Alexa Baumeister (Ursula Schröder) - Gilla - irgendwas ist immer

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Taschenbuch

VerlagBrunnen
ErschienenJuni 2017
ISBN-103765520837
ISBN-139783765520839
Seitenanzahl269
Preis15,00 €

Inhaltsangabe

Eigentlich ist Gilla gut ausgelastet: Im Handwerksbetrieb ihres Mannes führt sie das Büro, der Haushalt mit zwei heranwachsenden Kindern bietet reichlich Herausforderungen und außerdem ist sie in der Kirche aktiv. Aber als sie den jungen Flüchtling Karim kennenlernt, der dringend Hilfe braucht, kann sie nicht wegschauen.
Schon bald merkt sie allerdings, dass sie es nicht allen rechtmachen kann. Denn jeder erwartet vollen Einsatz: Ihr Mann Joe möchte, dass sie weiterhin ihre Prioritäten bei Job und Familie setzt, Sohn Nils braucht Hilfe beim Umzug in eine neue Wohnung, Tochter Famke hat ihren ersten Freund.
Alexa Baumeister hat einen christlichen Frauenroman geschrieben, der gleichermaßen aktuell und unterhaltsam zu lesen ist. Was ist für mich dran in Familie, Job, Kirche und Gesellschaft – und wo bleibe ich persönlich mit meinen Bedürfnissen? Engagierte Frauen kennen solche Fragen.
Gilla muss sich für ihren eigenen Weg entscheiden. Aber vor allem muss sie ihrem Mann klarmachen, dass er keinen Grund hat, eifersüchtig zu sein …

Leseprobe

„Wenn der Monteur nix findet, zahle ich aber keine Anfahrt!“, droht Herr Eckerle.
„Es geht nicht darum, etwas zu finden“, versichere ich ihm geduldig. „Es handelt sich um eine regelmäßige Wartung Ihrer Heizungsanlage. Eine Art Inspektion, wenn Sie so wollen.“
Der Vergleich ist offensichtlich schlecht gewählt. „Oh! Wenn Sie wüssten, wie oft die mir in der Werkstatt schon etwas aufschwatzen wollten! Aber nicht mit mir. Ich erkundige mich da immer erst auch woanders.“ Es klingt auch etwas anders, wenn er es ausspricht. Nicht nur der Name ist schwäbisch, sondern auch der Mann selbst, und das hört man sehr deutlich.
„Aber Herr Eckerle“, sage ich besänftigend, „wir waren doch schon mehrmals bei Ihnen zur jährlichen Wartung. Gab es da jemals ein Problem?“
„Wer weiß“, schießt er zurück. „Dieses Jahr ist unser durchschnittlicher Heizölverbrauch um ganze zwei Komma vier Prozent gestiegen. Vielleicht liegt das an der Einstellung?“
„Es liegt vermutlich eher daran, dass wir einen recht kalten Winter hatten“, behaupte ich. „Erinnern Sie sich noch an den Kälteeinbruch Mitte April? Da hatten wir noch mal richtig Schnee.“
„A jo!“, ruft er. „Da ist meiner Frau beim Schneeräumen die Schüppe zerbrochen und ich musste noch eine neue kaufen. Und was meinen Sie? Es gab keine Kunststoff-Schüppen mehr, ich musste tatsächlich eine aus Metall nehmen.“
Kleinlicher Geizkragen, denke ich. Arme Frau. Aber das sage ich natürlich nicht, sondern rufe triumphierend: „Sehen Sie? So ein langer Winter war das. Und da liegen Sie mit so einer moderaten Steigerung noch richtig gut im Vergleich zu anderen Kunden!“ Ich muss gestehen, das ist jetzt etwas aus der Luft gegriffen, denn ich habe tatsächlich keine Vergleichszahlen. Aber es scheint mir in Anbetracht der Lage sinnvoll, dem Herrn Eckerle mit seiner schwäbischen Sparsamkeit ein gutes Gefühl zu vermitteln, damit ich nicht noch länger mit ihm über den Termin für die Überprüfung seiner Ölheizung diskutieren muss.
Kunden anrufen und mit ihnen Termine für die Heizungswartung ausmachen ist nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Als ich in diese Familie einheiratete, war das auch noch kein Thema. Da hatte ich mich nur einverstanden erklärt, mich in Büro und Buchhaltung einzuarbeiten, so wie das schon meine Schwiegermutter vor mir getan hatte. Es klingt bestimmt sehr altmodisch, aber so war es nun mal. Als ich mich mit Joe verlobte, wusste ich, worauf ich mich einließ: einen Handwerksbetrieb in der dritten Generation.
Und das umfasst mittlerweile auch, dass die Kunden ihre Heizanlagen regelmäßig überprüfen lassen, anstatt zu warten, bis sie kaputt gehen. „Und das kann doch nur in deinem Interesse sein, Gilla“, waren Joes Worte. „Erstens gibt das regelmäßiges Geld, und zweitens haben wir seltener diese Noteinsätze am Wochenende.“
„Hoffentlich“, habe ich geknurrt, weil ich wusste, dass ich keine andere Wahl hatte. Wer sollte diese Anrufe tätigen, wenn nicht ich? Joe, der sich schon die Zeit für umfassendere Angebote nur abends oder am Wochenende nehmen kann? Eugen, unser russlanddeutscher Mitarbeiter, der im Zweifelsfall lieber die Hand in ein verstopftes Klo steckt als ans Telefon zu gehen? Bevor ich die kurze Liste der übrigen Betriebsangehörigen durchgehen konnte, war mir klar, dass dies wieder mal einer der Fälle war, in die man sich einfach fügen muss, weil Widerstand zwecklos ist. Deshalb sitze ich jetzt hier an meinem Schreibtisch und lasse mich zuschwäbeln, was das Zeug hält.
„Also, Herr Eckerle“, flöte ich ins Telefon. „Würde Ihnen nächsten Dienstag passen? Ich könnte direkt um halb acht jemanden schicken oder aber gegen viertel nach elf.“
„Halb acht oder viertel nach elf“, wiederholt er zu meiner Erleichterung, ohne noch weitere Einwände vorzubringen.
Während Herr Eckerle die Termine gegeneinander abwägt, kommt Joe ins Büro und wedelt mit einem Zettel. Offensichtlich hat er eine Frage, aber jetzt muss er erst mal warten, bis ich diesen Fall unter Dach und Fach habe.
„Lieber in der Früh“, entscheidet Herr Eckerle. „Um halb elf bin ich nämlich fort, und meine Frau mag sich um so was nicht kümmern.“
„Ist notiert“, rufe ich erleichtert. „Dienstag um halb acht. Wiederhören, Herr Eckerle.“
„Eckerle?“, wiederholt Joe und rollt mit den Augen. „Dieser Besserwisser?“
„Genau der“, sage ich grinsend und hake den Termin ab.
Joe grinst zurück. „Herr Eckerle, Herr Eckerle, der geht mir auf das Weckerle.“
„Und mir erst“, stimme ich ihm zu, bevor ich mich um den Zettel mit seiner Bestellung kümmere.

