Ursula Schröder - Schwamm drüber

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Taschenbuch

Verlagdtv
ErschienenOktober 2015
ISBN-103423216107
ISBN-139783423216104
Seitenanzahl288
Preis9,95 €

eBook

Verlagdtv
ErschienenOktober 2015
ASINB016AOI8O4
Seitenanzahl286
Preis7,99 €

Inhaltsangabe

Frida, 40, geschieden, ist Lehrerin und kommt in der Schule gut klar. Allerdings ist sie nicht ganz so stark, wie es scheint. Tiefer gehende Probleme schiebt sie gern mit einem lapidaren »Schwamm drüber« weit von sich. Doch muss sie sich den Dingen stellen, als ihr Bruder Ole im Sterben liegt. Sie verspricht ihm, sich um seine Frau Luise zu kümmern, und zieht zu ihr auf das malerische Landgut Wernebeck. Prompt gerät sie in allerhand Turbulenzen. Mit Luises Schwester gibt es Spannungen, Luises Bruder verunsichert Frida. Und dann ist da noch der attraktive Arzt Tom. Er kommt Frida nahe, sehr nahe – doch wie so oft, tritt sie lieber den Rückzug an ...

Leseprobe

Mein Bruder Ole war nie krank und fast immer gut gelaunt. Deshalb konnte er ohne größere Probleme einen stressigen Job in der Chefetage einer großen Bank ausüben und mit einer anspruchsvollen Frau verheiratet sein. Luise (eine geborene von Staa-den) hatte zwar ein nicht unerhebliches Vermögen mit in die Ehe gebracht, dessen Genuss sich die beiden - in Verbindung mit Oles nicht unerheblichem Gehalt und in Ermangelung von Kindern - redlich teilten. Aber sie gehörte nun auch mal zu den Frauen, die gern große Hüte tragen und denen man deshalb das entsprechende Am-biente bieten muss: Gartenpartys mit Champagner, Golfturniere, Kreuzfahrten, sol-che Sachen. Ole tat das, ohne mit der Wimper zu zucken. Mag sein, dass er dort auch nebenbei noch die richtigen Leute für seine großen Geschäfte traf. Auf jeden Fall hatte man nie den Eindruck, dass er litt. Im Gegenteil, er vermittelte immer das Gefühl, es ginge ihm prächtig. Könnte gar nicht besser sein.

Deshalb war es kaum zu fassen, dass er eines Tages - nach einer Reifenpanne mit einem Mietwagen - auf der Autobahn von einem anderen Auto erfasst und schwer verletzt wurde. So schwer, dass er nach zwei Tagen auf der Intensivstation starb. Mit Siebenundvierzig. Das ist doch viel zu früh.

Am Tag vor seinem Tod hatte ich noch an seinem Bett gesessen, umgeben von blinkenden und piepsenden Geräten, und ungläubig auf sein merkwürdig grünlich-blasses Gesicht gestarrt, das so ganz anders aussah als gewohnt. Ein Arm war mehrfach gebrochen und lag bewegungslos unter der Decke, mit dem andern nes-telte er nervös an seinem Krankenhaushemdchen herum, bis ich Angst hatte, er würde die auf dem Handrücken liegende Infusion verlieren.

Schließlich legte ich meine Hand über seine. Sie fühlte sich kalt an. „Ole, sei ganz ruhig“, sagte ich.

„Wie kann ich das?“, fragte er zurück. Mit einer Stimme, die genauso erschreckend fremd war wie sein Anblick. „Was soll aus Luise werden, wenn ich nicht mehr da bin?“

Ich muss gestehen, dass ich eher eifersüchtig war als schockiert. Die Ärzte hatten uns nicht viel Hoffnung gemacht. Ein Mitarbeiter der Bank war auf Oles Geheiß schon früher dagewesen und hatte alles Mögliche an Verfügungen und Anordnun-gen notiert, damit das Kreditinstitut auf jeden Fall weiterarbeiten konnte. Und jetzt machte sich mein Bruder Gedanken um seine Frau. Von mir war nicht die Rede. Von mir erwartete jeder, dass ich allein zurechtkam. Immerhin war es mir seit meiner Scheidung vor vierzehn Jahren ganz gut gelungen.

„Wirst du dich um Luise kümmern, Frida?“, fragte Ole besorgt.

Ich sah ihn erschrocken an. „Nun werd du erst mal wieder…“

„Angenommen, ich werde nicht wieder“, unterbrach er mich mit einer Sachlichkeit, die mir die Kehle zuschnürte. „Wirst du dich um Luise kümmern? Sie schafft das nicht allein.“

„Natürlich werde ich das“, gelobte ich ihm.

„Versprich es mir.“

„Ich verspreche es dir.“ Was anderes blieb mir überhaupt nicht übrig. Ich hätte zu diesem Zeitpunkt nie gedacht, was das für weitreichende Konsequenzen haben würde.


Es war ganz klar, dass die Tage nach Oles Tod äußerst schwierig zu verkraften wa-ren. Manchmal denke ich, dass ich sie nur deshalb so gut überstehen konnte, weil ich mich in erster Linie auf Luise konzentrierte, die völlig überfordert war. Da hatte ich gar keine Zeit, um selbst am Rad zu drehen. Mein Schulleiter hatte mir mit wenig Begeisterung die Zeit bis zur Beerdigung freigegeben, damit ich mich um die tau-send Details kümmern konnte, während Luise planlos dies und jenes anfing und dann doch nicht zu Ende brachte. Am besten aufgehoben war sie noch, wenn Leute für Kondolenzbesuche vorbeikamen und sie darüber sprechen konnte, wie sehr Ole ihr fehlte.

