Nicole C. Vosseler - Die Autorin über sich

In einer Kleinstadt am Rand des Schwarzwalds geboren und aufgewachsen, habe ich meine Kindheit hauptsächlich damit verbracht, andere Leben zu leben. Als Geheimagentin. Popstar. Schatzsucherin im Dschungel. Ranger in einem Tierreservat. Eiskunstläuferin. Hexe. Astronautin. Tigerdompteurin. Privatdetektivin. Illusionskünstlerin. Modedesignerin. Tiefseetaucherin. Prinzessin eines sagenhaften Reiches. Piratin. Cowgirl. Rasende Reporterin. Als Zeitreisende und Dichterin, und daraus ist so viele Jahre später der Beruf geworden, in dem ich heute arbeite, schreibe, lebe.
In meinem Schreiberstübchen, das so klein ist, dass man es getrost als "begehbares Bücherregal" be- zeichnen könnte; in dem Stadtteil von Konstanz am Bodensee, der tatsächlich ganz offiziell "Paradies" heißt. Hasen habe ich hier noch keine gesehen, aber Füchse. Manchmal kann ich sie nachts bellen hören, und in das nächtliche Knatschen der Wasservögel mischt sich jedes Jahr im Mai der Gesang der Nachtigall.

Um mich vor und während meines Studiums der Psychologie und Literaturwissenschaft über Wasser zu halten, habe ich unter anderem Klamotten verkauft (und war darin richtig gut), als wissenschaftliche Hilfskraft an der Uni unglaublich langweilige Tätigkeiten erledigt (und dabei ordentlichen Kaffee kochen gelernt), gekellnert (wofür mir eindeutig jegliches Talent fehlt, ich war die ungekrönte Scherbenqueen), in einer Firmenkantine ausgeholfen, Promotion für Pralinen in einem Großsupermarkt gemacht und in einem Büro als Mädchen-für-alles (außer Kaffee) gearbeitet. Irgendwie habe ich es noch geschafft, daneben eineinhalb Bücher zu schreiben und schließlich den Sprung in das Autorendasein gewagt.

Ich bin eine Spurensucherin und Goldgräberin. Mich faszinieren Menschen und ihre Geschichten: wie sie leben, was sie denken und fühlen. Wie die Welt durch ihre Augen aussieht, sich anhört und anfühlt, wie sie riecht und schmeckt. Nicht nur in vergangenen Epochen - aber dort ganz besonders.
Der Reiz eines historischen Romans liegt für mich darin, eine andere Zeit, eine andere Welt wieder auferstehen zu lassen und für den Leser erlebbar zu machen. Denjenigen historischen Verhältnissen und Ereignissen Leben einzuhauchen, die sich als trockene Zahlen und nüchterne Fakten in den Geschichtsbüchern finden.

Jedes Buch fängt mit einer Spur an - mit einer Romangestalt, die ich vor mir sehe oder auch nur ihrem Namen. Mit einer historischen Tatsache oder verbürgten Begebenheit, einem noch ungelösten Rätsel der Vergangenheit, einem Gedankenfunken, einem Bild oder eine Melodie, der Atmosphäre eines Ortes oder eines Landes.
Eine Spur, der ich nachgehe, dabei auf dem Weg meiner Recherchen weitere Fährten sammle: Briefe und Tagebücher, Reiseberichte, Gemälde, Zeichnungen und Drucke, Landkarten und Photographien, Romane einer bestimmten Zeit, von Historikern zusammengetragene Fakten. Bis ich auf eine Goldader stoße: eine Geschichte, die mich packt und nicht mehr loslässt, bis ich sie erzählt habe.

Meine Zeit zum Schreiben ist die Nacht. Wenn alle anderen schlafen, es draußen still und dunkel ist, lösen sich für mich die Grenzen zwischen Hier & Heute und Damals & Dort auf. Dann reise ich mit meinen Romangestalten in ihre Zeit, ihr Land, schlüpfe in ihre Haut und lebe ihr Leben - für einen begrenzten Zeitraum.

Ein Leben ohne Bücher kann ich mir nicht vorstellen. Genauso wenig kann ich mir ein Leben ohne die Geschichten vorstellen, die in mir Wurzeln schlagen, austreiben und wachsen und mir so lange keine Ruhe lassen, bis ich sie erzählt habe.