Als am Nachmittag das Telefon klingelt, erwarte ich eigentlich einen Rückruf des Lieferanten, von dem ich einen Liefertermin brauche.
Stattdessen erkenne ich im Display die Handynummer unserer Tochter Famke. „Mama, kannst du eine grooooße Ausnahme machen und mich von der Schule abholen?“
Sie weiß, dass das bei uns nicht üblich ist. Andere Mütter mögen ihre Kinder rund um die Uhr durch die Gegend kutschieren, für unsere Sprösslinge war immer klar, dass das nicht geht. Andererseits nehme ich dann einen solchen Sonderfall auch ernst, allerdings nicht ohne nachzufragen. „Was ist denn los? Warum kannst du nicht laufen?“
„Na ja, ich hab keine Jacke.“
„Was heißt das, du hast keine Jacke?“ Draußen regnet es in Strömen. Den ganzen Tag schon. Ich bin ziemlich sicher, dass sie heute früh das Haus in ihrem warmen Goretex-Parka verlassen hat.
„Ich hab die verliehen. Ich erklär’s dir später. Kommst du?“
„Ausnahmsweise.“
Ich bin schon etwas beunruhigt, als ich an der Schule ankomme. Wieso verleiht Famke ihre Jacke? Man hört ja manchmal solche Geschichten – wird sie vielleicht gemobbt oder sonst irgendwie unter Druck gesetzt? Bisher war sie immer beliebt und hat es ohne Probleme bis in die Stufe 11 geschafft. Vermutlich gibt es andere Gründe. Die ich hoffentlich gleich erfahren werde.
Meine Tochter steht nicht allein unter dem Vordach des Haupteingangs. Und ich sehe auch ihre Jacke, etwas zweckentfremdet um die Hüften eines zierlichen Jungen gewickelt, den ich nicht kenne. Beide sprinten jetzt die kurze Strecke durch den Regen zu meinem Auto und lassen sich auf den Rücksitz fallen.
Bevor ich irritierte Fragen stellen kann, sagt Famke: „Danke Mama! Du, das ist Karim. Dem ist heute in der Mittagspause seine Jeans gekracht. Direkt hinten am Po. Da hab ich ihm meine Jacke geliehen, damit er noch durch die Schule laufen kann, ohne dass sich die Unterstufenschüler dauernd kaputtlachen.“
„Wie ärgerlich“, sagte ich mitleidig. Und rufe dann nach hinten: „Hallo Karim! Kann ich dich nach Hause fahren?“
„Er versteht kein Deutsch“, erklärt Famke. „Aus irgendwelchen Gründen hat er Französisch statt Englisch gelernt. Aber ich dachte, du kannst das ja, oder?“
Vor vielen Jahren war ich mal als Au-pair-Mädchen in Troyes. Das ist lange her. „Ist er ein Austauschschüler?“
„Nein, der kommt aus Syrien. Ein paar von denen gehen jetzt bei uns in die Schule.“
Ich suche noch einmal die dunklen Augen im Rückspiegel und versuche es mit einer Begrüßung. „Bonjour, Karim, comment ça va?“
„Bonjour, Madame“, erwidert er höflich, ohne den Anflug eines Lächelns. Ein Charmeur ist er nicht, denke ich etwas unzufrieden. Dann klickt es bei mir.
„Ist er einer von den Flüchtlingen, die jetzt an der Kreuzkoppe wohnen?“ Erst vor ein paar Tagen stand in der Zeitung, dass Hasenbüttel eine ganze Gruppe junger Männer zugewiesen bekommen hat. Dass sie so jung sind wie Karim, hatte ich mir dabei nicht vorgestellt. „Das hättest du mir sagen müssen. Ich hätte vorhin schon links abbiegen müssen.“
„Ich dachte, er könnte erst mal mit zu uns kommen“, sagt Famke. „Vielleicht kriegst du ja seine Jeans wieder hin.“
Einen Moment lang fühle ich mich etwas überfahren. Ich habe für heute Nachmittag wahrlich andere Pläne als die Flickwäsche anderer Leute zu erledigen. Gerade will ich ihr das mitteilen, als ich ihren Blick auffange.