Aber irgendwann war diese Zeit vorbei, ich musste wieder arbeiten, und Luise schlief immer noch auf dem Sofa in meinem Arbeitszimmer, weil sie es allein nicht zuhause aushalten konnte.

Als wir am Montagmorgen zusammen gefrühstückt hatten und ich meine Schulta-sche über die Schulter hängte, sah sie mich mit einem Blick an, der schon fast pa-nisch wirkte. „Frida, was mache ich denn jetzt?“

„Du könntest den Tisch abräumen und in der Küche Ordnung machen“, schlug ich vor. Ehrlich gesagt war ich mehr mit der Frage beschäftigt, ob meine Vertretungen wohl die von mir vorgeschlagenen Aufgaben durchgeführt oder eher aus Bequem-lichkeit mit den Deutschklassen Beschäftigungstherapie gemacht hatten, was sich unweigerlich darin niederschlagen würde, dass ich bis zum nächsten Klassenar-beitstermin nicht so weit kommen würde wie geplant.

Aber Luise waren natürlich meine Schüler egal. „Klar, das mache ich“, sagte sie und hob ein paarmal die Arme, um sie dann wieder hilflos fallen zu lassen. „Aber ich meinte nicht nur die nächsten zehn Minuten. Eigentlich wollte ich ja nach Hause fahren, aber…“

Ich war nicht besonders gut darin, mir Luises Kopf zu zerbrechen. „Du kannst ruhig noch hier bleiben“, sagte ich und machte ein paar entschlossene Schritte in Rich-tung Wohnungstür. Ich hasse es, wenn ich quasi mit dem Schulgong das Lehrer-zimmer erreiche und sofort losrennen muss. „Setz dich ins Wohnzimmer und lies etwas. Ich komme gegen zwei zurück.“ Vielleicht würde sie die darin versteckte Botschaft verstehen und für uns beiden was zu essen machen. Kochen konnte sie gut. Wenn sie emotional stabil war.

Das war leider noch nicht der Fall. Mehr als ein Fertiggericht hatte sie nicht zustan-de gebracht, als ich mittags nach Hause kam. Dafür hatte sie eine Idee ausgebrütet, die wiederum mich ziemlich beunruhigte.

„Ich kann dir hier nicht auf Dauer zur Last fallen“, sagte sie. „Aber ich schaffe es einfach nicht, mich an den Gedanken zu gewöhnen, ganz allein auf Wernebeck zu wohnen.“

Wernebeck, muss man wissen, ist das Landgut, das sich Ole und Luise gegönnt haben, als es ihnen in ihrem Bungalow zu langweilig wurde. Ein repräsentatives Anwesen mit Innenhof und vielen Nebengebäuden, wo man problemlos die Romane von Fontane verfilmen könnte. Wenn ich mich recht erinnere, war der Kauf sogar noch eine Art Gefallen für den ehemaligen Besitzer, der wohl nicht besonders gut mit Geld umgehen konnte. Nachdem er nach und nach den umliegenden Wald ver-kauft hatte und feststellen musste, dass nun keine Einkünfte mehr da waren, die ihm die Unterhaltung des Gutes ermöglichten, rettete der Verkauf der Immobilie ihn in letzter Minute vor der Insolvenz.

Natürlich hätten auch Ole und Luise sich ein wenig verhoben, wenn sie ganz Werne-beck allein hätten bewohnen wollen. Aber es gelang Ole, für die diversen Nebenge-bäude Mieter zu finden und die riesige Scheune an jemanden zu verpachten, der dort Wohnwagen instand setzte und ins Winterquartier nahm. Insofern war Luise nicht völlig allein auf dem Komplex, aber in dem feudalen Haupthaus hatte sie mit Ole allein gelebt.

„Könntest du denn nicht Bettina fragen, ob sie für eine Weile kommt?“, schlug ich vor. Luises Schwester war wie ich geschieden und lebte in Düsseldorf, aber im Ge-gensatz zu mir war sie nicht gezwungen, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

„Ich hab bei der Beerdigung mit ihr gesprochen“, sagte Luise. „Aber leider hat sie wohl im Moment sehr viel zu tun.“

„Hm“, machte ich.

„Und Fritz kann ich nicht fragen“, fuhr Luise fort. „Der hat im Moment genug mit seiner Scheidung um die Ohren, das geht gar nicht. Außerdem brauchen die ihn ja in seinem Autohaus.“

Sie hatte sicher Recht damit. Ich konnte mir jedenfalls ihren Bruder Fritz nicht als denjenigen vorstellen, der für Luise Tee kochte und darauf achtete, dass Klopapier im Haus war.

„Deswegen“, Luise holte tief Luft, „habe ich mir überlegt, dass du zu mir ziehen könntest.“

Mir fiel fast die Gabel aus der Hand. „Ich? Zu dir? Aber…“

Luise sah mich unbeeindruckt an. „Ich hab doch Platz ohne Ende. Und du könntest die Miete sparen.“