Elaine Winter - Die Autorin über sich

Es begann wohl mit den Geschichten über »Karl, den Igel«, die mir der Nachbar, den ich aus genau diesem Grund regelmäßig besuchte, am Küchentisch erzählte, während seine Frau das Essen kochte. Damals muss ich etwa vier Jahre alt gewesen sein. Da nicht jeder Erwachsene in meiner Umgebung ein so begnadeter Erzähler war wie Karls Erfinder, verbrachte ich einen Teil des Tages damit, mit einem Buch unter dem Arm die verschiedenen älteren Leute im Haus und in der Nachbarschaft zu besuchen.

»Liest du mir vor?«

Die meisten waren freundlich und geduldig und taten es. Oft nur für fünf oder zehn Minuten, aber dann zog ich eben weiter.

Sobald ich stolze Besitzerin einer Fibel war, las ich selber. So ausdauernd und versunken, dass ich meine Eltern und die gesamte Verwandtschaft damit irritierte. Während in anderen Familie die Kinder aufgefordert wurden, doch mal ein Buch zu lesen, bekam ich regelmäßig zu hören, es sei nicht gut, allzu viel zu lesen.

Da es nie genug Geschichten für meinen Lesehunger zu geben schien, begann ich schon bald, mir selber welche auszudenken - und sie irgendwann auch aufzuschreiben. Das machte ich mehr oder weniger regelmäßig und ausdauernd viele Jahre lang. Eines Tages mit dem Erfolg, dass eine meine Geschichten gedruckt wurde. Es folgten mehr Geschichten, schließlich Romane. Was soll ich sagen? Karl, der Igel ist Schuld!

Ebenso wenig wie ich mir vorstellen kann, eines Tages mit dem Lesen aufzuhören, kann ich mir vorstellen, das Schreiben zu lassen. Mehr als drei oder vier Tage halte ich selbst im Urlaub ohne Schreibblock und⁄oder Laptop nicht durch.

So wünsche ich mir ganz unbescheiden, noch mit achtzig Jahren (oder länger!) zu schreiben und bin sehr gespannt, welche Geschichten mir auf dem Weg dorthin begegnen werden.