schließlich auch eine tote Sprache.« Ich biss mir auf die Lippen, aber da war es mir schon rausgerutscht. Frau Scholler-Borstig runzelte ihre junge Stirn.
»Ich lasse das Lateinische in meinem Unterricht durchaus lebendig werden«, erklärte sie würdevoll.
Dann hielt sie mir einen Vortrag über die Bedeutung der lateinischen Sprache im Hinblick auf die kulturelle Entwicklung Europas und dass sie im Übrigen unbedingte Voraussetzung für viele interessante Studiengänge sei. Isabel dürfe sich durch reine Faulheit nicht ihre Zukunft ­ruinieren und so weiter, und so weiter. Schon vom Zuhören wurde mir ganz schwindelig.
Während sie redete, gab mein Handy in der Tasche zweimal hintereinander einen Piepston von sich. Ich hätte jetzt gerne nachgesehen, wer mir da geschrieben hatte. Aber Frau Scholler-Borstig sah mich so streng an, dass ich nicht wagte, das Telefon hervorzuholen. Wahrscheinlich hätte sie mich ohne mit der Wimper zu zucken zum Nachsitzen verdonnert.
»Ich müsste dann allmählich mal gehen«, sagte ich, als sie endlich eine Pause machte, um Luft zu holen. »Mr. Spock wartet auf mich.«
»Mr. Spock?« Für einen Moment verlor Frau Scholler-Borstig beinahe die Fassung. »Oh. Haben wir etwa einen neuen Kollegen im Fachbereich Englisch bekommen?«
»Nein, nein.« Ich unterdrückte ein Grinsen. »Und übrigens auch keinen neuen Kollegen für den Fachbereich Klingonisch oder wie immer das heißt. Mr. Spock ist unser Hund. Er sitzt unten im Schulhof neben den Fahrradständern, und ich befürchte, es wird ihm ein bisschen zu viel, wenn gleich die große Pause losgeht und die Kinder um ihn herumtoben. Er ist nicht mehr der Jüngste.«
Frau Scholler-Borstig nickte mit schmalen Lippen und entließ mich gnädig.
Ich versprach ihr, gleich heute Abend ein ernstes Wort mit Isabel zu reden, und war froh, als ich das Klassenzimmer wieder verlassen konnte. Lieber zwei Stunden mit einem alten arthritischen Hund spazieren gehen, als mir weiter von Frau Scholler-Borstig ein schlechtes Gewissen machen zu lassen.
»Komm, Spock!«
Vor der Schultür band ich die Leine los, worauf der Hund erst mal seine großen spitzen Ohren aufrichtete, sich dann erhob und ganz allmählich in Bewegung setzte. Wahrscheinlich war er nicht nur arthritisch, sondern auch taub.
Mr. Spock war ein Relikt aus alten Zeiten, aus der Frühphase unserer Familie, als Isabel und Bastian noch kleine Kinder waren und ich in einem schwachen Mo­­ment ihrem monatelangen Gequengel nachgegeben hatte. (»Mama, alle haben einen Hund! Wir wollen unbedingt auch einen! Bitte, bitte! Wir gehen auch jeden Tag ganz oft mit ihm Gassi!«) Wir waren ins Tierheim gefahren und zwei Stunden später mit dem niedlichsten aller schwarz-braun-weiß gescheckten Mischlingswelpen, die da auf uns zugetapst waren, wieder nach Hause gekommen. Er war schätzungsweise halb Pudel, halb Schäferhund. Und vielleicht auch noch ein bisschen Eichhörnchen. Keine Ahnung, welche edle Rasse ihm seine erstaun­lichen Ohren vererbt hatte. Aber wenigstens stand damit sofort fest, wie er heißen würde. (Auch wenn Daniel den Kindern damals erst mal ein bisschen was über Star Trek erzählen musste.)
Dabei war eigentlich von Anfang an klar gewesen, dass am Ende alles an mir hängen bleiben würde. Die täg­lichen Spaziergänge mit einem Satz schwarzer Bello-Beutel in der Jackentasche (und vor allem der Gebrauch der kleinen Plastiktüten). Die Suche nach den Flip-Flops und Gummistiefeln, die Mr. Spock (zumindest in seinen ersten Lebensjahren) regelmäßig von den Terrassen der Nachbarhäuser klaute und irgendwo gut versteckt in unserem Garten deponierte. Das Verabreichen von hinterlistig in drei Salamischeiben eingewickelten, weil vermutlich übel schmeckenden Anti-Arthritis-Tabletten seit einigen Jahren … All das eben, was das lange Leben mit einem Hund ausmacht.
Ich mochte Mr. Spock und ging gern mit ihm spazieren. Nicht nur, wenn es so schön sonnig war wie heute. Auf diese Weise konnte ich mir jeden Tag einreden, ausreichend Sport gemacht zu haben. Wenngleich eher in Zeitlupe.
Mr. Spock war ruhig, er bellte nicht (selten), biss nicht (wirklich nie!) und hörte (manchmal), wenn man seinen Namen rief. Aber vor allem fand ich es schön, jemanden an meiner Seite zu haben, jetzt, wo die Kinder groß waren und Daniel mit seiner Uni-Karriere schwerst beschäftigt war.
Ich war die Gattin des Münchner Biologieprofessors Prof. Dr. Daniel Herold, international gefragter Experte für Amöbenforschung. Ich hatte allen Anlass, stolz auf ihn zu sein. Wenn er nicht im Labor mit seinen Petrischalen und Pipetten herumhantierte oder im Hörsaal die Studenten mit seinen unverständ­lichen Vorlesungen verwirrte, dann schrieb er entweder an einer weiteren Enzyklopädie über die Fortpflanzung von Mikroorganismen, oder er nahm irgendwo in der Welt an einem wissenschaft­lichen Symposium teil und hielt dort einen Vortrag vor Fachleuten aus der Amöbenszene oder solchen, die es werden wollen. Ich fand es wunderbar, die Frau eines Experten für Liebesdinge zu sein. Auch wenn sich sein Spezialgebiet weniger auf das Wesen der Frau als auf einen Einzeller bezog, der über keine feste Körperform verfügt. (Was Letzteres betraf, wurde ich einer Amöbe immer ähn­licher, wenn ich es mir recht überlegte. Ich war mir nicht sicher, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war.)
Während ich mit dem Hund nach Hause schlenderte, las ich die beiden Nachrichten auf meinem Handy.
Die erste hatte Isabel geschrieben: »Und? Was sagt FSB? Dass ich ’ne Fünf in Latein kriege? Ist mir doch egal. Latein ist was für Idioten. Ich bin heute Abend übrigens nicht zum Essen da. Ciao.«
FSB? Frau Scholler-Borstig? Ich seufzte. Dann las ich die zweite Nachricht. Sie war von Daniel:
»Wartet nicht mit dem Abendessen auf mich. Heut wieder Biologenstammtisch. Wird spät. Bussi.«
Gut, dass Mr. Spock wenigstens kein Handy hatte.