Lina-Sophia Clement (Angeline Bauer) - Die Liebe einer Königin

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Taschenbuch

Verlagby arp
ErschienenJanuar 1970
ISBN-139783946280552
Seitenanzahl104
Preis3,99 €

Inhaltsangabe

Sechs spannende Kurzromane, die im Mittelalter spielen und von Liebe, Sehnsucht, Macht und Intrigen erzählen.
Ursulina soll einen Ritter heiraten, der stinkt wie ein Eber und aussieht wie ein Bär. Die Magd Grethlin wird verdächtigt, einen Ring gestohlen zu haben - sie landet im Kerker. Die Tochter eines Grafen verliebt sich in einen einfachen Bogenschützen, die Zwillingsschwestern Katharina und Jorinde in den Bräutigam der jeweils anderen. Cipriana verliert beinahe ihr Leben, als die damals noch aus Holz bestehende Rialtobrücke in Venedig einstürzt, Königin Caterina von Zypern wird gezwungen abzudanken und Maria di Giovanni de Medici muss um das Leben ihres Gatten und ihres kleinen Sohnes bangen. Doch mit Klugheit, List und Beharrlichkeit finden diese mutigen und tapferen Frauen immer wieder einen Weg, ihr scheinbar besiegeltes schlimmes Schicksal zum Guten zu wenden.

Leseprobe

Grethlin legte sich ein Badetuch über die Schultern, nahm beide Eimer und machte sich damit auf den Weg. Über den Burghof, ins Burgherrenhaus, die Treppe hinauf zur Kemenate. In der Fensternische vor der Tür kauerte der Knappe des Herren. Er hatte nichts als ein Kissen zu seiner Bequemlichkeit und fror vermutlich. Missmutig blickte er ihr nach, als sie eintrat und die Tür hinter sich schloss.
Im Kamin loderte Feuer. Neben der Küche war die Kemenate, der Wohnraum des Burgherrn, das einzige beheizte Zimmer. Ulrich von Trattnigg und Frau Hedwig hatten sich eine Bank an den Kamin geschoben und starrten stumm in die Flammen.
Frau Hedwig hob kurz den Kopf. „Richte mir das Bad mit etwas Lavendelöl, und lege mir einen heißen Stein ins Bett“, sagte sie.
Die Magd hängte das Badetuch zum Wärmen neben das Feuer, trug die Kübel mit dem heißen Wasser ins angrenzende Schlafgemach. Der Badezuber stand dem Fenster gegenüber, durch das eisige Kälte hereinströmte. Vermutlich hatte der Burgherr vergessen, das Fell vorzuhängen, als er den Raben hinausließ. Von hier flog der Vogel dann zum Burgfried hinüber, von dort in den Garten, wo seine Voliere stand. Weiter konnte der Hausrabe nicht fliegen, denn seine Federn waren gestutzt. Manchmal genehmigte er sich allerdings auch einen kleinen Ausflug zum Glockenturm hinauf, oder er saß auf den Zinnen und krächzte ‚Edler Ulrich‘ oder ‚Thilo Hunger‘ oder ‚fette Beute – fette Beute‘. Oder er schaffte es bis in den Gemüsegarten, um sich dort an den fetten Würmern genüsslich zu tun, die sich aus dem lockeren Boden leicht herausholen ließen. Dann hatte Tilo seine Mühe, ihn zu finden und einzuschließen.
Grethlin stellte die Eimer ab, hängte das Fell vor, schüttete das Wasser in den Zuber und holte das Fläschchen mit dem Lavendelöl. Nur zwei Tropfen träufelte sie hinein, denn das Öl war sehr wertvoll.
Ein angenehmer Duft stieg auf. Grethlin beugte sich über das Wasser und atmete ihn tief ein. Ein Lächeln huschte dabei über ihr Gesicht. Die Pflanze, aus der dieser Duft gewonnen wurde, wuchs auf der anderen Seite der Alpen, dort wo angeblich immer die Sonne schien. Zu gerne würde sie fliegen können! Und dann hinauf, über die Berge, um einen Blick hinüberzuwerfen in diese andere Welt, die nicht einmal sehr weit entfernt war, aber trotzdem unerreichbar für eine wie sie. Denn auch ihr hatte man die Flügel gestutzt, bereits bevor sie geboren wurde. Dazu brauchte es nicht viel. Kein Messer, keine Schere. Es reichte, die Tochter einer Bauernmagd zu sein. Dann durfte man nichts und war nichts und würde nie etwas werden.