„Ich weiß nicht, ob er noch eine andere Hose hat“, fügt sie hinzu. „Er hat immer nur diese an.“
Etwas geläutert beiße ich mir auf die Lippen. „Ich kann ja mal sehen, was sich da machen lässt.“
„Kannst du ihm das auch sagen? Mein Französisch gibt das nicht her.“
Eigentlich habe ich auch seit Jahrzehnten nicht mehr gesprochen, vom Bestellen einer Mahlzeit im Urlaub vielleicht mal abgesehen. Aber jetzt muss es wohl sein. „Ich werde versuchen, Ihre Hose zu reparieren“, sage ich in Richtung Rücksitz.
„Sie sind sehr freundlich, Madame“, antwortet er höflich. Aber erfreut darüber sieht er nicht aus. Eher besorgt.
Den Rest des Weges verbringen wir schweigend. Ich zermartere mir das Hirn, wie wir vorgehen sollen. Der junge Mann braucht ja etwas zum Anziehen, solange ich mit seiner Jeans beschäftigt bin. Bestimmt möchte er nicht in seiner Unterhose in unserer Küche sitzen. Aber was kann ich ihm geben? Die Hosen von Joe oder meinem Sohn Nils sind ihm viel zu groß, die von Famke wiederum vermutlich zu eng. Von meinem Kleiderschrank reden wir erst gar nicht. Erst als wir die Garage erreichen, habe ich eine Idee.
„Geht mal in die Küche und setzt Teewasser auf“, schlage ich vor. „Ich bin gleich da.“
Als Karim aussteigt, immer bemüht, Famkes Jacke nicht zu verlieren, bemerke ich mehrere Dinge. Erstens: er ist wirklich recht zierlich, höchstens ein Meter siebzig, und sehr schlank. Zweitens: der Riss in seiner Jeans ist nicht unerheblich, er zieht sich von der Sitzfläche bis zur Seitennaht. Und drittens scheint es, als hätte er keine Unterhose an.
Ich weiß ja, dass es Flüchtlinge gibt, die völlig ohne Gepäck bei uns ankommen. Bisher habe ich mir allerdings keine Gedanken darüber gemacht, was das bedeutet. Ich kannte persönlich keine asylsuchenden Syrer. Aber jetzt ist da einer, der mich braucht.
Ich mache einen Abstecher ins Lager. Ziemlich hinten im Regal finde ich, was ich suche: einen Karton mit Arbeitskleidung. Unser voriger Azubi war auch nicht groß. Tatsächlich entdecke ich eine noch eingepackte Latzhose in Größe M, die müsste gehen.
Unterwäsche gehört allerdings nicht zu den Dingen, die wir unseren Mitarbeitern zur Verfügung stellen. Die Vorstellung, dass Karim jetzt mit nacktem Hintern in diese Hose steigen muss, graust mich ebenso wie der Gedanke, dass ich gleich seine noch körperwarme Jeans bearbeiten werde, die er ebenso getragen hat. Aber da müssen wir wohl beide durch.
Famkes Augen leuchten auf, als sie mich mit der grauen Plastiktüte kommen sieht. „Gute Idee!“ Offenbar hatte sie sich dazu auch schon Gedanken gemacht.
Ich reiche ihm die Hose und komplimentiere ihn unter Aufbietung meines gesamten französischen Wortschatzes ins Gästeklo zum Umziehen. Er nickt schweigend und schließt sich ein.
In der Küche holt Famke gerade zwei Tassen und eine Packung Kekse aus dem Schrank. „Danke, Mama“, sagt sie mit einem verlegenen Blick. „Ich wusste nicht, was ich sonst machen sollte. Ich konnte ihn doch nicht so … unbedeckt durch die Schule laufen lassen.“
„Ist schon in Ordnung.“ Irgendwie bin ich ja stolz auf sie. Ich wollte immer, dass meine Kinder Verantwortung übernehmen und nicht wegschauen, wenn sie ein Problem sehen. Aber natürlich war ich nicht darauf gefasst, dass das Problem eines Tages ohne Unterhose in meiner Küche sitzt.